Und das Weibsbild, das hat Zähne …

Dieser Essay war am 18. Januar 2011 zuerst im Blog des International Comedy Film Festivals erschienen, das inzwischen offline ist. Anlass war das Screening des phänomenalen kleinen Meisterwerks Teeth. Der Text ist hier unverändert wiedergegeben.

Früher, da war die Welt noch in Ordnung. Da waren es Drei Männer im Schnee, die sich in komödiantische Verstrickungen begaben, und am Ende blieb nicht nur das soziale Gefüge zwischen Herr und Diener unangetastet, der junge Mann bekam auch noch die Tochter des Alten zur Frau. Und es gab natürlich Ein Pyjama für Zwei, in dem sich Rock Hudson und Doris Day zwar auf scheinbarer Augenhöhe begegnen – beide als Angestellte unterschiedlicher Werbeagenturen – aber dann schließlich doch sich die Frau dem Mann in den Arm wirft, und natürlich nicht umgekehrt.

Aber, ach, so sind die Zeiten nun nicht mehr. Heutzutage bleibt den Männern in den Komödien manchmal sogar nur die Rolle des sympathischen Losers, oft genug jedenfalls sehen sie sich mit aufmüpfigen Frauen konfrontiert, die ihnen die Position an der Spitze von Gesellschaft und Schöpfung streitig machen.

So ist das in Made in Dagenham (jetzt als We Want Sex in deutschen Kinos), in dem britische Arbeiterinnen sich dagegen wehren, das sie schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen; und so ist das auch, auf der anderen Seite der sozialen Verhältnisse, in Potiche (Das Schmuckstück) von François Ozon: Da muss die Frau eines Fabrikbesitzers eher notgedrungen als gerne die Zügel in der Regenschirmfabrik in die Hand nehmen – und dann will sie sie gar nicht mehr loslassen. (Ganz nebenbei ist Potiche ein Film, der zeigt, wie sehr und wie gut gelaunt die französischen Regisseure ihre Grandes Dames des Kinos zu inszenieren und zu feiern verstehen.)

Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Filme beide in der Vergangenheit spielen, in Welten zumal, die womöglich politisch und ideologisch noch etwas einfacher, durchsichtiger waren (oder jedenfalls im Film so wirken), mit klareren Grenzen und schärferen Regeln. Für soziale und politische Auseinandersetzungen der Gegenwart lassen sich meist nicht so entspannte Bilder und Wortgefechte finden, weshalb sie als zentrale Themen wohl noch am ehesten in schwarze Komödien Eingang finden – man denke nur an Four Lions – oder in humoristisch gedrehten Dokumentarfilme à la Michael Moore. In beiden Fällen aber nährt sich das Lachen aber wohl oft genug vor allem aus der Verzweiflung, wie schlimm die Verhältnisse wirklich sind.

Love is a battlefield

Das heißt nun aber keineswegs, dass die Frauen- und Männerbilder der Gegenwart kein Thema des Kinos wären – das Gegenteil ist selbstverständlich der Fall, nur wird eben in den allermeisten Fällen die Emanzipation selbst nicht thematisiert, wird, aufs Politische gesprochen, die Feminismusfrage nicht gestellt. Zugleich ist aber ein bestimmtes Genre wie womöglich kein zweites dafür geeignet, den Stand des Verhältnisses der Geschlechter zeit- und kulturgenau zu präsentieren: die Romantische Komödie.

Sie ist ja auch bestens dafür geeignet. In ihrer meistverbreiteten, heterosexuellen Variante steht ja gerade ein (Bald-, Nochnicht-, Nichtmehr-)Paar im Zentrum der Aufmerksamkeit, in dem zwar nicht durchschnittlich und typisch, aber eben doch: beispielhaft ein Mann und eine Frau aufeinander treffen. Mit ihnen treffen aber zugleich eben „die Verhältnisse“ aufeinander, Machtgefüge und Beziehungsmuster: Selbst wenn eine solche Komödie nicht dazu gedacht (und wahrscheinlich auch nicht geeignet) ist, die bestehenden Statūs Quo aufzubrechen, so sind sie doch dazu geeignet, sie zu repräsentieren, will sagen: aufzuzeigen.

