Sitges 2010, Tag 9: die Filme

Die Filme vom Samstag – das Festival ging da schon spürbar seinem Ende entgegen.

Mother’s Day

Geschlechterkampf-Remake I: Darren Lynn Bousman hat aus dem (in Deutschland verbotenen) Film von Charles Kaufman aus dem Jahr 1980 nur die wesentliche Idee übernommen – die von der Matriarchin, die ihre Söhne (und neu: auch eine Tochter) zu Kriminellen erzogen hat, aber gleichzeitig auf gute Manieren und Einhaltung von Regeln besteht. Ein Ehepaar in emotionalen Schwierigkeiten wird gemeinsam mit ihren Partygästen von dieser Höllenfamilie heimgesucht, und es folgt ein grausames Spiel von Verantwortung, ethischen Dilemmata und offener Grausamkeit. Frauen sind der Frauen Wölfinnen, könnte das heißen, und der Männer sowieso. Ein ziemlich gemeiner Film mit einer beeindruckend kalten Rebecca De Mornay als titelgebende Mutter; mehr dazu bald.

Catfish

Ein durchaus umstrittener Dokumentarfilm, der in Sundance mit großem Erfolg gezeigt worden war: Ein New Yorker Fotograf beginnt eine Facebook-Freundschaft mit einem jungen Mädchen, die seine Fotos nachmalt – und schließlich eine erotisch aufgeladene Onlinebeziehung mit deren großer Schwester. Seine Filmemacherfreunde beginnen, diese Beziehung zu dokumentieren – bis sich schließlich herausstellt, daß die Figuren, mit denen er Kontakt hatte, die Erfindung einer einzelnen Frau waren. Der Film macht daraus aber weniger eine Betrachtung über Identität, Glaubwürdigkeit und Naivität im digitalen Zeitalter als vielmehr ein Portrait dieser Frau – mit durchaus problematischen Folgen in der realen Welt.

I Spit On Your Grave

Geschlechterkampf-Remake II: Das Remake des gleichnamigen Skandalfilms von Meir Zarchi – es geht nach wie vor um eine Autorin, die eine Waldhütte gemietet hat, um einen Roman zu schreiben, und von Männern aus einer benachbarten Siedlung mißhandelt und vergewaltigt wird – ist in seiner Darstellung der Rache exploitativer, brutaler als das Original. Hier gibt sich das Vergewaltigungsopfer jedoch nie den Anschein sexueller Verfügbarkeit, um an die Täter heranzukommen; kühl geplant zahlt sie jedem auf spezifische Weise die Gewalt zurück, die ihr angetan wurde. Eine genauere Betrachtung folgt demnächst auf blairwitch.de.

Isolation

Ein bißchen habe ich jetzt bei diesem letzten Film des Festivals die Nase voll von Streifen, in denen für das letzte Viertel oder Drittel offenbart wird, daß die Handlungsprämisse des vorher gesehenen gar nicht stimmten – auch wenn Isolation beträchtliche Energie darauf verwendet, schon vorher durchscheinen zu lassen, daß in der Isolationsstation, in der sich Amy Moore eines Tages wiederfindet, etwas nicht stimmen kann. Leider ist das so erkennbar die einzig interessante Information, die der Film zu verteilen hat, daß man sich so recht gar nicht dafür interessieren kann. Insgesamt: fad.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 8: die Filme

Das Festival ist inzwischen vorbei, ich bin wieder daheim, müde und etwas überdreht – aber die Filme der letzten Festivaltage (in denen ich mich zu tief ins Zelluloidland begeben habe, um auch noch schreiben zu können) bedürfen noch der Zusammenfassung. Was jetzt sukzessive folgt, beginnend mit: Freitag.

Let Me In

Matt Reeves‘ Version des großartigen Låt den rätte komma in (meine Kritik) ist ein erfreulicherweise ziemlich gelungener Film, der die beklemmende Handlung und Stimmung des Originals recht paßgenau ins Amerika der 1980er Jahre überführt. Reeves hat sich im Wesentlichen auf Oskar (hier: Owen) konzentriert und strickt daraus eine schön dunkle Coming-of-Age-Geschichte. Daß Tomas Alfredsons Film dennoch der bessere ist, liegt vor allem daran, daß Reeves‘ Fassung – trotz einiger sehr kluger Ergänzungen und Abwandlungen – insgesamt weniger komplex ist als das Original und zum Teil unnötig vereindeutigt, wo etwas mehr Ambivalenz nicht geschadet hätte. Mehr bald bei blairwitch.de.

