Jugendmedienschutz-Staatsvertrag

Noch’n Update (2.12.2010): Auf netzpolitik.org werden Vetters Positionen kritisch mit anderen Stimmen kontrastiert.

Update (1.12.2010): Udo Vetter bringt mit seinem juristischen Sachverstand und viel Gelassenheit ein wenig Ruhe in die Diskussion.

Ich habe mich hier im Blog mit politischen Themen, auch medienpolitischen, bisher fein zurückgehalten; aber mir scheint doch, daß die Diskussion um den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) hierher gehört. Von den Folgen der Regelungen, die gerade durch die Länderparlamente gejagt werden, sind nicht nur die großen Medien betroffen, sondern nun sämtliche Publikationen im Netz (soweit sie jedenfalls in Deutschland entstehen), und das heißt eben auch: jedes private kleine Blog genauso wie die großen Medien.

Halt, das stimmt nicht ganz, denn

Seiten, die „Nachrichtensendungen [und] Sendungen zum politischen Zeitgeschehen“ entsprechend und an deren Inhalten ein „berechtigtes Interesse“ besteht, sind ausgenommen. Damit wären große Medienseiten wie z.B. Spiegel Online oder prominente Blogs wie Netzpolitik ausgenommen.

Die Betreiber_innen von Filmblogs sind meiner Meinung nach deshalb etwas anders betroffen, weil ich mir nicht sicher wäre, wie es zum Beispiel aus Sicht des Jugendschutzes zu bewerten ist, wenn ich über Filme schreibe, die erst ab 16 Jahren freigegeben sind, oder gar mit solchen, die in Deutschland keine Jugendfreigabe haben (oder auch deshalb keine Freigabe, weil sie in Deutschland nicht erschienen sind). Wie wäre all das zu bewerten? Für mich gäbe es nur die Möglichkeit, die gesamten Inhalte des Blog auf „ab 18“ zu setzen.

Die technischen Sperren, die dafür eigentlich vorgesehen wären, kann ich freilich nicht leisten, und andere Blogs sicher auch nicht – eine Abfrage des Personalausweises ist technisch zu aufwändig, und die Sperrung des Blogs außer zu finsteren Nachtstunden käme einem Todesurteil nicht nur für dieses Blog gleich. De facto würde die Umsetzung des JMStV in seiner jetzigen Form bedeuten, das die meisten Blogs und privaten Webseiten (alle Webseiten, auch längst stillgelegte!) sich als „ab 18“ einstufen müßten, um nicht unter erheblichem rechtlichem und finanziellem Risiko zu operieren.

Wer mehr Details zum JMStV wissen möchte, dem/der empfehle ich zunächst die 17 Fragen und Antworten zum neuen JMStV, die das Magazin t3n zusammengestellt hat, sowie den offenen Brief (PDF; Pressemitteilung dazu).

Eine politische Einordnung macht annalist, die auch auf einen Text verweist, in dem etwa die wirtschaftlichen Interessen der Telekom an diesem Projekt expliziert werden (zu weiteren Profiteuren siehe hier und hier); zur Lage in Nordrhein-Westfalen gibt es Hintergründe beim Pottblog und eine Brandrede von Thomas Knüwer.

Juristisches dazu gibt es bei Thomas Stadler und bei YuccaTree.

Und was kann man tun? Natürlich auf die Abgeordneten in den Länderparlamenten einwirken. In folgenden Landtagen wird noch abgestimmt:

vsl. 7./8. Dezember: Saarland (Anhörung am 02. Dezember)
vsl. 9. Dezember: Berlin
vsl. 14.-16. Dezember: Bayern, Brandenburg
vsl. 14.-17. Dezember: Sachsen, Schleswig-Holstein
vsl. 15.-16. Dezember: Nordrhein-Westfalen
15. Dezember: Mecklenburg-Vorpommern

(Quelle: netzpolitik.org, wo auch darauf hingewiesen wird, daß die eigentlichen Entscheidungen wohl schon vorher in Fraktionssitzungen fallen dürften. Die Zeit drängt also!)

Kurzfilm: Topper goes to space

Wunderbare traumartige Atmosphäre, die den Raum entlang der Linien faltet, die die Zeichnung vorschlägt. Vom französischen Künstler Benoît Daffis. (via)

Mother’s Day (1980)

[Natürlich spreche ich in diesem Text nur von der geschnittenen FSK16-Fassung des Films, die nicht wegen Gewaltverherrlichung verboten und beschlagnahmt wurde. Nur damit mir niemand unterstellen kann, ich würde derlei Darstellungen womöglich gutheißen oder gar bewerben wollen. Käme mir nie in den Sinn.]

