Monos – Zwischen Himmel und Hölle (2019)

Irgendwo in den südamerikanischen Bergen hält eine Gruppe von Teenie-Guerilleros eine Stellung, ein ziemlich heruntergekommenes Betontürmchen. Sie bewachen eine amerikanische Ingenieurin, die die „Organisation“ gefangengenommen hat, sie sollen außerdem noch auf die Kuh Shakira achtgeben, die ihnen als Leihgabe gestellt wurde. Sie nennen sich Rambo und Lobo, Pitufo und Bum Bum. Ab und an kommt ein Bote vorbei, der ihnen neue Aufgaben übermittelt, ansonsten halten sie den Kontakt zur Außenwelt nur über ein Funkgerät. In der nebligen Landschaft machen sie Übungen und Sport, am Lagerfeuer wird geknutscht und gefeiert.

Für wen sie kämpfen, interessiert Monos – Zwischen Himmel und Hölle überhaupt nicht – es könnte die FARC sein, aber über Ideologie oder Ziele wird nie gesprochen: die „Organisation“ scheint mehr Kult als Armee. Befehlsketten müssen eingehalten werden, bis zur letzten Minute des Films, bis dahin sieht man der Gruppe dabei zu, wie sie sich entwickelt, wie sie auseinanderfällt, wie die Sehnsucht nach körperlicher Berührung, Ängste und Konflikte die jungen Erwachsenen zerreißt. Zwischen gedankenloser Gewalt und Drama entzünden Alexis Dos Santos und Alejandro Landes in ihrem Film eine bild- und tongewaltiges Parabel über unsere Menschlichkeit, ein Herr der Fliegen in den Farbtönen des Dschungels.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Die drei Tage des Condor (1975)

Joseph Turner arbeitet in der American Literary Historical Society in New York. Sein Job: Aus ausländischen Büchern und Presseerzeugnissen Informationen herausdestilliern, die auf mögliche Gefahren für die USA hindeuten könnten. Denn das Büro mit den eher wenig bedrohlich wirkenden Menschen ist eine geheime Niederlassung der CIA. Als Turner an einem Tag von einem kleinen Einkauf zurückkommt, findet er alle seine Kollegen ermordet vor – und wird dann alsbald ebenfalls zum Gejagten.

Sydney Pollacks eleganter, zurückgenommener Thriller aus dem Jahr 1975 ist inzwischen ein Klassiker; stets schwingt mit, wie fragwürdig die moralische Integrität der amerikanischen Institutionen, allen voran der Geheimdienste, geworden ist. Robert Redford spielt den strahlenden (und ambivalenten) Helden, der in Max von Sydow als gedungenem Killer sein Gegenüber findet. Turner kann sich erst bei einer Fotografin (Faye Dunaway) gegen ihren Willen einnisten, überzeugt sie aber schließlich von seiner Unschuld, während er von Auftragsmördern gejagt wird. Pollack lässt sich Zeit damit, seine Figuren vorzustellen und in Bedrängnis zu bringen und zieht seine Spannung weniger aus Verfolgungsjagden als mehr auf direkten, verbalen Konfrontationen, in denen die Kamera den Figuren ganz dicht auf die Pelle rückt.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Lost Girls and Love Hotels (2020)

Die junge Amerikanerin Margaret lebt in Tokio und verdient ein wenig Geld, indem sie jungen Japanerinnen, die Flugbegleiterin werden möchten, an einer Schule die richtige Aussprache des Englischen beibringt. Abends trifft sie sich oft mit ihren Freunden Ines (die wunderbare Carice van Houten in einer viel zu kleinen Rolle) und Liam in einer Kneipe und betrinkt sich, anschließend sucht sie nach sexuellen Abenteuern mit japanischen Männern, mit denen sie dann gemeinsam in ein „Love Hotel“ geht.

Alexandra Daddario ist für diese verletzte, verletzliche Figur natürlich eine physisch perfekte Besetzung, mit blasser Haut und großen runden, blauen Augen, zugleich ein ätherischer Fremdkörper in einer Welt, die Regisseur William Olsson nachts in Dunkelheit und Neonlichter hüllt, die aber tagsüber so gewöhnlich und durchschnittlich wirkt, ein wenig desaturiert, dass man Margarets Wunsch nach Flucht noch einmal anders verstehen kann.