Primal

Dieser eigentlich recht ansehnliche australische Streifen leidet vor allem darunter, daß er sich nicht recht entscheiden kann, ob er Trash oder doch lieber ernsthaftes Monsterkino sein soll. Irgendwo im Outback sind ein paar Studenten auf dem Weg zu Aboriginee-Steinmalereien, die seit angeblich Hunderten von Jahren niemand mehr gesehen hat. (Woher sie dann von ihrer Existenz und genauen Lage wissen, bleibt rätselhaft.) Nach einem nächtlichen Bad im benachbarten Tümpel verwandelt sich eine der jungen Damen zu ihren Ungunsten zu „your sabre-tooth girlfriend“, wie eine Figur das freundlich nennt, und bekommt großen Hunger auf Menschenfleisch. Nach den üblichen Diskussionen darüber, ob man ehemalige Geliebte nur deshalb erschlagen dürfe, weil sie einen auffressen wollen, dezimiert sich die Gruppe rasch – zur Auflösung hin gleitet der Film aber in fiese Trashästhetiken samt schlechter Spezialeffekte ab, die er vorher gezielt vermieden hatte. Die Kombination ist eher unfreiwillig komisch, und zurück bleibt das Gefühl eines in dieser oder jener Richtung unvollendeten Werkes.

La Casa Muda

Ein – wie schon angekündigt – in der Tat äußerst clever erschreckender Film, dessen Alleinstellungsmerkmal natürlich der auch in der Werbung hervorgehobene Umstand ist, daß er in einer einzigen Einstellung und mit einer kleinen HD-Fotokamera gedreht wurde. Die junge Hauptdarstellerin Florencia Colucci ist also auch dafür, wie für ihre überzeugende Darbietung, zu preisen. Sieht man vom Technischen ab, bleibt immer noch ein durchaus gekonnter Gruselfilm über ein Haus, in dem ein Vater mit seiner Tochter auf ein wenig erfreuliches Gegenüber stoßen. Filmemacher Gustavo Hernández spielt seine Schreckenskarten gekonnt dann aus, wenn man sie eben gerade nicht erwartet, und setzt alle möglichen Tricks ein, um die Zuschauer_innen auf falsche Fährten zu setzen; der nur sehr subtil vorbereitete Plottwist am Schluß ist dann sogar eine ziemliche Überraschung.

(Der Trailer legt übrigens falsche Fährten.)

The Perfect Host

Rotweintrinker, aufgepaßt! Die Dinnerparty, zu der Warwick Wilson (David Hyde Pierce aus Frasier) lädt, gerät etwas anders als ursprünglich geplant. Denn unerwartet platzt der Bankräuber John (Clayne Crawford) in die Vorbereitungen, der sich als Freund einer Freundin vorstellt – und als Warwick erkennt, um wen es sich handelt, ist es fast schon zu spät. Wäre nicht alles anders als man denkt. Denn dann legt The Perfect Host erst so richtig los und stürzt seine Protagonisten in eine ziemlich aberwitzige und potentiell mörderische Nacht.

Atrocious

Allgemeines Stöhnen während dieses Films, vor allem aber danach. Ein technisch nicht einmal ganz schlecht gemachter Blair Witch/Cloverfield-Nachäffer (also: ein Film aus angeblicher „Found Footage“), der viel Applaus bekam, weil er vor Ort in Sitges und Umgebung gedreht wurde. Das Einzige, was wirklich im Gedächtnis bleibt, ist eine ewige, bald sturzlangweilige Sequenz, in der die Hauptfigur mit seiner Kamera nachts durch ein Buschlabyrinth irrt, ab und an schreit die Schwester. Natürlich gibt’s dann auch mal was zum Erschrecken, aber das will man alles schon gar nicht mehr sehen.

