Feb 06 2010

Loft

Tag: FilmkritikenRochus @ 22:12

loft_dvdDas ist ein hübscher kleiner Thriller, fast ein Kammerspiel auch in seiner räumlichen Beschränkung: ein Loft, ganz oben in einem schicken neuen Haus, vom Architekten des Gebäudes für sich selbst und vier seiner Freunde eingerichtet. Hier spielt sich das Geschehen hauptsächlich ab, und hier hat auch der Mord stattgefunden, der uns kurz nach Beginn präsentiert wird: Eine Frauenleiche, mit einer Hand am Bettgestell festgekettet, liegt da, Blut durchtränkt das Laken und irgendwo liegt auch noch ein Messer herum.

Mit der Aufklärung dieses Verbrechens schlagen sich die Freunde dann herum, denn das Loft ist ein pikanter Ort: Rückzugsraum für die fünf Freunde, die allesamt verheiratet sind, um sich mit Prostituierten und Geliebten zu treffen. Und zugleich ist klar, daß die Polizei irgendwann, obwohl die Freunde darüber streiten, ob und wie sie sie heraushalten können, auch vorbeikommen wird, denn parallel dazu sehen wir immer schon die Verhöre, die Fragen, die Anlaß geben für Rückblenden, Erinnerungen – Loft springt, 118 Minuten lang, fröhlich durch die Zeitebenen, und nach und nach wird eine mögliche Spur, ein Verdacht nach dem anderen gelegt. Das macht der Film höchst effektiv: Die Männer, die er zunächst gründlich als sehr unterschiedlich sympathisch einführt, haben alle auf irgendeine Art und Weise Dreck am Stecken, neben den Frauen sind vielleicht auch noch andere Leute von ihnen verletzt worden, oder ist die Freundschaft zwichen ihnen womöglich doch nicht so eng?

Klammheimlich ist der Film, mit dem Architekten als Patriarch unter angeblich Gleichen, natürlich auch ein Architekturfilm: Immer wieder sehen wir die Protagonisten in modern-kühlen Räumen, seien es Bars, ein Hotelschwimmbad oder schließlich das Loft: moralfreie Räume für Männer mit Geld. Wer das Geld hat, hat den Raum; wer den Raum hat, nimmt sich die Freiheit. Was man brauche, prahlt einer der Männer einmal, um ein Verhältnis effektiv zu führen? Einen Rückzugsraum, das allein mache es aus.

Im Laufe des Films wechseln die Konstellationen von Macht und Zusammenhalt ständig, während nach und nach mehr und mehr Umstände offengelegt werden; und für den Schluß hebt sich Loft trotzdem noch einige schöne Wendungen auf. Und auch wenn es bis zum Schluß spannend bleibt, hat man am Ende dennoch das Gefühl, daß eine Kürzung um vielleicht zwanzig Minuten dem Film gut getan hätte.

(Der Film ist von Koch Media auf DVD veröffentlicht worden und z.B. bei amazon.de wohlfeil erhältlich.) Weiterlesen …


Feb 05 2010

CGI-Zombies

Tag: Filmkritiken, VorschauRochus @ 23:24

Derzeit sehe ich aus verschiedenen Gründen wieder einmal eine ganze Reihe von Zombiefilmen (die zwei jüngst gesehenen eher besseren waren La HordeKritik – und Survival of the DeadKritik -, die ich vergangene Woche in Gérardmer gesehen habe). Zu meinem Programm gehörte nun heute auch Resident Evil: Degeneration.

Das ist, wer den Film kennt, wird es zu bestätigen wissen, nun gewiß der ungelenkste, wenn vielleicht auch den Resident Evil-Spielen am nächsten stehende Auswurf dieses Filmfranchise. Ein Großteil der Handlung ist überhaupt nur verständlich, wenn man mit der Vorgeschichte der Computerspiele zumindest lose vertraut ist, und selbst dann ergibt vieles keinen Sinn. Degeneration ist komplett CGI-generiert, da ist keine richtige Kamera je am Set vorbeigekommen (obwohl ein, zwei Totalen so wirken, als sei die Szenerei von einem handgemachten Bild eingescannt worden), und insofern kann seine Ästhetik natürlich den Spielen am nächsten sein.

