FFF 2011: meine Empfehlungen

Heute abend beginnt in Berlin das anschließend durch die Republik tourende Fantasy Filmfest in seinem 25. Jahr. Wie auch im vergangenen Jahr möchte ich vorab ein paar Empfehlungen und Warnungen aussprechen zu den Filmen im Programm des Festivals, die ich bereits vorab habe sehen und besprechen können. (Die Links führen jeweils zu meinen ausführlichen Kritiken.)

Meine dringendste (und wiederholte) Empfehlung gilt dabei Super von James Gunn, mit Rainn Wilson und Ellen Page, einer hochintelligenten, ungewöhnlichen und stellenweise sehr schwarzen Komödie über einen Real-Life-Superhelden.

David Mackenzies apokalyptisches Drama Perfect Sense (mit Eva Green und Ewan McGregor) ist ebenfalls ein Must-See – eine ruhige und überhaupt nicht sensationsheischende Parabel über die Conditio Humana, wenn die Menschheit schrittweise dem Untergang entgegengeht.

Für Freundinnen und Freunde des Thrillergenres empfehle ich vor allem zwei französische Produktionen: Point Blank (À bout portant) von Fred Cavayé und The Prey (La proie) von Eric Valette.

Stake Land ist ein ungewöhnlicher Vampirfilm, eher ein apokalyptisches Roadmovie, und damit (aber gekonnt) eine Parabel über die amerikanische Gesellschaft der nicht-apokalyptischen Gegenwart. Auf jeden Fall einen Blick wert.

Und dann sind da noch: Hideaways von Agnès Merlet, eine Fantasyromanze für ein eher jugendliches Publikum, Jérôme Salles zweites Largo-Winch-Actionabenteuer, Largo Winch II: The Burma Conspiracy (ausführliche Kritik erscheint in Bälde hier) sowie, für Fans der Reihe, das Prequel zu Cold Prey, Cold Prey 3 – The Beginning (Fritt Vilt III).

Eher abraten würde ich von dem Geiseldrama The Assault (L’assaut) von Julien Leclercq, von der IMHO völlig unkomischen „apokalyptischen Komödie“ Phase 7 (Fase 7) aus Argentinien sowie schließlich von dem franko-kanadischen Terrorstreifen Territories von Olivier Abbou.

Wie auch 2011 werde ich hier im Blog natürlich auch kurze oder längere Kritiken zu verschiedenen Filmen veröffentlichen, die ich im Laufe des Festivals sehe; unter anderem sind das voraussichtlich (in ungefähr alphabetischer Reihenfolge): Cat Run (Trailer) von John Stockwell, Xavier Gens‘ The Divide, der Eröffnungsfilm Don’t Be Afraid of the Dark, F von Johannes Roberts, Final Destination 5 (Trailer; hier meine Gedanken zum bisher letzten Film der Serie), The Innkeepers von Ti West, Norwegian Ninja, der israelische Horrorfilm Rabies (Kalevet), Saint von Dick Maas, Lucky McKees The Woman (der mit reichlich Vorschußlorbeeren aus Sundance kommt) sowie Yellow Sea von Hong-jin Na, dem wir bereits den durchaus hervorragenden Chaser verdanken.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: La proie (2011)

Thriller machen, das können sie in Frankreich. Mit À bout portant und La Proie sind dort in den letzten Monaten zwei wirklich sehr sehenswerte Jump-and-Run-Vertreter dieses Genres gestartet, die nun auch beide auf dem Fantasy Filmfest zu sehen sind – beide wären aber auch in der regulären Kinoauswertung wirklich gut aufgehoben.

[filminfo_box]

La proie ist ein rechter Verfolgungsthriller, in dem viel gerannt, gesprungen und gelegentlich geschossen wird. Das bleibt nicht vollständig im Bereich des Realistischen; Eric Valette hat hier einen Protagonisten in die Welt gesetzt, dessen Durchhaltewillen und -vermögen, psychischer wie physischer Natur, schon ins leicht Übermenschliche tendiert – aber man will ja im Kino auch gerne außergewöhnlichen Menschen dabei zusehen, wie sie außergewöhnliche Dinge tun.

