Wie Interviews geführt und dann bearbeitet werden

Drüben im Medienspiegel (via) wird gerade eine Diskussion dazu geführt, wie Interviews bzw. Gesprächsrunden mit Promis (in dem konkreten Fall ein Gespräch mit Usain Bolt) zustandekommen, geführt werden und schließlich erscheinen. Meiner Meinung nach schießt Martin Hitz dabei etwas übers Ziel hinaus, wenn man sich die Antwort einer Interviewers in den Kommentaren ansieht.

Wie sieht es denn aber in der Filmbranche aus, in welchen Gesprächssituationen fand ich mich bisher wieder?

Interviews sind immer auf irgendeine Weise Teil des PR-Zirkusses, und in diesem Zirkus sind Vieraugengespräche mit ein wenig Zeit eher selten; ich hatte zum Beispiel mal das Vergnügen, mich ausführlich mit Vincenzo Natali über seinen Film Splice unterhalten zu können (hier auch zum Anhören) – das waren über zwanzig Minuten in konzentrierter Zweisamkeit, und das Gespräch hatte Zeit und Raum sich zu entwickeln. Und für wenige Interviews hat man so ausführlich wie für jenes, das zwei Kollegen und ich in Sitges für die Deadline mit Hauptdarstellerin und Crew von The Woman (meine Kritik) führen konnten – über eine Stunde ging das, schlichtweg großartig.

Aber alle diese ausführlichen Interviews fanden im Rahmen von Festivals statt, auf denen immer wieder Möglichkeiten auftauchen, die sonst nicht bestehen. Denn wesentlich üblicher, gerade fürs Mainstreamkino, ist die „Junket„-Situation, in denen das Interview, das man selbst führt, Teil einer PR-Tour ist und Regisseur_in, Hauptdarsteller_in oder wer auch immer zu Gesprächen bereitsteht von einem Interview zum anderen weitergereicht werden, denn pro Stadt bzw. Land steht gerade mal ein Tag für solche Termine zur Verfügung.

Macht man das mit Video (sowas hier zum Beispiel), bekommt man einen Fünf-, vielleicht Siebenminutenslot – das wird strikt durchgehalten und durchgesetzt, der Tag ist klar getaktet und die Kolleg_innen warten -, und für Print oder renommiertes Online darf man sich fünfzehn bis zwanzig Minuten mit drei bis sieben anderen Journalist_innen an einen Tisch setzen und Fragen stellen.

Da kann es dann kollegial zugehen, man läßt sich gegenseitig das Wort und rundum werden interessante Fragen gestellt (so war es etwa erst Anfang der Woche bei den Tischgesprächen zu Die Wand), oder es wird ein Event voller Schnappatmung. Dann hecheln nämlich alle nach einer Pause im Gespräch, um schnell eine der Fragen loszuwerden, die sie auf ihrem Zettel stehen haben; und wenn man Glück hat, die Gruppe nicht zu groß ist und der Gesprächspartner nicht zu ausschweifend antwortet (obwohl das manchmal die interessantesten Anekdoten und Informationen abwirft), dann bekommt man sogar ein, zwei, ganz selten drei Fragen gestellt.

Aus den nur eigenen Fragen und den Antworten dazu wird natürlich so kein Interview, so wenig wie sich in den sieben Videominuten nur selten ein wirkliches Gespräch ergeben kann. Und deshalb ist es üblich, dass man eben nicht nur das selbst erfragte Material verwendet, sondern das ganze Roundtable-Gespräch zur Grundlage für das Interview nimmt. Das finde ich insbesondere auch dann in Ordnung, wenn die Kolleg_innen am Tisch im Grunde ähnliche Fragen hatten, wie man sie selbst sich auch noch notiert hatte, nicht unbedingt als die drängendsten (die stellt man möglichst selbst), aber furchtbar waren sie auch nicht.