Da ich vor wenigen Wochen während der Filmfestivals in Sitges (meine Berichterstattung) die Gelegenheit hatte, mir Darren Lynn Bousmans neuen Film Mother’s Day anzusehen (meine Kritik ist gerade bei blairwitch.de erschienen), habe ich mir vorher natürlich das „Original“ angesehen, das Charles Kaufman im Jahr 1980 inszeniert hat und das seither einigermaßen berüchtigt geworden ist für seine Gewaltdarstellungen – die man freilich in Deutschland nicht legal zu sehen bekommt, da der Film in seiner ungeschnittenen Fassung nach Paragraph 131 StGB aus dem Verkehr gezogen wurde.

Mother’s Day ist von seiner Grundanlage zuallererst – obwohl er das für eine Weile gut zu kaschieren weiß – ein klassischer Backwoods-Slasher, der Städterinnen gegen Landeier stellt. Hier steht, mehr noch als in ähnlichen gelagerten Filmen, die Familie sogar noch im Vordergrund, denn es ist die titelgebende Matriarchin, die das mörderische Treiben anstößt und vorantreibt. Ihre zwei Söhne hat sie zu mordenden Folterknechten herangezogen, die sich gleichwohl ordentlich zu benehmen haben, zumindest ihrer Mutter gegenüber. Gelegentlich fährt sie auch in die Stadt und bringt ihnen ein paar Mordopfer mit, die sie nur für eine harmlose alte Dame halten.

Die Opfer sind natürlich junge Leute, die vielleicht ein bißchen zu freizügig sind in ihrem Leben – schließlich sind die 1970er Jahre gerade erst vorbei, der neue Ernst der 80er, von der Gier der Finanzmärkte bis hin zu Ronald Reagan, hat noch nicht wirklich Einzug ins amerikanische Filmleben gehalten. Auch die drei jungen Frauen Abbey, Jackie und Trina, die dann – wieder so ein klassisches Motiv – am nahegelegenen See zelten wollen, sind natürlich selbstbewußt und frei genug, auch nackt ins Wasser zu springen, und ohne Männer kommen sie an dem Wochenende auch gut aus.

So richtig überzeugen konnte Mother’s Day mich zu keinem Zeitpunkt, dafür ist der Film – berüchtigt hin, Gewaltdarstellungen her – dramaturgisch und inhaltlich zu schwach und zu sehr Dutzendware; daß er sich selbst nie ernst nimmt, macht ihn immerhin sehr unterhaltsam. Die Bösen sind so richtig böse und degeneriert (und verwenden etwa Bier zum Zähneputzen), überall stehen Fernseher herum, als wolle der Film mit Nachdruck suggerieren (bzw. die Behauptung ad absurdum führen), Fernsehkonsum führe zu Gewalt. (Das Remake hätte, wollte es die gleiche Richtung einschlagen, überall ganz viele Computer und Spielekonsolen aufstellen müssen. Aber es hat einen gänzlich anderen, interessanteren Weg eingeschlagen.)

Gemordet und gerächt wird mit allem, was so an Materialien und Werkzeugen im Haushalt herumsteht. (Und natürlich auch mit dem Fernseher, dem Teufelszeug.) Und ein ganz irritierender Moment ist, wenn die Überlebenden sich für ihren Rachefeldzug gegen die böse Kernfamilie rüsten – das ist in einer Montage inszeniert, die geradewegs aus Rambo: First Blood Part II stammen könnte: man legt sich ein Stirnband um, die Kette einer Verstorbenen wird umgehängt.
Das bedeutet womöglich, daß auch dieser Trashfilm in Sachen feministischer Gleichberechtigung des Rache- und Mordgedankens Hollywood nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte voraus war (schon die bösartige Frauenhauptrolle deutet das ja an); oder hat Rambo, immerhin erst fünf Jahre später entstanden, sich die Szene etwa abgeguckt?

