Walk like a man, talk like a man: Unser Vortrag auf der re:publica 2015 als Video

In einem Anfall von irgendwas zwischen Klarsichtigkeit und Größenwahn hatten die großartigen Beatrice Behn und Rae Grimm mit mir gemeinsam für die diesjährige re:publica, die gerade zu Ende gegangen ist, einen kleinen Vortrag eingereicht: „Walk like a man, talk like a man“ – Current Standards of Masculinity in Media, Games and Film. (Der Titel ist inspiriert von Divines sehr ohrwurmigem Song gleichen Namens.)

Das war unsere Ankündigung:

It is not only women who get a constant stream of do’s, don’ts and how to be’s presented in media, films and games. It’s men too.

This talk looks at the current status of masculinity in games, media and films. Which sexual, gender, body and beauty tropes are we confronted with nowadays? How are men portrayed? What are they supposed to be like, look like, act like? What the fuck happened to Justin Bieber’s body, why did Hugh Jackman’s Wolverine go from muscular to super spornosexual? And what the heck is spornosexual anyway and where can you buy it? What is the current trend in being a self-identified nerd and why can this old, out-of-shape guy in GTA run like Usain Bolt without ever getting tired?

And dude, honestly, what about you? How close or far are you from the proposed standard of being a manly male man of utter masculinity?

So many question that you didn’t even know you had, right? We – three people who could not be further away from the current masculine standard – will answer them all for you. So bring your manly protein shake and let’s go.

Den Vortrag haben wir nun am Dienstag gehalten, René hat daraus ein großartiges Video geschnitten, und hier sind wir nun, nicht live, aber in Farbe:

Über Feedback, Meinungen und Kritik (ausschließlich sachlicher Art, aber egal, ob inhaltlich oder zur Form) freuen wir uns!

Four Lions: Wir erfinden uns eine Zensurdebatte

In der kommenden Woche läuft in den deutschen Kinos endlich der britische Film Four Lions an, eine durchaus sehr großartige schwarze Komödie über eine Handvoll sehr bemühter, aber sehr ahnungsloser Möchtegernterroristen in Großbritannien – ich habe mich schon vor einiger Zeit ausführlich zu dem Film geäußert.

Zum Start hin wird sicher wieder darauf hingewiesen werden – das ist ja immer auch ein bißchen Sensation und damit ein Marketingargument -, daß aus der deutschen Politik der Ruf nach einem Verbot des Filmes erschallte. Zensur also!

Aber stimmt das so?

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Am 9. Januar veröffentlichte Spiegel Online als Vorabmeldung (und Werbung) für das am gleichen Abend ausgestrahlte Spiegel TV Magazin einen Text, der mit der Überschrift versehen war: CSU will Islamistensatire verbieten. Im Text selbst ist dann von der Gesamtpartei nicht mehr die Rede, sondern nur noch vom einzelnen CSU-MdB Stephan Mayer (Homepage), und auch ein Verbot muß man sich zumindest zusammenkonstruieren. Dort ist zu lesen:

Ganz anderer Meinung ist jedoch der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer. Gegenüber SPIEGEL TV Magazin fordert er, den Film wegen der aktuellen Terrorgefahr nicht zu zeigen: „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.“

Begierig wurde die angebliche Verbotsforderung von den Filmmedien aufgenommen; moviepilot schrieb gleich am nächsten Morgen:

Den Christsozialen ist der Film Four Lions ein zu heißes Eisen – schließlich zeigt der Film, dass auch Terroristen nur Menschen sind, und Allah behüte, dass wir uns in Zeiten der Angst und des Schreckens über solche Monster lustig machen oder noch schlimmer, sie menschlich darstellen. Darum möchte die CSU den Film verbieten lassen.