Darin wird dann das eigentlich Exemplarische nämlich in der Tat schnell zu einer Form der Wirklichkeitsbeschreibung in allen Spielarten der Gegenwart: In den Actionkomödien Kiss & Kill sowie Knight & Day gab es zweimal schlanke, blonde Dummchen neben muskulösen Supermännern zu sehen; dagegen wirkt das widerwillige, seinen Teenagerjahren auch schon entwachsene Paar in The Ugly Truth geradezu emanzipiert, obwohl sie trotz oberflächlicher Verbesserungen nicht viel weiter sind als Hudson und Day es seinerzeit waren. Und dann wiederum gibt es ältere Herrschaften wie in It’s Complicated, bei denen die Unabhängigkeit der Frau von den Männern sich nicht aufs Materielle beschränkt.

Wenn man an eine Verbindung zwischen dem Kino und der Realität glaubt, wenn hier also auch ein wenig Weltbeschreibung geschieht, wird schon überdeutlich, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist wie früher, oder genauer: jedenfalls nicht mehr in einer Ordnung. Stattdessen stehen sich hier viele, auch widersprüchliche Lebensentwürfe gegenüber, fast wie im wirklichen Leben. Man kann das negativ postmoderne Beliebigkeit oder Orientierungslosigkeit schimpfen, oder sich über Vielfalt und Freiheit freuen. (Und natürlich gab es das früher auch schon. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Wenige Komödien haben solche Entwürfe in den letzten Jahren schöner und witziger aufeinanderprallen lassen als Will Glucks Easy A, in der die fabulöse Emma Stone als Olive zum Tratschzentrum ihrer High School wird, nachdem sie vorgespielt hatte, ein schwuler Freund habe Sex mit ihr gehabt. Konstrukt und Sympathien dieses Films stehen ganz in der Tradition der Highschoolfilme von John Hughes und haben wenig zutun mit Machwerken wie She’s All That, die die weibliche Hauptfigur ostentativ in den Mittelpunkt des Geschehens rücken, damit sich der Mann umso besser an sie heran entwickeln und bilden kann.

Easy A hingegen hat eine Protagonistin, die ihr Schicksal immer selbst in die Hand nimmt – und Jungs kommen darin zwar auch vor, aber davon lässt sie sich ihr Leben und ihr Denken nicht bestimmen. (Das coolste Elternpaar, das man im Kino seit langem zu sehen bekam, hat der Film außerdem.) Bei allem Gerede um Sex aber – denn darum geht es in den Gerüchten um Olive: mit wem sie wann, wie viel oder gar: für wie viel Sex hatte – weicht der Film der Sexualität seiner Protagonistin aber weiträumig aus. Ganz jungfräulich und damit höchst unbedrohlich ist die junge Dame – so kann sie auch der bösen Gerüchte ganz unschuldiges Opfer sein.

Vom Horror, eine Vagina zu haben

Es ist dann schließlich der Horrorfilm, der sich die vielleicht ehrlichsten Blicke ins gesellschaftliche Unbewusste erlaubt, der für Vorstellungen von weiblicher Sexualität, nicht zuletzt das Geheimnis von Schwangerschaft und Geburt, oft nur wenig angenehme Bilder findet – von Alien bis Splice, von Species bis Brain Dead geht es in komplexen Bild- und Gedankenwelten um Fortpflanzung und Mutterschaft von bedrohlich bis grotesk (und, die Älteren werden sich erinnern, schon in Psycho spielte das ja eine gewisse Rolle), während auf der anderen Seite eine Horrorkomödie wie Doghouse eine an den Haaren herbeigezogene Handlung verwendet, um das weibliche Geschlecht und seine Emanzipationsbestrebungen ordentlich in die Schranken zu weisen.

Teeth nun ist ein Film, der komische Elemente des Highschoolfilms nimmt und sie so mit groteskem Körperhorror vermischt, dass etwas ganz und gar Eigenes und Eigenartiges dabei herauskommt. (Er ist damit eigentlich sehr nahe am gefälligeren und zugleich zielloseren Jennifer’s Body von Karyn Kusama und Diablo Cody, dessen komödiantische Aspekte allerdings meist völlig unterschätzt werden.) Mitchell Lichtensteins Film erzählt von einer feministischen Selbstermächtigung, die ganz und gar direkt über die Sexualität der Protagonistin Dawn (Jess Weixler) vermittelt wird – aber anders als in vielen ähnlichen Geschichten wird die Frau hier nie wirklich zum Opfer.

