Gérardmer 2010 – Amer

(Update: Vollständige Besprechung jetzt hier im Blog.)

gerardmer_logoAmer, so geht meine Vermutung, ist unter den Wettbewerbsfilmen in Gérardmer bislang vermutlich derjenige, der das Publikum am effektivsten spaltet, in voraussehbar drei Teile: Diejenigen, die das Ganze prätentios und ohne erzählerischen Mehrwert finden, diejenigen, die sich nach einer Weile langzuweilen beginnen, und schließlich diejenigen, die bis zum Schluß mitgerissen sind.

Ich gehöre, ich gestehe es gerne, zur letzten Gruppe, mit einigen Zweifeln an meiner Überzeugung in der Mitte. Will sagen: Das ist ein toller Film, intensiv, erotisch, gruselig; die Geschichte ist nicht besonders originell (um die geht es auch gar nicht) und der Gestus wirkt zunächst wie experimentelles Avantgardekino, ist aber doch eigentlich etwas anderes: will wohl etwas sein wie ein filmischer Stream-of-Consciousness.

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In drei Teile gliedert sich der Film, Kindheit, Adoleszenz und Erwachsensein, wir folgen Ana (gespielt nacheinander von Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud und Marie Bos) oder vielleicht eher: wir sehen, was sie sieht und fühlt, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups, rätselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise überstrahlt, fast immer mit selektiv verstärktem Ton. Geräusche sind das: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schlüssels im Schloß, eine zufallende Tür, knarzende Holzbohlen.

Drei kurze Ereignisse werden da in den Fragmenten berichtet, jedenfalls bastelt man sich das so zusammen, ganz sicher kann man nicht sein: Elliptisch und selektiv ist das Bild, aber daß es sich nicht von selbst zusammenfügt, uns keine leichte Erzählung anbietet, ist Pro- wie Psychogramm.

Ist das Erinnerung? Die Bilder aus der Kindheit sind am fremdartigsten, gruselig und stellenweise furchtbar, die Eltern seltsam fern, eine ganz in Schwarz gehüllte Haushälterin kümmert sich um den just verstorbenen Großvater. Dann Adoleszenz: hier ist alles andeutungsvoll, ein Ausflug mit der Mutter ins Dorf (wird sind wohl auf einem Landhaus in der französischen Provinz), da versteht der Film alles sexuell aufzuladen, mit Atemgeräuschen, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schweißtropfen. Und vielleicht führt der Schluß das sogar alles zusammen.

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Fertig bin ich mit Amer jedenfalls noch lange nicht, für eine einigermaßen konsistente Kritik brauche ich noch ein bißchen Bedenkzeit. Schön ist jedenfalls alleine schon der Vorspann, der in Musik, Schriftzügen und Splitscreens die 70er aufleben läßt – und doch schon den dem Film eigenen Ton zu etablieren versteht.

(Und über die möglichen Beziehungen zum Giallo auch ein andernmal.)

Geschichten vom Altern

Wie es ein bißchen der Zufall, mehr aber noch die deutschen Kinotermine so wollen, starten in den nächsten zehn Tagen gleich drei Filme, die ich für critic.de besprochen habe, und die sich auf ihre spezifische Art und Weise mit dem Altern und den Folgen für Liebe und Sexualität auseinandersetzen; zwei tun das in der Form romantischer Komödien, eine indirekter und im Rahmen eines Actionfilms.

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Foto: Walt Disney Pictures

Damit meine ich natürlich Surrogates (meine Kritik), ein Bruce-Willis-Vehikel, das sich IMHO unter Wert verkauft und viel mehr hätte sein können, als letztlich im Kino zu sehen ist – zum Beispiel eine wirklich spannende Fernsehserie. Aber das ist nur meine erstmal isolierte Meinung. Neben der vordergründigen Mordgeschichte geht es in Surrogates vor allem um die Frage, ob es wünschenswert ist, daß wir unsere so vergänglichen und immerzu vergehenden Körper für den Alltag durch technische Surrogate (Real-Life-Avatare, wenn man so will) ersetzen; und exemplifiziert wird das eben an der von Willis verkörperten Hauptfigur, dessen Ehefrau sich ihres realen Körpers schon so sehr schämt, daß sie damit ihrem Mann nicht mehr gegenübertreten mag.