Eine Auswahl treffe ich dennoch. Bei einem Round-Table-Gespräch vor einiger Zeit fragte etwa als allererstes ein Kollege die Schauspielerin, sie werde ja im kommenden Jahr vierzig, ob sie das denn körperlich schon merke? Jetzt mal ganz davon abgesehen, dass man so kein Interview eröffnet, dass die Frage mit ihrer Arbeit als Schauspielerin nichts zu tun hat und dass man das, schlußendlich (bitte mal den Knigge lesen) höflicherweise eine Dame nicht fragt, die zudem mindestens zehn Jahre jünger aussieht als ihre Geburtsurkunde ausweist – so eine Frage kommt mir nicht in Schriftform.

Das Material, das nach Streichung solcher Fragen noch übrig bleibt, wird natürlich noch bearbeitet – die „Ähs“ und Dopplungen im Satz, die Ellipsen und Verhaspler werden natürlich bereinigt, aber gerade für Print können die Änderungen auch etwas ausführlicher sein – wenn der Platz begrenzt ist, wird gekürzt und auch mal der Gesprächsverlauf etwas umstrukturiert, um ein Thema konzentriert zu fassen, das an unterschiedlichen Stellen des Gesprächs auftauchte.

Wird damit etwas vorgetäuscht, was nicht stattgefunden hat? Muss man die Situation in jedem Einzelfall aufklären?

Es ist ja völlig absurd, ein Interview immer präzise so im Text abbilden zu wollen, wie es stattgefunden hat, eine Bearbeitung findet immer statt. Wie weit also haben die Journalist_innen, die das Gespräch führten, das Vertrauen ihres Publikums? Und wie ausführlich sollte darüber informiert werden, welche Gesprächssituation dem Text zugrunde liegt?

Four Lions: Wir erfinden uns eine Zensurdebatte

In der kommenden Woche läuft in den deutschen Kinos endlich der britische Film Four Lions an, eine durchaus sehr großartige schwarze Komödie über eine Handvoll sehr bemühter, aber sehr ahnungsloser Möchtegernterroristen in Großbritannien – ich habe mich schon vor einiger Zeit ausführlich zu dem Film geäußert.

Zum Start hin wird sicher wieder darauf hingewiesen werden – das ist ja immer auch ein bißchen Sensation und damit ein Marketingargument -, daß aus der deutschen Politik der Ruf nach einem Verbot des Filmes erschallte. Zensur also!

Aber stimmt das so?

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Am 9. Januar veröffentlichte Spiegel Online als Vorabmeldung (und Werbung) für das am gleichen Abend ausgestrahlte Spiegel TV Magazin einen Text, der mit der Überschrift versehen war: CSU will Islamistensatire verbieten. Im Text selbst ist dann von der Gesamtpartei nicht mehr die Rede, sondern nur noch vom einzelnen CSU-MdB Stephan Mayer (Homepage), und auch ein Verbot muß man sich zumindest zusammenkonstruieren. Dort ist zu lesen:

Ganz anderer Meinung ist jedoch der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer. Gegenüber SPIEGEL TV Magazin fordert er, den Film wegen der aktuellen Terrorgefahr nicht zu zeigen: „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.“

Begierig wurde die angebliche Verbotsforderung von den Filmmedien aufgenommen; moviepilot schrieb gleich am nächsten Morgen:

Den Christsozialen ist der Film Four Lions ein zu heißes Eisen – schließlich zeigt der Film, dass auch Terroristen nur Menschen sind, und Allah behüte, dass wir uns in Zeiten der Angst und des Schreckens über solche Monster lustig machen oder noch schlimmer, sie menschlich darstellen. Darum möchte die CSU den Film verbieten lassen.