Die Komik des Films liegt meines Erachtens gerade darin, dass er diese Erwartung durchbricht und seine Hauptfigur mit ganz eigenen Fähigkeiten ausstattet, die sie im Laufe des Films immer präziser und selbstbewusster einzusetzen versteht. Das Lachen richtet sich dann immer gegen jene, die noch glaubten, die alten Machtverhältnisse bestünden noch – während das Leben längst seinen eigenen, anderen Weg genommen hat.

Dawns erwachende Sexualität (ihr Vorname ist natürlich kein Zufall), mit der sie sich anfangs überhaupt nicht beschäftigen will, ist tatsächlich eine Gefahr – aber nicht die, vor der sie selbst sich immer gewarnt hat. Stattdessen stürzt sie den die Macht repräsentierenden (aber schon in der feministischen Theorie nie real besitzenden) Phallus ganz wortwörtlich, und mit ihm auch die Verhältnisse. Und wenn dann einer der vielen Männer im Film zu ihr sagt, wiederholend was so viele Vergewaltiger zu ihren Opfern schon sagten: „Your mouth is saying one thing, but your sweet pussy is saying something very different“ – dann bereitet er damit nur den Moment vor, in dem er merken muss, dass bei Dawn beide mit einer, sehr deutlich vernehmbaren Stimme sprechen.

„Meine Tochter wird im Müllsack reingezogen“ – Ein Interview mit Jessica Lynch

Es ist schon spät, nach der Premiere von Chained auf dem Fantasy Filmfest 2012, einer Q&A-Sitzung und einer ersten Runde Interviews, aber Jessica Lynch wirkt wach – da steckt sicher ein Teil Adrenalin, ein Teil Nikotin und ein Teil Jetlag drin – und lacht, laut und viel. Sie freut sich sehr, wenn man ihr sagt, wie gut und scary man ihren Film fand. Mitten im Gespräch, um Mitternacht, bekommt jemand unter dem Balkon des Berliner CinemaxX ein Geburtstagsständchen gesungen.

Erzählen Sie doch ein wenig vom Drehbuch und wie Sie zu dem Projekt gekommen sind.

Damian O’Donnells Drehbuch hat eine faszinierende Grundidee: Ein Serienmörder, Taxifahrer, ermordet die Mutter eines Jungen und behält den Sohn für zehn Jahre bei sich. Und am Ende stellt sich heraus, dass sein Bruder ihn dazu gebracht hatte, seine Frau zu ermorden, weil er mit einer anderen zusammen sein wollte. Aber das Skript war so exzessiv brutal, das hat mich überrascht. Ich habe die Produzenten gefragt: Warum habt ihr dabei an mich gedacht? – Na, sagten sie, du machst doch Gewalt. – Aber doch nicht so, nicht nur Gewalt! Es macht mich traurig, wenn es das ist, was die Leute glauben. Boxing Helena war ein Märchen, und in Surveillance geht es nicht um Gewalt um ihrer selbst willen, es ist ein Film über gewalttätige, gebrochene Leute, die die Gelegenheit haben, so eine Art Urlaub mit Mordserie zu machen.

Und dann haben sie mich gefragt, was würdest du denn daraus machen? Und ich sagte, naja, ihr habt die Geschichte gekauft, ich würde die Grundidee beibehalten, aber ich würde die Betonung viel mehr auf den Mörder und den Jungen legen, und dann erkunden, was diesem Typen als Kind zugestoßen ist. Im Grunde durfte ich schließlich das Drehbuch komplett umschreiben, und dann war es eher etwas, in das ich mich verbeißen konnte.

Sie haben erwähnt, dass es für sie um die Entstehung eines Monsters geht, also um die Charakterentwicklung des Monsters und des Jungen. Mein Eindruck war, dass sie sich sehr auf die Schauspieler verlassen haben, um diese Entwicklung rüberzubringen – und Vincent d’Onofrio ist wirklich unglaublich. Es ist eine Schande, dass er schon lange nichts so großes mehr gemacht hat.

Oh ja; er wird auch in meinem nächsten Film mitspielen. Er rief mich an und fragte: Warum bin ich nicht in deinem nächsten Film? Und ich sagte: Oh mein Gott, würdest du das machen? Und er sagte: Aber ja, was soll ich spielen? – Er ist einfach so gut.