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Foto: Universal Pictures

So weit würden die Figuren von Meryl Streep und Alec Baldwin in It’s Complicated (meine Kritik) wohl keinesfalls gehen. Denn obwohl sie beide wahrlich nicht mehr jung sind, haben beide zu einem spielerischen und selbstironischen Umgang mit dieser Unvollkommenheit des menschlichen Daseins gefunden. Wobei Streep und Baldwin natürlich, trotz Speck und Falten, beide immer noch unverschämt gut aussehen. Funken schlägt der Film dennoch auch aus dem Alterungsprozeß, auch wenn die Beziehung zwischen Jake und Jane (so heißen, seriously, die beiden Hauptfiguren) Quelle noch weitaus größerer Komik ist. Aber in welcher Komödie führt ein versuchter Liebesakt schonmal zu einem Hausbesuch eines Arztes?

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Foto: Movienet

Für Ariane und Hugo steht das jedenfalls noch nicht an, dafür sind sie noch zu jung. Aber das Ehepaar in De l’autre côté du lit (meine Kritik) ist jedenfalls auch nicht mehr jung und nicht mehr so verliebt wie früher, woran auch die zwei Kinder mitschuldig sein könnten, und so gibt es dann allerhand Händel und Auseinandersetzungen. Und zwischen den von Sophie Marceau und Dany Boon gespielten Protagonisten ist das Alter nur insofern ein Thema, als es für weitere Spitzen im häuslichen Kampf herhalten kann. Aber Teenagerprobleme haben die beiden nicht mehr, sondern einigermaßen erwachsene – das Genre der Romantischen Komödie wird doch nicht etwa einen Reifungsprozeß erfahren?

Destruktionsporno!

(Spoiler voraus. Der größte Teil davon, wie beim Eisberg, unter der Oberfläche.)

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Unter Weltzerstörung, zumindest drohender, macht Roland Emmerich es ja scheinbar nicht mehr. Das stimmt natürlich nur für die sichtbarsten seiner Filme, The Day After Tomorrow, Godzilla und natürlich Independence Day, und wahrscheinlich ist es gut, daß er für seine Blockbuster so viel Aufwand betreibt: Es dauert immer eine Weile, bis der nächste Destruktionsporno fertig ist, sonst ginge die Welt noch öfter unter.

Das endgültige Finale steht uns nun also angeblich für 2012 bevor, und auch wenn am Schluß scheinbar alles nicht so schlimm war – Dude, die Erdkruste mag sich zwar lösen und verschieben, aber schon nach einem Monat Weltuntergang ist auch das wieder vorbei, der Himmel ist blau und die See ruhig -, ist 2012 vielleicht doch der furchtbarste Zerstörungs-Emmerich bisher, vor allem ist er auf bisher kaum im Kino sichtbare Art eines: anmaßend.

Denn natürlich spielt jeder Filmemacher, jede Filmemacherin immer damit, eine Welt neu zu erschaffen, aber nur wenige gehen dabei so kālī-mäßig allzerstörend und neufassend vor wie Roland mit dem schwer durchdringenden deutschen Akzent. (Immerhin ist er ironisch genug, einen Schwarzenegger kaum ähnlich sehenden kalifornischen Gouverneur im Film nicht weniger hart österreichisch klingen zu lassen.)

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Jennifer’s Body (2009)

Update 13.11.2009: Dieses sehr lesenswerte Portrait von Megan Fox, das zugleich eingehende Analyse ihrer star persona ist (und ihrer eigenen Rolle in der Herstellung derselben) läßt meine letzten paar Absätze unten durchaus noch ein bißchen weiter ausgreifend schillern. Unbedingt empfehlenswert.