Von solchen Begründungen für die angebliche Verbotsforderung ist freilich nichts überliefert, aber das nennen wir mal literarische Freiheit. Und nein, es sind nicht nur Blogs und die üblichen Verdächtigen, die brav von Spiegel Online die Überschrift abschrieben; die Geschichte vom angeblichen Verbotswunsch findet sich auch in neueren Veröffentlichungen der angesehenen Qualitätspresse, innerhalb und außerhalb von Deutschland:

„Ein deutscher Politiker wollte die Terroristen-Satire verbieten – wegen Terrorgefahr.“ (Thurgauer Zeitung, 6. April 2011)

„Schon forderte der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer ein Kino-Verbot für den Film, damit kein „Öl ins Feuer“ gegossen werde.“ (Tagesspiegel, 21. Januar 2011)

„Die CSU sagt: Schluss mit lustig. Sie befürchtet eine erhöhte Terrorgefahr und will den Kinostart verbieten.“ (on3, „das junge Programm des Bayerischen Rundfunks“, 19. Januar 2011)

Und, ach und weh, selbst die sehr geschätzten Kolleg_innen von F.LM nahmen die Story als Aufhänger für ihren Bericht zu Four Lions. Zugegeben, die Sache mit der Zensur ist auch einfach zu schön. Und der Verleih Capelight freute sich sicher über die ganze kostenlose Publicity.

Das Problem ist eben nur: Die CSU hat nie etwas in Bezug auf Four Lions gefordert, und auch Stephan Meyer Mayer hat weder von Zensur noch von Verbot gesprochen. Sieht man sich das fragliche Video aus der Sendung selbst an, so stellt man fest, daß der als „CDU-Bedenkenträger“ eingeführte MdB insgesamt Folgendes sagt:

Ich glaube, daß es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen, es könnte Öl ins Feuer gegossen werden, und wir haben nunmal ganz konkrete Hinweise, daß es potentielle Islamisten in Deutschland gibt, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, die vielleicht gerade diesen Film als die letzte Provokation empfinden könnten, und aufgrund dessen auch einen Anschlag in Europa oder auch in Deutschland unternehmen könnten. Und deswegen sollte die Politik meines Erachtens schon den dringenden Appell an die Filmschaffenden, vor allem auch an potentielle Verleihunternehmen richten, diesen Film zumindest mal in diesem Jahr nicht in Deutschland zu zeigen.

Nun kann man mit allem Recht der Meinung sein, daß das ziemlicher Quatsch ist; auch daß das Bedrohungsszenario, das dahinter steht, vermutlich übertrieben ist, kann man denken, und daß es wohl nicht sinnvoll ist, sich in seinen Freiheiten selbst zu beschneiden, weil anderen diese nicht gefallen. Diese Debatten sind ja im Kontext der Mohammed-Karikaturen seinerzeit großflächig geführt worden, und weder Herr Mayer noch seine schlecht informierten Spötter_innen haben da noch Interessantes im Kontext von Four Lions hinzugefügt. Aber, und ich sage das als jemand, der sich wahrlich nicht als Freund und Förderer der CSU versteht: ein Verbotsaufruf sieht anders aus.

Spiegel Online hat also, um für das eigene Fernsehnebenprodukt ein bißchen die Werbetrommel zu rühren, Mayer die Worte so lange im Mund herumgedreht, bis sich daraus ein bißchen Sensation herstellen ließ; und die Medien, sie sind brav und freundlich hinterhergehechelt und verbreiten solche Geschichten bis heute weiter.

Mayer selbst hat sich Zeit gelassen, auf die Unterstellungen (denn in einem freiheitlichen Rechtskontext würde ich es als Unterstellung werten, wenn man mir Zensurwut vorwürfe) zu reagieren. Am 10. Januar hatte ich ihm eine Mail geschickt:

Sehr geehrter Herr Mayer,

ich bin deutscher Filmjournalist und bin über den Spiegel auf ihre Äußerungen zur britischen Satire „Four Lions“ aufmerksam geworden.

