Dr. Zyklop (1940)

Man kennt und nennt den Namen von Ernest B. Schoedsack viel zu wenig. Dabei hat der Regisseur mit King Kong und die weiße Frau Filmgeschichte geschrieben und auch danach aber noch sechszehn Jahre lang fleißig Filme gedreht. Im April 1940 startete sein vorletzter Film, Dr. Zyklop, in den amerikanischen Kinos – eine wilde Science-Fiction-Abenteuergeschichte aus dem dunkelsten Peru. Dort stößt ein kleines Team von Wissenschaftlern auf den exzentrischen Dr. Thorkel, der ihre Hilfe benötigt – aber nur für ein kleines Detail seiner eigenen Forschungen. Dass er sie alsbald rüde wieder fortschicken will, weckt das Misstrauen seiner Kollegen – und bald finden sie heraus, dass Thorkel Lebewesen mit radioaktiver Strahlung auf Miniaturgröße verkleinert. Das Drama entwickelt sich von dort aus in relativ vorhersehbarer, genre-typischer Art und Weise; allerdings nicht ohne einen beglückenden, spürbar selbstironischen Unterton. Damit, vor allem aber mit der Qualität seiner Spezialeffekte, die sich problemlos mit den Tricksequenzen aus dem 17 Jahre jüngeren Die unglaubliche Geschichte des Mr. C messen können, ragt Dr. Zyklop aus der Masse ähnlicher Produktionen heraus – und ist seiner Zeit deutlich voraus.

Werbelink: Dr. Zyklop bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Der Spion und sein Bruder (Brothers Grimsby, 2016)

Zwei Brüder, als Kinder getrennt. Der eine, Norman, landet am Rande der Gesellschaft, prollig, direkt, gut aufgehoben in seiner ungebremsten Lust am Fussball, an seiner Frau, am Alkohol, ungefähr in dieser Reihenfolge. Der andere, Sebastian, wird gepäppelt und unterrichtet und ist nun der beste Spion und Killer im Auftrag ihrer Majestät – alles für Königin und Vaterland. Eher zufällig treffen die Gebrüder Grimsby als Erwachsene aufeinander, und weil Norman den Verlust von Sebastian nie verwunden hat, hängt er sich ihm an die Fersen und lässt nicht mehr los. Also bricht Chaos aus. Sasha Baron Cohen als Norman und Mark Strong als hochpräziser Hit-Man sind schon eine hübsche Kombination, und Louis Leterrier ist natürlich der richtige Mann, um dem Film ein paar knackige Actionszenen zu geben. Ob man aber das Gesamtkunstwerk goutieren mag, ist wohl absolute Geschmackssache. Denn Cohen und Strong reiten hier durch ein Feuerwerk fieser Kalauer und vor allem derbsten Gross-Out-Humors, bei dem keine Körperausscheidung unberührt und unbenannt bleibt, keine Körperöffnung unpenetriert. Es wird nonchalant getötet und mit Lust über Lüste gesprochen. Vor allem Norman hat da keinerlei Inhibitionen – dafür muss man sich begeistern, sonst wirkt es spätestens im letzten Drittel doch recht schal.

Werbelink: Der Spion und sein Bruder bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Die Bestimmung – Allegiant (The Divergent Series: Allegiant, 2016)

Was gäbe es für Möglichkeiten, wenn sich auf einmal eine neue Welt auftut! Aber die neue Herrin über Chicago, die nach dem Kampf der Fraktionen untereinander in den ersten beiden Filmen der Bestimmung-Dystopie nun wieder Ordnung und Ruhe herzustellen versucht, lässt erst einmal das Tor schließen, das sich im Zaun um die Stadt herum aufgetan hatte. Einen ruhelosen Geist kann das freilich nicht stoppen. Und so macht sich alsbald „Tris“ Prior (Woodley) mit ihrem Bruder und ihren treuen Freunden auf den Weg um herauszufinden, was da draußen liegt.

Man kann schon mal sagen: Erst einmal eine Enttäuschung, und dann noch eine größere Enttäuschung. Zuerst ist da eine nicht nur öde, sondern auch noch giftige Wüste. Und irgendwo dahinter wartet Jeff Daniels als Leiter eines Forschungs-Außenpostens, von dem wir aus irgendwelchen Gründen glauben sollen, dass er wichtig genug für extrem schicke architektonische Sperenzchen sei.