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Ich habe mich schon einigermaßen ausführlich auf critic.de zu Jennifer’s Body geäußert, für den ich nach wie vor und auch nach längerem Nachdenken sehr gemischte Gefühle hege.

Ein paar Gedanken und Anmerkungen habe ich, vor allem aus Gründen der Textökonomie, für den Text weggelassen, darauf möchte ich hier noch kurz eingehen. (In der Kritik stehen alle Basisinformationen, auf die ich mich z.T. beziehen werde, die eine oder der andere wird die also vorher lesen wollen… ;-) )

Ein Nebenaspekt, der mir ganz gut gefallen hat, ist die Auseinandersetzung mit dem Post-9/11-Gedenkkitsch, die hier zunächst frontal thematisiert wird und später in der Art und Weise aufgeht, mit der die Menschen von Devil’s Kettle (den gleichnamigen Wasserfall, der im Film eine Rolle spielt, gibt es übrigens tatsächlich) das Gedenken an die Toten des Feuers in der Bar und an die ermordeten jungen Männer praktizieren.

Es beginnt mit einem 9/11-Cocktail, den Jennifer den Bandmitgliedern von „Low Shoulder“ anbietet – in den amerikanischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot, aber man muß schnell trinken, bevor sich die Farben zu einer braunen Suppe vermischen. Das geht dann weiter damit, daß das Gedenken an das Leiden anderer explizit zur Gemeinschaftsbildung dienen soll – inklusive „inoffizieller Hymne“, natürlich von „Low Shoulder“.

Die Art und Weise, wie der Cocktail präsentiert wird, manifestiert die distanzierte Haltung des Films zu solchen Mechanismen, und die Fortsetzung dieses Themenstrangs durch den ganzen Film ist deshalb sicher kein Zufall. Möglicherweise habe ich dabei noch einige Stellen übersehen, an der sich der Film kritisch auf Konzepte wie Nation oder Gemeinschaft bezieht – für entsprechende Hinweise wäre ich sehr dankbar.

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Genevieve/ScarletScribe hat ausführlich argumentiert, warum sie Jennifer’s Body für einen feministischen Film hält; ich bin allerdings noch nicht vollständig von den Argumenten überzeugt.

Natürlich trifft es zu, daß es hier zwei weibliche Hauptpersonen gibt, die nicht nur ausführlich miteinander reden, sondern die auch Interessen haben und miteinander Teilen, die nichts mit Männern zu tun haben – der Film erfüllt also in doppelter Hinsicht den Bechdel-Test, einen möglichen Indikator für Sexismus im Film. (Daß die beiden dennoch an Männern interessiert sind, wenn auch mit unterschiedlichen Motiven – Liebe, Nahrungsaufnahme – spielt dabei keine Rolle.)

Aber genügt es schon, daß ein Film nicht sexistisch ist, um ihn feministisch zu nennen? Es gibt wahrlich nicht genug Filme, die starke Frauen so in den Vordergrund rücken und bei denen auch noch Regie und Drehbuch in Frauenhand liegen, alles heftige Desiderata, aber eine explizit oder implizit politische Position des Films erscheint mir für eine solche Einordnung doch wichtig. Oder sind wir feministisch schon so ausgehungert, daß ein nicht-sexistischer Film gleich als politisches Statement gelten muß?

Oder versteckt sich hier ein politischer Film, und ich habe es nur nicht so genau bemerkt? Ich lasse mich da gerne auf Details oder große Linien aufmerksam machen.