Dankenswerterweise verzichtet der Film auf extensive First-Person-Shooter-Perspektiven; eine kurze Szene relativ am Anfang nimmt den Blickwinkel eines Spielers an, dann wird darauf verzichtet. Aber wenn man die Figuren später rennen, springen, rollen sieht, dann weiß man doch wieder, wo man das alles schon so ungelenk gesehen hat. Wenn nicht hier, dann bei Ms. Lara Croft.

Daß Degeneration nicht mit Charakteren von besonders großer Tiefe prahlen kann, mag man dem Genre anlasten – dem Subsubsubgenre der Zombie-Computerspielverfilmungen zumal. Aber es liegt natürlich auch im CGI begründet; die Personen hier leben alle tief im Uncanny Valley, ihr Anblick ist in einem so fundamentalen Sinne un-menschlich, daß man oft zweimal gucken muß, ob man’s denn nun mit einem Zombie oder einem Menschen zu tun hat. (Das mag Absicht sein, zumindest im Falle der gar bösen Bösewichter; zur einfacheren Wiedererkennung sehen die Zombies aber immer auch gleich sehr zerfressen aus.)

Schlimm, weil irgendwie verzweifelt noch mit dem sicheren Scheitern hadernd, sind dann vor allem die Szenen, in denen in langen Nah- oder Großaufnahmen sich die emotionale Tiefe einer Figur durch deren Mimik erschließen soll. Dieser Versuch scheitert aufs Oberflächlichste.

re_degen
Foto: Sony Pictures

Im Grunde scheitert Resident Evil: Degeneration damit aber – sieht man einmal davon ab, daß der Film weder spannend ist noch interessante Charaktere aufzuweisen hat, und einigen weiteren Mängeln, die ich hier nicht aufzählen mag – natürlich an einem Grundproblem des computeranimierten Films, dem sich nahezu alle Filmemacher in diesem Bereich, außer Robert Zemeckis mit seinen letzten drei Filmen, dadurch entziehen, daß sie eben nicht auf möglichst große Menschenähnlichkeit zielen, sondern ihre Leinwandfiguren auf die eine oder andere Art und Weise verfremden, verändern, verzerren.

Für den Zombiefilm scheint eine solche Antwort nun A.D. zu versuchen, von dem es bisher nur einen Teaser und eine Handvoll Screenshots zu sehen gibt – in einem “Interview“, das diesen Namen ob seiner groben Belanglosigkeit kaum verdient, äußern sich die Macher allerdings anscheinend gezielt nicht dazu, wann der Film das Licht der Welt erblicken werde.

Aber das bißchen Filmmaterial hier sieht eigentlich nicht schlecht aus:

(via)


Feb 02 2010

Kurzfilm: Suicide Girl

Tag: Kurzfilme, VideosRochus @ 09:19

Ein bißchen Grusel am Morgen? Da hätte ich zum Beispiel diesen Kurzfilm von Drew Daywalt (Twitter) über den Selbstmord einer jungen Frau, die im Internet bloßgestellt wurde, und dessen postmortale Folgen.

(via)


Feb 01 2010

Die geheime Kampfspinne der Nazis

Tag: Kurzfilme, VideosRochus @ 11:57

Jene Form der spekulativen Geschichtsschreibung, in der die Nazis mit irgendwelchen Geheimwaffen, okkulten Riten (wie z.B. in Hellboy) oder der Hilfe von Außerirdischen den Zweiten Weltkrieg dann doch noch zu gewinnen drohen, erfreut sich schon länger einer andauernden Blüte. Nun hat Kevin Smith einen Kurzfilm ausgegraben (via), der wohl gerne ein Langfilm werden möchte. Ich sehe da das Potenzial nicht so sprießen, auch wenn die fünf Minuten leidlich unterhaltsam sind. Dafür atmet diese Kampfspinne zu sehr Geist und Design der AT-ATs aus The Empire Strikes Back; da warte ich lieber auf Iron Sky.

(via)


Feb 01 2010

Gérardmer 2010 – Tag 4: die Preisträger

Tag: FestivalsRochus @ 11:28

gerardmer_logoDas Festival ist gestern abend zu Ende gegangen, ich habe mich schon am Nachmittag in einen Bus geschwungen, um heute morgen wieder vom Kind geweckt werden zu können. Den Schnee habe ich, scheint’s, mitgenommen, draußen ist gerade Landunterweiß.