Von solchen Begründungen für die angebliche Verbotsforderung ist freilich nichts überliefert, aber das nennen wir mal literarische Freiheit. Und nein, es sind nicht nur Blogs und die üblichen Verdächtigen, die brav von Spiegel Online die Überschrift abschrieben; die Geschichte vom angeblichen Verbotswunsch findet sich auch in neueren Veröffentlichungen der angesehenen Qualitätspresse, innerhalb und außerhalb von Deutschland:

„Ein deutscher Politiker wollte die Terroristen-Satire verbieten – wegen Terrorgefahr.“ (Thurgauer Zeitung, 6. April 2011)

„Schon forderte der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer ein Kino-Verbot für den Film, damit kein „Öl ins Feuer“ gegossen werde.“ (Tagesspiegel, 21. Januar 2011)

„Die CSU sagt: Schluss mit lustig. Sie befürchtet eine erhöhte Terrorgefahr und will den Kinostart verbieten.“ (on3, „das junge Programm des Bayerischen Rundfunks“, 19. Januar 2011)

Und, ach und weh, selbst die sehr geschätzten Kolleg_innen von F.LM nahmen die Story als Aufhänger für ihren Bericht zu Four Lions. Zugegeben, die Sache mit der Zensur ist auch einfach zu schön. Und der Verleih Capelight freute sich sicher über die ganze kostenlose Publicity.

Das Problem ist eben nur: Die CSU hat nie etwas in Bezug auf Four Lions gefordert, und auch Stephan Meyer Mayer hat weder von Zensur noch von Verbot gesprochen. Sieht man sich das fragliche Video aus der Sendung selbst an, so stellt man fest, daß der als „CDU-Bedenkenträger“ eingeführte MdB insgesamt Folgendes sagt:

Ich glaube, daß es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen, es könnte Öl ins Feuer gegossen werden, und wir haben nunmal ganz konkrete Hinweise, daß es potentielle Islamisten in Deutschland gibt, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, die vielleicht gerade diesen Film als die letzte Provokation empfinden könnten, und aufgrund dessen auch einen Anschlag in Europa oder auch in Deutschland unternehmen könnten. Und deswegen sollte die Politik meines Erachtens schon den dringenden Appell an die Filmschaffenden, vor allem auch an potentielle Verleihunternehmen richten, diesen Film zumindest mal in diesem Jahr nicht in Deutschland zu zeigen.

Nun kann man mit allem Recht der Meinung sein, daß das ziemlicher Quatsch ist; auch daß das Bedrohungsszenario, das dahinter steht, vermutlich übertrieben ist, kann man denken, und daß es wohl nicht sinnvoll ist, sich in seinen Freiheiten selbst zu beschneiden, weil anderen diese nicht gefallen. Diese Debatten sind ja im Kontext der Mohammed-Karikaturen seinerzeit großflächig geführt worden, und weder Herr Mayer noch seine schlecht informierten Spötter_innen haben da noch Interessantes im Kontext von Four Lions hinzugefügt. Aber, und ich sage das als jemand, der sich wahrlich nicht als Freund und Förderer der CSU versteht: ein Verbotsaufruf sieht anders aus.

Spiegel Online hat also, um für das eigene Fernsehnebenprodukt ein bißchen die Werbetrommel zu rühren, Mayer die Worte so lange im Mund herumgedreht, bis sich daraus ein bißchen Sensation herstellen ließ; und die Medien, sie sind brav und freundlich hinterhergehechelt und verbreiten solche Geschichten bis heute weiter.

Mayer selbst hat sich Zeit gelassen, auf die Unterstellungen (denn in einem freiheitlichen Rechtskontext würde ich es als Unterstellung werten, wenn man mir Zensurwut vorwürfe) zu reagieren. Am 10. Januar hatte ich ihm eine Mail geschickt:

Sehr geehrter Herr Mayer,

ich bin deutscher Filmjournalist und bin über den Spiegel auf ihre Äußerungen zur britischen Satire „Four Lions“ aufmerksam geworden.