Sie will jedenfalls fort von ihrem Zuhause in den USA; anders als wohl in der Romanvorlage von Catherine Hanrahan (sie schrieb auch das Drehbuch) geht der Film nicht näher darauf ein, welches Trauma sie von dort mitgebracht hat – nur der Wunsch nach Betäubung und Selbstvernichtung bleibt.

Dazu passt, dass Margaret sich dann in Kazu verliebt, einen Yakuza, der sie erst umwirbt, aber schließlich zurückweist, weil er heiraten wird. Die junge Frau verlangt dennoch nach mehr: Ausnüchtern, indem man einfach weitertrinkt, so nennt sie ihr Verhalten gegenüber einer Freundin am Ende. Der Film folgt dieser Erzählung, dass es erst schlimmer werden müsse, bevor es besser wird, einigermaßen konsequent; und während Daddario und ihr Co-Star Takehiro Hira das mit Leben, Sehnsucht und Traurigkeit füllen, kann der Film am Ende seine großen Gesten von Heilung und Wiedergeburt dann doch nicht ganz überzeugend auch in Handlung und Figuren gießen. Da ist ein wenig zu viel Oberfläche an und zu wenig Tiefe in den Figuren.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

The intergalactic Adventure of Max Cloud (2020)

Es ist das Jahr 1990, bei Computerspielen erkennt man immer noch die einzelnen Pixel auch auf den kleinen Fernsehern, die man sich ins Jugendzimmer stellen darf. Sarah steckt gewissermaßen bis zum Hals in „Max Cloud“, dem aktuell angesagten Spiel um den gleichnamigen Raumpiloten. Ihr Vater sagt, sie solle das Ding abstellen, aber stattdessen steckt Sarah auf einmal ganz und gar in dem Spiel – im Körper von Jake, dem Schiffskoch, der zusammen mit Commander Rexy und dem sehr von sich eingenommenen, so arroganten wie chauvinistischen Kapitän Cloud auf einem Gefängnisplaneten strandet, dessen Bewohner ihnen alles andere als freundlich gesonnen sind.

Die Grundidee von The intergalactic Adventure of Max Cloud ist mehr als charmant (und erinnert natürlich nicht von ungefähr an das Jumanji-Reboot), und mit Scott Adkins als Titelheld, John Hannah und Lashana „007“ Lynch als richtig fiese Sleaze-Bösewichte wäre da auch ein solider Cast zusammen. Adkins darf ab und an mal kräftig zutreten und gesichtslose Ninjas köpfen (auch wenn es 8-Bit-konform unblutig zugeht), viele Kampfszenen werden aber auch nur auf der Spieloberfläche gezeigt. Lynch hat sichtbar Spaß an ihrer Quatschrolle – aber auch sie kann nichts dagegen ausrichten, dass das Drehbuch von Regisseur Martin Owen und Co-Star Sally Collett lauter Ansatzpunkte für große und kleine Komik streift und dann einfach fallenlässt.

Weder spielt der Film wirklich erfolgreich mit Adkins‘ „star persona“ noch mit den (durchaus nachdrücklich eingeführten) Konventionen der Actionspiele. Max Clouds Raumschiff sieht aus wie ein playmobil-Spielzeug, der Thronsaal des Oberbösewichts Revengor(!) wie das in Orangerot getauchte Set eines 1950er-Science-Fiction-Films. Da sind lauter Momente, über die man sich freuen möchte, aber es kommen weder verbale noch visuelle Gags. Und dass die weibliche Hauptfigur 90% des Films als männlicher Avatar herumläuft, wird durch die zwei Wandlung zweier männlicher Figuren kurz vor Schluss auch nicht wettgemacht.

Die Verlorene Welt – The Lost World (1925)