Sie werden bei Spiegel Online mit den Worten zitiert „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.“ Leider liegt mir aktuell keine Aufzeichnung des Spiegel TV Magazins vor, in dem Sie wohl ausführlicher zur Sprache kommen.  Daher meine Bitten um Präzisierung:

– Wie genau haben Sie sich gegenüber Spiegel TV geäußert?

– Beruht Ihre Haltung zum Film auf einer eigenen Sichtung?

– Wie genau würden Sie die mögliche Verbindung zwischen der Aufführung des Films und seiner Wirkung auf Terroristen beschreiben?

Für eine rasche Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit herzlichen Grüßen
Rochus Wolff

Erst drei Wochen später, am 31. Januar 2011, kam von Mayer folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Wolff,

nach meiner Stellungnahme im Spiegel TV Magazin am Sonntag, den 09.01.2011 bezüglich der Satire „Four Lions“, die bisher nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde, erlaube ich mir unter Bezugnahme auf Ihre E-Mail vom 10. Januar 2011 auf die von Ihnen geäußerte Kritik einzugehen.

Vorab möchte ich deutlich machen, dass ich weder im Fernsehinterview, noch im Gespräch mit den Journalisten ein Verbot des Films gefordert oder in irgendeiner Hinsicht angeregt habe. Sämtliche Unterstellungen hinsichtlich einer Forderung nach Zensur oder Verbot entbehren somit jeder Grundlage und sind auch inhaltlich nicht mit der von mir geäußerten Position zu vereinbaren.

Selbstverständlich bin ich der Auffassung, dass zentrale demokratische Werte, wie die Pressefreiheit in keiner Weise eingeschränkt werden dürfen. So wie beispielsweise im Umgang mit Personen von hohem öffentlichen Interesse von seriösen Medien in aller Regel eine Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und der Privatsphäre vorgenommen wird, habe ich den Appell an die Medien gerichtet in den Wochen erhöhter Terrorgefahr nicht unbedacht „Öl ins Feuer zu gießen“. Bei der Diskussion um die so genannten Mohammedkarikaturen habe ich selbstverständlich eindeutig Position für die freie Meinungsäußerung bezogen. Grundsätzlich hielte ich es auch für sehr bedenklich mit Blick auf mögliche Reaktionen in vorauseilendem Gehorsam unsere Lebensgewohnheiten zu verändern.

Unter Berücksichtigung der derzeitigen besonderen Bedrohungssituation, die sich unter anderem in den deutlich erhöhten Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, Bahnhöfen und zentralen Liegenschaften oder Veranstaltungsorten, manifestiert, habe ich lediglich in Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, die Befindlichkeiten in dieser besonderen Situation – ausdrücklich zeitlich begrenzt –  durch eine derartige komödiantische Auseinandersetzung zu verstärken. Die Fehlinterpretation, mir ein Verbotsersuchen zu unterstellen, weise ich entschieden zurück. In der offenen Diskussion müssen derartige Überlegungen angestellt werden dürfen, um sich letztlich nicht der Gefahr des leichtfertigen Umgangs mit zum Teil erheblichen Gefährdungen auszusetzen.

Auch weiterhin werde ich mich mit diesem hochsensiblen Thema konstruktiv auseinandersetzen, auch wenn dabei die Gefahr besteht durch mediale Verkürzung teilweise erhebliche Missverständnisse mit  zu verursachen. Für Rückfragen stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Stephan Mayer,
MdB

Natürlich beantwortet Mayer in dieser Mail keineswegs die Fragen, die ich ihm gestellt hatte; die Formulierung „die von Ihnen geäußerte Kritik“ auf meine doch recht neutral gehaltenen Fragen hin erklärt sich vermutlich daraus, daß Mayer genau dieses Schreiben wortgleich an verschiedene Blogger_innen und Journalist_innen verschickt hat (Beispiele hier und hier), von denen er vermutlich zum Teil deutlich kritischere Mails bekommen hatte.