Kurzfilm: Codehunters

Ich finde es immer wieder erhellend, wenn man im Rückblick auf die Arbeit von Filmemacher_innen schauen kann und ein bißchen sieht, wie sich Begabungen, Können und Karriere so entwickelt haben. Ben Hibon hat just in diesen Wochen ein bißchen mehr Aufmerksamkeit als sonst bekommen, weil er für eine Animationssequenz im neuen Harry Potter-Film Regie geführt hat (ich habe ihn noch nicht gesehen, empfehle aber gerne und mit Nachdruck Thorstens enthusiasmierte Besprechung für critic.de oder wahlweise Matthew Baldwins weniger begeisterte Reaktion; beide sind sehr lesenswert). Hibon ist aber auch Regisseur des Zombie-Animationsfilms A.D., auf den ich Anfang des Jahres schon einmal hingewiesen hatte, und wird derzeit für den Regiestuhl von Pan gehandelt, eine düstere Verschiebung der Peter Pan-Geschichte.

Sehenswert ist aber schon sein Kurzfilm Codehunters von 2006, den er für MTV Asia gedreht hat, und dessen Animationsstil mir sehr gut gefällt – doch auch davon würde man vielleicht ganz gerne mehr sehen, zumal die Hintergrundstory dazu (auf der Youtube-Seite des Videos nachzulesen) durchaus noch Handlungsspielraum läßt…

(via)

How the Grinch Stole Christmas (2000)

Logo Weihnachtsfilm-Blogathon

Als ersten eigenen Beitrag für den Weihnachtsfilm-Blogathon habe ich mir einen Film ausgesucht, von dem ich mir möglicherweise irgendwann sogar heimlich geschworen hatte, ihn mir nie ansehen zu wollen, nienienie: How the Grinch Stole Christmas von Ron Howard, mit Jim Carrey in der Titelrolle (als Grinch natürlich, nicht als Weihnachtsfest).

Der Grinch ist eine Figur, die hierzulande wohl so wenig bekannt ist wie auch die meisten anderen Schöpfungen von Dr. Seuss/Theodore Seuss Geisel (daß ich z.B. The Cat in the Hat ein bißchen kenne, ist eher Zufall und familiäre Gegebenheiten). Er wohnt in der Nähe von Whoville, wo mit Hingabe Weihnachten gefeiert wird – weil er das aber den Bewohner_innen der Stadt nicht gönnt, spielt er ihnen erst Streiche, um schließlich, als Weihnachtsmann verkleidet, ihnen Weihnachten gleich ganz zu nehmen, indem er alle Geschenke und Weihnachtsbäume mitgehen läßt.

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Grinch beginnt eigentlich noch recht vielversprechend als ziemlich explizite Kritik an einem rein konsumistisch verstandenen Weihnachtsfest: Da kaufen die „Whos“ alle ein wie verrückt, und die entscheidenden Bilder sind: Kassen, Geld, Geschenke. Neben einer Geschichte von Ungerechtigkeit und Außenseitertum (in deren Zentrum natürlich der Grinch selbst steht) ist das aber leider auch alles, was dem Film einfällt: Komplexer wird es nie. Denn am Ende ist die Botschaft, schlicht und schlicht: Bei Weihnachten geht es nicht nur um die Geschenke, sondern um das Miteinander; und in diesem Miteinander soll niemand ausgeschlossen sein, denn jede_r ist wertvoll und wichtig. Schmalziger geht Weihnachten nicht.

Der Weg dahin ist freilich ein bis an den Rand vollgestopfter. Die bösen Streiche und Methoden des Grinch sind durchaus lustig; die Whos bekommen böse Post zum Fest, die Geschenke werden mit einem großen Staubsauger aufgesaugt, die Weihnachtssocken über dem Kamin von rasend schnell fressenden Motten zerkaut. Aber Subtilität kennt der Film nicht, nur Offensichtlichkeiten, und diese türmt er noch aufeinander, bis es aus den Rändern herauszuquellen scheint. Die Bilder sind hier stets zu bunt, zu fröhlich, zu voll, zu laut, zu bumm, und gerade Linien gibt es kaum.

Gleichwohl muß man natürlich eingestehen, daß zumindest die Schlichtheit der Geschichte schon der Vorlage entstammt; dabei handelt es sich aber um ein eher knappes Kinderbuch, dessen filmische Umsetzung im Grunde mit dem 26-minütigen Fernseh-Animationsfilm letztgültig erledigt zu sein schien, den Chuck Jones 1966 verantwortete. (Unten anzusehen.)