Ich hasse es, wenn in Filmen zu viel erzählt wird. Es ist ein Film, ich will es sehen, zeigt es mir. – Vielleicht nimmt das Publikum das gar nicht wahr, aber der Name, der auf Bobs Brust tätowiert ist, ist „Joanne“, und im Flashback erfahren wir, dass das der Name seiner Mutter ist. Sie ist die erste Frau, mit der er geschlafen hat. Und ich sagte, Vincent, selbst wenn du das in dieser Szene nur denkst, es wird irgendwo auf deinem Gesicht auftauchen. Und so ist es. Ich habe mich stark auf die Schauspieler verlassen, ich habe ihnen gesagt, erzählt es mir nicht, zeigt es mir, sag es mir mit deinem Gesicht.

Mussten Sie viel mit Vincent d’Onofrio arbeiten, um an diesen Punkt zu kommen?

Er hat es schon nach den ersten Gespräche vollkommen verstanden. Und er hat mir sehr vertraut. Ich habe Vincent manches zugemutet – dann hatte ich eine Idee und sagte, Vincent, wie wäre es hiermit und damit. Und er sagte, Oh weh… Ich mach’s, aber nur einmal. Und ich sagte, Okay, das filme ich (lacht).

Er war sehr großzügig und mutig – das ist ja nicht einfach. Aber ich habe ihm gesagt, ich hab nicht vor, dich albern oder krank aussehen zu lassen, wenn du nackt auf einer Frau liegst, sondern es wird traurig sein. Es wird ein schockierendes Bild, aufgenommen von der Überwachungskamera: Da liegt er, weinend und voll Blut, auf diesem toten Mädchen. Und das ist alles, was wir wissen müssen.

Und er sagte, okay – einmal (lacht). Wir haben eine Menge gelacht. Keine Ahnung, ob wir das gemacht haben, um bei Verstand zu bleiben oder weil wir Spaß hatten. Es macht Spaß, Geschichten zu erzählen, es macht Spaß, Filme zu machen. Und manchmal war es nur witzig, weil wir wussten, das war jetzt wirklich sehr krank (lacht).

Es hat mir übrigens sehr gefallen, dass Sie eine Nanny Cam benutzt haben. Das ist krank.

Oh ja (lacht). Bob würde nicht einfach eine Kamera hinstellen, das sieht man ja die ganze Zeit. Dass die Kamera in einem Herz ist auf einem Teddy, das ist so falsch, dass es schon wieder richtig ist.

Wie war die Zusammenarbeit von Vincent d’Onofrio mit den jungen Schauspielern? Soweit ich weiß, hatten Sie sie vor den Dreharbeiten nicht persönlich getroffen?

Ich hatte sie vorher nur am Computermonitor gesprochen. Und Vincent und ich hatten uns vorher einmal getroffen, als ich Schauspieler für Boxing Helena castete. Er hat sich dann über mich lustig gemacht: Du hast mich damals nicht genommen, wirst du mich jetzt nehmen? – Und ich sagte: Vincent, du bist der einzige, den ich dafür haben will.

Vincent ist so liebenswürdig und großzügig; er ist ja selbst Vater. Er hat mit Evan [dem jüngeren Darsteller von Rabbit] gesprochen: Ich werde dich so und so anfassen, du wirst ganz sicher sein, aber ich werde so tun, als ob ich dich schüttele. Und den Mädchen – wir haben keine Stuntfrauen benutzt, das waren einfach Schauspielerinnen für die kleinen Rollen – hat er gesagt: Ich werde dich so anfassen, ist das in Ordnung? Ich werde furchterregend sein, wenn wir das machen, aber ich möchte, dass du weißt, dass du sicher bist. Sag mir, wenn es zu viel ist.

Mit Eamon, dem älteren Rabbit, kam er wunderbar klar. Ich habe Outtakes, die müssen auf die DVD, das ist unglaublich komisches, wunderbar dunkles Zeug, in dem die beiden zusammen kichern. Vincent ist einer der nettesten Leute, die sie in ihrem ganzen Leben treffen werden, und er ist, verdammt nochmal, super schlau. Wenn du „Action!“ sagst und ihm das Gefühl von Sicherheit gibst, dann wird er machen, worum auch immer du ihn bittest.

Wenn ich ihn jemals für ein Interview treffe, werde ich wahrscheinlich Angst vor ihm haben, weil ich ihn in Ihrem Film gesehen habe.

(Lacht.) Er wird begeistert sein. Er hat zu meiner Tochter gesagt: du schaust mich jetzt ganz anders an, weil du gesehen hast, wie ich all diese Leute umgebracht habe. Und sie antwortete: Nein, nein, nein, ich schaue aber immer so viel Law & Order und denke immer, du bist doch Detective Goren (lacht).