Man muss sich nur vage vorstellen, wie absolut sensationell es im Jahr 1925 gewesen sein muss, auf der Leinwand, übermenschlich groß, sich bewegende Dinosaurier zu sehen, noch dazu zeitgleich im Bild mit Menschen – wie die Menschen einen brennenden Holzscheit nach der angreifenden Echse werfen und dieses den Scheit in seinem Maul auffängt und hin und her bewegt. Nur so lässt sich verstehen, welche nie dagewesene Sensation Die Verlorene Welt war, ein Spektakel sondergleichen, Vorbild für alle Dino-Filme nach ihm – dahinter wird gern vergessen, dass Harry O. Hoyts Film über das Abenteuer von Professor Edward Challenger und seinen Begleitern (Wallace Beery als Challenger, neben ihm vor allem Bessie Love, Lewis Stone und Lloyd Hughes) auch ein ziemlich solider Abenteuerfilm ist, mit ein wenig Slapstick, reichlich exotisch wirkenden Settings, Raubkatzen und Schlangen, und nonchalant eingestreuten zeittypischen Rassismen, vor allem den Schwarzen Diener Zambo, für den der weiße Schauspieler Jules Cowle in Blackface Grimassen zieht. Für die Animation der Saurier war vor allem Willis O’Brien verantwortlich, der später auch bei King Kong für die Technik verantwortlich war. Die neue Ausgabe kommt mit überflüssiger Kolorierung und vor allem leider ziemlich liebloser musikalischer Untermalung.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Dr. Jekyll & Mr. Hyde (1920)

John S. Robertsons Dr. Jekyll & Mr. Hyde, bei weitem nicht die erste Verfilmung von Robert Louis Stevensons berühmter Erzählung, gehört zu den frühesten Exemplaren des Horrorfilms avant la lettre: Die Kritiker warnten davor, Makeup und Grimassen des Hauptdarstellers John Barrymore, seine Verwandlung in den bösartigen Mr. Hyde könne auf Kinder verstörend wirken. Das liegt auch daran, dass Barrymore an diesem Stummfilm aus dem Jahr 1920 das ist, was noch lange im Gedächtnis bleibt. Sein Dr. Jekyll ist ein Altruist, ein wohlhabender Arzt, der von seinem eigenen Geld eine Art Hospital für die Ärmsten finanziert und sich hier aufopferungsvoll um Kinder, Alte und Schwache kümmert. Von seinem Schwiegervater in spe ein wenig angestachelt, entwickelt er ein Elixier, dass seine bösen Charaktereigenschaften von seinen guten abspaltet – so entsteht Mr. Hyde, der nachts sündhaft durch die Straßen der Stadt zieht. Bis hin zum zwingend tragischen Ende ist das ein aufregender Film, stilistisch nicht so entschieden wie die expressionistischen Meisterwerke (z.B. Nosferatu), die bald darauf folgen sollten. Aber Robertsons Film war ein Wahnsinnserfolg seinerzeit, und wird bis heute in Jekyll/Hyde-Filmen referenziert – am schönsten vielleicht in Stan Laurels Parodie Dr. Pyckle and Mr. Pride.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

French Streetfighter (1988)

Marco (Clovis Cornillac in seiner zweiten Filmrolle) und Luc (Luc Thuillier) sind beste Freunde, draußen in der Pariser Vorstadt La Défense, wo hinter den schicken neuen Bürotürmen in den späten 80er Jahren auch noch Bauzäune, langsam verfallende Altbauten, kleine Brasserien und Kneipen herumstehen. Luc klaut gerne mal ein bisschen, Marco will da eigentlich raus, hat große Träume; aber dann wird Marco mit einer Uhr erwischt, die Luc gestohlen hat, und am nächsten Morgen ist der Polizist tot, der sie an sich genommen hatte… Wer ob des Verleihtitels French Streetfighter einen Martial-Arts-Film erwartet, wird enttäuscht werden: John Berrys Film ist eher zahmes Sozialdrama mit eingestreuten Actionsequenzen, und die sind eher Verfolgungsjagden als dramatische Kämpfe. Berry verließ die USA in den 1950ern, nachdem er dort als Kommunist denunziert worden war, drehte dann mit Eddie Constantine und vielen anderen in Europa. Il y a maldonne („Es gibt ein Missverständnis“), so der Originaltitel, ist einer seiner letzten Filme, auch das Drehbuch ist von ihm, die Beton- und Glasbauten sind hart und eckig, der Himmel irgendwo dahinter, die Menschen unten in den Schluchten. Es geht um Freundschaft und Verrat, am Ende sind alle schuldiger als vorher und niemandem ist geholfen.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Marvel‘s Agents of S.H.I.E.L.D. – Staffel 5

