Red Sparrow (2018)

Dominika Egorova war bis zu einem Unfall auf der Bühne Primaballerina, dann rekrutiert sie ihr Onkel für die „Sparrows“, eine Einheit russischer Agentinnen und Agenten, deren Job es ist, die menschlichen – nicht zuletzt sexuellen – Schwächen anderer zu finden und auszunutzen. Das Training ist brutal, und Dominika (gespielt von Jennifer Lawrence) macht das alles andere als freiwillig. Sie wird auf einen amerikanischen Agenten angesetzt und soll von ihm den Namen eines Maulwurfs im russischen Geheimdienst herausfinden. Wie es sich für Spionage gehört, geht aber einiges schief, jede verrät jeden, und blutig wird es außerdem. Sehr blutig, stellenweise. Regisseur Francis Lawrence (mit der Hauptdarstellerin nicht verwandt) tunkt das Russland der Gegenwart in bedrückende Braun- und unterkühlte Blautöne, und führt in langen, viel zu langen Bewegungen durch die im Roman von Jason Matthews angelegten Verschwörungen. Das wirkt stellenweise übermäßig kompliziert und langatmig, hat aber vor allem weder die stilistische noch die intellektuelle Klarheit von einem Kammerspiel wie Dame König As Spion, und natürlich nicht die Energie von Atomic Blonde. Das kann auch der hochkarätige Cast – neben Lawrence sind Charlotte Rampling, Joel Edgerton und Jeremy Irons dabei – leider nicht retten.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Pans Labyrinth (2006)

„Die Welt ist ein grausamer Ort.“ Eine letzte Warnung, eine letzte Mahnung; kurz darauf ist Ofélias Mutter tot, gestorben unter der Geburt des kleinen Bruders, dem das elfjährige Mädchen schon im Bauch der Mutter Märchen erzählt hat. Nicht die Geschichten in Disney’schen Pastellfarben, sondern dunkle Mythen von Schmerz, Unsterblichkeit und schweren Prüfungen. Ofélias Welt ist bevölkert von Monstren, Wesen voller Ambivalenz und Abgründigkeit: Menschenfresser, Feen mit scharfen Zähnen, ein riesiger Faun.

Der Magie steht in Pans Labyrinth eine mechanistische Logik gegenüber: Für Ofélias Stiefvater, Capitan Vidal, zählt das starre Funktionieren der Welt in patriarchaler Ordnung. Sein Weltbild spiegelt sich in der Taschenuhr, die sein Vater ihm hinterlassen hat, der sie, so erzählt man sich, im Angesicht seines Todes zu Boden warf, damit sein Sohn erfahren könne, wann sein Vater gestorben sei – und wie ein ehrenhafter Tod zu sterben sei.

Guillermo del Toros Meisterwerk ist voll von solchen Paarungen: Leben und Tod, Frauen und Männer, starre Mechanik und sich wandelnde Lebewesen. Trennscharfe Gegensätze gibt es allerdings nicht, mit einer Ausnahme: Der Faschismus, das starr-unmenschlich Mechanische, sie sind des Teufels. Damit nimmt Pans Labyrinth Motive auf, die sich auch schon in del Toros Hellboy wiederfanden, mit jenem mitleidslosen Mörder Karl Ruprecht Kroenen, dessen Herz nur noch ein Uhrwerk ist.

Die Monstren, der Faschismus: Zu diesen Themen kehrt del Toro immer wieder zurück, mal mehr, mal weniger spezifisch. Schon in The Devil’s Backbone hatte er sich mit dem Spanien der Franco-Zeit beschäftigt (und dies natürlich in eine Geistergeschichte geflochten, die noch viele andere Ebenen hatte), und selbst seine (zusammen mit Chuck Hogan erstellte) Roman-Trilogie und Fernsehserie The Strain verwebt die Geschichte monströser Vampire mit den Nazis, der Judenverfolgung.