Und Franck Adrien (Albert Dupontel) ist genau das: Er ist auf jeden Fall kein gewöhnlicher Held, keine leichte Identifikationsfigur. Er ist nicht unbedingt klassisch gut aussehend, und der Film bemüht sich anfangs sehr darum, zu Dupontels harten Gesichtszügen durch Kleidung und Frisur noch abschreckende Merkmale hinzuzufügen. Der Mann sitzt gerade ein, und offenbar nicht unschuldig – aber er müht sich um ordentliches Verhalten, denn er möchte heim zu Frau und Tochter. Weil er sich aber einmischt, wenn im Gefängnis andere geschlagen werden, gerät er in Konflikt mit den Gangs dort und den Wärtern – und dann wird er schon einmal rasch sehr gewalttätig.

Dann bekommt er einen neuen Zellengenossen: Jean-Louis Maurel (Stéphane Debac), der immerzu seine Unschuld beteuert. Eine eher schwächliche Gestalt ist er, Franck schützt ihn vor einem Übergriffen, und als Jean-Louis tatsächlich entlassen wird, gibt ihm Franck einen Brief für seine Frau mit. Natürlich ist Jean-Louis, dieser Saubermann und Leisetreter, in Wirklichkeit etwas ganz anderes: Ein Psychopath und Serienmörder, viel gefährlicher als das Rauhbein Franck – und als er das erfährt und befürchten muß, daß seine Frau und seine Tochter in Gefahr sind, nutzt er die erste Gelegenheit zur ziemlich gewaltsamen Flucht.

Für die Polizei ist aber dennoch Franck natürlich der gefährliche, flüchtige Gewalttäter, und die junge Polizistin Claire Linné (Alice Taglioni) heftet sich an seine Fersen. Es beginnt dann ein ziemlich aufregendes Hund-und-Katz-und-Maus-Spiel, das Valette, der hierzulande vor allem durch One Missed Call (und ein wenig vielleicht auch durch seinen Politthriller Une affaire d’état) bekannt geworden ist (über seinen gräßlichen Film Hybrid wollen wir mal lieber den Mantel des Schweigens legen), über die ganze Dauer des Films auf ziemlich hohem Tempo zu halten weiß.

Man möchte mehr davon sehen.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: L’assaut (2010)

L’assaut von Julien Leclercq (Chrysalis) versucht sich an einer dramatischen Rekonstruktion eines Ereignisses, das seinerzeit für Frankreich eine recht traumatische Erfahrung war: Die Entführung des Air-France-Flugs 8969 am 24. Dezember 1994 durch ein Kommando der Groupe islamique armé (GIA) und die Anstrengungen bis zur gewaltsamen Beendigung der Geiselnahme zwei Tage später auf dem Flughafen von Marseille.

[filminfo_box]

Der Film konzentriert sich im Wesentlichen auf drei Personen: den Anführer der Terroristen (Aymen Saïdi), ein Mitglied der Spezialeinheit Groupe d’intervention de la Gendarmerie nationale (GIGN) (Vincent Elbaz) und eine aufstrebende Mitarbeiterin (Mélanie Bernier) der an der Befreiung beteiligten französischen Ministerien.

Die drei stehen in keiner persönlichen Beziehung zueinander, und das macht womöglich schon ein dramaturgisches Problem des Filmes aus: Daß nämlich für Persönliches, für subjektive Motivationen und Interessen, kaum Platz bleibt. Stattdessen gibt es, außerhalb der durchaus spannenden Actionsequenzen und anderen Standardmomenten, die das Entführungs-/Terrorismusgenre so bringt, vor allem fast schon stereotype Handlungsmuster zu sehen.