***

Vom Festivalgeschehen habe ich an diesem letzten Tag nicht mehr so viel mitbekommen; kurz vor meiner Abfahrt habe ich noch No-Do gesehen, einen spanischen Geistergruselfilm mit kirchenkritischen Obertönen und einigen Anklängen an Friedkins The Exorcist. Muß man aber, meiner bescheidenen Meinung nach, nicht unbedingt gesehen haben.

Vorher hatte ich die Gelegenheit, ein Interview mit Vincenzo Natali zu führen, der seinen Film Splice in Gérardmer außer Konkurrenz vorstellen konnte. Es wurde ein äußerst interessantes Gespräch über die Zukunft der Genetik, wie man Biohorror machen kann, ohne permanent David Cronenberg zu zitieren und die Frage, ob die Erwachsenen heute nicht erwachsen werden wollen.

***

Am Abend wurden dann noch die Preise vergeben, nach und nach tröpfelten sie über Twitter ein, und da gab es dann doch gewisse Überraschungen. Daß Moon den Preis der Jury und den Kritiker-Preis gewann, war nicht mal besonders unerwartet. Der Publikumspreis ging allerdings nicht an den heißen Favoriten La Horde, sondern an den allerdings sehr sehenswerten Thriller 5150 rue des Ormes, und den Grand Prix des Festivals gewann der deutsche Beitrag Die Tür.

Hier die Auszeichnungen in der Übersicht:

  • Grand prix (Großer Preis):
    Die Tür von Anno Saul (Deutschland)
  • Prix du jury (Preis der Jury):
    Moon von Duncan Jones (Großbritannien)
  • Prix de la critique (Preis der Kritik):
    Moon von Duncan Jones (Großbritannien)
  • Mention spéciale du jury presse (Besondere Erwähnung der Pressejury):
    Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani (Belgien/Frankreich)
  • Prix du jury jeunes de la région lorraine (Preis der Jugendjury):
    Possessed von Lee Yong-Ju (Südkorea)
  • Prix du public (Publikumspreis):
    5150 rue des Ormes von Eric Tessier (Kanada)
  • Prix du jury sci fi (Preis der Syfy-Jury):
    La Horde von Yannick Dahan und Benjamin Rocher (Frankreich)
  • Grand prix du court métrage (Großer Preis für den besten Kurzfilm):
    La Morsure von Joyce A. Nashawati (Frankreich)
  • Prix du meilleur inédit vidéo (Preis für den besten Direct-to-Video-Film):
    From Within von Phedon Papamichael (USA)

***

Vierzehn Fime habe ich in den letzten Tagen gesehen und viel zu wenig geschlafen. Jetzt werde ich ein paar unerledigte Dinge abarbeiten und mich dann den vielen noch ausstehenden Kritiken zuwenden.


Jan 31 2010

Gérardmer 2010 – Tag 3

Tag: AllgemeinRochus @ 03:08

gerardmer_logoEs neigt sich auf der einen Seite schon alles sehr dem Ende zu; dafür ist dann auf der anderen Seite auch immerhin schon ein bißchen was fertig. Meine Besprechung von Dans ton sommeil, die bei blairwitch.de nachgelesen werden kann.

***

Hatte ich schon erwähnt, daß es fortwährend schneit? Am Samstag kam jetzt immerhin für etwa eine Stunde knallig die Sonne durch. Dann begann es wieder dick zu flocken. Das alles hat neben der schönen Landschaft und dem winterlichen Rumgefühle auch ungewollte Folgen: So hat sich einer der Parkplätze am Hauptspielort des Festivals als gelegentliche Autofalle entpuppt, denn er wird offenbar nicht geräumt und liegt etwas unterhalb der Straße. Auf die ist schon das eine oder andere Auto nicht mehr aus eigener Kraft hochgekommen.

Gerüchte machten auch die Runde, die Busse nach Draußen kämen ob des Schnees nicht durch. Das Büro der Touristeninformation dementiert, aber weil morgen Sonntag ist, fahren eh nur drei Busse zu insgesamt zwei Zielen. Hoffentlich, denn meiner geht nach Fahrplan um halb sechs am Abend.