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Stark finde ich an Jennifer’s Body die Art und Weise, wie der Film und Megan Fox mit Fox‘ star persona spielen, denn natürlich ist sie für diese Rolle nahezu perfekt besetzt, gilt sie doch als „Sexbombe“ mit großer Klappe und wenig Hirnschmalz. (Daß sie ihre Rolle nicht mit etwas mehr Tiefe auszustatten weiß und vielleicht wirklich keine besonders talentierte Schauspielerin ist, ist eine andere Sache.)

Hier liegt, glaube ich, auch ein Punkt in dem sich Genevieve in ihrem oben verlinkten Text irrt: Denn natürlich kann man Fox‘ Jennifer dafür kritisieren, daß sie sich selbst als Sexualobjekt wahrnimmt und so wahrgenommen werden will. Allerdings ist sich Jennifer zugleich sehr darüber bewußt, daß sie aus der Umsetzung dieser Haltung heraus etwas erlangt, was man wohl, mit etwas begrifflicher Toleranz, als agency bezeichnen könnte: Aus der Rolle als Sexualobjekt gewinnt sie (schließlich auch noch verstärkt durch ihre Dämonenkräfte) eine Machtposition, die sie zu eigenem Handeln ermächtigt. Ihr Körper ist dabei das Mittel ihrer Wahl.

Daß sie sich dabei gleichzeitig in Abhängigkeit von Anderen, von gesellschaftlichen Schönheitskonventionen etc. begibt und nur innerhalb dieser Kontexte existieren kann, ist davon unbenommen; so einfach sind diese Machtzuweisungen nicht, daß man ohne solches auskäme.

Der Film fällt im übrigen nicht in die Falle, Jennifer nur aus diesen Machtstrukturen heraus ernst zu nehmen; dem entzieht er sich, indem er vor allem Needys Perspektive einnimmt.

Nicht zuletzt deshalb richtet sich der Film womöglich wirklich zunächst an Frauen; bzw. an Menschen, die an Freundschaften zwischen Frauen interessiert sind. Insofern liegt das Marketing für den Film, wie mir scheint, weltweit völlig daneben, wenn es sich immerzu auf Jennifer in sexuell anzüglichen Posen konzentriert; selbst das Werbematerial des deutschen Verleihs gibt kaum Bilder her, in dem Jennifer und Needy gemeinsam zu sehen sind.

Fotos: 20th Century Fox

In Kürze: Whiteout, The Tournament, Get Smart

Ich habe ja auch nicht immer Zeit, Gelegenheit oder Interesse, etwas Längeres zu schreiben…

Whiteout (2009)

Diese Comicverfilmung ist insgesamt wenig aufregend, mitreißend oder auch nur bemerkenswert, obwohl man vielleicht aus der Idee – der erste Mordfall in der Antarktis! – noch etwas mehr hätte machen können. Wirklich schön ist eine Kampfszene mitten in einem winterlichen Antarktisschneesturm. Ohne allzu großes Aufhebens wurde vorher eingeführt, daß man sich auf der Forschungsstation bei schlechtem Wetter nur von einem Gebäude zum anderen fortbewegen darf, wenn man sich vorher an einer der über das Gelände gespannten Sicherheitsleinen eingeklinkt hat, weil man sonst bei Sturm schnell vom Weg abkommt, wo man („Whiteout„) außer Schnee nichts mehr sieht.

Für einen Kampf mit Pistolen und dann schließlich Fäusten, Füßen und Eispickeln führt das zu inszenatorisch durchaus interessanten Einschränkungen, auch wenn Dominic Sena daraus womöglich noch mehr hätte machen können. Warum sich Ms Beckinsale zu Anfang des Films allerdings fast ganz ausziehen muß, ist mir allerdings nicht so ganz klar. (Natürlich, eine warme Dusche hat man immer gern in der Antarktis, und ihre Verletzlichkeit und so – aber ehrlich, das ist nur Schaulustbefriedigungswillen. Oder sagen wir: Sexismus?)