Die Terroristen sind von ihrer Sache überzeugt (auch wenn nie so recht klar wird, was diese Sache genau ist), die Passagiere sind ängstlich, die Polizisten mutig (und haben natürlich Familie). Der Film ist fast durchgehend in blauschwarzen Tönen gehalten – eine Wahl, die für die mechanistischen Momente des Ablaufs sehr passend erscheint – also die Vorbereitungen der Spezialeinheit, die Spielereien der Politik -, aber immer dann stört, wenn der Film versucht, doch so etwas wie Emotionen zu beschwören.

In der französischen Presse ist der Film öfters mit United 93 von Paul Greengrass verglichen worden – allerdings meist nicht unbedingt zugunsten von L’assaut.

http://www.youtube.com/watch?v=wGhUfK688MI

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: Hideaways (2011)

James Furlong (Harry Treadaway) kommt aus einer Familie mit seltsamen Eigenschaften: Sein Großvater erblindete für einige Minuten, wann immer er an Sex dachte, und sein Vater setzt in Momenten der Furcht sämtliche Elektronik um ihn herum außer Gefecht. Bei James, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, zeigt sich seine besondere Eigenschaft erst recht spät – und bestürzend: Wenn er verletzt ist oder Todesangst hat, stirbt alles um ihn herum, Gras, Kühe, Menschen.

[filminfo_box]

Es ist also vielleicht kein Wunder, daß er sich, nach dem Tod seines Vaters und seiner Großmutter sowie einer Katastrophe im Waisenhaus, in das er anschließend gebracht wurde, im Wald verkriecht, fern von anderen Menschen. In seine Hütte stolpert dann aber eines Tages, da ist er schon fast erwachsen, die gleichaltrige Mae-West O’Mara (Rachel Hurd-Wood) – sie hat gerade erfahren, daß sie von ihrem Darmkrebs – ebenfalls ein Familienerbstück – nicht mehr genesen wird und ist erstmal in den Wald geflohen, um aus der Reichweite ihrer Mutter und der Ärzte zu sein.

Der übersinnliche Todesbringer und die Todgeweihte – natürlich ergeben die beiden ein hübsches Paar, und natürlich wird Mae-West (benannt nach dem Filmstar – alle Menschen hier sind etwas seltsam, etwas un-realistisch, etwas fantastisch) den scheuen James becircen, und er sie. Dazu gibt es schöne Naturbilder (vergehend, sterbend und wieder werdend) und einen leicht skurril gehaltenen Off-Kommentar, der sich dann für große Teile des Films einfach stillschweigend verabschiedet.

Das alles ist ein wenig schmalzig, aber schön, und in seiner Auflösung sehr, sehr bald vorhersehbar und angenehm jugendtauglich-fantasyhaft. Oder, wie es Kollege Thomas so treffend formulierte:

Könnte aber was für all die Teenies sein, die gerade über Twilight hinaus wachsen und abgeholt werden wollen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: Territories (2010)

Ein ziemlich politisches Thema hat sich Olivier Abbou da für seinen ersten Langfilm ausgesucht – und der trägt dann seine Botschaft doch ein wenig allzu deutlich vor sich her. Eine Gruppe junger Leute ist in Territories auf dem Weg von einer Hochzeit in Kanada zurück in die USA; weil es bequem ist und vielleicht auch, weil einer ein kleines Päckchen weicher Drogen dabei hat, nehmen sie eine kleine Nebenstraße – und geraten natürlich doch prompt in eine Grenzkontrolle.

[filminfo_box]

Allerdings sind die Grenzbeamten doch etwas seltsam und recht aggressiv – und nach einer sehr unangenehmen Überprüfung findet sich die Gruppe auf einmal mitten im Wald wieder, in viel zu kleinen Käfigen eingesperrt und in orangen Overalls.