Sie werden bei Spiegel Online mit den Worten zitiert „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.“ Leider liegt mir aktuell keine Aufzeichnung des Spiegel TV Magazins vor, in dem Sie wohl ausführlicher zur Sprache kommen.  Daher meine Bitten um Präzisierung:

– Wie genau haben Sie sich gegenüber Spiegel TV geäußert?

– Beruht Ihre Haltung zum Film auf einer eigenen Sichtung?

– Wie genau würden Sie die mögliche Verbindung zwischen der Aufführung des Films und seiner Wirkung auf Terroristen beschreiben?

Für eine rasche Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit herzlichen Grüßen
Rochus Wolff

Erst drei Wochen später, am 31. Januar 2011, kam von Mayer folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Wolff,

nach meiner Stellungnahme im Spiegel TV Magazin am Sonntag, den 09.01.2011 bezüglich der Satire „Four Lions“, die bisher nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde, erlaube ich mir unter Bezugnahme auf Ihre E-Mail vom 10. Januar 2011 auf die von Ihnen geäußerte Kritik einzugehen.

Vorab möchte ich deutlich machen, dass ich weder im Fernsehinterview, noch im Gespräch mit den Journalisten ein Verbot des Films gefordert oder in irgendeiner Hinsicht angeregt habe. Sämtliche Unterstellungen hinsichtlich einer Forderung nach Zensur oder Verbot entbehren somit jeder Grundlage und sind auch inhaltlich nicht mit der von mir geäußerten Position zu vereinbaren.

Selbstverständlich bin ich der Auffassung, dass zentrale demokratische Werte, wie die Pressefreiheit in keiner Weise eingeschränkt werden dürfen. So wie beispielsweise im Umgang mit Personen von hohem öffentlichen Interesse von seriösen Medien in aller Regel eine Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und der Privatsphäre vorgenommen wird, habe ich den Appell an die Medien gerichtet in den Wochen erhöhter Terrorgefahr nicht unbedacht „Öl ins Feuer zu gießen“. Bei der Diskussion um die so genannten Mohammedkarikaturen habe ich selbstverständlich eindeutig Position für die freie Meinungsäußerung bezogen. Grundsätzlich hielte ich es auch für sehr bedenklich mit Blick auf mögliche Reaktionen in vorauseilendem Gehorsam unsere Lebensgewohnheiten zu verändern.

Unter Berücksichtigung der derzeitigen besonderen Bedrohungssituation, die sich unter anderem in den deutlich erhöhten Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, Bahnhöfen und zentralen Liegenschaften oder Veranstaltungsorten, manifestiert, habe ich lediglich in Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, die Befindlichkeiten in dieser besonderen Situation – ausdrücklich zeitlich begrenzt –  durch eine derartige komödiantische Auseinandersetzung zu verstärken. Die Fehlinterpretation, mir ein Verbotsersuchen zu unterstellen, weise ich entschieden zurück. In der offenen Diskussion müssen derartige Überlegungen angestellt werden dürfen, um sich letztlich nicht der Gefahr des leichtfertigen Umgangs mit zum Teil erheblichen Gefährdungen auszusetzen.

Auch weiterhin werde ich mich mit diesem hochsensiblen Thema konstruktiv auseinandersetzen, auch wenn dabei die Gefahr besteht durch mediale Verkürzung teilweise erhebliche Missverständnisse mit  zu verursachen. Für Rückfragen stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Stephan Mayer,
MdB

Natürlich beantwortet Mayer in dieser Mail keineswegs die Fragen, die ich ihm gestellt hatte; die Formulierung „die von Ihnen geäußerte Kritik“ auf meine doch recht neutral gehaltenen Fragen hin erklärt sich vermutlich daraus, daß Mayer genau dieses Schreiben wortgleich an verschiedene Blogger_innen und Journalist_innen verschickt hat (Beispiele hier und hier), von denen er vermutlich zum Teil deutlich kritischere Mails bekommen hatte.