Dennoch ist es zumindest irritierend, daß Mayer drei Wochen brauchte, um auf Anfragen zu antworten. Vielleicht ist er einfach im Umgang mit Medien nicht besonders gewandt, oder es gab Vieles und Wichtigeres zu tun; vielleicht aber fand er es auch ganz gut, ein bißchen als Hardliner und Terrorismusbekämpfer durch die Medien zu geistern, bevor er sich dann ganz entspannt daran setzen konnte, sich zu distanzieren und hehre Werte wie die Pressefreiheit ins Scheinwerferlicht zu halten.

So haben am Ende womöglich alle Beteiligten – Spiegel TV, Stephan Mayer und Capelight – die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen, viel Wind rauschte durch den Blätterwald, und in China, Sie wissen schon, ist ein Sack Reis umgefallen.

RIP Cinematical… and thanks for all the fish!

Es läßt sich gar nicht so richtig in Worte fassen, was für ein seltsames Loch das de-facto-Ende von Cinematical für mich und für den massentauglichen amerikanischen Filmjournalismus bedeutet – Stephen Salto hat in seinem „Nachruf“ bei IFC nicht zu Unrecht vom Ende einer Ära gesprochen.

Cinematical begann Mitte der Nuller Jahre als unabhängiges, kleines Blog, das dann schließlich von AOL geschluckt wurde – aber offenbar konnte man in der Redaktion immer noch der vollständigen Übernahme unter das Moviefone-Dach Widerstand leisten. Erst mit der frischen Übernahme dieses ehemaligen Giganten durch die Huffington Post scheint das nicht mehr zu funktionieren.

Mittlerweile sind fast alle großen Namen ausgestiegen – zuletzt Editor-in-Chief Erik Davies -, die Empörung schien sich zuletzt an einer dreisten E-Mail zu entfachen, in der den Freelance-Autor_innen angekündigt wird, man werde die Arbeit jetzt ganz auf ein Team festangestellter Schreiberlinge konzentrieren. Natürlich stehe allen frei, sich auf solche Posten zu bewerben, und ansonsten seien sie herzlich eingeladen, auch für lau weiter mitzuarbeiten.

Dieser letzte Teil ist natürlich ein Affront gegen die Autor_innen – wenn auch das Ganze womöglich symptomatisch ist für die Probleme des Filmjournalismus überall: Geschriebenes möchte man schon, allein, das Geld ist knapp – oder jedenfalls niemand willens, wirkich vernünftige Beträge zu zahlen.

HuffPo rudert inzwischen zurück, ganz so sei das ja nicht gemeint gewesen; neue Texte der ehemaligen Autor_innen von Cinematical wird man sich jetzt jedenfalls an verschiedenen anderen Stellen zusammensuchen müssen. Schade, schön war’s.

Zwei Cent zu Filmkritik im Internet

Die freundlichen Menschen von NEGATIV – Magazin für Film und Medienkultur haben anläßlich des ersten „Geburtstags“ ihres Magazins verschiedene Filmkritiker_innen und -publizist_innen zum Thema Filmkritik und Internet befragt – und ich bin beglückt, dafür neben so großartigen Menschen wie Ekkehard Knörer, Steven Shaviro, Lida Bach, Jonathan Rosenbaum und Georg Seeßlen ebenfalls angesprochen worden zu sein.

Aus ganz persönlicher Perspektive also von mir hier ein paar Sätze zur Bedeutung des Internet für die Filmkritik und meine Arbeit als Kritiker.

Ergänzt wird die Reihe übrigens durch Beiträge des Magazins selbst, so von Dennis Vetter zu „Der Autor ist tot. Lang lebe der Diskurs„, und auch Ciprian David macht sich Gedanken zur Filmkritik im Internet.