Die Paralleleln zur Behandlung der Gefangenen in Guantánamo sind hier schon überdeutlich (spätestens die Overalls drücken die Bilderpolitik des Films mit Wucht auf die Netzhaut), aber sie tun dem Film in dieser Offensichtlichkeit nicht besonders gut. Die ersten zwanzig, dreißig Minuten des Films sind unglaublich dicht: Da werden in der Kontrolle alle möglichen Formen von Vorurteilen, Rassismen und Psychospielchen durchdekliniert, wandelt sich die mehr oder minder harmlose Situation zu einem Moment intensiven Psychoterrors, der sich erst zu physischen Demütigungen steigert und schließlich in einer ersten Katastrophe kulminiert.

Danach aber geht dieser wohlstrukturierte Schrecken verloren, verliert der Film an Konzentration und Eigenständigkeit – da vertraut er zu sehr auf die bekannten Bilder, mit Befragungscontainern, den Overalls und Käfigen. Weder gelingt ihm ein komplexeres Bild der Opfer noch eine wirklich befriedigende Auseinandersetzung mit den Tätern. Im letzten Drittel des Films schließlich verliert der Film scheinbar alles aus den Augen, was er vorher aufgebaut hat – als ob Abbou und seinem Mitautor Thibault Lang Willar nichts rechtes mehr eingefallen sei, weshalb sie noch schnell einen drogensüchtigen Privatdetektiv erfunden haben, um den Film auf dann letztlich viel zu lange 110 Minuten zu bekommen.

Andererseits aber könnte das auch der allerdings eher mißlungene Versuch sein, eine fast schon zu elaborierte Parabel darüber zu erzählen, wie Amerika seine völkerrechtswidrig Gefangenen aus den Augen verliert und sich stattdessen in Drogenrausch und eigenen Problemen verliert, während die eigentlich Verantwortlichen weiter machen wie bisher.

http://www.youtube.com/watch?v=W9k2TGJCHuw

Foto: Fantasy Filmfest

The Woman

[filminfo_box]

Der neue Film von Regisseur Lucky McKee, der in Horrorfankreisen wohl vor allem durch seinen May bekannt ist. Eine Familie sperrt eine „Wild Woman“, eine Art weiblichen Kaspar Hauser, die sie im Wald angetroffen haben, in ihre Scheune. Es folgt ein Rape-Revenge-Szenario der wohl etwas eigenen Art. Wird auf dem Fantasy Filmfest 2011 zu sehen sein.

(via)

Super (2010)

Dieser Text ist ursprünglich in der Splatting Image Nr. 84 erschienen.

„Shut up, crime!“

Frank D’Arbo ist ein äußerst durchschnittlicher Mann, weder mit einem spektakulären Körper noch mit besonderen Geistesgaben gesegnet. Das Haar wirkt schon etwas schütter, der ganze Kerl ein wenig teigig – aber er ist, wie seinen Kollegen und Bekannten immer wieder auffällt, trotz oder wegen seines schlichten Gemüts ein grundguter Mensch.

Rainn Wilson ist nicht gerade der erste Schauspieler, an den man denkt, wenn die Rolle eines Superhelden zu besetzen ist, aber Super, in dem aus dem unauffälligen Frank der kostümierte „Crimson Bolt“ wird, will natürlich auch kein gewöhnlicher Superheldenfilm sein. Er fällt in vermutlich zeitgeistiger Synchronizität fast gleichzeitig mit Filmen wie Watchmen, Kick-Ass und Defendor auf die Leinwände der Welt. Offenbar ist es nun, da das Kino von Batman über Hulk bis Spiderman die klassischen Heroen der Popkultur in unzähligen Comicverfilmungen, Remakes, Reimaginings und Reboots verwurstet und implizit mehr und mehr dekonstruiert hat, sich der Anziehungskraft dieser Figuren einmal aus der Perspektive des Rezipienten zu stellen. Was wird aus Max Mustermann, wenn er sich ins Kostüm wirft? (Hier sind zwei Clips aus dem Film, die erste Antworten geben.)