Das Besondere an Pans Labyrinth ist freilich, wie organisch Weltgeschichte und Fantasie miteinander verwoben werden; anders als in Hellboy ist das Fantastische nicht selbstverständlicher Teil der realen Welt, sondern schwebt von Anfang an in einem Status des Möglichen, irgendwo zwischen Realität und Traumwelt. Ist die ganze Geschichte von der Prinzessin, die in unserer Welt gefangen ist und sich befreien kann, nur eine Erzählung, die sich die in der ersten Einstellung schon oder noch sterbende Ofélia selbst erzählt? Oder legt sie die Wahrheit hinter der eigentlichen Geschichte frei?

Die Monster dort sind jedenfalls kaum grausiger als die Menschen hier. Der kinderfressende bleiche Mann mag furchterregend aussehen, der Haufen verlassener Kinderschuhe in seinem Versteck allerdings verweist nur auf die größeren Schuhberge in den deutschen Vernichtungslagern des Dritten Reiches; und so grausam der Faun sich auch geben mag – niemand hier ist kaltherziger und an menschlichem Leben desinteressierter als Capitan Vidal.

Pans Labyrinth brennt sich nicht nur als Geschichte, sondern auch mit Bildern und Musik in Netzhaut und Trommelfelle ein. Del Toro schafft mit seinem langjährigen Kameramann Guillermo Navarro eine Welt, in der Farben, Schatten und Lichter oft wortlos weitererzählen. Und dann betritt Doug Jones, der sowohl den Faun als auch den bleichen Mann spielt, die Szene, und wir tauchen vollends in die Fantasie ein. Jones‘ dritte Zusammenarbeit mit dem Regisseur (nach Mimic – Angriff der Killerinsekten und Hellboy) ist womöglich sein größter Film; ein unfassbar schönes, grausames Meisterwerk.

Die jetzt erschienene Ultimate Edition präsentiert del Toros chef-d’œuvre in würdigem Umfang: Die Blu-ray basiert auf der für die Criterion Edition angefertigten und vom Regisseur selbst übersehenen neuen 2K-Abtastung, es gibt mehrere Stunden Extras und Interviews sowie als Bonus die Dokumentation Creature Designers: The Frankenstein Complex und die Aufnahme einer Masterclass mit del Toro; ein Booklet von Deadline-Autor Prof. Dr. Marcus Stiglegger rundet die Ausgabe ab.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen; siehe auch meine alte Kritik seinerzeit zum Kinostart.

Der Untergang des Römischen Reiches (1963)

Alles an diesem Film ist aufwändig, alles mächtig: Die Kostüme, die Kulissen, die Gesten und natürlich der geschichtliche Zugriff. Der Untergang des Römischen Reiches trägt das Monumentale gewissermaßen schon in seinem Titel, auch wenn er zu den Filmen gehört, mit denen das Subgenre des Sandalenfilms in den 1960er Jahren seinen Höhepunkt erreichte und eigentlich schon überschritt. Kaiser Mark Aurel will nicht seinen Sohn Commodus zu seinem Nachfolger machen, sondern dessen besten Freund Livius. Bevor es dazu kommt, wird er jedoch ermordet, und der größenwahnsinnige Commodus übernimmt die Macht und führt so, Stück für Stück, den Untergang des Imperiums herbei. Livius dient ihm weiter, auch wenn er seine große Liebe, Commodus‘ Schwester Lucilla, nicht heiraten konnte… Um historische Akkuratesse geht es dabei, wen wundert’s, schon wesentlich weniger, weder bei Kostüm und Kulisse noch bei überhaupt den Figuren (außer den ganz zentralen) und Ereignissen. Aber natürlich ist der Film eine Pracht, strahlend durch Goldbeschläge und u.a. die Juwelen Sophia Loren, Alec Guiness, Stephen Boyd, James Mason und Omar Sharif – auch wenn die über dreistündige Geschichte für heutige Augen oft langatmig und fast behäbig erscheinen mag. Eleganter als Gladiator ist das aber immer noch.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Life (2017)