Sie haben Ihren Film tatsächlich Ihrer Tochter gezeigt?

Meine Tochter ist das Mädchen, das im Müllsack reingezogen wird. Sie ist auf jedem meiner Sets. Sie hat sich dran gewöhnt, sie fragt: Bedeckst du mich diesmal von Kopf bis Fuß in Blut? Sie liebt das.

Sie hatten ja Schwierigkeiten mit der MPAA wegen der Einstufung als NC-17.

Ja, ich war begeistert, hier die NC-17-Fassung zu sehen – aber ich glaube, was Sie heute Abend gesehen haben, war höchstens eine „R“-Einstufung wert. Nachdem ich Saw und Hostel und Texas Chainsaw Massacre gesehen hatte, auch Scream, die erscheinen mir diese Einstufung eher zu rechtfertigen. Man kann dann zur MPAA gehen und seinen Film wie in einem Gerichtsverfahren verteidigen. Deren Argument war: Es fühlt sich zu echt an, der Film ist zu erschütternd, kein Kind darf das jemals sehen. – Also, fragte ich, wenn ich es albern und sexualisiert gemacht hätte, dann könnte ich mir den Film mit meiner 16jährigen Tochter ansehen? Aber so kann ich das nicht, wenn ich als verantwortungsvoller Elternteil dazu sage, lass uns nach dem Film darüber sprechen, wie du dich verteidigen kannst? Nein, sagten die, wir finden, Sie haben einen tollen Film gemacht, aber wir glauben nicht, dass Kinder ihn sehen sollten.

Ich glaube, das ist totaler Quatsch. Man sieht sich doch keinen Film an, der einen Trailer wie diesen hat, und erwartet eine Komödie. Wenn ich mit Brad Pitt gearbeitet hätte, hätte ich vielleicht ein PG-13- oder ein R-Rating bekommen, aber weil Vincent wirkt wie dieser Typ, und Eamon und Evan wirklich wie Rabbit erscheinen, weil sie echt wirkende Charaktere in einer wirklich beängstigenden Situation spielen… Wissen Sie, ich habe nicht mit Stars, sondern Schauspielern gearbeitet, und dafür wurden wir bestraft.

In einer Besprechung von Chained vom Fantasia-Festival hat ein Kritiker geschrieben, dass Sie das Publikum, zusammen mit dem Jungen, in ein Stockholm-Syndrom hineinziehen. Und es stimmt ja: Man feuert ihn vielleicht nicht an, aber man fängt doch an, Bob zu mögen.

(Lacht.) Aber macht das nicht gerade Spaß? Denn das kommt unerwartet, und das wollte ich erreichten. Natürlich nicht, um etwas zu rechtfertigen – Bob muss sterben, er ist ein furchtbarer Mann. Aber wenn man ihn versteht, dann begreift man auch, wie wir selbst mit bewirken, dass solche Leute entstehen. Wenn er nur ein Scheißkerl wäre und wir nichts darüber wüssten, wie er so geworden ist, ist er für mich nicht so furchterregend. Du willst versuchen, mit ihm zu verhandeln, aber das kannst du nicht – du hast nichts, was Bob möchte. Er will dich nur umbringen, es geht ihm nur besser, wenn er dir den Hals durchschneidet und dem Jungen damit eine Lektion erteilt.
Das ist auch der Grund dafür, warum es Bob so wichtig ist, Rabbit anzusehen, nachdem er Mary den Hals aufgeschnitten hat, und zu warten, bis Rabbit sagt: Halsschlagader. Denn es ist alles eine Lektion … Außerdem wollte ich eine Frau haben, die selbst da reinkommt, die vielleicht was getrunken hatte, er sammelt sie auf, und sie denkt vielleicht, sie werden Sex haben. Sie ist so aufgekratzt und betrunken und unschuldig, dass sie da einfach hineinspaziert und nicht klar genug ist im Kopf, rechtzeitig zu merken: Das ist schlecht. Arme Mary (lacht).

Arme Mary. Vielen herzlichen Dank.

Interview und Übersetzung: Rochus Wolff

Dieses Interview wurde 2012 geführt und erschien dann zuerst in der Deadline.

Violet & Daisy

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Nachdem ich den Film selbst auf dem Fantasy Filmfest im vergangenen Jahr leider verpasst habe, ist vorgestern nun endlich, endlich der erste Trailer zu Violet & Daisy erschienen. Ich freue mich sehr.