[filminfo_box]

Die genannten Filme haben natürlich ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. (Und die eigentlich radikalste, auf jeden Fall menschenfeindlichste Antwort fehlt in dieser Reihung, weil Bekmambetovs Wanted [meine Kritik] sich auf die in Millars Comicvorlage angelegte Superhelden-/Superbösewichte-Geschichte nicht einlassen wollte: Da wird der Held nämlich zum so gesetzlosen wie moralfreien Supermörder.) James Gunns Super ist von den drei Filmen Defendor wohl darin am nächsten, daß er bewußt auf eine Überhöhung seiner Protagonisten verzichtet und sich ebenfalls eher für die Entwicklung seiner Figuren interessiert als für den Karneval der Kostüme.

Franks „Crimson Bolt“ ist aber dennoch – anders als der von Woody Harrelson verkörperte „Defendor“ – ein Kind des Comics. Frank beschließt, zum Superhelden zu werden, um seine geliebte Sarah (Liv Tyler) zu retten, die sich von dem Drogendealer Jacques (Kevin Bacon) abhängig gemacht hat. Seine Recherche nach Superhelden, die auch ohne Superkräfte und teure technische Gadgets ihrer Arbeit nachgehen, führt ihn in den nächstbesten Comicladen. Dort lernt er Libby (Ellen Page) kennen, die bald hinter sein Geheimnis kommt und sich ihm als Sidekick „Bolty“ andient, um nicht zu sagen: aufdrängt.

Page spielt in Super brachial gegen das in ihren letzten Filmen oft dominante Image der schlauen, gern auch altklugen Göre an, indem sie es zuerst zu bestätigen scheint, und dann alles aus Libby herauskitzelt, was in ihr an psychotischem Verhalten angelegt sein könnte. Sie verkörpert damit aber bis an die Grenze des Erträglichen genau jenes Dilemma, vor das Frank bald auch gestellt sein wird: Daß nämlich der Superheld, die Superheldin sich zwar (vielleicht) für den Erhalt der ethischen und gesetzlichen Ordnung einsetzen mag, daß er sich aber zugleich immer über sie stellt – diese Flucht aus den Beschränkungen des „normalen“ Lebens ist Libbys eigentlicher Antrieb.

Damit stellt Gunn in seinem Film die beiden extremen Auslegungen des Superheldendaseins – der eine mit dem quasi-religiösen Auftrag, das Böse zu bekämpfen, die andere mit der selbstverschafften Erlaubnis, die mit geradezu kindlicher Begeisterung Auslauf begehrende Sex- und Gewaltsau rauszulassen – in seinen Figuren einander zur Seite (und zugleich ist er zu klug, um die Eigenschaften so scharf voneinander abzugrenzen, wie es zunächst scheinen mag).

Super zielt damit – den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit trägt der Film ja schon im Titel vor sich her – auf eine Dekonstruktion des traditionellen Superhelden an, allerdings eben nicht von innen, wie es die besseren unter den jüngeren Superheldenfilmen tun, sondern indem er, gewissermaßen von außen beginnend, die moralischen Grundlagen des Superhelden aus ihren Motivationen heraus befragt, überhaupt erst das Kostüm anzulegen.

Moralinsauer geht es dabei aber nie zu. Denn so wie es Gunn in seiner Webserie PG Porn bereits erprobt hat, so erweist er sich auch hier als begnadeter Virtuose von Ton und Geschwindigkeit. Mal läßt er seine Protagonisten minutenlang hinter einem Müllcontainer verharren, während sie darauf warten, daß irgendwo ein Verbrechen geschieht. Dann wieder verwendet Gunn Elemente des Comics – nicht nur Verweise darauf –, um die Handlung ins Cartoonhafte zu überzeichnen und fügt mit „The Holy Avenger“ eine völlig wahnwitzige Figur ein, die die Handlung überhaupt erst in Fahrt bringt. Vor allem aber nimmt er in Momenten, in denen man es nicht erwartet hätte, plötzlich das Tempo weg (oder legt richtig zu) und wechselt die Tonart völlig abrupt von Moll auf Dur oder zurück.