The Violent Kind

Dieser seltsame Genre-Mix ist vor allem dadurch anstrengend, daß man ihm keinen seiner Teile je so richtig abnehmen will. Zuerst sehen wir eine Handvoll junger Männer, die angeblich zu einer Bikergang gehören; irgendwann machen sie sich auf aufs Land zur Matriarchin der Gang. Dort wird gefeiert, bis auf einmal eine der Frauen blutüberströmt zur Tür hereinkommt. Kurz nachdem sie ihre Partygenossen angefallen und einen gebissen hat, tauchen ein paar Figuren aus, die direkt den 1950er Jahren entsprungen sein könnten und die über seltsame Kräfte verfügen. Was zuerst wie ein Körperfresser- oder auch Vampirfilm wirken könnte, kriegt irgendwann einen wieder anderen Dreh, aber dann läßt der Film ein wesentliches Handlungselement einfach liegen (im Wortsinn) und driftet ins Gebiet des völligen Gaga ab. Leider ist das aber nicht einmal lustig, ebensowenig wie die technisch bescheidenen Versuche, im grotesken Splatter zu wildern. The Butcher Brothers haben hier eine Mischung angerichtet, die zu keinem Zeitpunkt wirken will, und deren Schlußtwist und -gag einzig dazu führt, daß man sich an die Stirn fassen möchte und sich fragt, warum, zum Geier, man sich das jetzt bitteschön angetan hat. Vor allem am späten, späten Freitagabend. [Update: Eine ausführliche Kritik gibt es jetzt bei blairwitch.de.]

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 7: die Filme

Bevor ich mich kurz zu den Filmen vom Donnerstag äußere, hier ein kurzer Hinweis auf jetzt noch anderswo erschienene längere Kritiken zum Festival:

Wir sind die Nacht

Das eigentliche Wunder wird für viele Leute sein, daß es sich bei Wir sind die Nacht um einen Vampirfilm aus deutscher Großproduktion handelt, und daß er trotzdem nicht total saugt (pun intended, natürlich). Die Dialoge sind vor allem zu Beginn des Films noch sehr gestelzt und werden von den Protagonistinnen aufgesagt, als gehörten sie nicht ganz hierhin; das Gefühl wird man bei Nina Hoss leider den ganzen Film über nicht los. Zum Ende hin wird Wir sind die Nacht dann actionlastiger und zugleich ein Stück besser. So ganz aus einem Guß wirkt der Streifen dennoch nicht, der großes Vampirepos sein will und dann Polizeiarbeit à la Tatort bietet. Mehr demnächst auf critic.de.

Monsters

Ein zärtlicher, sensibler, über weite Strecken fast meditativer Monsterfilm. Im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko verbreiten sich aus dem All eingeschleppte Organismen, die Zone ist deshalb unter Quarantäne gestellt. Ein Fotograf soll die Tochter seines Chefs aber heil in die USA machen, und wegen einiger auch emotionaler Verwicklungen verpassen sie die Fähre und müssen stattdessen den Landweg nehmen. Dort kommt es natürlich auch zu Konfrontationen mit den „Monstren“, aber Regisseur und Drehbuchautor Gareth Edwards stellt hier ganz subtil und selten mal laut große Fragen nach unserem Blick auf das Fremde, unserem Baden in wohlstandssaturierter Ignoranz und damit natürlich auch (aber wirklich nur en passant) nach der US-amerikanischen Immigrationspolitik. Außerdem ist Monsters ein doppelter Liebesfilm, und sehr, sehr traurig.

Prowl

Die bluttrinkenden, Menschenfleisch zerreißenden Monstren dieses kleinen Films sehen den Vampiren aus 30 Days of Night sehr ähnlich, aber mit dem Vampirmythos hat das hier nur noch am Rande zu tun. Eine geheimnisvolle Frau sammelt diese herumstreunenden Monstren ein, und in der Filmhandlung tauchen sie auf, als sich eine Gruppe Teenager einem Trucker anvertraut, der die Monsterchen regelmäßig mit Blutkonserven versorgt. Damit setzt dann ein leider auch ästhetisch sehr unbefriedigendes Blutvergießen ein, und die Auflösung des Films ist die einzige halbwegs originelle Idee, die dem Drehbuch eingefallen ist. Ausführlicheres demnächst bei blairwitch.de.