Fremde Lebensformen aus dem All, das weiß man nicht erst seit Alien, sollte man nicht zwingend als niedlich-friedlich betrachten. Und spätestens seit Jeff Goldblum in Jurassic Park konstatierte: „Life finds a way“, sollte man gleich doppelt, ach was, dreifach vorsichtig sein. Dem wissenschaftlich ausgebildeten Astronauten-Team in Life darf man zugestehen: Damit hatten sie durchaus gerechnet. Der Mikroorganismus, den sie aus einer Bodenprobe vom Mars isolieren können, wird deshalb ordentlich in einem isolierten Labor studiert, direkt in der ISS, weit von der Erde entfernt. Nur entwickelt „Calvin“, wie das Lebewesen getauft wird, sich ganz anders als bekannte Lebensformen – schneller, rabiater und, wir haben es schließlich mit einem Horrorfilm zu tun, tödlicher. Er schlenzt sehr schnell durch die vorgesehenen Schleusen hindurch und in andere Teile der Raumstation, sogar raus ins All und zwischendurch halt auch in Astronautenkörper hinein und wieder hinaus. Das tut ihm gut, den betroffenen Astronauten weniger.

Das Problem an Life sind nicht die erfreulich internationalen Darsteller – allerdings bleiben ihre Figuren insgesamt leblos, ihre Beziehungen kursorisch und behauptet. Das Problem sind auch nicht die etwas gedehnten 104 Minuten Laufzeit, sondern der Umstand, dass er halt bei aller technischen Eleganz und mit einem Hauch von Realitätsbezug dann doch vor allem schon gut Bekanntes mischt. Ein wenig, man ahnt es schnell, ALIEN, ein wenig Body Horror, etwas Drama außerhalb der Raumstation, gewürzt mit Explosionen, Luftschleusen und dergleichen. Bemerkenswert ist natürlich schon, wie überzeugend die Bewegungen in der Schwerelosigkeit wirken – das in Tröpfchen herumwabernde Blut hingegen hat jedoch eine ganz starke CGI- Aura. Das hätte alles was werden können, aber dafür braucht es doch etwas mehr Originalität und Figuren, mit denen man mitfiebert. Das Schicksal der Menschheit reicht da anscheinend nicht.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Dr. Zyklop (1940)

Man kennt und nennt den Namen von Ernest B. Schoedsack viel zu wenig. Dabei hat der Regisseur mit King Kong und die weiße Frau Filmgeschichte geschrieben und auch danach aber noch sechszehn Jahre lang fleißig Filme gedreht. Im April 1940 startete sein vorletzter Film, Dr. Zyklop, in den amerikanischen Kinos – eine wilde Science-Fiction-Abenteuergeschichte aus dem dunkelsten Peru. Dort stößt ein kleines Team von Wissenschaftlern auf den exzentrischen Dr. Thorkel, der ihre Hilfe benötigt – aber nur für ein kleines Detail seiner eigenen Forschungen. Dass er sie alsbald rüde wieder fortschicken will, weckt das Misstrauen seiner Kollegen – und bald finden sie heraus, dass Thorkel Lebewesen mit radioaktiver Strahlung auf Miniaturgröße verkleinert. Das Drama entwickelt sich von dort aus in relativ vorhersehbarer, genre-typischer Art und Weise; allerdings nicht ohne einen beglückenden, spürbar selbstironischen Unterton. Damit, vor allem aber mit der Qualität seiner Spezialeffekte, die sich problemlos mit den Tricksequenzen aus dem 17 Jahre jüngeren Die unglaubliche Geschichte des Mr. C messen können, ragt Dr. Zyklop aus der Masse ähnlicher Produktionen heraus – und ist seiner Zeit deutlich voraus.