Die Geschichte nimmt dann recht gemächlich ihren sehr vorhersehbaren Lauf: Hinter der Fassade dieser Einrichtung ist auch nicht alles so gut und richtig, wie alle tun; aber obwohl die Handlung des dritten Buchs von Autorin Veronica Roth auf zwei Filme gestreckt wurde, schafft Robert Schwentke es nicht, die zwei Stunden mit mehr als Oberflächlichkeiten zu füllen. Kein Wunder also, dass Film vier zwar wohl produziert, aber nicht mehr ins Kino gebracht, sondern gleich für kleinere Bildschirme geplant wird.

Vielleicht findet er so sein Publikum sogar effektiver.

Werbelink: Die Bestimmung – Allegiant bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

High-Rise (2016)

Mitte der 1970er Jahre, da glaubt man noch an den Fortschritt, an technokratische Utopien. An Beton. Also: ein Hochhaus. Robert Laing (Tom Hiddleston) ist Arzt und sucht die Einsamkeit in Komfort, perfekt erscheint da also dieser neue Komplex, der erste von mehreren, die ein Architekt (Jeremy Irons) in die Landschaft stellen will – ein Haus, das man eigentlich nicht mehr verlassen muss, mit Fitnessräumen, Supermarkt, Schwimmbad. Irgendwann geht Laing weniger zur Arbeit, und da ist er nicht allein, während das Zusammenleben immer mehr aus den Fugen gerät; zunächst versagen nur kleine Dienste, der Strom bricht ab, die Aufzüge fahren nicht mehr. Und dann geraten die zahlreichen Feiern zu gewalttätigen Orgien, die feine Gemeinschaft besinnt sich auf ihre basaleren Instinkte…

High-Rise, nach einem Roman von J.G. Ballard, ist eine seltsame, nichtnarrative Dystopie, deren einzelne Zerstörungsstufen sich hier mehr assoziativ einstellen als wirklich erklärt würden; dass im Hintergrund immer wieder Margaret Thatcher ihre politischen Positionen dient eher dazu, dem Film einen politischen Anstrich zu geben, der sich dann nicht wirklich ein- oder wenigstens in der Erzählung auflöst. High-Rise taugt weniger als gesellschaftlicher Erklärungsversuch, sondern ist vor allem bildgewaltiger Horror mit Koteletten und viel reminiszentem Interieur. Nicht umsonst sind Setting und Zeit mit Cronenbergs Parasiten-Mörder nahezu identisch – nur dass dort der scheinbar externe Schrecken sich menschlicher Körper bemächtigte, während es in Ben Wheatleys Film aller Untergang vom Menschen selbst kommt. Dafür gibt es dann mehr oder minder sichtbare Anspielungen z. B. an Uhrwork Orange – Wheatley weiß, in welchem Feld er sich bewegt, und vertraut darauf, dass seine Zuschauer auch ohne große Erläuterungen dem Fluss der Ereignisse zu folgen wissen. Und sich dafür verlieren dürfen im blendend aussehenden Chaos von Lust, Leibern und Gewalt.

Werbelink: High-Rise bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Der Fluch der Hexe – Queen of Spades (2015)

Düsternis, Besessenheit, Verderben – so kann man schon auf ganz einfachen Wegen Grusel erzeugen. Svyatoslav Podgayevskiy wirft für seinen zweiten Horrorfilm nach Block 18 (2014) viele Themen zusammen, die im zeitgenössischen Kino der Schrecken gut ankommen – und setzt seine beschränkten Mittel mit gutem Erfolg ein. Es beginnt eher mit einem Spiel: Anna (Alina Babak) und ein paar Freunde spielen ein Ritual nach, von dem sie gelesen haben – sie zeichnen Symbole auf einen Spiegel und rufen die Pik-Dame an (die „Queen of Spades“), sie solle sich zeigen. Und prompt – zunächst sieht man es nur einen Moment lang in einem Video, das einer der Freunde dreht – tritt die unerfreuliche Kreatur in ihre Welt. Fortan wird jede glänzende, reflektierende Oberfläche zu einer möglichen Tür – dieser Film macht Angst vor Spiegeln, glitzernden Türknaufen und mehr.