***

Und natürlich ist seit heute morgen die ganze Stadt voll mit Menschen und Autos. Es ist Wochenende, und da sind viele zum Wintersporteln gekommen, aber auch die Fans, die sich unter der Woche nicht freimachen konnten oder wollten. So sind insbesondere die Schlangen für Splice und den neuen Romero extrem lang geraten.

Und mit dem Wochenende kommen auch die Pärchen; so ist der Dresscode unter den nicht akkreditierten Festivalbesucher_innen nicht mehr ganz so strikt schwarz oder grau zu schwarz.

***

Schon von Anfang an da sind die zwei oder drei offenbar traditionell zu Filmbeginn laute Schreie oder irre Lacher ausstoßenden Besucher. Als der eine heute morgen zu Hierro fehlte, machte sich das sofort als mentales Loch bemerkbar.

***

Anno Saul

Zu Die Tür war er wieder da; und Regisseur Anno Saul verhaspelte sich ein wenig vor Aufregung in seinem Englisch. Später meinte ein Kritiker, in dem Film besonders deutschen Geist gefunden zu haben; dem kann ich mich freilich nicht so ohne weiteres anschließen. Aber schön war es schon, das Kottbusser Tor mal wieder zu sehen; jedenfalls so auf der Leinwand und nur mal kurz.

***

Sprachlich etwas leichter hatte es dann Vincenzo Natali, der bei seinem dritten Besuch in Gérardmer schon ein recht passables Französisch präsentierte, für das er sich dennoch ständig entschuldigte. Besonders freute er sich wohl darüber, daß auch Delphine Chanéac dabei war, die in Splice ein genetisch erschaffenes Kunstwesen spielt, und die Natali über alle Maßen pries – und versprach, man werde sie im Film nicht wiedererkennen. (Das stimmt nicht so ganz. Aber irgendwas hat sie mit ihren Haaren gemacht. Und ihren Beinen.)

L'équipe du film 'Splice'

***

Damit der Tag noch einen verqueren Abschluß bekommt, habe ich dann mein Handy im Presseraum liegen lassen, wo ich es zum Aufladen ans Stromnetz gehängt hatte. Aufgefallen ist mir das allerdings erst hier im Hotel wieder, und so bin ich die ganze Strecke wieder zurück gelaufen. Und weil dann Delphine Chanéac gerade, vom Klavier begleitet, ein paar Lieder sang, und ich eh die Nase voll hatte, bin ich noch einen Moment und zwei Bier lang in der Bar geblieben. Weshalb es für heute bei diesem kurzen Bericht bleibt. Gute Nacht.


Jan 30 2010

Gérardmer 2010 – Amer

Tag: Festivals, FilmgedankenRochus @ 14:50

gerardmer_logoAmer, so geht meine Vermutung, ist unter den Wettbewerbsfilmen in Gérardmer bislang vermutlich derjenige, der das Publikum am effektivsten spaltet, in voraussehbar drei Teile: Diejenigen, die das Ganze prätentios und ohne erzählerischen Mehrwert finden, diejenigen, die sich nach einer Weile langzuweilen beginnen, und schließlich diejenigen, die bis zum Schluß mitgerissen sind.

Ich gehöre, ich gestehe es gerne, zur letzten Gruppe, mit einigen Zweifeln an meiner Überzeugung in der Mitte. Will sagen: Das ist ein toller Film, intensiv, erotisch, gruselig; die Geschichte ist nicht besonders originell (um die geht es auch gar nicht) und der Gestus wirkt zunächst wie experimentelles Avantgardekino, ist aber doch eigentlich etwas anderes: will wohl etwas sein wie ein filmischer Stream-of-Consciousness.

AMER3

In drei Teile gliedert sich der Film, Kindheit, Adoleszenz und Erwachsensein, wir folgen Ana (gespielt nacheinander von Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud und Marie Bos) oder vielleicht eher: wir sehen, was sie sieht und fühlt, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups, rätselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise überstrahlt, fast immer mit selektiv verstärktem Ton. Geräusche sind das: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schlüssels im Schloß, eine zufallende Tür, knarzende Holzbohlen.

Drei kurze Ereignisse werden da in den Fragmenten berichtet, jedenfalls bastelt man sich das so zusammen, ganz sicher kann man nicht sein: Elliptisch und selektiv ist das Bild, aber daß es sich nicht von selbst zusammenfügt, uns keine leichte Erzählung anbietet, ist Pro- wie Psychogramm.