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Dr. Cyclops Official Trailer #1 – Charles Halton Movie (1940) HD

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Der Spion und sein Bruder (Brothers Grimsby, 2016)

Zwei Brüder, als Kinder getrennt. Der eine, Norman, landet am Rande der Gesellschaft, prollig, direkt, gut aufgehoben in seiner ungebremsten Lust am Fussball, an seiner Frau, am Alkohol, ungefähr in dieser Reihenfolge. Der andere, Sebastian, wird gepäppelt und unterrichtet und ist nun der beste Spion und Killer im Auftrag ihrer Majestät – alles für Königin und Vaterland. Eher zufällig treffen die Gebrüder Grimsby als Erwachsene aufeinander, und weil Norman den Verlust von Sebastian nie verwunden hat, hängt er sich ihm an die Fersen und lässt nicht mehr los. Also bricht Chaos aus. Sasha Baron Cohen als Norman und Mark Strong als hochpräziser Hit-Man sind schon eine hübsche Kombination, und Louis Leterrier ist natürlich der richtige Mann, um dem Film ein paar knackige Actionszenen zu geben. Ob man aber das Gesamtkunstwerk goutieren mag, ist wohl absolute Geschmackssache. Denn Cohen und Strong reiten hier durch ein Feuerwerk fieser Kalauer und vor allem derbsten Gross-Out-Humors, bei dem keine Körperausscheidung unberührt und unbenannt bleibt, keine Körperöffnung unpenetriert. Es wird nonchalant getötet und mit Lust über Lüste gesprochen. Vor allem Norman hat da keinerlei Inhibitionen – dafür muss man sich begeistern, sonst wirkt es spätestens im letzten Drittel doch recht schal.

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The Brothers Grimsby – Official Trailer (HD)

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Die Bestimmung – Allegiant (The Divergent Series: Allegiant, 2016)

Was gäbe es für Möglichkeiten, wenn sich auf einmal eine neue Welt auftut! Aber die neue Herrin über Chicago, die nach dem Kampf der Fraktionen untereinander in den ersten beiden Filmen der Bestimmung-Dystopie nun wieder Ordnung und Ruhe herzustellen versucht, lässt erst einmal das Tor schließen, das sich im Zaun um die Stadt herum aufgetan hatte. Einen ruhelosen Geist kann das freilich nicht stoppen. Und so macht sich alsbald „Tris“ Prior (Woodley) mit ihrem Bruder und ihren treuen Freunden auf den Weg um herauszufinden, was da draußen liegt.

Man kann schon mal sagen: Erst einmal eine Enttäuschung, und dann noch eine größere Enttäuschung. Zuerst ist da eine nicht nur öde, sondern auch noch giftige Wüste. Und irgendwo dahinter wartet Jeff Daniels als Leiter eines Forschungs-Außenpostens, von dem wir aus irgendwelchen Gründen glauben sollen, dass er wichtig genug für extrem schicke architektonische Sperenzchen sei.

Die Geschichte nimmt dann recht gemächlich ihren sehr vorhersehbaren Lauf: Hinter der Fassade dieser Einrichtung ist auch nicht alles so gut und richtig, wie alle tun; aber obwohl die Handlung des dritten Buchs von Autorin Veronica Roth auf zwei Filme gestreckt wurde, schafft Robert Schwentke es nicht, die zwei Stunden mit mehr als Oberflächlichkeiten zu füllen. Kein Wunder also, dass Film vier zwar wohl produziert, aber nicht mehr ins Kino gebracht, sondern gleich für kleinere Bildschirme geplant wird.

Vielleicht findet er so sein Publikum sogar effektiver.

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The Divergent Series: Allegiant Official Teaser Trailer – “Beyond The Wall”

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High-Rise (2016)

Mitte der 1970er Jahre, da glaubt man noch an den Fortschritt, an technokratische Utopien. An Beton. Also: ein Hochhaus. Robert Laing (Tom Hiddleston) ist Arzt und sucht die Einsamkeit in Komfort, perfekt erscheint da also dieser neue Komplex, der erste von mehreren, die ein Architekt (Jeremy Irons) in die Landschaft stellen will – ein Haus, das man eigentlich nicht mehr verlassen muss, mit Fitnessräumen, Supermarkt, Schwimmbad. Irgendwann geht Laing weniger zur Arbeit, und da ist er nicht allein, während das Zusammenleben immer mehr aus den Fugen gerät; zunächst versagen nur kleine Dienste, der Strom bricht ab, die Aufzüge fahren nicht mehr. Und dann geraten die zahlreichen Feiern zu gewalttätigen Orgien, die feine Gemeinschaft besinnt sich auf ihre basaleren Instinkte…