Daß er damit den Zuschauer unter Umständen aus einer gefälligen Betrachtungssituation reißt, dürfte Gunn als eine mögliche Folge im Blick gehabt haben. In seiner Erzählung sind schließlich Gut und Böse auch nicht so einfach verteilt, daß man ganz ohne eigenes Nachdenken davonkäme.

Wenn die Geschichte am Ende wieder auf Sarah und ihre Beziehung zu Frank zurückkehrt – eine ganze Weile lang ist ihre Rettung nur vager Hintergrund für die Aktivitäten von „Crimson Bolt“ und „Bolty“ – dann rettet sie sich auch zuletzt nicht in ein schlichtes Happy-End. Stattdessen findet sich für Frank ein realistischer, vorstellbarer Ort. Wie „Defendor“ alias Arthur Poppington wurde auch er von einem Freund emphatisch als „good person“ beschrieben – die Guten aber sind eben immer ein bißchen zu gut für diese Welt.

À bout portant (2010)

Wer Paris ein wenig kennt, dem öffnet vielleicht wie mir dieser Film die Augen dafür, wie zwingend sich die Topologie dieses Raumes für die Verfolgungsjagd im Film eignet. Wie sehr die engen Gassen es vorstellbar machen, daß selbst durchschnittliche Menschen sich vom Balkon einer Straßenseite ins Fenster gegenüber werfen, wie die Dichte und Enge der ganzen Stadt es unnötig machen, eine Jagd als großes Abenteuer zu inszenieren, sondern es schon mit Jäger_innen und Gejagten zu Fuß, die Kamera stets dicht dabei, zu unglaublich aufregenden Situationen kommen kann.

[filminfo_box]

À bout portant entwickelt so in den Verfolgungsjagden seine Spannung schon aus der mise-en-scène, aus der Kameraführung und schlichtweg: Aus der zwingenden Notwendigkeit der Räume. Vor allem aber verfügt der Film über eine clever organisierte, immer weiterdrehende Handlung, mithin: ein wunderbares Skript von Regisseur Fred Cavayé und Guillaume Lemans, die bereits bei Pour Elle zusammengearbeitet hatten (der jetzt als The Next Three Days (Trailer) von Paul Haggis mit Russell Crowe und Elizabeth Banks neu verfilmt worden ist).

Ein unbekannter Mann (Roschdy Zem) wird nachts ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er auf der Flucht vor bewaffneten Verfolgern von einem Auto angefahren wurde. Später beobachtet der Krankenpfleger Samuel (Gilles Lellouche) einen Mann, der versucht, den Patienten umzubringen – kurz darauf wird Samuels hochschwangere Frau Nadia (Elena Anaya aus Hierro; meine Kritik) entführt: Er soll den noch immer Bewußtlosen aus der Klinik lotsen und zu einem Treffpunkt bringen, sonst werde Nadia sterben.

Es gibt dann in À bout portant noch einige Verwicklungen und Wendungen, das markante Gesicht Zems darf den Wandel vom Bösewicht zum keinesfalls unproblematischen Sympathieträger spiegeln, den seine Figur durchläuft, und natürlich ist bei der Polizei, das merkt man schon sehr früh, nicht alles so rosig, wie es scheinen mag. Die dortigen Verwicklungen lassen Cavayé dann reichlich Gelegenheit, Claire Perot in der Rolle als aufrechte, aber wütende Polizistin schön und herb zugleich in Szene zu setzen, als habe er noch Größeres mit ihr vor.