Die Hexe des Titels strebt nach einer Person, die sie bewohnen kann; und sehr schnell finden sich vor allem die Eltern (Igor Khripunov und Evgeniya Loza) im Kampf gegen Zeit und fremde Mächte wieder. Von der Geistergeschichte changiert Der Fluch der Hexe so rasch zu einem Exorzismusdrama, das sich vorrangig in engen Räumen, schmutzig-gekachelten Kellern und einsamen Hütten im Wald abspielt. Fast bekommt man dabei das Gefühl, Podgayevskiy wolle hier die Anforderungen ans Horrorkino übererfüllen und unbedingt alle Szenarien noch mit unterbringen – das wirkt schon etwas gestopft. Zugleich macht er das grundsätzlich mit großer Kunstfertigkeit: Er versteht sein Handwerk, die Schreckensmomente sind ebenso gut im Timing wie die Kameraeinstellungen sitzen. Was dem Film etwas fehlt, sind die wirklich lebendigen Figuren, um die man sich mehr Sorgen macht als nur des Sterbens und Knirschens wegen. In der russischen Literatur gibt es die Pik-Dame übrigens tatsächlich, wenn auch in ganz anderer Form – in der klassisch-phantastischen Kurzgeschichte des großen Alexander Puschkin geht es tatsächlich um ein Kartenspiel.

Werbelink: Der Fluch der Hexe – Queen of Spades bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Into the Forest (2015)

Die Apokalypse kündigt sich, das ist vertraut, in leisen Tönen an: Eine Nachricht, eine Meldung im Fernsehen. Stromausfälle, man weiß nichts Genaues. Und dann geht eben das Licht aus, die Bildschirme erlöschen – wir befinden uns in einer Zeit leicht in der Zukunft, alles ist vertraut, nur noch einen Hauch moderner. Alles wahrscheinlich nur ein Problem auf Zeit – und die beiden jungen Frauen, Nell und Eva mit ihrem Vater (Ellen Page, Evan Rachel Wood und Callum Keith Rennie) nehmen das zunächst nicht allzu ernst. Bis sie aus ihrem einsamen Haus mitten in nordamerikanischen Wäldern mal wieder in den Ort fahren: Dort ist das Benzin schon knapp, der Supermarkt fast leer, und der Kassierer ist bewaffnet.

Der Weltuntergang kommt hier nicht mit Trompeten und Fanfaren, sondern leise und mit Trippelschritten – und er braucht nur einen Hebel: Elektrizität. Die oft beschworene dünne Schicht von Zivilisation geht anscheinend recht schnell dahin; draußen im Wald kommt das allerdings nur sehr langsam an – es gibt ja keine Nachrichten, nur vereinzelte Gerüchte. Nells und Evas Vater stirbt bei einem Unfall, und von nun an sind die beiden Schwestern auf sich allein gestellt.

Into the Forest ist weniger Endzeitszenario als postapokalyptische Meditation: Was macht es mit uns, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, wenn der Kontakt zur Außenwelt, den wir so gewohnt sind, abbricht? Wenn außerdem die ganzen Annehmlichkeiten der Zivilisation wegfallen? Das ist wesentlich mehr als Malen nach Zahlen im Apokalypse-Kino. Das fragt danach, was für jene bleibt, die ihre Menschlichkeit nicht abgeben, nicht verlieren wollen. Hier bleibt die menschliche Zivilisation in ihrem Kern, der Familie, bestehen – aber einfach ist das nicht. Während die beiden Schwestern immer mehr zueinanderfinden, zerfällt das Haus um sie herum – letztlich unkontrolliert den Naturgewalten ausgesetzt, unbeheizt und ohne Reparaturen. Patricia Rozema hat aus dem Roman von Jean Hegland einen Film gemacht, der sich vor allem auf seine beiden Hauptfiguren verlässt. Die Schwestern schlagen sich, vertragen sich, stützen einander, verlassen sich und kehren zueinander zurück. Zwei Geschwister, die ohne ihre Eltern sich trotz aller Unterschiede zusammenraufen müssen und plötzlich sehr, sehr erwachsen werden. Page (die auch als Produzentin mitwirkte) und Wood tragen den Film leicht auf ihren Schultern, auch durch die seltenen härteren, gewalttätigen Szenen.

Der Filmtitel suggeriert eine fast schon mythische, positive Auflösung: Into the Forest, auf in den Wald – der Untergang als Aufbruch. Das löst der Film aber letztlich nur in sehr ambivalenter Weise ein. Denn der Weg in den Wald hinein ist letztlich ein Lernprozess, ein Abstandnehmen von dem vertrauten, gesicherten Leben – in dem Moment, in dem es schon längst unmöglich geworden ist. Da ist also kein großes Glück am Schluss, und nur vage Hoffnung. Alles andere wäre für eine nachdenkliche Dystopie dieses Formats allerdings auch Verrat an der eigenen Geschichte.