Red Nights (Nuits rouges du bourreau de jade)

Es beginnt mit einem Lustmord in Latex, eine in grellen Farben inszenierte Angelegenheit, und dann wird es seltsamer: Mehrere Frauen und ein Mann sind auf der Jagd nach dem „Schädel des Jade-Scharfrichters“, einer Antiquität, die ein einzigartiges Gift enthält. Ruhige Sequenzen werden von explosionsartig ausbrechender Gewalt unterbrochen, und am Schluß wurden reichlich Lust erworben und viel Gewalt verteilt.

13 Assassins

Takashi Miikes zweiter Beitrag auf diesem Festival neben Zebraman 2: Attack on Zebra City ist ganz anders, nämlich ein veritabler Samuraifilm ganz klassischer Machart – ein Remake von Eiichi Kudos The Thirteen Assassins (1963). Im ersten Drittel des Films werden Bündnisse geschmiedet und Vorbereitungen getroffen, und dann wird irgendwann gekämpft, gekämpft, gekämpft. Dieser letzte Teil wird irgendwann etwas eintönig, obgleich er durchweg gekonnt in Szene gesetzt wurde; Miike kann Schwertkämpfe so gut und konzentriert inszenieren wie die durchgeknallten Bilder seines Zebraman.

Fotos: Sitges Film Festival

Podcast #002: Sitges 2010

Wir sind zur Zeit auf dem Sitges Film Festival – Festival Internacional de Cinema Fantàstic de Catalunya – mit Benjamin Richter, Head of Programming Asia des International Comedy Film Festival, habe ich mich gestern im Café des Cinema Retiro über die sehenswerteren der vielen Filme unterhalten, die wir beide in den letzten Tagen gesehen hatten.


Das Comedy Film Festival wird im September 2011 stattfinden; derzeit läuft schon die monatliche Filmreihe (bislang nur in Berlin, das soll sich aber ändern), in der als nächstes am 3. November Symbol zu sehen sein wird.

Quellen und Links:

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Sitges 2010, Tag 6: die Filme

Die Filme vom Mittwoch:

Twelve

Eine fast moralinsaure Geschichte über rich kids von der Upper East Side, die ihre angeblich tiefgehenden Probleme nicht beim Psychoanalytiker lösen wie ihre Eltern, sondern beim Drogendealer. Startet heute in Deutschland im Kino. Meine kurze Besprechung gibt es bei critic.de.

Snabba Cash aka Easy Money

Ein Wirtschaftsstudent aus einfachen Verhältnissen, der gerne zur High Society gehören will. Ein spanischer Ausbrecher, der endlich den großen Kokaindeal organisiert. Und ein serbischer Ganove, der plötzlich seine achtjährige Tochter im Haus hat. Ein bemerkenswertes Drama, das der Versuchung wiedersteht, zu einer Kopie der gängigen Gangstergeschichten zu werden, und am Schluß alle Beteiligten auf diese oder jene Weise zerstört zurückläßt. Leider einen Hauch zu lang.

The Wild Hunt

Eigentlich sind Leute, die Live Action Role Playing betreiben, ja ebenso wie Goths und Horrorfilmfans (um nur zwei äußerlich auf die meisten Menschen mindestens genauso bizarr wirkende Minderheiten zu benennen), ja äußerst ausgeglichene und friedliche Naturen. Insofern tut ihnen The Wild Hunt vielleicht etwas unrecht, der im Wesentlichen beschreibt, wie auf einem LARP-Wochenende aus dem Spiel sehr schmerzhafter Ernst wird. Regisseur Alexandre Franchi gelingt es in seinem ersten Feature, die Spannung stets leise vor sich hin köcheln zu lassen, nie weiß man genau, wann sich hier die Emotionen und Triebe Bahn brechen werden.