Und in der Tat ist die (holzhammerartige) Kapitalismuskritik natürlich eine Neuerung des Howard/Carrey-Unternehmens (das in meiner Wahrnehmung für beide ein Tiefpunkt ihrer respektiven Karrieren war), und sie hat lichte Momente. Etwa wenn der Grinch nicht nur die Geschenke anprangert, sondern die Wegschmeißkultur gleich mit (er wohnt neben der Müllkippe): „That’s what it all is about: gifts, gifts, gifts. They all come to me in my garbage.“ Später wird der Hund, der die Rolle des Rentiers am Schlitten spielen muß, sich weigern, eine rotleuchtende Nase anzuschnallen, und da wird der Grinch fast politisch: „You reject your own nose because it represents the glitter of commercialism!“

Durchaus interessante Ansätze liegen auch in der seltsamen sexuellen Anziehung, die offenbar zwischen dem Grinch und der Dorfschönheit besteht (Furries, anyone?) und den sonstigen, sehr vorsichtigen anzüglichen Andeutungen des Films. Babies kommen hier in beschirmten Körbchen vom Himmel gesegelt, und ein glücklicher, frischer Vater ruft im Moment des Fundes nach seiner Frau: „Honey, our baby is here!“, und nach einer irritierten Pause: „He looks just like your boss.“

Aber Grinch beläßt es trotz seiner 104 Minuten Laufzeit bei solchen Andeutungen von Tiefe, und bis zum (fast) allgemeinen Glück im Finale passiert dann auch nichts mehr – außer eben viel Gebläse, Trara und Geschrei.

***

Und hier als Bonustrack Chuck Jones‘ How the Grinch Stole Christmas! von 1966, weniger aufgeregt und näher am Originaltext:

Weihnachtsfilm-Blogathon 2010

Gewinnen schon mit einem einzelnen Kommentar möglich!

Beiträge im Blogathon:

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St. Trinian’s

Cartoonbrew hat auf eine wundervolle Animationsstudie hingewiesen, die Uli Meyer (Homepage, Blog) erstellt hat: Er hat sich die wunderbaren St Trinian’s-Cartoons von Ronald Searle angesehen (beispielhaft gibt es Bilder zum Beispiel hier, hier, hier und hier) und sich bemüht, einen Animationsstil zu entwerfen, der dem Stil von Searles Zeichnungen möglichst nahe kommt. Das ist ihm auch meiner Meinung nach hervorragend gelungen:

In seinem Blog schreibt Meyer noch genaueres zu der Arbeit, an der auch noch Matt Jones, Sandro Cleuzo und Boris Hiestand beteiligt waren, und zu Searles (positiver) Reaktion darauf.

Es gibt ja bereits mehrere Verfilmungen der St Trinian’s-Cartoons, die man übrigens in einer großzügigen gebundenen Ausgabe (Amazon-Partnerlink: St. Trinian’s: The Entire Appalling Business) oder in wohlfeiler Taschenbuchform (Amazon-Partnerlink: St Trinian’s: The Cartoons) erwerben kann. Neben einer 1954 mit The Belles of St. Trinian’s begonnenen britischen Reihe, die bis 1966 vier Filme hervorbrachte (1980 kam mit The Wildcats of St. Trinian’s, wieder unter der Regie von Frank Launder noch ein Nesthäkchen hinzu; die DVD-Box The St. Trinian’s Collection enthält die vier Filme aus den 1950er und 1960er Jahren: Amazon-Partnerlink) gab es in den letzten Jahren seit 2007 zwei weitere Versuche, Searles Zeichnungen in Realfilm zu übersetzen.

Ich fand seinerzeit St Trinian’s sehr unterhaltsam (meine Kritik), auch wenn er mit Searles Arbeiten außer ganz grundlegenden Handlungselementen nur noch wenig gemein hat – ein großer Spaß mit eingängiger Musik und Gender Trouble ist der Film doch. Eine Fortsetzung gibt es mit St Trinian’s 2: The Legend of Fritton’s Gold inzwischen auch; dazu hier demnächst hoffentlich mehr.

Kurzfilm: Star Wars in Typographie

Das läßt mein Starwarsnerdherz natürlich schneller schlagen: Youtube-User stevieni hat die Death-Star-Angriffsszene aus Star Wars in Buchstaben neu umgesetzt.