Werbelink: Into The Forest bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Term Life – Mörderischer Wettlauf (2016)

Nick hat es zu seinem Beruf gemacht, profitable Raubüberfälle auszukundschaften. Andere kommen mit Ideen und Tipps, er arbeitet alles aus: Zeiten, Fluchtwege, Probleme, Ausrüstung – und verkauft den fertigen Plan dann an jemanden, der ihn auch wirklich ausführt. Nur diesmal geht etwas schief, weil seine Käufer kurz danach tot sind – und ihr Anführer war der Sohn eines Kartellbosses. Also packt Nick seine Tochter Cate ins Auto und haut ab aufs Land, um rauszufinden, wer ihn da aufs Kreuz gelegt hat – korrupte Polizisten und große Gangster immer auf seinen Fersen. Term Life ist nach der gleichnamigen Graphic Novel von A.J. Lieberman und Nick Thornborrow entstanden und ergibt einen durchaus spaßigen Thriller – aber zeitweise verfranst er sich dann auch in allzu vielen Seitenlinien. Zumal die Geschichte um den Gentlemangangster und seine von ihm entfremdete Tochter, die einander näherkommen, trotz aller Bemühungen von Vince Vaughn und Hailee Steinfeld nie wirklich zündet: Die beiden bleiben eigentlich Pappkameraden mit eingeschränktem Charme. Keine rechte Komödie, kein wirklicher Actionfilm: Das hätte von Peter Billingsley, der mit Vaughn schon einmal bei All Inclusive zusammengearbeitet hatte, noch ein wenig cleverer verpackt, etwas flotter inszeniert werden können.

Werbelink: Term Life – Mörderischer Wettlauf bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Legends of Tomorrow – Staffel 1 (2016)

So langsam reichen wir schon in die etwas kleineren Ritzen der Superhelden-Mythologien hinein. Marvel hatte das Prinzip schon etwas früher perfektioniert – beginnend mit Iron Man wurden da zielgenau die Avengers aufgebaut und diverse TV-Serien rundherum. Auf der Seite von DC Comics tat man sich etwas schwerer, trotz des schwergewichtigen Portfolios mit zwei der wichtigsten Comichelden, Superman und Batman, von Wonder Woman zu schweigen. Die Filme und Serien – von Arrow bis The Flash – haben den Ruf, etwas zu schwergängig und ernsthaft zu sein. Das sollte sich erst mit Suicide Squad ändern, der dann aber aus anderen Gründen ziemlich missriet.

Legends of Tomorrow ist ein Beispiel dafür, wie sehr man bei DC noch nach Ton und Richtung sucht. Die Helden sind kleinere Figuren des DC-Universums (White Canary, The Atom, Firestorm, Hawkgirl, Heat Wave und Captain Cold), der Ton ist bisweilen campy und stellenweise ironisch, dazwischen aber fast übertrieben ernst und gar pathetisch. Die Handlung schwankt ebenfalls zwischen gaga und gut durchdacht: Die Legends werden von dem zeitreisenden „Timemaster“ Rip Hunter rekrutiert, um den nahezu unsterblichen Bösewicht Vandal Savage auszuschalten, der im Jahr 2166 nicht nur die Weltherrschaft übernimmt, sondern auch noch persönlich Hunters Frau und Sohn ermordet.

Da gibt es dann schön ironische Zeitreise-Momente, wenn etwa Savage erst durchs Hunters Jagd durch die Zeiten überhaupt auf dessen Familie aufmerksam wird und sie also nur deshalb umbringen kann, weil Hunter für diesen Mord Rache nehmen will. Und ansonsten dient das Haupt-Plotelement natürlich dazu, die Hauptfiguren immer wieder in schicke Klamotten zu stecken: An der Mode des 1970er ist übrigens das viele Hasch schuld. Dass dabei Fehler unterlaufen – ein PC im Jahr 1975? – passt dann auch wieder zum leicht unfertigen Gestus der Serie: Eine perfekte Illustration für die Orientierungslosigkeit von DC Comics. Wir hoffen halt auf Wonder Woman.

Werbelink: Legends of Tomorrow – Staffel 1 bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Orphan Black – Staffel 4 (2016)

Tatiana Maslany ist ein Wunder. Mit jedem Jahr, in dem sie die Klone aus Orphan Black spielt, wird ihre Darstellung differenzierter. Mit jeder Entwicklung von Sarah, Cosima, Alison, Rachel, Krystal und MK präzisiert sie die Unterschiede. Und in welchem Maße die Schauspielerin da engagiert ist, zeigt sich auch daran, dass sie inzwischen mit als Produzentin der Serie erscheint.