The Tournament (2009)

Schon die Handlungsprämisse von The Tournament hat mehr Löcher in ihrer logischen Struktur als ein durchschnittliches Opfer des titelgebenden Wettbewerbs in seinem Körper, aber ohne suspension of disbelief kommt man durch diesen Film sowieso nur kopfschüttelnd hindurch, oder man mag ihn gar nicht erst ansehen. Warum sollten sich dreißig hochbezahlte Auftragsmörder schon auf einen Wettbewerb einlassen, bei dem sie von ihresgleichen gejagt werden, und nur der Sieger überlebt und bekommt mickrige zehn Millionen Dollar? Nunja.

Auch sonst darf man nicht allzu großes Interesse an Logik und Sinn mitbringen, dafür ist The Tournament nicht so bemüht-komisch (und damit unwitzig) wie Smokin‘ Aces (meine Kritik), mit dem der Film sonst eine ganze Menge gemein hat – etwa die Ansammlung schlechtgelaunter Auftragskiller-Typen. Eher ist es selbstbewußtes, mit ernster Miene Schrott versprühendes Trashkino à la Doomsday (meine Kritik), und das ist ja zunächst gar nicht unbedingt etwas Schlechtes.

Get Smart (2008)

Eine ganz unterhaltsame James-Bond- und Agenten-Parodie ist das, sicherlich nicht brillant, aber allemal witziger als der gerade-so-okaye Johnny English. Ich kenne freilich die Originalserie nicht, die, wie mir zuverlässige Quellen berichten, noch um Längen besser sei.

Gut gefallen hat mir dabei vor allem natürlich die Tanzszene (bemerkenswert dazu die Position in Alas, a blog), die jeden Tanz in allen James-Bond-Filmen aufs präziseste persifliert, und der Wettstreit zwischen Maxwell und Agent 99 darum, wer die besseren Gadgets mitgebracht hat. Beides ist allerschönster Agenten-Schwanzvergleich.

(500) Days of Summer (2009)

Am besten ist diese nicht-romantische Komödie, wenn sie ganz bei sich ist, also eigentlich ein Film-Film. Denn so sehr der Film mit seinen Zeitsprüngen, Zwischentiteln und all den anderen Gadgets auch seine filmische Natur hervorwendet und ausstellt, so sehr er sich in Bezügen und Verweisen auf The Graduate austobt, so leicht verliert er sich dann doch darin, allzu bekannte Szenerien aus romantisch gemeinten Komödien wiederzukäuen, ohne sie wirklich zu transzendieren.

Um so wunderbarer dann die durchgehend und entschlossen alberne, spielerische, leider viel zu kurze Tanzeinlage voller Musical- und Filmzitate:

(Natürlich wird das Glück sofort im Anschluß an diesen Ausschnitt mit einem Schnitt und einer Zeitreise nach vorne wieder unterbrochen. So funktioniert (500) Days of Summer, jede allzu große Euphorie, aber auch jedes allzu großes Unglück durch Vorausschau und Erinnerung aushebelnd. Im Blick auf den Schluß macht ihn das sogar einigermaßen konsequent.)

Transporter 3 (2008)

Unter den bislang drei Transporter-Filmen (und, mal ehrlich, das reicht dann jetzt auch) ist Transporter 3 der womöglich am wenigsten aufregende und spektakuläre. Der erste Film brachte 2002 seinen Hauptdarsteller Jason Statham endlich ins Bewußtsein eines breiten Publikums, inzwischen hat es der Mann zum ungekrönten König des B-Actionkinos (viel Geld, viel Wums, aber eher nicht ganz so viel Anspruch) gebracht; gerne möchte man ihn mal Seite an Seite mit der Königin Milla Jovovich Sachen kaputtmachen und Tritte austeilen sehen.

Alle drei Filme stellen ihren Star aber immer schon in den Mittelpunkt des Geschehens, in Transporter 3 wird der Erzählung von Frank Martin/Jason Statham als Spektakel und Sehenswürdigkeit aber ein Aspekt besonders betont, der meiner Erinnerung nach in den anderen beiden Filmen keine solche Rolle spielt: Der weibliche Blick.