Ist das Erinnerung? Die Bilder aus der Kindheit sind am fremdartigsten, gruselig und stellenweise furchtbar, die Eltern seltsam fern, eine ganz in Schwarz gehüllte Haushälterin kümmert sich um den just verstorbenen Großvater. Dann Adoleszenz: hier ist alles andeutungsvoll, ein Ausflug mit der Mutter ins Dorf (wird sind wohl auf einem Landhaus in der französischen Provinz), da versteht der Film alles sexuell aufzuladen, mit Atemgeräuschen, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schweißtropfen. Und vielleicht führt der Schluß das sogar alles zusammen.

AMER1

Fertig bin ich mit Amer jedenfalls noch lange nicht, für eine einigermaßen konsistente Kritik brauche ich noch ein bißchen Bedenkzeit. Schön ist jedenfalls alleine schon der Vorspann, der in Musik, Schriftzügen und Splitscreens die 70er aufleben läßt – und doch schon den dem Film eigenen Ton zu etablieren versteht.

(Und über die möglichen Beziehungen zum Giallo auch ein andernmal.)


Jan 30 2010

‘Predator’ hätte anders beginnen können

Tag: FestivalsRochus @ 08:20

Auf einer Pressekonferenz gestern hat John McTiernan, der hier in Gérardmer Präsident der Jury ist, neben vielem anderen auch etwas über einen seinerzeit erwogenen, alternativen Beginn für seinen Film Predator mit Arnold Schwarzenegger erzählt.

Die schlechte Ton- und Bildqualität bitte ich zu entschuldigen. Irgendwann kaufe ich mir auch mal ein Stativ und eine richtige Videokamera.


Jan 30 2010

Gérardmer 2010 – Tag 2

Tag: FestivalsRochus @ 01:39

gerardmer_logoDer zweite Festivaltag ist für mich zu Ende gegangen, und inzwischen macht sich schon langsam das Gefühl von Erschöpfung breit; und dabei waren es heute “nur” drei Filme. Immerhin habe ich jetzt schon etwas geschrieben und einige Notizen getippt. Wie macht das eigentlich Thomas während der Berlinale immer, so viel zu sehen, so viel zu schreiben und dennoch vermutlich auch noch zu essen und zu schlafen? Infusionen mit Koffein und Traubenzucker? Jedenfalls sollte ich gleich ins Bett gehen.

***

Das Wetter ist hier natürlich ein großes Thema. Seit zwei Tagen schneit es jetzt fast ohne Unterlaß, und wie eine Zuschauerin gestern leicht angestrengt bemerkte, macht es das nicht eben leichter, von einem Festivalkino zum anderen zu kommen; die Zeiten zwischen den Filmen sind eh nicht besonders üppig bemessen. Seit dem Nachmittag sind jetzt immerhin schon die ersten Gehsteige geräumt, aber die einst freigemachten Straßen sind schon wieder unter einigen Zentimetern Schnee verschwunden.

Wenn man sich dann zum Hauptspielort, dem “Espace L.A.C.” – er liegt, gute Güte, auch noch etwas außerhalb des Ortes, aber schön am See – vorgekämpft hat, wartet dort die nächste Hürde: Der Zugang für die Presse, geladene Gäste und “Professionals” führt über eine kleine Treppe rauf, über eine rutschige Veranda und wieder eine Treppe hinab. Alles draußen, alles seit Beginn des Schneefalls so glatt wie vermutlich der zugefrorene See. Auf der Veranda liegt jetzt immerhin ein Teppich, der die Rutschgefahr erfolgreich mindert.

Gefühlt war der ganze Schnee trotz kalter Füße, Schwiegeromas Wollsocken verhinderten bislang das Schlimmste, dennoch um Meilen besser als der Regen und der eisige Wind, von denen die Berlinale stets begleitet wird. Nun hat sich allerdings am späten Nachmittag zum Schneetreiben ein eisiger Wind hinzugesellt, der den Pulverschnee von Dächern, Bäumen und vom See aufwirbelt und uns in Augen und Gesicht treibt. Ich bin mir nicht mehr ganz so sicher.