In der komplexen Marvel-Submythologie, die Agents of S.H.I.E.L.D. inzwischen entwickelt hat, macht die fünfte Staffel noch einmal einen Sprung nach vorne, gleich in mehreren Dimensionen. Während Phil Coulson und sein Team darauf warten, von einer Eingreiftruppe der Behörden festgenommen zu werden, sehen sich alle bis auf einen auf einmal ins Weltall versetzt. (Und natürlich gibt es auch einen entsprechenden Kommentar: „Ja, das ergibt Sinn. Das ist die eine Sache, die wir noch nicht gemacht haben.“) Wie sich heraustellt, werden dort Menschen von wenig freundlichen Kree-Aliens wie Sklaven gehalten, während riesige, Kakerlakenartige Monster bestimmte Teile der Raumstation besetzt halten. Das ist alles ebensowenig erfreulich wie die sonstigen Nachrichten, was ihre aktuelle Position im Raum-Zeit-Kontinuum betrifft, aber dann auf der Erde wird es auch nicht unbedingt besser – und zahlreiche alte Bekannte aus dem Agents-Universum schauen auch noch vorbei. Man ahnt schon: Ohne Vorwissen in die fünfte Staffel einzusteigen, ist ein eher fruchtloses und frustrierendes Unterfangen. Fans werden über ein paar Längen in den 22 Folgen gerne hinwegsehen, denn sie werden ansonsten mit kontinuierlich spannend-bizarren Entwicklungen bei der Stange gehalten.

Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Witches in the Woods (2019)

Eine Gruppe von Collegestudenten fährt zum Snowboarden in die Berge – weil aber die Straße gesperrt ist, müssen sie einen Umweg fahren und wählen dann, weil’s angeblich kürzer ist, eine Abkürzung über einen gesperrten Waldweg. Für einen Film, der sich primär an Horror-affine Zuschauer richtet, ist es starker Tobak, dann mit den Hauptfiguren noch Mitleid erwarten zu wollen: Da muss man schon starke Gründe auffahren, warum nun gerade diese Doofies überleben sollten. Leider gelingt das Witches in the Woods nicht wirklich: Zu stereotyp sind die Personen und ihre Motive, zu altbekannt ihre Konflikte: ein wenig Zickentum, eine gute Prise Eifersucht. Warum die traumatisierte Alison (gruselig: Sasha Clements) überhaupt bei dieser Gruppe dabei ist, wird im Laufe des Films immer unklarer, je mehr man über die anderen erfährt. Da steckt der Wagen längst im Schnee fest, die Aggressionen kochen hoch, die Jump Scares fliegen rechts und links, bis man nicht mehr weiß, ob die jungen Leute sich gegenseitig hochpeitschen oder es doch die Hexe ist, von der sie, noch so ein altbekanntes Motiv, sie aus einem Faltblatt an der letzten Tankstelle gelesen haben. Regisseur Jordan Barker hat mit Torment, Duress und The Marsh – Der Sumpf schon so einige Horrorfilme gedreht, aber dieser lässt eher kalt.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Die Stadt ohne Juden (1924)

Auf einem Pariser Flohmarkt ist dieser Film 2015 wieder aufgetaucht, nachdem zuvor nur Fragmente vorhanden waren. Eine abenteuerliche Entdeckungsgeschichte ist das, ein Glück und ein Zufall: Die Stadt ohne Juden gilt nun als einzig erhaltener österreichischer Stummfilm des Expressionismus, und zugleich ist er ein einzigartiges Zeitdokument. Mit dem Material aus Frankreich war schließlich (es brauchte dazu noch eine Crowdfunding-Kampagne) eine fast vollständige Rekonstruktion des Films möglich, es fehlen womöglich noch ein paar Minuten – aber was zu sehen ist, ist von zum Teil sensationeller Bildqualität.

Der 1924 entstandene Film erzählt davon, wie die Regierung der Republik Utopia – gemeint ist, kaum verhohlen, Österreich, die Romanvorlage ist da explizit – beschließt, die Jüdinnen und Juden aus dem Land zu werfen. Es gibt keinen besonderen Grund eigentlich, aber die Wirtschaftslage ist schlecht, die antisemitischen Politiker (es ist eine reine Männershow im Parlament) und Wirtshausmeiner (auch dies nur Männer) schimpfen gerne aufs Judentum, und Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger gibt ihnen schließlich nach: Bis Weihnachten müssen sie alle das Land verlassen.

Meine Besprechung des wiederentdeckten Klassikers ist drüben bei Kino-Zeit erschienen.