Die Älteren unter uns werden sich an eine der klassischen Positionen der feministischen Filmwissenschaft erinnern, die, mehr oder minder frei nach Laura Mulvey („Visuelle Lust und narratives Kino“; Originaltext als PDF) und arg reduziert, den Blick als männlich beschreibt; Aufgabe der Frau ist es, angesehen zu werden.

Daß die Verhältnisse etwas komplizierter sind, hat auch Mulvey selbst inzwischen beschrieben; insbesondere der männliche Körper im Actionkino muß auch unter dem Aspekt betrachtet werden, daß er als Spektakel ausgestellt wird; so sehr der Mann Agens sein mag, er ist immer auch das Objekt des (unseres) Blicks.

Transporter 3 präsentiert ihn aber zusätzlich noch als Objekt des weiblichen Blicks. Hier etwa bei Frank Martins ausgedehntem Kampf während eines Zwischenstops auf dem Weg nach Budapest. Valentina (Natalya Rudakova) blickt zunächst amüsiert zu.

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Als Martin sich dann im Verlauf des Kampfes seines Hemdes entledigt (um es sogleich als Waffe einzusetzen, versteht sich), wirkt sie deutlich interessierter.

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Viel später kommt sie in den Besitz des Autoschlüssels und zeigt ihr vorher gewecktes sexuelles Interesse dadurch, daß sie ihn strippen läßt, wovon er nicht besonders begeistert ist.

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Bemerkenswert ist hier übrigens, daß hinter Martin immer sein Auto noch zu sehen ist, trotz einer wilden Verfolgungsjagd durch Wald und Gebüsch so makellos wie der Mann, der es fährt. Fetisch, anyone?

Transporter 3 inszeniert sehr explizit die Umkehrung der Blickrichtung zur Perspektive der (natürlich heterosexuell gedachten) Frau und spart sich dankenswerterweise auch, die eh knapp bekleidete Protagonistin ihrerseits entkleidet zu zeigen.

Man sollte diesen Perspektivwechsel allerdings keineswegs damit verwechseln, daß sie etwa zur aktiv handelnden Figur im Geschehen würde; das Gegenteil ist der Fall. Valentina ist stets nur passives Objekt; sie ist „the package“, im Grunde der MacGuffin des Films. Ihr Beitrag zur eigentlichen Handlung ist praktisch Null, sieht man einmal davon ab, daß ihre sexuelle Initiative dem Protagonisten eine Sexszene ermöglicht, ohne daß dieser von sich aus (evtl. gar aggressiv) aktiv werden müßte. Das dient natürlich auch der (ethischen) Positionierung der Figur als edlem, keuschem Ritter; zugleich aber betont es nur noch einmal, wie sehr der Film ganz und gar Spektakel ist.

Fotos: Screenshots von der DVD/Universum Film

District 9 (2009)

Zu District 9 ist im Grunde schon von sehr vielen auch vermutlich alles gesagt. Peter hat just noch einmal auf die vielen Einflüsse hingewiesen, die Regisseur Neill Blomkamp verarbeitet hat, von Carpenter bis Cronenberg; ein Science-Fiction-Film ist das geworden, der den Horrorfilm inkorporiert, von Bodyhorror bis hin zum Splatter. Gerade letztgenanntes Element war in meiner Wahrnehmung auch überraschend stark vertreten (Produzent Peter Jackson dürfte da klammheimlich Freude gehabt haben), und natürlich war auch dies mit ein Grund dafür, warum so viele Rezensent_innen bekunden, zum Ende hin von dem Film etwas enttäuscht worden zu sein, weil der Film seine dokumentarische Perspektive zugunsten einer eher gewöhnlichen Actionhandlung aufgab.