High-Rise, nach einem Roman von J.G. Ballard, ist eine seltsame, nichtnarrative Dystopie, deren einzelne Zerstörungsstufen sich hier mehr assoziativ einstellen als wirklich erklärt würden; dass im Hintergrund immer wieder Margaret Thatcher ihre politischen Positionen dient eher dazu, dem Film einen politischen Anstrich zu geben, der sich dann nicht wirklich ein- oder wenigstens in der Erzählung auflöst. High-Rise taugt weniger als gesellschaftlicher Erklärungsversuch, sondern ist vor allem bildgewaltiger Horror mit Koteletten und viel reminiszentem Interieur. Nicht umsonst sind Setting und Zeit mit Cronenbergs Parasiten-Mörder nahezu identisch – nur dass dort der scheinbar externe Schrecken sich menschlicher Körper bemächtigte, während es in Ben Wheatleys Film aller Untergang vom Menschen selbst kommt. Dafür gibt es dann mehr oder minder sichtbare Anspielungen z. B. an Uhrwork Orange – Wheatley weiß, in welchem Feld er sich bewegt, und vertraut darauf, dass seine Zuschauer auch ohne große Erläuterungen dem Fluss der Ereignisse zu folgen wissen. Und sich dafür verlieren dürfen im blendend aussehenden Chaos von Lust, Leibern und Gewalt.

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High-Rise Official Trailer #1 (2016) – Tom Hiddleston, Sienna Miller Movie HD

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Der Fluch der Hexe – Queen of Spades (2015)

Düsternis, Besessenheit, Verderben – so kann man schon auf ganz einfachen Wegen Grusel erzeugen. Svyatoslav Podgayevskiy wirft für seinen zweiten Horrorfilm nach Block 18 (2014) viele Themen zusammen, die im zeitgenössischen Kino der Schrecken gut ankommen – und setzt seine beschränkten Mittel mit gutem Erfolg ein. Es beginnt eher mit einem Spiel: Anna (Alina Babak) und ein paar Freunde spielen ein Ritual nach, von dem sie gelesen haben – sie zeichnen Symbole auf einen Spiegel und rufen die Pik-Dame an (die „Queen of Spades“), sie solle sich zeigen. Und prompt – zunächst sieht man es nur einen Moment lang in einem Video, das einer der Freunde dreht – tritt die unerfreuliche Kreatur in ihre Welt. Fortan wird jede glänzende, reflektierende Oberfläche zu einer möglichen Tür – dieser Film macht Angst vor Spiegeln, glitzernden Türknaufen und mehr.

Die Hexe des Titels strebt nach einer Person, die sie bewohnen kann; und sehr schnell finden sich vor allem die Eltern (Igor Khripunov und Evgeniya Loza) im Kampf gegen Zeit und fremde Mächte wieder. Von der Geistergeschichte changiert Der Fluch der Hexe so rasch zu einem Exorzismusdrama, das sich vorrangig in engen Räumen, schmutzig-gekachelten Kellern und einsamen Hütten im Wald abspielt. Fast bekommt man dabei das Gefühl, Podgayevskiy wolle hier die Anforderungen ans Horrorkino übererfüllen und unbedingt alle Szenarien noch mit unterbringen – das wirkt schon etwas gestopft. Zugleich macht er das grundsätzlich mit großer Kunstfertigkeit: Er versteht sein Handwerk, die Schreckensmomente sind ebenso gut im Timing wie die Kameraeinstellungen sitzen. Was dem Film etwas fehlt, sind die wirklich lebendigen Figuren, um die man sich mehr Sorgen macht als nur des Sterbens und Knirschens wegen. In der russischen Literatur gibt es die Pik-Dame übrigens tatsächlich, wenn auch in ganz anderer Form – in der klassisch-phantastischen Kurzgeschichte des großen Alexander Puschkin geht es tatsächlich um ein Kartenspiel.