Und natürlich greift das auf ältere Diskussionen zurück – etwa die Debatte um Josef Schnelles Polemik gegen Filmkritik in Blogs im August 2008 oder die verschiedenen Beiträge zum Symposium „Im Netz der Möglichkeiten – Filmkritik in Zeiten des Internet“ im November des gleichen Jahres (hier der Beitrag von Sascha Keilholz mit Links, hier bei Thomas Groh  ein Überblick über die Diskussionen).

Filmkritik aus „Zweiter Hand“?

Der ExBerliner, die nicht ganz so kleine englischsprachige Zeitschrift in und für Berlin, hat Ende Juni eine kurze Besprechung zu Christopher Nolans neuem Film Inception (meine Kritik) veröffentlicht – noch bevor auch nur die ersten Pressevorführungen in den USA begonnen hatten. Shane Danielsen von indiewire war das aufgefallen; bei einem zufälligen Treffen während einer Pressevorführung hat er die Autorin (und zuständige Redakteurin) Änne Troester (Homepage) getroffen und auf ihren Text angesprochen.

Nach Danielsens Darstellung (aufgeschrieben aus der Erinnerung) zeigte Troester bei dem Gespräch keine Reue und gar Unverständnis für seine Kritik daran, daß sie den Film besprochen hatte, ohne ihn vorher gesehen zu haben. Jenseits der gerade durch die Rezeption von Inception entstandenen Debatte über Filmkritik, Fanboys und Hypes sieht Danielsen darin Grundsätzliches aufscheinen – für ihn ist das symptomatisch, und er ist vor allem erzürnt, daß viele Freund_innen und Bekannte, die Filmkritiker_innen seien, in letzter Zeit ihre Jobs verloren hätten, während „hacks“ weiter Arbeit hätten.

Wer die Filmberichterstattung auch jenseits der Fachpresse und -blogs verfolgt, ist von seiner Fundamentalkritik gleichwohl nicht besonders überrascht. Viele Medien schaffen es gerade so mit Müh und Not, die Pressetexte der Verleiher als „Besprechungen“ oder „Filmtipps“ wiederzugeben – oft genug samt fehlerhafter Inhaltsangaben und ähnlichen Schwächen.

Man kann allerdings weder Troester noch dem Exberliner vorwerfen, dies systematisch und konsequent zu tun. Auch den Text, der Ende Juni im Heft erschien, hat sie sicher selbst verfaßt; und wenn man ihm etwas vorwerfen kann dann wohl am ehesten, daß er zu allgemein und vage ist, um als Filmkritik wirklich Aussagekraft zu besitzen. Er (online am 19. Juli erschienen) lautet, zu Dokumentationszwecken sei er hier kurz eingebunden, wie folgt:

There’s isn’t anything that Nolan has done that hasn’t been superb. Inception combines everything he’s revered for by film freaks: his fascination for how the mind works – its incredible potential and its fragility; his interest in illusion and surprising plot twists; his commitment to visual brilliance – although here he’s not as original as he can be – and the way he brings out pitch-perfect performances from an ensemble cast of first-rate actors at the top of their game.

Aber natürlich ist nichts so einfach, wie es erscheint. Ich habe die Chefredakteurin des ExBerliner, Nadja Vancauwenberghe, und Änne Troester (die Danielsen „Anne Troester“ nennt) um Stellungnahmen zu Danielsens Vorwürfen gebeten. Vancauwenberghe betonte vor allem, wie sehr sie Troesters Einschätzungen vertraue und ihre professionelle Arbeit schätze; darüber hinaus erschienen Texte über Filme im ExBerliner nur dann, wenn die Autor_innen ausreichende Kenntnisse über den Film hätten.

Änne Troester ging in ihrer ausführlichen E-Mail auch auf das Gespräch ein, das sie mit Danielsen geführt hatte, und das sie – obgleich es im Wesentlichen so verlaufen sei wie von ihm wiedergegeben – etwas anders in Erinnerung behalten habe. Er sei sehr aggressiv aufgetreten und habe ihr wenig Gelegenheit gegeben, auf seine Fragen auch zu antworten.