Violet & Daisy Official Trailer #1 (2013) - Saoirse Ronan, Alexis Bledel Movie HD
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ITFS 2013: Young Animation

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Wir können ja nicht alle in Stuttgart sein. Morgen beginnt das Internationale Trickfilm Festival in Stuttgart, und auch wenn ich nur sehr wenig von dem sehen und darüber schreiben können werde, was ich gerne möchte und würde, wenn ich könnte, aber ich schweife ab; jedenfalls wird es drüben im Kinderfilmblog ein wenig aus dem Festival zu sehen und zu lesen geben.

Hier nur in höchster Konzentration, als Vorgriff darauf, wie toll es in Stuttgart zugehen wird, und für all jene, die entweder noch unentschieden sind, ob sich das lohnt, oder schlicht nicht in Stuttgart sein können (Ihr Armen! Es gibt Open-Air-Veranstaltungen für gar kein Geld, und das Wetter wird voraussichtlich großartig sein!), habe ich hier alle Filme aus der Sektion Young Animation („zeigt die besten Filme von Nachwuchsfilmern sowie von Studenten internationaler Film- und Kunsthochschulen“) zusammengestellt, die ich online legal finden konnte. Das ist ein großer, toller Stapel an hoffnungsvollem Animationstalent, den man sich jetzt hier durchs Auge pfeifen kann. Nichts zu danken, gern geschehen.

(Die Reihenfolge verdankt sich größtenteils der Auflistung im Katalog. Have fun.)

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Aux gambettes gourmandes (Food Lover’s Gams) von Clémence Bouchereau (Frankreich 2012)

https://vimeo.com/46078466

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Crazy For It von Kubo Yutaro (Japan 2011)

crazy for it
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Dernier souffle (Last Breath) von Morgane Fraschina (Frankreich 2012)

https://vimeo.com/50703490

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Rhapsodie pour un pot-au feu (Stewpot Rhapsody) von Charlotte Gambon de la Valette, Stéphanie Mercier, Soizic Mouton und Marion Roussel (Frankreich 2012)

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Will von Eusong Lee (USA 2012)

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My Strange Grandfather von Dina Velikovskaya (Russland 2011)

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Slug Invasion von Morten Helgeland (Dänemark 2012)

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What Happens When Children Don’t Eat Soup von Pawel Prewencki (Polen 2011)

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Les Mots de la Carpe von Lucrèce Andreae (Frankreich 2012)

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Oben von Thierno Bah, Noé Giuliani, Pierre Ledain und David Martins da Silva (Frankreich 2012)

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Snail Trail von Philippe Artus (Deutschland 2012)

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One Day von Joel Corcia, Bung Nguyen, Thomas Reteuna, Laurent Rossi und Bernard Som (Frankreich 2012)

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Ballpit von Kyle Mowat (Kanada 2012)

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Nana bobò von Andrea Cristofaro, Valentina Delmiglio, Francesco Nicolò Mereu und Lucas Wild do Vale (Italien 2012)

Nana bobò
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Happy Life von Yun Li und Xin Sun (Deutschland 2012)

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Story Time Confessions von Hannah Ayoubi (USA 2012)

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Eine Murul (Breakfast on the Grass) von Erik Alunurm, Mari Pakkas, Mari Liis Rebane und Mihkel Reha (Estland 2011)

Eine murul / Breakfast on the grass
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The Perfect Host

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The Perfect Host ist jetzt als Dinner for One – Eine Mörderische Party bei I-On New Media erschienen. Ich habe den schön fiesen kleinen Psychothriller seinerzeit in Sitges gesehen und schrob darob:

Rotweintrinker, aufgepaßt! Die Dinnerparty, zu der Warwick Wilson (David Hyde Pierce aus Frasier) lädt, gerät etwas anders als ursprünglich geplant. Denn unerwartet platzt der Bankräuber John (Clayne Crawford) in die Vorbereitungen, der sich als Freund einer Freundin vorstellt – und als Warwick erkennt, um wen es sich handelt, ist es fast schon zu spät. Wäre nicht alles anders als man denkt. Denn dann legt The Perfect Host erst so richtig los und stürzt seine Protagonisten in eine ziemlich aberwitzige und potentiell mörderische Nacht.