Am Schluß gibt es, da kommt die filmische Topologie wieder hervor, eine Katz- und Mausspiel durch eine große Polizeistation, eine fast typisch wirkende Pariser Behörde in einem Altbau, der nie zu diesem Zweck gedacht war, viel zu eng für die vielen Menschen und in diesen Filmmomenten noch gezielt überfüllt; ein großer Raum mit Kacheln auf dem Fußboden ist das Großraumbüro, in dem einfach viele Tische herumstehen. So geerdet und chaotisch geht es vielleicht wirklich zu, und mittendrin spielen sich unbemerkt in kleinen Zimmern Dramen und Kämpfe ab.

Stake Land (2010)

Dieser Text ist für die kommende Ausgabe der Splatting Image entstanden.

Postapokalypse now

Daß postapokalyptische Szenarien und das Roadmovie nicht nur im amerikanischen Film eine enge, manchmal fast schon symbiotisch wirkende Bindung eingegangen sind, liegt bei genauerem Nachdenken auf der Hand. Wo das Roadmovie ja in der äußeren die innere Bewegung sucht und verbirgt, so daß die Reise an sich, mit ihren Begegnungen und Auseinandersetzungen auf dem Weg Metapher und auslösender Impuls zugleich für die persönliche Entwicklung sein soll, da erzwingt parallel dazu das Motiv der postapokalyptischen Welt die Konzentration dieser Entwicklung auf eben das Wesentliche, die eigene Person: Wo sonst kaum Überlebende zu finden sind, muß man eben selber wachsen. Zugleich bietet die weitgehende Abwesenheit von Menschen zuweilen auch eine willkommene Gelegenheit, die gern verwendete episodische Struktur der Reise nicht nur zu begründen, sondern sogar noch besonders zu betonen. Die Leere des Raumes dazwischen bestimmt den Rhythmus des Wachstums und der Erzählung.

Die Beispiele für das apokalyptische Roadmovie sind Legion, von Mad Max (der freilich anderes im Sinn hat als das eben Beschriebene) reichen sie – mit ganz unterschiedlichen Erzählweisen – bis zu den jüngeren Versuchen wie The Road und The Book of Eli. Mit Stake Land geht Jim Mickle (nach Mulberry Street von 2006) nun in eine ähnliche Richtung – und auch wenn es nicht willkürlich erscheint, daß der Name des Films an Ruben Fleischers Zombieland (meine Kritik) erinnert, so ist doch die Erzählweise der beiden Filme grundsätzlich verschieden.

[filminfo_box]

Denn Stake Land, der auf dem Filmfestival in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, ist alles, nur nicht lustig, und die Reise der beiden Protagonisten kann deshalb natürlich auch nicht in einem „Amusement Park“ enden. Amerika und womöglich die ganze Welt sind, der Filmtitel läßt das erahnen, von Vampiren überrannt worden – wo sie herkommen, wie das ablief, all diese Fragen spielen keine Rolle. Stattdessen sind die Figuren ganz fundamental mit dem Überleben beschäftigt. Schon mit der ersten Szene bricht das auf die Leinwand ein, als „Mister“ (Nick Damici), dessen Namen wir nie erfahren, den jungen Martin (Connor Paolo) vor seinen eigenen Eltern rettet, die gerade erst gebissen wurden.

Von da an reisen die beiden gemeinsam durch das versehrte Land, und der Ältere lehrt seinen Ziehsohn alle Fertigkeiten, die er fürs Überleben braucht: Natürlich hilft er ihm vor allem, erwachsen zu werden. (Und: ein Mann. Deshalb muß der Film zu jenem Zeitpunkt enden, an dem er endet. Aber Stake Land macht daraus keine rückwärtsgewandte, gar reaktionäre Maskulinitätsphantasie, sondern erzählt womöglich eher einen Abgesang aufs Patriarchat. Aber davon später.)