Zum einen war es weniger eine Unterhaltung sondern mehr ein Monolog von Herrn Danielsen, der ganz eindeutig kein Interesse daran hatte, sich über die Qualität von Filmkritiken auszutauschen. Zum anderen zitiert er mich an gleich mehreren Stellen falsch. […] Auch lässt er in seinem Blog die Schimpfwörter aus, mit denen er mich bedachte, und die mich auch dazu bewogen, die Unterhaltung abzubrechen.

(Dazu ist auch Kommentar Nummer 7 von „Jefferson“ zu Danielsens Blogeintrag nicht uninteressant.) Man versuche beim ExBerliner, möglichst alle Filme auch zu sehen, über die man schreibe.

Es kommt selten vor, dass es vor unserer Deadline keine Screener oder Pressevorführungen gibt. Dann greifen wir auf ein mittlerweile sehr umfangreiches Netzwerk an Quellen zurück, das uns zur Verfügung steht. […] Einen Film selbst sehen ist eine Sache, die ich sehr wichtig nehme – die andere ist, über Fachwissen, Hintergrund und Verbindungen zu verfügen, die mein Urteil lesenswert machen. […] Sollten wir einmal einen Film nicht gesehen haben und auch nicht über die entsprechenden Quellen verfügen, die uns ein Urteil erlauben könnten, fällen wir auch keins und machen das dann auch kenntlich. Die Tatsache, dass „Inception“ nur eine Kurzkritik bekam, entspricht dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film; ansonsten hätte ich ihm sicher in meiner langen Kritik gerechter werden können.

Ich finde die Formulierung am Schluß, daß die Länge des Textes „dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film“ entsprochen habe, hier besonders interessant; zum einen dementiert Troester nicht, daß sie Inception nicht gesehen hatte, bevor sie die Kritik schrieb. Zum anderen liegt darin meines Erachtens eine entscheidende Frage versteckt. Denn natürlich ist es gerade im Printjournalismus nicht immer möglich, Filme vor dem Redaktionsschluß zu sehen und zu bewerten. Troester und auch Vancauwenberghe haben daher auf Troesters Kontakte in der Filmindustrie verwiesen, die ihr eine Bewertung und Beschreibung des Films erlaubten.

Persönlich bin ich zwar der Meinung, daß es dennoch nötig gewesen wäre, in der Kritik (denn darum handelt es sich bei dem kurzen Text von Troester, der im Heft in der Tat noch mit drei Herzchen versehen ist und sich in seiner Gestaltung nicht von den anderen Kurzkritiken unterscheidet) kenntlich zu machen, daß die Autorin den Film nicht selbst gesehen hat. Aber läßt sich dieser Mangel in einem kurzen Text auch durch andere Kenntnisse kompensieren? Genügt also eine Kenntnis des Films aus „Zweiter Hand“, vom allerdings berufenen und kompetenten Hörensagen, um wenigstens eine solche kurze Bewertung abzugeben?

Mich interessiert diese Frage tatsächlich sehr, weil sie auf ein ethisches Problem an der Grenze zwischen journalistischem Anspruch und journalistischer Praxis verweist, das man im Onlinejournalismus mit seinen verringerten Verzögerungszeiten normalerweise nicht hat. Und Troesters Rechtfertigung scheint mir immer noch himmelweit von jener unkritischen oder käuflichen Filmkritik entfernt zu sein, die die Verlautbarungen der Verleihfirmen weiterverbreitet oder für Werbeschaltungen auch freundliche Besprechungen liefert.

Was meint Ihr dazu? Läßt sich eine kurze Filmkritik aus in dieser Form vermitteltem Fachwissen rechtfertigen? Falls Ihr selbst Filmkritiken publiziert, wie ist da die redaktionelle Praxis bei den Medien, für die Ihr arbeitet?

(Bleibt sachlich, bitte.)