***

Aber die Stimmung ist dennoch gut. Vor der Vorstellung von 5150, rue des Ormes warteten alle sehr lange auf Einlaß, und irgendwann entspann sich zwischen zwei Gruppen in der Journalist_innenschlange und der Schlange für Menschen mit “normalen” Tickets eine kleine Schneeballschlacht.

***

Und für die, die nicht genug kriegen können, gibt es von einem der Sponsoren des Festivals vor jeder Vorstellung ein Eis.

***

Les réalisateurs du film 'Amer'

Die Regisseure von Amer, Hélène Cattet und Bruno Forzani, waren von ihrem Auftritt vor Publikum so überwältigt (oder so schlecht auf sie vorbereitet), das sie nur zwei Halbsätze stammeln konnten. Eric Tessier hingegen, gutgelaunter Kanadier, stellte seinen Film 5150, rue des Ormes nicht nur mit vielen, langen Sätzen vor, sondern gab dem frankophonen Publikum gleich noch eine kleine Unterweisung in die Besonderheiten des in Québec gesprochenen Französisch’ (Video).

***

Bei einer Pressekonferenz am Nachmittag, zu der auch ein als Predator verkleideter Fan erschien, wollte Jury-Präsident John McTiernan allererst und vor allem einen Kaffee. Den bekam er dann leider erst kurz vor Ende der Veranstaltung, dankbar war er aber doch.

Da wirkte er noch, wie schon bei der Eröffnungsveranstaltung, sehr ruppig, unwillig und unwirsch. Sobald aber die ersten Fragen kamen, kamen auch die Antworten ausführlich und mit Begeisterung. Und als ihm ein Vertreter der Cinématheque Française eine ausführliche Laudatio hält, das Publikum ihm stehend applaudiert, da ist auch er sichtlich gerührt.

Hommage à John McTiernan


Jan 29 2010

Gérardmer 2010 – Die Dokumentarfilme

Tag: Festivals, FilmkritikenRochus @ 23:37

gerardmer_logoDie beiden Dokumentarfilme zum Horrorfilm, die in Gérardmer außerhalb des Wettbewerbs gezeigt werden, sind hier als Double Feature zu sehen, was einerseits gut ist, weil es eine direkte Gegenüberstellung ermöglicht und fördert, und andererseits für den amerikanischen Beitrag in diesem Doppel nicht so vorteilhaft ausfällt.

Nightmares in Red, White and Blue

Das ist nicht einmal der rein technischen Qualität in die Schuhe zu schieben, obwohl diese mir als erstes an Nightmares in Red, White and Blue negativ aufgefallen ist. Offensichtlich wurden vor allem viele der alten Filme digital und in denkbar schlechter Auflösung verarbeitet, so daß zum Teil vor lauter Schlieren kaum mehr erkennbar ist, was auf der Leinwand vor sich geht.

Der Film betreibt dann einen allzu schnellen Durchmarsch durch die Jahrzehnte, von den 1920er bis in die 2000er hinein und vertritt im Wesentlichen doch nur die Aussage: Der Horrorfilm ist stets ein Kind seiner Zeit, und außerdem traut er sich, Wahrheiten auszusprechen, die das Kino sonst nicht anfassen mag. Das ist so wahr wie inzwischen banal. Nightmares fügt dem nichts Neues hinzu, was nicht schon hunderte Male in Bezug auf die eine oder andere Epoche oder mit Verweis auf dieses und jenes Thema gesagt und geschrieben worden wäre.

Das Hauptproblem ist, daß diese Grundthese auch noch völlig uninteressant präsentiert wird. Die Namen von Filmen sirren vorüber, ebenso die blutigen Szenen, und dazwischen gibt es Talking Heads. Es sind zwar tolle Talking Heads, praktisch alle noch lebenden Größen unter den Horrorregisseuren, und sie haben auch was zu sagen, aber fesseln kann das nicht, dafür verweilt der Film zu wenig auf den Momentaufnahmen oder auf einzelnen Filmen. Wenn das doch einmal passiert, als z.B. George A. Romero voller Begeisterung von The Thing erzählt und auf bestimmte Details aufmerksam macht, dann spürt man umso schmerzlicher, wie wenig der Film das sonst betreibt. Und genau in diesem Moment verspielt der Film auch die Chance, die er sich selbst gibt, seine Grundbehauptung zu zeigen und zu belegen, anstatt sie nur zu behaupten.