(via)

Scott Pilgrim vs. the World (2010)

Ich habe Scott Pilgrim vs. the World dank der freundlichen Unterstützung von geekculture.fr vorab sehen können – der Film läuft in Frankreich am 1. Dezember an.

Ich muß gestehen: Als ich vor einigen Monaten den ersten Trailer zu Scott Pilgrim vs. the World zu Gesicht bekam, war ich schon ziemlich irritiert und hatte vor allem das Gefühl, einer völlig überdrehten Bonbonproduktion beim Entstehen zuzusehen, die mir vermutlich nichts zu sagen haben würde.

Aber irgendjemand in diesem wunderbaren Ding Internet empfahl mir (oder empfahl vielleicht eher generell der Welt, und mich streifte das eben auch) die Lektüre der Comics (Amazon-Link zum Set-in-a-Box), und nachdem ich mich erst vorsichtig mit den ersten beiden Bänden angeschlichen hatte, konnte ich dann kaum erwarten, daß endlich, endlich in den USA der siebte und letzte Band auch noch erscheinen möge. Denn die Comics gehören zu den witzigsten und flottesten Bestandsaufnahmen der (meiner) Jugendkultur, die ich kenne – sie lassen sich wie im Rausch lesen, sie sind extrem schnell (und selbst schon fast filmisch), offenbar vom japanischen Manga und der westlichen Graphic Novel geschult.

Vor allem aber habe ich nach Lektüre der Comics verstanden, warum Edgar Wright den Film so anlegen mußte, wie es der Trailer andeutete, warum der Film so schnell und blinkend beschaffen sein muß, um als Adaption seiner zugleich völlig anderen Vorlage treu zu bleiben.

Denn natürlich sind die Akteur_innen im Film – vor allem Michael Cera und Mary Elizabeth Winstead – keine Mangafiguren, und Wright hat sie auch nicht ihren Comicvorbildern durch Computertechnik angeglichen. Stattdessen hat er sich entschieden, das Element der Computerspiele stärker zu betonen und ansonsten über visuelle Tricks und Übertreibungen den Zustand des comic-haften herzustellen. Dazu gehören nicht zuletzt Momente, in denen Ton und Geräusche als Schrift im Film sichtbar werden – allein das Thema Typographie in Scott Pilgrim wird Stoff für einige Magistraarbeiten abwerfen. An einigen Stellen gibt es zudem, vor allem in Rückblicken auf Scotts Vergangenheit, noch ein paar gezeichnete Szenen zu sehen, die dem Ursprungsmedium Reverenz erweisen.

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Scott Pilgrim ist natürlich, vor allem anderen, eine verspätet einsetzende Coming-of-Age-Geschichte in einem ob des Alters der Twen-Protagonist_innen weitgehend von Eltern befreiten Universum, in dem Slacker, Student_innen und Rumjobbende nebeneinander her existieren – eine Welt, die so sehr der westlichen weißen Mainstream-Mittelklasse entstammt wie all die Referenzen, die Wrights Film übereinander häuft, ineinander verdreht und verschwurbelt: Wenn Scott Pilgrim der Film einer Generation geworden ist, wie frühe Kritiken ihn enthusiasmiert feierten, so ist da allenfalls von dieser Teilgruppe die Rede. (Und daß Scott Pilgrim für seine Beziehung mit der asiatischstämmigen und allerdings auch viel zu jungen Knives Chau (Ellen Wong) Anerkennung von den Männern seiner Peergroup erhält, hat natürlich auch genau damit zu tun.)

Und auch das ist der Film: Ein 8-Bit-Nerdfest, eine retro-nostalgische Feier der Computerspiel- und Popkultur, und schließlich, und das ist das wirklich Sympathische daran: Eine Suche nach unseren Ängsten und Emotionen in den Bildern, die sich auf den Bildschirmen unserer Jugend abspielten.

Dafür macht Wright, machte schon der Comic die Kämpfe und Konflikte des Erwachsenwerdens zu wörtlich verstandenen Bildern, die Geister und Eifersüchte der Vergangenheit, die eine frische Beziehung heimsuchen können, zu de-facto Kämpfen mit den „Seven Evil Ex-es“ von Ramona, die Scott begehrt: Daß diese in einer Form von Realität stattfinden, die offenbar mit „unseren“ physikalischen Weltgesetzen wenig zu tun haben will, nehmen schon die diegetischen Zuschauer_innen im Film klaglos hin; warum sollten wir es anders halten?