Mister und Martin meiden die Städte, und ihr Amerika ist deshalb eines, in dem die Weite des Landes, seine endlos sich ausstreckende Natur eine enorme Rolle spielt. Lange bewegen sie sich mit dem Auto, aber in der zweiten Hälfte sind sie eine ganze lange Weile zusammen mit anderen Überlebenden zu Fuß quer durch bewaldete Berglandschaften unterwegs. Da wird der Mensch in der Tat auf eine Existenz zurückgeworfen, die grundlegend vormodern ist. Und so sehr ihm die technischen Relikte der industriellen Revolution – Autos, Waffen, elektrisches Licht – Hilfe und Rettung auch gegen die Vampire sein können, so sehr sind ihm zugleich geistige Überbleibsel dieser Zeit eine Gefahr.

Natürlich gibt es noch andere Überlebende im Amerika von Stake Land, die meisten sind nicht „on the road“ wie die Protagonisten, sondern haben sich in kleinen Ansiedlungen organisiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise organisiert sind. Das ist ein bißchen unübersichtlich – es gibt friedliche kleine Dörfer, wo abends zum Tanz aufgespielt wird, und militärisch durchorganisierte, ans faschistoide grenzende Camps. Wie mit einem Brennglas richtet Mickle die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den scharfen Kontrast zwischen diesen beiden Extremen – und beschreibt damit zugleich einen politischen Konflikt, der das reale, heutige Amerika berührt und zerreißt. Denn die militaristisch agierende Miliz, mit der Mister und Martin unweigerlich in Konflikt treten werden, ist zugleich von extrem religiösen Haltungen geprägt, die im Angesicht der gottlosen, ultimativ diesseitigen Postapokalypse doppelt überholt wirken; sie waren schon in unserer außerfilmischen Gegenwart veraltet.

Mickles Vampiren haftet nichts Metaphysisches an – sie sind Monstren, gewiß, die nicht unserer Welt, soll heißen: unserer Realität entstammen. Zugleich sind sie aber so fundamental irdisch, schleimig, animalisch, daß ihre Existenz eher so wirkt, als habe sich ein Spalt in der Welt aufgetan, von dem wir vorher nichts wußten. Das ist weit entfernt von den aristokratischen Figuren des klassischen Vampirfilms, von den eleganten Frauen in schwarzem Leder, wie sie die Underworld-Filme etablierten, und nicht einmal nahe an den rücksichtslosen Monstren aus 30 Days of Night (meine Kritik; und zum Sequel). Diese Vampire sind in ihrem rücksichtslosen Blutdurst den energischen Zombies von Zack Snyder näher als ihresgleichen je zuvor, und sie sehen auch nicht unbedingt viel besser aus.

Die furchtbarsten Feinde des Lebens sind aber eben nicht die Untoten, sondern die religiösen Fanatiker, die den Untergang der Menschheit vervollständigen wollen, und denen dazu wortwörtlich jedes Mittel recht ist: Sie wollen die Apokalypse vollenden, und es fällt schwer, darin nicht die christlichen Eiferer gespiegelt zu sehen, die den Nahostkonflikt befeuern wollen, um die Wiederkehr ihres Heilands zu beschleunigen. (Daß ausgerechnet der amerikanische Norden – Kanada!, wo es schon jetzt angeblich immer besser sei als in den USA – für Mister und Martin das Ziel ihrer Reise und Sehnsuchtsort ist, ist eine feine ironische Note im Gegenwartsbezug des Films.)

Natürlich wird sich der Konflikt bis zum Ende des Films noch personalisieren und fokussieren – und „Mister“, darin eben doch Woody Harrelsons Tallahassee aus Zombieland entfernt verwandt, ist dann der schwarze Ritter in dieser Geschichte, der Mann mit der offenbar (aber zugleich nie explizierten) gewalttätigen Vergangenheit, der sich aufs Überleben so gut versteht wie aufs Töten. Und der deshalb Schuld auf sich nimmt, um Martin – dem jungen Mann, der es besser als er vermag, mit anderen, Männern wie Frauen, gleichberechtigt zusammenzuleben – eine Zukunft zu ermöglichen. Oben in Kanada, wo vielleicht die Vampire etwas weniger zahlreich sind.

Fotos: Sitges Film Festival