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FFF 2012: Starship Troopers: Invasion (2012)

Alle meine Beiträge zum Fantasy Filmfest (FFF) 2012 finden sich unter dem Schlagwort FFF2012

Starship Troopers: Invasion

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Warum eigentlich immer Paris? Ach was, immerhin versuchen die Außerirdischen ausnahmsweise nicht als erstes, die USA zu erobern. Starship Troopers: Invasion ist vollständig am Computer animiert (wie etwa auch Resident Evil: Degeneration), und umgeht die größten Schwierigkeiten dieser Technik, indem es vor allem Figuren (der „mobile infantry“) in Ganzkörperrüstungen zeigt – so muss der Film nur in wenigen Szenen Gesichtszüge direkt aus dem Uncanny Valley zeigen muss – die dann wenig aufregender, detaillierter und menschlicher ausfallen als in den frühen Final-Fantasy-Streifen.

Starship Troopers: Invasion setzt auf reine, auch vage motivierte Action, militaristische Kamaraderie, viel Geballer und Geschrei der „Bugs“ (die zu animieren natürlich auch verhältnismäßig unaufwendig ist. Das ist ein Low-Budget-Peng-Peng-Abenteuer, bei dem in der ersten Dreiviertelstunde immer noch immer wieder nackte (CGI-3D-)Brüste zu sehen sind, wohl um die Hauptzielgruppe der männlich (Spät-)Pubertierenden an der Stange zu halten, bis das hirnlose Geballer so richtig los geht. Von Verhoevens Original Starship Troopers mit seiner bösen Medien- und Militarismuskritik ist in der endlosen Reihe an Sequels natürlich nichts mehr übrig. Alas.

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FFF 2012: Doomsday Book (2012)

Alle meine Beiträge zum Fantasy Filmfest (FFF) 2012 finden sich unter dem Schlagwort FFF2012

Doomsday Book

Drei Geschichten vom Ende der Welt sind das: Platt, metaphysisch, grotesk. Episoden voller Schwankungen zwischen Religion und Weltlichkeit, von Gammelfleisch bis Erleuchtung, und selbst Online-Shopping kann das Ende der Welt beschleunigen.

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In „Brave New World“ bleibt ein von seiner Familie als Außenseiter behandelter Militärforscher allein in Korea zurück, während die anderen eine Reise unternehmen – er kümmert sich vor allem um die Entsorgung des häuslichen Mülls und geht dann mit einer Bekanntschaft essen, in die er sich prompt verliebt. Leider ist das Essen, das sie zu sich nehmen – unter anderem recht frische Rindsleber – zwar lecker, aber verseucht. Und so sind sie nur die ersten unter vielen, die sich in hungrige Zombies verwandeln.

In „Creation of Heaven“ fragen sich die Mönche eines buddhistischen Klosters, ob einer ihrer Roboter Erleuchtung erlangt haben könnte, ob er Buddha sei; und in „Happy Birthday“ löst der verzweifelte Online-Einkauf eines kleinen Mädchens den Untergang der Zivilisation aus.

Die koreanischen Regisseuren Jee-woon Kim und Pil-Sung Yim haben sich (zum Teil recht lustige) Gedanken dazu gemacht, wie die menschliche Gesellschaft ihren eigenen Untergang vorbereitet und betreibt. Im Falle der dritten Episode ist das eine eher leichtfüßige Angelegenheit, ein humoriges Spiel mit den Weiten des Internets und den darin lauernden, ahem, Gefahren. Die ersten beiden Geschichten hingegen sind ernster (nicht ernst) und stellen die Apokalypse immer sowohl in einen technologisch-gesellschaftlichen als auch einen religiösen Kontext.

Die Episoden sind stilistisch und ästhetisch, ihren Themen und Tonlagen entsprechend, sehr unterschiedlich. „Creation of Heaven“ ist zweifellos die ruhigste der drei, eine fast schon meditative Betrachtung über Erleuchtung in der buddhistischen Philosophie und der spezifischen Konstitution des Geistes avancierter menschenähnlicher Roboter – und über die Frage, ob wir unser Leben womöglich lieber mit Robotern als anderen Menschen teilen wollen würden. „Brave New World“ hingegen ist ein nervöses Stück Erzählung über industriell produzierte Nahrung – und zugleich eine Liebesgeschichte voll biblischer Anspielungen.

Grundsätzlicher kann die Apokalypse kaum sein: die Weltenzerstörung folgt zum Schluß. Und auch wenn das alles den Geist der Zuschauer_innen nicht völlig durchpustet: interessantes Hirnfutter ist das allemal.