La posesión de Emma Evans

Dieser spanische Film (auf Englisch gedreht und in den Suburbs von London angesiedelt) ist einer der wirksamsten, gruseligsten Exorzismus-Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dank einer brillanten Hauptdarstellerin (Sophie Vavasseur in der Titelrolle) bleibt das Schicksal der Protagonistin alles andere als egal. Und weil Manuel Carballo in seinem zweiten Langfilm nicht immer das macht, was man üblicherweise erwarten müßte, bleibt die Spannung gleichmäßig hoch, bis hin zum nochmal richtig schmerzhaften Schlußtwist.

Fotos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 5: die Filme

Gestern war ich anderweitig etwas aktiver und produktiver als sonst, dafür habe ich es nur in drei Filme geschafft:

Zebraman 2: Attack on Zebra City

Wieviel Miikes Fortsetzung seines Zebraman von 2004 mit dem Original zu tun hat, kann ich nicht beurteilen; Zebraman 2 ist jedenfalls eine wüst den westlichen Erwartungen zuwiderlaufende Superheldengeschichte, bei der es bis kurz vor Schluß dauert, bis es richtig zur Sache geht. Dann wird es allerdings so schön bescheuert und sinnfrei, daß auch das eigentlich schon wieder Spaß macht. Mir ganz persönlich war der Film dann aber nicht entschlossen trashig genug, um wirklich unterhaltsam zu sein, dafür war dann doch zu wenig originelles Material in den 106 Minuten verstreut.

Rare Exports: A Christmas Tale

Diese finnische Weihnachtsgeschichte hingegen verliert nicht viel Zeit, um zur Sache zu kommen, auch wenn zuerst nur der kleine Pietari (Onni Tommila), der mit seinem Vater Rauno (Jorma Tommila) irgendwo im einsamen finnischen Norden lebt, wirklich versteht, was vor sich geht: Irgendjemand gräbt mit seiner Firma gerade das Grab des echten Weihnachtsmanns aus. Der hat natürlich nichts mit der freundlichen Phantasie in Coca-Cola-Farben zu tun, sondern ist eher eine dämonische Figur mit ungesund wirkenden Hornfortsätzen an der Stirn. Oder doch nicht? Jedenfalls liegt am Weihnachtsmorgen ein alter Mann in Raunos Bärenfalle. Ohne große Umwege schreitet Rare Exports dann schließlich zur Klärung der Frage, wie der Weihnachtsmann eigentlich an so vielen Plätzen gleichzeitig sein kann. Das ist straff, sehr schwarz und lange nicht so frustrierend finnisch, wie man das stereotyperweise aus dem Programmkino zu kennen meint.

Stake Land

Nicht nur dem Namen nach hat der Film, der dieses Jahr in Toronto den Midnight Madness Audience Award einheimsen konnte, gewisse Ähnlichkeiten mit Zombieland – es geht, auch das sieht man dem Titel schon an, um Vampire. Amerika ist von ihnen überrannt, nur hie und da gibt es noch kleine Siedlungen Überlebender, die sich auf unterschiedliche Art und Weise – mal friedlich, mal faschistoid – organisiert haben. Durch dieses Land, auf dem Weg nach Norden, reisen „Mister“ und der junge Martin. Jim Mickles Film ist keine Komödie, nicht einmal eine schwarze, sondern ein großartiges, finsteres Drama über menschliches Überleben im Angesicht der Apokalypse.

Fotos: Sitges Film Festival

Texte zu Filmstarts (14. Oktober 2010)

Morgen startet in den deutschen Kinos die französische Filmbiographie Gainsbourg, dessen Titel im deutschen Verleih mit „Der Mann, der die Frauen liebte“ ergänzt wurde – was ich zumindest mit Blick auf den Film für etwas danebengreifend halte. Joann Sfar hat einen Film mit viel Qualm und Selbstverzehrung gedreht, der sich zwar nur um seinen Protagonisten Serge Gainsbourg dreht, diesem aber eigentlich nie wirklich nahekommt – und deshalb zu einer allzu archetypischen Rockstargeschichte gerät. Habe ich jedenfalls für critic.de so aufgeschrieben.

Ein gänzlich anderer Film ist Piranha 3D, ein blutiges Spektakel, exploitativ und stolz darauf. Für Fans fleischfressender Fische.