Dennoch ist es zumindest irritierend, daß Mayer drei Wochen brauchte, um auf Anfragen zu antworten. Vielleicht ist er einfach im Umgang mit Medien nicht besonders gewandt, oder es gab Vieles und Wichtigeres zu tun; vielleicht aber fand er es auch ganz gut, ein bißchen als Hardliner und Terrorismusbekämpfer durch die Medien zu geistern, bevor er sich dann ganz entspannt daran setzen konnte, sich zu distanzieren und hehre Werte wie die Pressefreiheit ins Scheinwerferlicht zu halten.

So haben am Ende womöglich alle Beteiligten – Spiegel TV, Stephan Mayer und Capelight – die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen, viel Wind rauschte durch den Blätterwald, und in China, Sie wissen schon, ist ein Sack Reis umgefallen.

Frauen, die die Filmgeschichte rockten

Heute ist Internationaler Frauentag, und ich weiß gerade nichts Besseres, um diesen Tag hier zu begehen, als auf Monika Bartyzels schönen Eintrag zu verweisen: Ten Women Who’ve Made Cinematic History. Mit dabei auch Lotte Reiniger, aus deren Die Abenteuer des Prinzen Achmed von 1926 der oben eingefügte Ausschnitt stammt.

Der Anlaß ist auch bestens geeignet, um auf Sascha Lobos sehr schönen Vorschlag einzugehen, doch ein wenig Feminismus dadurch zu praktizieren, indem man eine Frauenquote in seiner Blogroll einführe. Und obwohl ich schon das Schreiben einiger kluger Frauen hier mit aufgelistet habe, ist da doch in der Tat noch Bedarf. Welche Filmbloggerinnen und -autorinnen kennt Ihr also noch, die eine Verlinkung wert wären? Immer her mit den URLs in den Kommentaren!

Noch ein, noch viele 2010

Soll ich das wirklich auch noch machen, noch eine Liste mit guten Filmen, mit denen man dann mal mehr, mal weniger übereinstimmen kann? Und das alles mit dem Bewußtsein, so viele Filme gerade des ausgehenden Jahres nicht mehr rechtzeitig gesehen zu haben, weil viel zu viel anderes gerade erledigt werden mußte? Mit dem Wissen, daß ich The Social Network noch ebenso wenig gesehen hatte wie Des Hommes et des Dieux, unverpaßbar offenbar beide?

Aber das ist ja wurscht, die Fragen waren bereits gekommen, die Listen sind publiziert: meine besten Zehn und schwächsten Drei des vergangenen Kinojahres sowie, der variatio halber, meine fünf liebsten Animationsfilme.

Aber schreit die Welt nicht nach Originellerem, nach einem filmischen Zusammenschnitt etwa, noch einem, oder noch einem filmischen Essay? Einer ist davon besser als das andere, aber ich kann da ebenso wenig mithalten wie viele andere, die stattdessen, nicht weniger berufen, die besten 10 Horrorfilme des Jahres besingen, die besten Filmszenen beschreiben oder schlichtweg: die am besten besprochenen Filme zusammenstellen.

So viele Möglichkeiten also, ein Jahr zu sehen, gesehen zu haben. Im Endeffekt zählt vor allem, daß man im Kino war, am Bildschirm, vor der Leinwand, mit eigenen Augen gesehen hat.