Doomsday Book - Trailer deutsch
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(Foto: Splendid)

Juan de los muertos (2011)

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Ich habe schon vor längerer Zeit ein kleines Loblied auf Juan de los muertos aka Juan Of The Dead geschrieben, den kubanischen Zombiefilm, den die gnädigen Kinogötter in ihrer unerfindlichen Art vergangenen April sogar auf das deutsche Kinopublikum losgelassen wurde. Jetzt ist der Film auf DVD und Blu erschienen, und das ist eine dringende Gelegenheit, nochmal auf diese Komödie mit politischen Obertönen und viel Herz untendrunter hinzuweisen. Preisend und bejauchzend.

Juan Of The Dead - Trailer deutsch/german [HD]
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Twixt (2011)

Twixt

Der Schriftsteller Hall Baltimore (Val Kilmer), vor allem durch seine Mystery-Romane über Hexen bekannt geworden aber erheblich auf dem absteigenden Ast, macht für eine Signierstunde Halt in einer winzigen Kleinstadt, hinter deren fader Außenseite sich aber so einige seltsame Dinge verbergen – etwa der Uhrenturm mitten in der Stadt, dessen sieben Zifferblätter stets unterschiedliche Zeiten anzeigen („Keeping track of time around here is pointless“, erklärt jemand Hall einmal, und das hat natürlich noch mehr als eine Bedeutung). Und dann ist da das seltsame Hotel, in dem Edgar Allan Poe einmal übernachtet haben soll und in dem ein schrecklicher Mord stattgefunden hat… der lokale Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern), nebenberuflich Vogel- und Fledermaushäuser bauend, will Hall in alles einweihen, wenn sie nur zusammen ein Buch schreiben.

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Twixt ist ein seltsames Mönsterchen von Film, das ich im vergangenen Jahr in Sitges das erste Mal hatte sehen können – und kam ziemlich entsetzt aus der Vorstellung ob dessen, was Großmeister Francis Ford Coppola zusammengeschrottet hatte. Es mag sein, dass die Fassung, die ich nun zum deutschen DVD-Release ansehen konnte, ein wenig anders ist als der Film vom letzten Jahr – die unsinnigste 3D-Sequenz der letzten Jahre ist immer noch dabei. (Überhaupt: Im Jahr 2011 noch eine einzelne Sequenz, nur weil da ein bißchen räumliche Tiefe zu sehen ist, in 3D zu drehen, den Rest des Films aber nicht, wirkt schon idealerweise experimentell, ansonsten: albern.)

Es ist alles ein wenig und gewollt skurril hier: die Nebentätigkeit des Sheriffs, in dessen Büro die Leichenhalle gleich mit integriert ist, in einem großen Metallcontainer, der ein Drittel des Raumes einnimmt. Aktuell liegt dort gerade der Leichnam einer jungen Frau, die mit einem Holzpflock durchs Herz umgebracht wurde. Auf einem nächtlichen Spaziergang (oder ist es eher in einem Traum?) begegnet Hall der sehr blassen Virginia (Elle Fanning) und schließlich Herrn Poe selbst (Ben Chaplin) – woraufhin der Film dann noch einige Sprünge an Seltsamkeit zurücklegt.

Coppola macht hier einen wilden Mix aus Gedanken übers Schreiben (Hall setzt sich mit seinem großen Idol Poe zwischendurch auch an einen Tisch und beredet schriftstellerische Schwierigkeiten), kleinstädtischen Vorurteilen gegen Goths und ganz traditionell anmutenden Geister- und Vampirgeschichten. Das Ganze wird ästhetisch mit vielen genretypischen Bildideen umgesetzt (Nebel, Mondschein usf.); die Nächte (oder Träume) sind digital entfärbt, nur einzelne Gegenstände (Zitronen, Kerzen, Blut) leuchten dann ihre Farben noch hinaus.

Leider weiß man hier nie, wohin Coppola mit seinen Motiven eigentlich will – inhaltlich will sich das alles nicht so recht zusammenfügen, und ästhetisch wirkt der Film, mit all seinen Digitaleffekten, Splitscreens und der einzelnen 3D-Szene, eher wie die Fingerübung eines jungen Regisseurs als das Projekt eines alten Hasen. Dieses sieht man allenfalls Aufblitzen in einigen wunderschönen Bildern, immer wieder dazwischen: einmal das blasse Gesicht von Elle Fanning zwischen roten und blauen Farbbändern. Atemberaubend. Am Ende steigt sie als blutiger Engel gen Himmel auf.

TWIXT trailer | Festival 2011
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(Foto: Studiocanal)