Die Handlung schreitet voran: Nachdem das Dyad Institute anscheinend ausgeschaltet ist, tauchen nun neue Akteure rund um die Neolution-Bewegung auf: Körperveränderungen, Implantate… bis hin zu avancierter Biotechnologie mit eingebautem Verteidigungsmechanismus. Ein Exemplar der letztgenannten Technologie findet Sarah unerwartet in ihrer Mundschleimhaut – und das setzt für sie, ihre Familie samt Adoptivmutter Siobhan und Stiefbruder Felix sowie ihre Klon-Schwestern eine neue Suche in Gang.

Die Stärke von Orphan Black war schon seit der ersten Staffel, dass hier Gedanken zu Biotechnologie, Gesellschaft und Identität (und natürlich Verschwörungstheorien!) in einem Genremix von Thriller, Science Fiction und (ein bisschen) Soap dicht miteinander verwoben werden. Getragen wird es dennoch von den persönlichen Interessen, Zweifeln und Dramen, die sich bei den LEDA-Klonen und ihren Familien und Helfern abspielen – und hier wird der Serie zum Vorteil, wie stark selbst die kleinen Nebenrollen besetzt sind. Nebenbei ist die Serie mit ihren starken Frauenfiguren ein feministisches Statement par excellence und bleibt außerdem eng am Puls nerdiger Subkulturen.

Staffel Vier ist allerdings, das sollte man hinzufügen, nicht der geeignete Platz, um mit Orphan Black zu beginnen. Zwar beginnt die Serie mit einem Flashback zu der Zeit vor der ersten Staffel und springt dann viele Folgen lang in der Timeline hin und her – verstehen kann man das aber nur, wenn man den ersten drei Staffeln einigermaßen aufmerksam gefolgt ist. Das ist der Preis, den man dafür bezahlt, eine der besten SciFi- Serien der Gegenwart zu genießen.

Werbelink: Orphan Black – Staffel 4 bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Das kalte Herz (2016)

Man muss auf jeden Fall und wenigstens dies sagen: Es ist ein Wagnis, einen solchen Film zu versuchen. Märchenverfilmungen aus Deutschland haben, mit hart erarbeiteter Basis in bedauerlichen Fakten, nicht unbedingt einen guten Ruf. Daraus werden meist Fernsehfilme für den Sonntagvormittag, also harmlos und kindertauglicher, als es für viele Kinder sein müsste; mit einem Wort: eher langweilig. Das kalte Herz will das alles nicht sein, sondern düster und ernsthaft, und wenigstens ein bisschen brutal, etwas blutig. Das gelingt, sagen wir es geradeheraus: nicht immer so richtig gut.

Die Darsteller mühen sich nach Kräften, vor allem Frederick Lau als Hauptfigur Peter Munk und David Schütter als Bastian, der mit ihm um Lisbeth (Henriette Confurius) konkurriert. Auch Milan Peschel als wild geschminktes Glasmännchen kommt noch ganz gut an, aber Moritz Bleibtreus Holländer-Michel, der eigentliche Bösewicht im ganzen Ensemble, wirkt dann doch etwas übertrieben. Er darf aber auch nicht allzu viele Nuancen entwickeln – das kommt bei allen anderen Rollen doch noch etwas stärker heraus.

Regisseur Johannes Naber hatte vorher mit Zeit der Kannibalen einen ganz anderen Film gedreht, ein Groteske vom Puls der Gegenwart, fast ein Kammerspiel… für Das kalte Herz will er nun das Märchen von Wilhelm Hauff für’s Publikum ein wenig in Richtung Fantasy und zugleich aber die sozialen Grundlagen der Erzählung herausarbeiten. Das funktioniert auf einer schlichten Ebene zunächst ganz gut, aber je emotional komplexer die Handlung werden könnte, desto deutlicher wird, dass es für die fast zwei Stunden Laufzeit dann doch nicht genug zu erzählen gibt. Dafür ist der Film dann auch visuell zu platt: Moralische Verhärtung und Läuterung lassen sich sofort an Kleidung und Frisur ablesen, die Konflikte zwischen richtig und falsch sind dann doch etwas zu schlicht, Grauzonen und Komplexitäten lagern sich eher auf die Nebenfiguren aus. Das Happy End, immerhin, steht so oder etwas anders auch schon im Märchen.

Werbelink: Das kalte Herz bei amazon.de

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.