Meinem Kinojahr 2010 bin ich dankbar:

  • Für meine Love-on-first-sight mit dem Giallo, vor allem Argentos Profondo Rosso, aber auch Suspiria und Inferno, nicht zuletzt aber und in Extension des Gesagten, Amer.
  • Für das Vergessen, daß sich doch recht schnell über die Details solcher Machwerke wie Transformers: Revenge of the Fallen, Killers, Knight & Day, Fase 7 oder Skyline legt.
  • Für die Festivalbesuche in Gérardmer, vor allem aber Sitges, das nicht nur mit filmischen Perlen in größerer Stückzahl aufwarten konnte (Confessions, Red, White & Blue, Secuestrados, Super, Rare Exports: A Christmas Tale, Stake Land, La Casa Muda), sondern vor allem mit herzlichen, wunderbaren Menschen.
  • Für ein paar großartige Dokumentarfilme, vor allem Ulrike Ottingers Prater (von ihr selbst, Eyjafjallajökull sei Dank, vorgestellt) und Alle meine Väter von Jan Raiber.
  • Für ein paar großartigen Zeitreisen in die 1920er Jahre. (Danke, Marcel! Danke, Martin!)
  • Für meine Verwunderung darob, wie humorlos Menschen darauf reagieren, wenn man eine Komödie mit Kindern aus Gründen nicht leiden kann: daß ich also noch nicht völlig zynisch verhärtet bin.
  • Dafür, daß ich Shutter Island nicht so gut finden mußte wie alle anderen, und The Ghost Writer auch nicht.
  • Vor allem aber dafür, daß ich zumindest in diesem Jahr all dies meine Arbeit nennen durfte.

(Ominös fehlend ist in meiner oben verlinkten Bestenliste übrigens Kynodontas aka Dogtooth, und eigentlich auch Splice. Für die müßte irgendwo noch Platz sein.)

Frauen/Männer im Arthouse- und Actionkino

Weil mich das Thema eh‘ fortwährend beschäftigt (kürzlich in Bezug auf Splice sowie auf das A-Team und die Losers, derzeit wieder in den Predator-Filmen – mehr dazu nächste Woche) und weil ich gerade aus dem in dieser Hinsicht sehr anstrengenden Killers komme, dessen Besprechung um eine Geschlechterperspektive nicht herumkommen wird –

– deshalb also der Verweis auf zwei Texte, die mir in den letzten Tagen untergekommen sind. Ein Text von Ines Walk zu Actionhelden in der Krise vom vergangenen Januar, der die Krise der (vor allem männlichen) Actionhelden anhand verschiedener Einflüsse zu beschreiben versucht. Sowie dann, mit ganz anderer Blickrichtung, Cristina Nords Gedanken zum Frauenbild im aktuellen Arthouse-Kino.

Es ist, als seien diese Filme in einer Zeit stecken geblieben, die von der Gegenwart und ihren Konfliktlinien nichts wissen will – von der Diskussion zum Beispiel, ob Emanzipation schon dort geglückt ist, wo ehrgeizige Frauen ihren Weg machen.

Frauen am Rande des Kampfgeschehens

Einige Gedanken zu Geschlechterbildern in The A-Team und The Losers.

a-team

In meiner Besprechung von The A-Team (demnächst jetzt bei critic.de) bin ich nur sehr am Rande darauf eingegangen, welche Nebenrolle Jessica Biel als Charisa Sosa dort spielt: sie gibt die Ermittlerin des Verteidigungsministeriums, die dem „A-Team“ auf der Spur ist und schließlich mit den Protagonisten gemeinsam gegen die Machenschaften der CIA anarbeiten wird.

Natürlich hätte diese Rolle, die in der Original-Fernsehserie nicht vorkommt, genauso gut von einem Mann ausgefüllt werden können. (Der Film ersetzt „Colonel Lynch“, den Arnee-Ermittler aus der Serie, durch die CIA, deren Agenten sich alle Lynch nennen, während die Armee zumindest in Person von Sousa eigentlich auf der Seite des A-Teams steht – näher zu betrachten, welche politischen Verschiebungen sich daraus ergeben, hier die Armee als neutral bis freundlich darzustellen, während wieder einmal die Geheimdienste (Verschwörung! Verschwörung!) als Quell des Bösen dastehen, überlasse ich einem anderen Text.)