Wie ebenfalls Peter in seiner Kritik anmerkt, bleibt District 9 aber auch in den Actionszenen geradezu dokumentarisch im Stil; bei den ersten Wechseln aus dem Dokumentarfilm-im-Film (der ja nie ein ganzer Film ist, sondern nur im Sinne des Gesamtfilms herausgerissene Szenen) bedarf es immer eines Moments der Orientierung, bis klar ist: dies ist Spielfilm bzw. in der Filmlogik: ungefilmte Realität – oder eben: dokumentarisches Material.

Mir hat das gut gefallen, weil es auch filmisch den Status des Dokumentarischen problematisiert, der im Laufe von District 9 auch noch dadurch in Frage gestellt wird, daß sich dokumentarisch und realistisch inszenierte Szenen (for lack of a better Gegensatzpaar) inhaltlich zum Teil widersprechen, der Wahrheitsanspruch von „Dokumentation“ also implizit noch in Frage gestellt wird.

Das ist sicherlich keine originelle, wegweisende Medienkritik (jeder bessere Dokumentarfilm schließt ja heute schon die Infragestellung seiner eigenen Realitätsbeschreibung mit ein), für einen massentauglichen Genrefilm mit viel spritzendem Blut aber sicher auch nicht ganz egal.

Entscheidender sind da schon die Fragen, die damit über Motivation und Ziel der „Dokumentation-im-Film“ gestellt werden, die District 9 über die sowieso vorhandene, sehr sichtbare (und möglicherweise eher problematische und in der Darstellung der nigerianischen Gangster und Prostituierten vielleicht wieder sehr rassistische) Allegorie auf Apartheid und Rassentrennung hinausheben.

Listenweise Filmjahre

Nahezu jede Bestenliste, jede Empfehlungsliste oder, o Graus!, jeder Filmkanon in Listenform beginnt, so man sich auf dem Gebiet des sich als anspruchsvoll wahrnehmenden Filmjournalismus oder auch nur -schreibens bewegt, mit einem Dementi: Eine solche Liste sei ja immerzu unvollständig, subjektiv, nicht abschließend, also mangelbehaftet und eigentlich, wenn nicht Teufelszeug, so doch überflüssig.

Aber wenn sie erscheinen, die Listen der Sight and Sound oder Steady Cam, liest man sich doch interessiert durch die Meinung der anderen.

Schreibt also Sascha zu Beginn und Einführung seiner Listenreihe bei critic.de, wo er also nun aus den Jahren 2000 bis 2009, jeweils mit einigen Tagen Abstand, seine persönlichen (und gewollt subjektiven) besten Filme des jeweiligen Jahres vorstellen wird und zugleich das Publikum (uns, mich, Dich) zur Abstimmung einlädt.

Und weil critic.de mein Leib-, Magen- und Hausblatt ist (ich bin, um das zu explizieren, Autor und Mitglied der Redaktion), lade ich ebenfalls. Zu den Jahren 2000 und 2001 gibt es bereits Saschas Listen, weitere folgen. Der Newsletter hält auch über diese Aktion auf dem Laufenden.

Auch Peter hat sich die Mühe gemacht, jahreweise Lieblingsfilme, die „Filme seines Lebens“, auszusuchen.

Anfangen möchte ich mit meinem Geburtsjahr, von dem ich weiter in die Gegenwart bewege. Und nach Zusammenstellen der Top 10 muss ich feststellen, daß ich einen guten Jahrgang als Start gewählt habe.

In seiner Reihe sind bisher die Jahre 1973 und 1974 schon online und natürlich auch kommentierbar und dürfen sicher gerne durch eigene Favoriten ergänzt werden.