Foto: Prokino

Sitges 2010, Tag 3 und 4

Dem Vernehmen nach (und wenn man, wie ich, @karatekueken glaubt) ist La Casa Muda aka The Silent House (selbst hatte ich leider noch nicht das Vergnügen) der bisher schreckenerregendste Film des Festivals. Aber immerhin ist er offenbar nicht so brechreizerregend wie für manche der zugegebenermaßen ganz neue Körperöffnungen bietende und an Kunstblut wie Ekligkeiten nicht arme (aber dabei doch seine Künstlichkeit nie verbergende) Hell Driver von Yoshihiro Nishimura.

Während der Nachmitternachtsvorstellung dieses Films erbrach sich nämlich der junge Mann rechts von mir in eine Plastiktüte – ob aufgrund des Films, aufgrund verdorbener Nahrungsmittel oder wegen einer Erkrankung, weiß ich nicht zu sagen. Schlimm scheint es jedenfalls nicht gewesen zu sein, denn er blieb anschließend, nachdem er die Tüte ordentlich zugeknotet und weggestellt hatte, bis zum Ende des Films auf seinem Platz sitzen.

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Nishimura selbst erschien ebenfalls, um seinen Film vorzustellen, und entledigte sich dann nach einer für mich leider unverständlichen (da nur in Japanisch und Katalan servierten) Einleitung seiner Kleider und nahm ein Requisit aus dem Film zur Hand. Was folgte, kann man gar nicht richtig beschreiben, da muß man diesen Film sprechen lassen:

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Die Warteschlangen vor dem großen Kino sind nicht nur gewunden, sondern zusätzlich in mehrere Teile gestückelt, damit dazwischen Platz für den roten Teppich, für den Zugang zum Kaffeezelt und zu den Ticketschaltern bleibt. Die Bereiche zum Anstellen sind auch überdacht, was insofern hilfreich ist als es seit gestern abend nun einigermaßen durchgängig nieselt (nachdem gestern abend, wohl während der Vorstellung von Insidious, wohl ein rechter Gewittersturm über Sitges hergefallen war). Es empfiehlt sich gleichwohl dennoch, möglichst rechtzeitig am Spielort zu sein, da die Überdachung für maximal zwei Drittel der Menschen ausreicht, die auch in den gigantischen Kinosaal passen.

Akkreditierte Pressevertreter freilich, diese wetterempfindlichen Schäfchen und verwöhnten Schnorrer, haben hier eine eigene Warteschlange, die meist deutlich kürzer ist.

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Durch das trotz Regen übrigens immer noch recht warme Wetter sieht man mir jetzt immerhin nicht immer gleich auf der Straße schon an, daß ich nicht ausreichend mit Kleidung versehen bin, die dem Dresscode: Black Tee entspricht. Heute ist mein T-Shirt sogar weiß. Für das Festival in Gérardmer (im Januar, in den Vogesen) hatte ich immerhin meine schwarze Daunenjacke dabei, das war ganz und gar du jour.

Und hier kann ich – kreative oder zumindest geek-ige Aufdrucke sind ja sehr, sehr wichtig – modisch mit einem Wonder Woman-Shirt punkten.

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Den offiziellen Spot des Festivals zur Würdigung von The Shining (dessen dreißigstes Jubiläum damit hier vor fast jedem Film gewürdigt wird) ist übrigens auch online, sehenswerte Sekunden:

Videos: Sitges Film Festival

Sitges 2010, Tag 4: die Filme

Der gestrige Tag stand stark im Zeichen von Umzügen und Menschen, die seltsame Veränderungen durchmachen. Und weil ich bei weitem nicht so viel zum Schreiben komme, wie ich möchte und müßte, gibt es erst eine weitere längere Besprechung zu vermelden: Meine Kritik von Agnosia ist bei blairwitch.de erschienen. Zu den Filmen von gestern hier in Kürze, zu allen mehr demnächst.