Sicher wurde Biel auch angeheuert, um dem anvisierten Zielpublikum nicht nur Waffen und Muskeln, sondern auch etwas schöne Weiblichkeit präsentieren zu können; zugleich hat Sosa innerhalb der Filmkonstruktion die Aufgabe, die Heterosexualität der Protagonisten zu zeigen und zu bestätigen – wird doch diegetisch Sosas Bereitschaft, mit dem A-Team zu sympathisieren, wesentlich damit begründet, daß sie eine längere Liebesbeziehung mit „Faceman“ (Bradley Cooper) hatte, die (natürlich) emotional noch lange nicht abgehakt ist. Biel/Sosa ist damit gewissermaßen so etwas wie ein Gegengewicht zur Erotik der Waffen-, Muskel- und Schweißmännerkörper.

a-team

Diese Körper sind in The A-Team (und auch in The Losers) natürlich nicht so unironisch-panzerartig inszeniert, wie es seinerzeit die 1980er-Actionfilme von Stallone und Schwarzenegger vormachten – denen dabei zugleich auch der Männerkörper als Spektakel, als Schauobjekt unterlief. Für zumindest jene feministische Theorie, die die Position des Objektes filmhistorisch den Frauen zuschrieb, eine Feststellung, die nach einer Neubewertung geradezu schrie, fielen doch hier aktives Subjekt des (diegetischen) Handelns und passives Objekt der Betrachtung (durch die Zuschauer_innen) in eins.

Hier ist nun alles, aber auch alles Spektakel – die Actionszenen schon in einem Maße, daß die ersten Kritiker im massiven Einsatz von CGI das Ende des Actionfilms herannahen sehen – je spektakulärer und unrealistischer die Szenen würden, desto weniger sie also in der Realität verankert seien, umso mehr riskiere man, daß sie das Publikum kaltließen. Aber das ist hier nicht das eigentliche Thema.

Auch die Männerkörper, darauf will ich zunächst hinaus, sind hier Spektakel und Schauobjekte, aber zum einen fällt das nicht weiter auf, weil eben alles hier gutgelauntes, laut wummerndes Spektakel ist, und zum anderen ist sich der Film dessen fortwährend bewußt und spielt damit. Am offensichtlichsten ist das daran zu sehen, wie Faces/Coopers Körper permanent ausgestellt wird und wie viel Zeit der Film damit verbringt, die Zurichtung dieses Körpers auch zu zeigen. Dabei geht es interessanterweise praktisch nie um physisches Training, also das Herstellen der Körperform, sondern immer nur um Szenen, in denen Face seinen Körper bräunt. Die Metrosexualität mit all ihren Schönheitszwängen auch für Männer ist also spätestens mit diesem Film im Actionkino angekommen.

Natürlich war Face immer schon der Schönling im „A-Team“, insofern ist das konsequent. Aber auch die Körper der anderen Protagonisten sind Spektakelträger: Nicht nur sind sie alle in Körperbau und Frisuren den Hauptfiguren der Fernsehserie angeglichen und damit mehr Platzhalter als eigenständige Figuren, sie sind auch über ihre „Rangers“-Tätowierungen körperlich markiert.

So sehr die Männerkörper in The A-Team Spektakel werden, so wenig sind sie aber als physische Körper von Bedeutung. Das liegt nicht nur daran, daß die computergenerierten Effekte eine geradezu ätherische Qualität annähmen, die aller menschlich machbaren Realität enthoben sei – ich bin mir nicht einmal sicher, daß diese Perspektive konsequent durchzuhalten wäre. Aber in The A-Team gibt es, darin ist der Film dann doch fast schon wieder familienfreundlich, weitaus weniger direkte, physische Gewalt zu sehen, etwa aufeinanderprallende oder geöffnete Körper, als dies in Actionfilmen heute sonst oft geschieht, etwa in Filmen wie Kick-Ass oder auch in The Losers.