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DER FLUCH DER HEXE Trailer German Deutsch (2015)

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Into the Forest (2015)

Die Apokalypse kündigt sich, das ist vertraut, in leisen Tönen an: Eine Nachricht, eine Meldung im Fernsehen. Stromausfälle, man weiß nichts Genaues. Und dann geht eben das Licht aus, die Bildschirme erlöschen – wir befinden uns in einer Zeit leicht in der Zukunft, alles ist vertraut, nur noch einen Hauch moderner. Alles wahrscheinlich nur ein Problem auf Zeit – und die beiden jungen Frauen, Nell und Eva mit ihrem Vater (Ellen Page, Evan Rachel Wood und Callum Keith Rennie) nehmen das zunächst nicht allzu ernst. Bis sie aus ihrem einsamen Haus mitten in nordamerikanischen Wäldern mal wieder in den Ort fahren: Dort ist das Benzin schon knapp, der Supermarkt fast leer, und der Kassierer ist bewaffnet.

Der Weltuntergang kommt hier nicht mit Trompeten und Fanfaren, sondern leise und mit Trippelschritten – und er braucht nur einen Hebel: Elektrizität. Die oft beschworene dünne Schicht von Zivilisation geht anscheinend recht schnell dahin; draußen im Wald kommt das allerdings nur sehr langsam an – es gibt ja keine Nachrichten, nur vereinzelte Gerüchte. Nells und Evas Vater stirbt bei einem Unfall, und von nun an sind die beiden Schwestern auf sich allein gestellt.

Into the Forest ist weniger Endzeitszenario als postapokalyptische Meditation: Was macht es mit uns, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, wenn der Kontakt zur Außenwelt, den wir so gewohnt sind, abbricht? Wenn außerdem die ganzen Annehmlichkeiten der Zivilisation wegfallen? Das ist wesentlich mehr als Malen nach Zahlen im Apokalypse-Kino. Das fragt danach, was für jene bleibt, die ihre Menschlichkeit nicht abgeben, nicht verlieren wollen. Hier bleibt die menschliche Zivilisation in ihrem Kern, der Familie, bestehen – aber einfach ist das nicht. Während die beiden Schwestern immer mehr zueinanderfinden, zerfällt das Haus um sie herum – letztlich unkontrolliert den Naturgewalten ausgesetzt, unbeheizt und ohne Reparaturen. Patricia Rozema hat aus dem Roman von Jean Hegland einen Film gemacht, der sich vor allem auf seine beiden Hauptfiguren verlässt. Die Schwestern schlagen sich, vertragen sich, stützen einander, verlassen sich und kehren zueinander zurück. Zwei Geschwister, die ohne ihre Eltern sich trotz aller Unterschiede zusammenraufen müssen und plötzlich sehr, sehr erwachsen werden. Page (die auch als Produzentin mitwirkte) und Wood tragen den Film leicht auf ihren Schultern, auch durch die seltenen härteren, gewalttätigen Szenen.

Der Filmtitel suggeriert eine fast schon mythische, positive Auflösung: Into the Forest, auf in den Wald – der Untergang als Aufbruch. Das löst der Film aber letztlich nur in sehr ambivalenter Weise ein. Denn der Weg in den Wald hinein ist letztlich ein Lernprozess, ein Abstandnehmen von dem vertrauten, gesicherten Leben – in dem Moment, in dem es schon längst unmöglich geworden ist. Da ist also kein großes Glück am Schluss, und nur vage Hoffnung. Alles andere wäre für eine nachdenkliche Dystopie dieses Formats allerdings auch Verrat an der eigenen Geschichte.

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INTO THE FOREST | DVD-Trailer deutsch german [HD]

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