The new daughter

Ist es eigentlich so schwer zu verstehen, daß man aber auch wirklich niemals irgendwo hinziehen soll, wo vor langer Zeit schon indianische Ureinwohner Kultstätten und Friedhöfe unterhielten? Aber das Horrorkino scherte sich noch nie darum, seine eigenen Lehren auch einzuhalten, da ginge ihm womöglich der Stoff aus. Dieses Kevin-Costner-Vehikel ist glücklicherweise eigentlich keines, sondern gibt dem Star Platz für eine durchaus zurückgenommene Performance, und den Nebenfiguren Platz, sich auszuagieren. Gruselig ist das zudem die meiste Zeit auch noch. Ausführliche Kritik bei kino-zeit.de.

Super

Filme um Durchschnittsmenschen, die zu Superhelden mutieren, haben mit ganz unterschiedlichen Ansätzen ja gerade von Kick-Ass bis Defendor Konjunktur – man darf es auf die Watchmen schieben, nehme ich an; und James Gunn, ein kleiner Querdenker vor der Leinwand, macht mit Super fast alles richtig. Das verdankt er seinem eigenen Drehbuch, aber natürlich auch den Darstellern, vor allem Rainn Wilson und (die aber eh‘ von mir verehrte) Ellen Page. Eine ganz und gar nicht leichte Tragikomödie.

Vanishing On 7th Street

Ich bin mir noch nicht ganz sicher darüber, warum mich die Filme von Brad Anderson zwar durchaus erst einmal in ihre Welt hineinziehen, mich aber unterwegs irgendwann verlieren. Hier ist es genauso: Was zunächst ein hochgradig aufregender Film darüber ist, das von einem Moment auf den anderen der Großteil der Menschheit einfach verschwindet (genauer: vom Schatten aufgesogen wird) und damit die wenigen Überlebenden vor allem um Licht kämpfen, wird irgendwann in Rückblenden und sich ähnelnden Schreckmomenten langatmig und fast schon träge. Mehr bei blairwitch.de.

Insidious

James Wan, der Mann, der Saw gemacht hat, wollte mit diesem Film (sagt er) einerseits wieder zu seinen Independent-Wurzeln zurückkehren, andererseits auch einen Film machen, der sich auf Klassiker wie Poltergeist und The Haunting beruft. Herausgekommen ist ein geradezu klassischer Geisterfilm (mit sogar gleich zwei Umzügen!) über Seelenwanderung und böswollende Entitäten, der aber vor allem im letzten Drittel doch ganz erheblich schwächelt. Ausführlicheres bei blairwitch.de.

Fotos: Sitges Film Festival

Black Lightning (2009)

Russischer Student – klug, aber ohne viel Geld – wird dank eines fliegenden Autos zum Superhelden: So funktioniert das russische Gegenstück, ach was, dieses eklektische Gemisch aus Transformers (sein Vater schenkt ihm ein Auto, das mehr ist, als man auf den ersten Blick erkennen kann) und Spiderman (der Tod seines Vaters läßt ihn sein eigenes Handeln überdenken und macht ihn zum Superhelden). Der Rest der Story ist im Grunde völlig wurscht (ja, um ein blondes weibliches Wesen geht es natürlich auch noch, das brav und passiv zwischen zwei Männern sich nicht entscheiden kann), zumal der Film so einiges an Motivation vermissen läßt. So steht der Bösewicht in Black Lightning kurz davor, eine enorm effektive Energiequelle in die Finger zu bekommen (nämlich jene, die den schwarzen „Wolga“ antreibt), mit der sich alles mögliche anstellen ließe – aber er will das Ding nur, um damit an die Diamantvorkommen unter der Stadt Moskau herankommen zu können. Bei deren Bergung würde zwar Moskau zerstört werden, und das macht den Mann sicherlich hinreichend bösartig, besonders ambitioniert wirkt das aber nicht. Da hätte ein Schuß der größenwahnsinnigen James-Bond-Fieslinge sicher nicht geschadet.

Ansonsten sieht man sehr, sehr deutlich, daß Timur Bekmambetov hier beteiligt war – die Wächter-Filme scheinen in einigen Szenen deutlich durch (meine Kritiken). Das Ganze ist bis auf wenige Momente sogar sehr familientauglich; bizarr ist allenfalls, daß ein Film, der so überdeutlich amerikanischen Vorbildern nacheifert, doch tatsächlich in den nächsten zwei Jahren ein US-Remake erfahren soll.

Foto: Sitges Film Festival