Letzterer Film ist direkter in seinem Einsatz menschlicher Körper. Das gilt schon für die Kämpfe, die früher oder später fast immer zu Nahkämpfen werden, und in denen es sogar, anders als beim „A-Team“, gelegentlich auch unter den Protagonisten Verletzte gibt. Und es gilt auch für die Liebesszenen zwischen Clay (Jeffrey Dean Morgan) und Aisha (Zoe Saldana), die nicht einmal unbedingt im klassisch-erotischen Sinne körperlich aufgeladen werden, sondern immer kurz davor stehen, sich in physische Auseinandersetzungen zu verwandeln (und dies auch mehr als einmal tun). (Und nicht ganz am Rande: Sollte Hollywood tatsächlich langsam sein Widerstreben gegen Liebesszenen mit Menschen unterschiedlicher Hautfarbe verlieren? Es wäre ja langsam an der Zeit.)

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Das deutet aber auch schon an, in welchem Maße The Losers anders mit der einen nennenswerten Frauenfigur im Film umgeht als The A-Team. Während Sosa wenig mehr ist als erotische Phantasie – so wenig in der Realität verankert, daß sie in einer Szene bei einem Verfolgungseinsatz in High Heels auftaucht – und auch wenig mehr als ausführende Kraft des „A-Teams“, stets eher reaktiv als aktiv, die den Überblick über die Situation nicht aus eigener Kraft herstellen kann, gilt genau dies Aisha für nicht, im Gegenteil: Sie hat von Anfang an einen deutlichen Informationsvorsprung gegenüber den „Losers“, und das macht sie, da sie ihre Informationen nicht freizügig teilt, zu einer durchaus zwiespältigen Figur.

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Vorträge: Gefährliches Kino

Auf dem Kolloquium Gefährliches Kino, das am vergangenen Wochenende in Berlin stattgefunden hat, war ich zwar leider nicht, aber Thomas weist dankenswerterweise darauf hin, daß heute nicht nur ein kurzer Tagungsbericht von Andreas Resch in der taz erschienen ist, sondern daß auch zwei der Vorträge von Stefan Höltgen aufgenommen wurden und nun bei Vimeo zu sehen sind:

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Texte zu Filmstarts (3. Juni 2010)

Zu den Filmstarts dieser Woche habe ich so einige Texte veröffentlicht. In der aktuellen Deadline findet sich eine Besprechung von Repo Men von mir (ein Film, kurz zusammengefaßt, der ästhetisch wie inhaltlich weit unter seinen Möglichkeiten bleibt), und bei critic.de habe ich mich zu Street Dance 3D geäußert.

Vor allem aber habe ich in einigen Texten mit dem ziemlich großartigen Science-Fiction-Monsterstreifen Splice von Vincenzo Natali (Cypher, Cube) beschäftigt. Ich hatte den Film bereits im Februar beim Festival in Gérardmer gesehen und dann für kino-zeit.de und blairwitch.de besprochen.

In Gérardmer hatte ich dabei auch Gelegenheit, ein ausführliches Interview mit Natali zu führen – wir haben über die Genetik als logische Weiterentwicklung der menschlichen Evolution gesprochen, darüber, wie man Biohorror machen kann, ohne permanent David Cronenberg zu zitieren sowie über die Frage, ob Nerds nicht erwachsen werden wollen. Das Interview sollte im Laufe des Tages ist bei Telepolis zu lesen sein, den Audiomitschnitt (auf Englisch, ungekürzt und mit Spoilern) stelle ich demnächst hier ins Blog.

Für die taz habe ich mir zudem anläßlich des Filmstarts von Splice noch ausführlich Gedanken gemacht zu Tiermenschen, Gentechnik und Reproduktion im Horrorfilm. (Frei online einsehbar ist der Text vermutlich nur heute.)