Fame (1980)

Wenn man einen Anlaß bräuchte: Das Remake von Fame ist schon angekündigt und wird wohl im September und Oktober über europäische Kinos herfallen. Bestimmt ist das ein guter Moment, um die DVD mit dem Original einzulegen und sich noch einmal daran zu erinnern versuchen, was man daran eigentlich so toll fand. Oder auch sich vorzunehmen, in den nächsten Wochen eine ganze Reihe von Musicalfilmen zu sehen, die mir z.T. auch bisher entgangen waren. (Auch als schöne Abwechslung zu den Zombiefilmen, die aus ganz anderen Gründen demnächst auf dem Programm stehen. Aber ich schweife ab.)

Damals in den letzten Jahren des vergangenen Jahrtausends in Bonn geschah es mir irgendwann, daß ich in einer Straßenbahn saß (das Welche, Wann genau und Wohin spielt hier keine Rolle) und eine große Gruppe von Schüler_innen, vor allem junge Damen, lautstark „I sing the body electric“ sang – und am Ende forderte der Fahrer über Lautsprecher von den anderen Fahrgästen den verdienten Applaus ein.

Das war eine Szene, an die ich natürlich bei Fame immer denken muß. Der Film hat es offenbar tief genug ins kulturelle Gedächtnis geschafft, um zumindest eine Zeitlang Stoff für Schulmusicals abzugeben. Eingängig genug ist die Musik allemal, die Figuren sind in einem ähnlichen Alter, und der Stoff, die Kämpfe junger Schauspieler_innen und Tänzer_innen (die Musiker_innen sind zwar auch dabei, aber doch eher Randfiguren), ist eh‘ ein international wirksamer Evergreen. Man denke nur an Save the Last Dance (2001) oder Un paso adelante (2002-2005); aber der Beispiele wären mehr.

Der Film braucht eine Weile, um in seinen Rhythmus zu finden, das sehr Episodenhafte, Fragmentarische wird er aber nie los. Am Anfang, während der Audition-Szenen, sind es immer nur Bruchstücke von Unterhaltungen und Selbstdarstellungen, die man zu sehen bekommt, später wird das eingängiger, nachdem sich auf der Handlungsebene die Beziehungskonstellationen gefunden und verfestigt haben. Trotzdem hat man hier das Gefühl, einem Ensemblefilm zuzusehen, der nie ganz zu einer Einheit zusammenwachsen will.

Vielleicht liegt es ein wenig auch daran, daß Fame, was zugleich sehr sympathisch ist, keine klare, eindeutige Richtung nimmt und sich nicht darauf einläßt, irgendein Erfolgserlebnis als ultima ratio zu feiern; am nächsten kommt dem allenfalls die obligatorische Schlußnummer („I sing the body electric“!), bei der alle sich dafür feiern, daß sie es trotz widriger Umstände bis zum Abschluß geschafft haben. Und dann blendet der Film ab, als die Herausforderung der bösen Außenwelt, vor der im Film so wortreich gewarnt wird, gerade erst heraufdämmern. (Dafür gibt es dann A Chorus Line.)

Spaß macht Fame natürlich immer noch, aber das liegt vor allem an der Musik, die wiederum wahrscheinlich einen gehörigen Nostalgiebonus auch noch mitbringt. Von den Figuren bleibt, Papptypologieumsetzungen, die sie sind, fast nichts im Gedächtnis. Aber es gibt ja weitaus Schlimmeres als sinnentleerte, schöne Erinnerungen.

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Das Remake arbeitet wohl nicht zuletzt mit einem etwas renovierten und aufgemotzten Musikrepertoire, wenn der Trailer hierzu schon Aussagen zuläßt. Interessant wäre aber sicher, ob er auch das doch recht charmingly verranzte New-York-Bild des Originals überarbeitet und vor allem: mit welchen Körperbildern er arbeitet. (Was ich meine z.B.: das geradezu obszöne Frauenkörperbild im Musikvideo von Geri Halliwell in ihrer Neufassung von It’s Raining Men im Vergleich zum Original mit den Weather Girls von 1982. Wobei ersteres in seiner Inszenierung natürlich zum Thema paßt.)