Bei diesen Kämpfen zeigt sich schon, was Wright mit dem filmischen Raum anstellt: ihn nämlich aufreißen, öffnen, ständig verändern. Auffallend häufig brechen sich in den Kämpfen den Weg in die Tiefe der Leinwand hinein, durch Mauern und Decken, lassen keine normalen Begrenzungen gelten. Das setzt der Film konsequent auch über die Kämpfe hinaus fort, in der Wüste, die gelegentlich zu sehen ist, den Türen, durch die Ramona verschwindet, und im Wechsel des Bildformats, das ab und an zum extremen Breitbild wird.

Beschleunigung, aber auch Emotionen übersetzt der Film in Raum, der sich dehnt oder staucht, zugleich wirkt der filmische Raum oft wie konzentriert auf die Protagonist_innen auch dadurch, daß er von allen Nebeneinflüssen gereinigt wird. Natürlich gibt es Partys, Konzerte, die Szenen in Coffeeshops und in der Bibliothek; aber immer wieder dazwischen Bilder, oft dem Comic fast 1:1 entliehen (und dem realen Toronto zudem), in dem niemand zu sehen ist außer Scott und Ramona, in dem die Hintergründe aller überflüssiger Elemente und Informationen ledig sind.

Zwei große Probleme schleppt der Film gleichwohl mit sich herum, die eng miteinander verwoben sind. Das eine ist, daß man sich nicht so recht vorstellen kann, was Scott und Ramona aneinander finden. Scott wirkt hier schon in den einleitenden Szenen – mehr noch als in der Vorlage – wie ein egozentrischer Langweiler, bei dem man sich fragen muß, was das „demon hipster chick“ Envy Adams jemals an ihm fand, von Ramona zu schweigen. Die Dialoge des ersten Dates schließlich, die Ramonas Zuneigung einigermaßen erklären könnten, sind im Film nur noch in Bruchstücken vorhanden, und wenn Scott so ganz Michael-Cera-haft dorky neben der coolen, schicken Frau aus New York herläuft, dann nimmt man ihr ihre Zuneigung einfach nicht ab. Denn nur Mitleid kann es auch nicht sein.

Daß Scott sich dann später als persistent Liebender erweist, ist natürlich die Handlung des Films – und diese Hartnäckigkeit, nebst Selbstwertgefühl und derlei, zu erwerben, gehört zu den Lektionen, die die Geschichte ihm aufbürdet. Aber das ist später: Gründe für diese Liebe sehen wir nie.

Das andere Problem von Scott Pilgrim ist, daß der Film in seiner zweiten Hälfte einen Kampf an den anderen reiht; schließlich sind die sieben Ex-es zu besiegen, und die Konventionen des Kinos verlangen, daß nicht der dritte Kampf langweiliger und kürzer als der zweite wird. Leider sperrt sich da Wright nicht gegen das Gewohnte, sondern läßt sich zu sehr ins Actiongenre ziehen. Die Kämpfe bekommen damit ein unverhältnismäßiges Gewicht, obwohl sie in den Büchern meist auf wenigen Seiten, in wenigen Panels abgehakt sind; auf diese Weise werden sie aber rasch eintönig und redundant.

Der Film verliert dadurch seinen anfangs gut etablierten Rhythmus – am Ende wünscht man sich nichts sehnlicher als etwas mehr Figurenentwicklung, etwas mehr Auseinandersetzung jenseits der computerspielartigen Fights. Denn auch diese kann der Film offenbar, sogar ziemlich gut, nicht zuletzt wegen seiner Schauspieler_innen. Die starke Betonung der Kämpfe aber läßt – siehe oben – charakterlich Essentielles unter den Tisch fallen und sorgt für eine Unwucht in der Dramaturgie des ganzen Films.

Das ist umso bedauerlicher, als man eigentlich enorm viel Spaß hat bei diesem Film. Er ist vor allem nämlich eine Freude für Aug‘ und Ohr‘.

(Update: Dank @_peekaboo wurde ich daran erinnert, daß ich eigentlich noch aus Thorstens schöner Kritik hatte zitieren wollen: Dramaturgisch und geschlechterpolitisch ist Scott Pilgrim […] auf dem Niveau von „Donkey Kong“. Aber er mochte den Film dennoch sehr. Ich fühle mich verstanden.)

Fotos: Universal