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Enchanted (2007)

Die Grundidee von Enchanted ist ja eine durchaus verspielte: Was wäre, wenn man die klassische Disney-Cartoon-Konstellation von Prinzessin, Prinz und „happily ever after“ mal in eine Realwelt entläßt und dort mit dem nicht gerade Musical-artigen Leben in New York konfrontiert?

Das Problem des Ergebnisses ist dann vielleicht: Daß dabei immer noch zu sehr Disney herauskommt, viel zu kinderfreundlich, viel zu glattgespült und viel zu vorhersehbar. Natürlich ist Prince Charming nicht der Prinz ihres Herzens, und natürlich wird Giselle (Amy Adams ist wie immer zauberhaft, aber das macht es hier eher noch schlimmer) alle Herzen ringsum erweichen und mit Liebe erfüllen. Etwas mehr Anarchie hätte diesem Film gut getan, echte Konflikte und derlei raue Realitäten. Oder einfach nur: mehr als nur eine Bollywood-esque Sing- und Tanzeinlage quer durch New York.

Immerhin ist die Parallelisierung von Real- und Trickfilm hier sehr schön gelungen: Die Trickfiguren sehen ihren Entsprechungen im Realfilm sehr ähnlich, und Susan Sarandon ist so wüst hergerichtet, daß sie auch realiter problemlos als jede böse Stiefmutter in Disney-Trickfilmen durchginge. Und auch wenn der Film sich am Ende nicht so recht traut, die Geschlechterfrage offensiv anzugehen (Giselle ergreift zwar das Schwert, ein wirklicher Kampf sieht aber anders aus), so sind es doch durchgehend die Frauen, die hier die Männer beschützen oder mindestens viel eher kapieren, was eigentlich gerade passiert.

Aber es geht ja auch um Herzensdinge. Damit paßt dann wieder alles.

Chicken Little (2005)

Natürlich ist Chicken Little ein allenfalls durchschnittliches Beispiel dafür, was der moderne Animationsfilm aus Hollywood so kann und will; vor allem hat er einige ganz erhebliche dramaturgische Schwächen, die ihn auch dort unnötig episodenhaft bemüht scheinen lassen, wo das gar nicht nötig wäre.

Es sind aber halt alle Ingredienzien da, die so ein „Familienfilm“, wie das ja gerne heißt, wenn vor allem Kinder gemeint sind, gemeinhin braucht: Die Underdog-Geschichte, die hier halt eine Underchicken-Geschichte ist, vom schwächlichen Schlaumeier, der im Sport nicht reüssiert (bzw. dann vielleicht doch – aber das ist eher ein schwachbrüstiger Gewinn, im Großen und Ganzen) und dem aber eine Crew von eigentlich schon fast überzeichneten Misfits zur Seite steht, Außenseiter also allesamt.

Das alles ist nur leidlich lustig und spannend; worin sich Chicken Little aber so richtig ins Zeug legt, das sind die fortwährenden Anspielungen auf andere Filme, auf Back to the Future, King Kong, War of the Worlds und all das; da wird auch gerne mal die Wand zum Kinozuschauer für ein Spiel mit Raiders of the Lost Ark durchbrochen.

Darüber hinaus ist der Film von Mark Dindal, der auch The Emperor’s New Groove verantwortet hat (seinerseits ein massiv unterbekannter Film voll subversiven Humors, wenn meine Erinnerung nicht zu trübe ist), auch über’s Filmgeschehen hinaus pop culture-savvy: Da gibt es von Aliens gemachte Kornkreise, Lemminge stürzen sich in der von Tieren bewohnten Stadt aus Mangel an Klippen von der Parkbank – und der Laptop hat als Signet eine Eichel (das Wahrzeichen des Ortes) und verkündet: „Sie haben eine Hass-E-Mail“.

Sicher, das geht alles nicht so schnell und locker von der Hand wie in Cloudy With A Chance of Meatballs, aber der ist ja auch einfach sehr, sehr, sehr gut.