Stattdessen werden alle Filmtitel und Traditionen angerissen, mehr um Vollständigkeit als um Bedeutung herzustellen, von Nosferatu (als Inspiration natürlich, da nicht genuin amerikanisch) bis hin zu Interview mit einem Vampir, von Hannibal Lecter bis Freddy Krueger, von Scream (in einer ultrakurzen Sequenz) bis hin zu It’s Alive (mit kein bißchen mehr Screentime). In einem solchen Druckkochtopf wird letztlich nicht von dem wirklich sichtbar, was der Film behauptet: gesellschaftliche Relevanz, innere Entwicklung, thematische Bedeutsamkeiten – das alles muß man entweder glauben oder anderswo nachlesen oder -sehen.

Mit größerer Sparsamkeit kommt man durchaus weiter, wie zum Beispiel zum Beispiel Going to Pieces gezeigt hat. Der spaziert zwar durch das Subgenre und die Zeit seit den 1970ern im Grunde nicht weniger rasch hindurch, gewinnt aber durch zeitliche wie thematische Konzentration an Konsistenz.

Viande d’origine française

Vielleicht ist es natürlich nur, daß ich mich im französischen Horrorkino noch nicht so gut auskenne; oder daß es den Bonus des leicht Randständigen hat, die Außenseiterzulage, die man zu wenig behandelten Themen gerne mal gibt.

Oberflächlich weicht Viande d’origine française in seiner Herangehensweise ans Thema von Nightmares nicht wirklich ab: Regisseure, Produzenten und eine Schauspielerin kommen zu Wort, stets mit mindestens zwei Kameras geführt, mitten im Satz wird, man weiß das nach einer Weile vorher schon, von der Nahaufnahme auf eine Halbtotale geschnitten – das ist ein bißchen verspielt, ein bißchen nervös, ein bißchen dynamisch. Dazwischen gibt es dann viele blutige Szenen aus den angesprochenen Filmen, und man darf den Eindruck bekommen, daß die Regisseure sich aus den achtzehn Horrorfilmen, die ihren Angaben nach seit 2000 in Frankreich entstanden sind (dessen Filmindustrie, ebenfalls nach den Zahlen aus Viande, einen jährlichen Ausstoß von 200 Streifen hat), die blutigsten Stellen herausgesucht haben.

Viande d’origine française hangelt sich vage an einer historischen Linie entlang, durchzieht diese aber mit einem weiteren roten Faden: die Bedeutung des französischen Horrorfilms im Inland und im Ausland. Der Strang hat zahlreiche Ausfaserungen nach rechts und links – gesellschaftliche Bedeutungen, filmwissenschaftliche Bewertung, Auteur-Theorie und all das, und wie es in Zusammenhang mit dem Genrefilm steht, sowie schließlich auch die „Ausbeutung“ junger europäischer Filmemacher durch die Großindustrie in Hollywood.

Und ganz einfach macht der Film es sich eben auch nicht. Da wird keine völlig stringente Geschichte erzählt, sondern durchaus in sich widersprüchliche Aussagen und Diskussionen einfach stehen gelassen. Natürlich ist es fürchterlich, wie schwer es in Frankreich ist, einen Horrorfilm finanzieren zu lassen; aber es ist eben doch viel angenehmer, als den einschränkenden Vorstellungen von Studiobossen und Marketingleuten ausgeliefert zu sein, selbst wenn man dafür ein großes Budget zur Verfügung hat. Wenn es nur nicht so wäre, daß man, wie die beiden Regisseure von La Horde klagen, froh sein kann, genug Geld für eine einigermaßen realistische Wirklichkeitsdarstellung zu bekommen. Was der Film mit zunächst Dreharbeiten von einem völligen Trashfilm kommentiert, bei dem eine Wassermelone als Kopfersatz zerschlagen wird, um dann als weiteren Kommentar Bilder zu zeigen, die Alexandro Aja beim entspannten Big-Budget-Dreh von Piranhas 3D zeigen.

So ganz ernst nehmen sich die ganzen Protagonist_innen des französischen Horrorkinos also jedenfalls wohl nicht, und Viande d’origine française macht sich diese Haltung zu eigen. Schließlich will das Publikum unterhalten und nicht bejammert werden.


Nächste Seite »
Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes