Det røde kapel [The Red Chapel] (2009)

Nordkorea ist ein Land, von dem man nicht nur gemeinhin wenig weiß, sondern von dem man tatsächlich außerhalb des Landes erstaunlich wenig in Erfahrung bringen kann; und reingelassen wird mensch normalerweise gar nicht erst. (Die einzigen im Westen, die etwas mehr über das Land wissen dürften, arbeiten vermutlich für die CIA, und die reden nicht so gerne darüber. Aber ich schweife ab.) Hierzulande kann man sich immerhin noch mit ein paar lesenswerten Büchern behelfen, die auf größerer oder kleinerer Faktenbasis etwas zu Nordkorea und seinen Bewohner_innen zu sagen haben; Die Kinogänger von Chongjin von Barbara Demick etwa, oder Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land.

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Red Chapel könnte eine weitere Möglichkeit sein, sich dem Land zu nähern, aber man weiß am Ende gar nicht so richtig, ob man durch diesen Dokumentarfilm wirklich etwas über das Land gelernt hat, das da bereist wird; vielleicht hat man auch nur etwas über die (westlichen) Protagonisten gelernt und ihren Blick auf die Welt, oder aufeinander… ach, es bleibt so vieles unklar.

Regisseur Mads Brügger macht sich mit seinem kleinen Filmteam nach Nordkorea auf und begleitet die beiden Komiker Simon und Jacob – beide dänischer Nationalität, aber südkoreanischer Abstammung – die auf großer Bühne in Pjöngjang eine Comedyshow zur Aufführung wollen. Eigentlich freilich, so der Eindruck, den der Film weckt, sind Simon und Jacob nur ein Vorwand, um sich das Land ansehen und filmen zu können. Man sieht die beiden also bei Proben und im Gespräch mit dem nordkoreanischen Regisseur; sie werden herumgefahren und bekommen eine mustergültige Schule zu sehen und die zu verehrende Statue des Geliebten Führers Kim Jong-Il. Und natürlich überreichen sie einem Mitarbeiter des Kulturministeriums ein Geschenk für Kim Il-Sung: Eine schön glatt polierte Pizzaschaufel.

Schon vorher wurde überdeutlich, daß zumindest der Regisseur, der einen kontinuierlichen Kommentar aus dem Off einspricht, seine koreanischen Gegenüber nicht wirklich ernstzunehmen bereit ist, und das ist dann auch das Grundproblem des Films – die Menschen kommen hier nie wirklich als Menschen zum Vorschein, sondern immer als Repräsentant_innen des Systems. Womöglich gab es privatere Momente, die die Zensur nicht hat passieren lassen – alles Filmmaterial mußte die Crew abends zur Durchsicht abgeben –, aber wenn es etwas gab, so erfährt man davon auch nichts. Was die Vermutung nur stärkt, daß der Regisseur hier seine bereits zu Beginn des Films geäußerte klare Abneigung gegen das politische System im Lande vor allem bebildern wollte.

Dafür liefern ihm die nordkoreanischen Gastgeber freilich auch jede Menge Munition. Wie sehr hier alles brav beim Gedanken an den (verstorbenen) Geliebten Führer in Tränen verfällt. Wie leer und trostlos die Straßen sind, wie gleichgeschaltet die Schüler_innen. Und schließlich läßt der nordkoreanische Regisseur auch kaum etwas vom dänischen Originalgehalt des ziemlich grotesken „Stückes“ übrig, das Simon und Jacob vorführen möchten, und unterwirft die Präsentation nicht nur landeseigenen Traditionen, sondern natürlich auch den politischen Konstellationen.

Es ist bedauerlich, daß man so wenig erfährt, ob es ernsthafte Diskussionen gegeben hat, wie sich gewunden und gewehrt wurde; aus dem, was man zu sehen bekommt, muß man leider schlußfolgern, daß dergleichen nicht oder kaum geschehen ist. Statt aktive Träger einer Auseinandersetzung sind so die Nordkoreaner_innen reine Statisten für das komische Projekt des Regisseurs, mit dem er den „bösen Kern“ des Regimes entlarven möchte. Es will ihm nicht gelingen. (Sieh da! Ein Pudel!)

Stilistisch schwelgt der Film in den Möglichkeiten des Billigdokumentarischen: verrissene Aufnahmen, Hin- und Wegzoomen, alles wirkt ein wenig amateurhaft und trashig – das soll vermutlich wie eine Variation auf Borat wirken, verzichtet aber eben genau auf jenen Funken, der Sacha Baron Cohens Projekt so interessant gemacht hatte: Die fast schon selbstvergessene Bereitschaft, sich auf den Irrsinn einzulassen und ihn bis zum Ende mitzugehen.

Das mag den Filmemachern dann in Nordkorea doch vielleicht etwas zu heikel und gefährlich gewesen sein – das kann man durchaus verstehen. Es bleiben immer noch Szenen übrig, bei denen einem vor Staunen und Schrecken der Mund offen stehen bleibt, weil man eigentlich lachen müßte ob der Irrsinnigkeit, in der Nordkorea gefangen zu sein scheint.

Red Chapel läuft am 1. Juni in der Komischen Filmnacht im Berliner Filmtheater am Friedrichshain (Facebook-Event). Alle Infos hier.

Louis de Funès-Supercut

Louis de Funès (eigentlich Louis Germain David de Funès de Galarza – was für ein Name allein!) war sicher einer der größten europäischen Komiker seiner Zeit; und um einige seiner schönsten Szenen (in deutscher Synchronisation) zu würdigen, hat Youtube-User litervid das erstellt, was man heutzutage neuerdings einen „Supercut“ nennt: 10 Minuten Filmschnipsel in hübscher, wenn auch nicht zwingender Aneinanderreihung. Entdeckt hat die vergnüglichen Minuten Joachim Kurz, und meine persönliche Lieblingsstelle ist auch enthalten, etwa ab Minute 5:50.

Und wenn ich mich jetzt noch irgendwann traue, de-Funès-Filme auf Französisch anzusehen, dann bin ich richtig stolz auf mich.

(via)

The Hangover Part II (2011)

The Hangover Part II ist vielleicht das, was man ein archetypisches Sequel nennen könnte, oder jedenfalls: die Bestätigung all der Vorurteile, die man über nachgereichte Zweitfilme so haben kann. Immerhin ist diesmal mit Todd Phillips noch der gleiche Regisseur mit an Bord wie vor zwei Jahren, ein Spezialist in Sachen Junggesellen- oder Großejungs-Filme also, der außerdem noch den gräßlichen Old School sowie Due Date gemacht hat. Dennoch: The Hangover Part II ist strukturell wie inhaltlich nahezu identisch mit The Hangover, auch wenn natürlich Figuren, Tiere, Entführungsopfer und -täter ausgetauscht und hin- und hergeschoben werden. Und statt „Viva Las Vegas“ ist es hier eben „One Night in Bangkok“.

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Diesmal soll Stu (Ed Helms) heiraten, der brave Zahnarzt, der sich im ersten Film im Drogeneinfluß mit einer Stripperin verheiratet hatte und dadurch letzten Endes aus seiner doch sehr beengenden Beziehung ausbrechen konnte – jetzt hat er sich mit Lauren (Jamie Chung) ein bezauberndes Wesen geangelt, von dem man nie so recht versteht, was sie an ihm findet, aber das spielt hier auch nicht wirklich eine Rolle. Frauen sind in der Hangover-Welt nachsichtige Randgestalten – durchweg positive Figuren, das sollte man vielleicht betonen, stets erwachsener oder mindestens vernünftiger als die Männer.

Das Erstaunliche an diesen beiden Filmen ist eigentlich, daß sie die Identitätskrisen der Männer praktisch ohne Bezug auf und Abgrenzung von Frauen bewerkstelligen. Es fehlt damit völlig jene tendenzielle Abwertung des anderen Geschlechts, die andere Jungsfilme so unangenehm macht. Natürlich geht es dennoch auch um (Hetero-)Sexualität und um das Überschreiten von Grenzen auch sexueller Natur; aber es sind immer die Männer, die dabei – wenn sie dann wieder klaren Kopfes sind – unentspannt auf eine irre Welt reagieren, auf die sie sich unter Drogeneinfluß entspannt eingelassen hatten.

Denn natürlich nimmt auch in The Hangover Part II ein diesmal sehr klein geplanter Junggesellenabend einen rapide anderen Verlauf, an dem sich Stu und seine Freunde plötzlich in einer Absteige in Bangkok wiederfinden – die Hochzeitsgesellschaft wartet so einige Kilometer entfernt an der thailändischen Küste -, mit einem Affen, dem abgeschnittenen Finger von Laurens Bruder Teddy (Mason Lee) und keiner Ahnung, was passiert ist – oder wo der Rest von Teddy steckt.

Die harmlosen Jungs aus der Vorstadt – der Zahnarzt, der verheiratete Grundschullehrer, der Irre – in der wilden weiten Welt. Nach und nach finden sie heraus, was sie in der vergangenen Nacht alles angerichtet haben; irgendwie geht immer alles gut, das ist natürlich die Vorbedingung, der Exzeß, aus dem sich der Humor des Filmes speist, ist hier nie fundamental bedrohlich, sondern eröffnet neue Möglichkeiten und Horizonte: Erst im Exzeß finden wir zu uns selbst.

Das ist, wenn man es recht bedenkt, nicht nur ein Topos des Jungmännerfilms der letzten Jahre – man denke nur zuletzt an Get Him to the Greek (meine Kritik) – erstaunlich nah an den hippiesken Selbstfindungsphantasien durch LSD und andere Rauschmittel – die 68er sind also im amerikanischen Mainstream angekommen: so brav sind sie aber dann doch (der verheiratete Grundschullehrer macht nämlich keine allzu schlimmen sachen), daß die wahren Exzesse vor der Hochzeit abgehakt werden müssen.

Fotos: Warner Bros.

Podcast Extra: Fang den Film #7

Gestern war zum siebten Mal Fang den Film im Berliner Filmcafé, und mit einer gewissen Wehmütigkeit, der ich nur aus Zeitmangel nicht richtig nachgeben konnte, habe ich ein kleines Quiz zu Paris als Filmschauplatz beigetragen.

Die Fragen sollten diesmal so gestellt sein, daß sie wohl für die meisten Zuhörer_innen lösbar sind. Die Auflösung gibt es morgen. Viel Spaß!

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Quellen und Links:

Good Omens: Was sein könnte

Immer mal wieder machen ja junge ambitionierte Fans Mashup- oder Fake-Trailer zu Filmprojekten, die sie gerne verwirklicht sähen; und sehr, sehr selten wird aus diesen Projekten dann auch einmal ein wirklicher Film. (Auch unter Profis ist das Trailer-to-Movie-Phänomen relativ neu, aber mit Filmen wie Machete wahrlich nicht schlecht vertreten.) YouTube-Nutzer baroqu3 (Steven Wood) hat jetzt für Neil Gaimans und Terry Pratchetts Buch Good Omens einen fiktiven Verfilmungsabspann gedreht, der auch seine Lieblingsbesetzung für diesen Film enthält. Von Edgar Wright als Regisseur geleitet: Das könnte wirklich ein spannendes Projekt sein!

Oder wie es bei soup.io kommentiert wurde:

omg who do i have to bribe/blow/stab to make this happen?

Der Verlag schreibt über das Buch:

There is a distinct hint of Armageddon in the air. According to The Nice and Accurate Prophecies of Agnes Nutter, Witch (recorded, thankfully, in 1655, before she blew up her entire village and all its inhabitants, who had gathered to watch her burn), the world will end on a Saturday. Next Saturday, in fact. So the armies of Good and Evil are amassing, the Four Bikers of the Apocalypse are revving up their mighty hogs and hitting the road, and the world’s last two remaining witch-finders are getting ready to fight the good fight, armed with awkwardly antiquated instructions and stick pins. Atlantis is rising, frogs are falling, tempers are flaring. . . . Right. Everything appears to be going according to Divine Plan.

Except that a somewhat fussy angel and a fast-living demon — each of whom has lived among Earth’s mortals for many millennia and has grown rather fond of the lifestyle — are not particularly looking forward to the coming Rapture. If Crowley and Aziraphale are going to stop it from happening, they’ve got to find and kill the Antichrist (which is a shame, as he’s a really nice kid). There’s just one glitch: someone seems to have misplaced him. . . .

Drive Angry 3D (2011)

Dieser Film über einen nicht totzukriegenden Mann, der an einem Satanisten den brutalen Mord an seiner Tochter rächen und den an seinem Enkelkind verhindern will, ist im Grunde eine ehrlichere Hommage ans Exploitationkino als der in dieser Hinsicht wesentlich bemühtere Hobo With a Shotgun, der primär Versatzstücke des Trashkinos aneinanderfügt, die vorher auf besonders großen Skandalwert hin übersteigert wurden. Das Problem dabei ist, daß Jason Eiseners Hobo sich nie zu einem wirklich überzeugenden Ganzen fügen will; es gibt keine hinreichend krasse Motivation für den Protagonisten, das zu tun, was er tut. Alle sind irgendwie outrageously brutal und rücksichtslos, aber all das findet als reine Show statt, für die es keinen Impetus zu geben scheint.

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Das ist in Drive Angry anders: Hier sind Figuren wie Darstellung nicht weniger brutal, aber die Motivation für alle beteiligten ist klar ausgebreitet. Das sind nicht weniger typische Trashmomente, einer halbgaren Pseudomythologie entliehen, in der die Weltordnung mit Himmel und Hölle wirklich rein funktionales Showelement ist; aber es wird hier so positioniert, daß damit die Figuren in einer Geschichte mit klaren Gut- und Böse-Pfeilern zu allem bereit und willens sind.

Dazu die Ausstattung – das Auto, die Sonnenbrille, Cages Frisur – und die platten, Gedanken aber immerhin simulierenden Namen (John Milton, natürlich, und „The Accountant“), das hemmungslose Rumgeballer und Blutvergießen, dessen Inszenierung ganz dem größtmöglichen Effekt für die 3D-Kinos unterworfen ist. Alle naselang fliegen Gegenstände, Kugeln oder Körperteile in Richtung der Kamera – ehrlicher kann man Big-Budget-Exploitationskino eigentlich nicht machen. (Regisseur Patrick Lussier hatte das bei My Bloody Valentinemeine Kritik – schon erfolgreich erprobt, dort allerdings mit einem Drehbuch und generell Filmkonzept, daß d’r Sau graust.)

Natürlich fehlt dem Film die selbstironische Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern, die etwa Machete zu seinem amüsanten Abenteuer macht. Aber gerade im Vergleich mit dem permanent auf das Augenzwinkern schielenden Versuch wie Hobo With a Shotgun überzeugt die ehrliche Schrottigkeit der Erzählung, der ungeschminkte Wink mit den Splattereffekten. Nicolas Cage kann hier natürlich erneut zeigen, daß es derzeit kaum eine bessere Besetzung als ihn für großkotzig gedachten Trash gibt, und William Fichtner wie Amber Heard lassen sich so richtig gerne in ihre Rollen hineinfallen. Jemand sollte Heard jedenfalls mal eine Actionhauptrolle geben.

Repo Men (2010)

Ursprünglich erschienen in Deadline #21, Mai 2010

Im Grunde ist das eine schöne Utopie: Dass auf einmal jedes wichtige menschliche Organ ersetzt werden kann durch ein künstliches Implantat, ohne die Sorgen und Wartelisten für Spenderherzen, und womöglich noch mit schicken zusätzlichen Funktionen. Es wäre im Grunde ein Aufbruch in eine neue, bessere Welt, wäre da nicht, wie stets bei Operationen am offenen Gesundheitssystem, die alles entscheidende Frage: Wer soll das bezahlen?

In der Welt von Repo Men ist die Antwort darauf klar: der Kunde selbst, und wenn er seine Raten trotz mehrmaliger Erinnerung nicht zahlen kann oder will, dann treten die titelgebenden Reposession Men in Erscheinung: Für „The Union“, Hersteller der künstlichen Organe, nehmen sie dem Schuldner Herz, Niere, Kniegelenk oder Hornhaut wieder heraus. Meist betäubt mit Elektrotasern tanzen die Betroffenen, schon in der Horizontalen, den „Reposession Mambo“, wie Remy (Jude Law) das Zucken der Füße durch die Stromschläge nennt. Und natürlich überlebt kaum jemand einen Besuch der Repo Men.

Remy und Jake (Forest Whitaker) machen das schon lange zusammen, sie sind Kumpel seit der Schulzeit und als Kollegen die wohl effektivsten Repo Men der Firma. Dann geht aber ein Job schief, und Remy findet sich auf einmal selbst mit einem neuen Herz im Krankenhaus wieder. Weil er es aber nun nicht mehr fertig bringt, anderen Menschen ihre Organe zu entfernen, verliert er rasch an Kreditwürdigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber und findet sich bald selbst auf der Wiederbeschaffungsliste wieder, da sind erst dreißig Minuten des Films um.

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Natürlich erwartet man von einem Streifen wie Repo Men, angesiedelt irgendwo zwischen Actionspektakel und Science Fiction, mit vagen Anklängen an das body horror-Genre, nicht eben elaborierte Charakterstudien, sondern flotte Schnitte, wilde Kämpfe und Blutspritzer. Und in der Tat hat der erste Langfilm von Regisseur Miguel Sapochnik in dieser Hinsicht einiges vorzuweisen, unzählige Male werden Körper geöffnet, spritzt Blut und röcheln ruppig betäubte Menschen ihrem sicheren Tod durch Organverlust entgegen. Oft aber wirkt es so, als sei die Motivation für manche Szenen allein gewesen, dass man noch einmal eine Blutfontäne zeigen konnte.

Motivation ist in diesem Film das Hauptproblem, denn insbesondere das entscheidend die Handlung vorantreibende Moment, die plötzlichen Gewissensbisse von Remy, mag man diesem vorher so abgebrüht agierenden Handlanger seiner Firma nicht so recht abnehmen. Dafür kommt der Bruch zu plötzlich, dafür scheint er auch selbst viel zu sehr Angst davor zu haben, selbst zur Zielperson zu werden. Plötzlich sind seine Opfer für ihn Personen mit Namen, Frau und Kindern – woher aber dieser Wandel kommt, bleibt unklar, und nicht weniger, was ihn und Jake zusammenhält (und dann natürlich gegeneinander treibt), oder was ihn vor seiner Herzoperation antrieb, außer vielleicht dem Geld (aber ganz luxuriös scheint die Bezahlung auch nicht zu sein).

Das alles ist umso irritierender, weil der Film darauf beharrt, dass die Arbeit der Repo Men für die meisten Menschen ihrer Gesellschaft offenbar moralisch verwerflich ist. Zwar gibt es anfangs ein Voice-Over, das von Wirtschaftskrise, einem Krieg und dem Zusammenbruch des amerikanischen Staatswesens berichtet; aber das sind nur Stereotypen des dystopischen Science Fiction, die nichts erklären und alles ermöglichen sollen. Und Repo Men interessiert sich nicht wirklich für die eigentlich zwingenden Fragen, mit was für einer Form von entfesseltem Hyperkapitalismus man es hier zu tun haben müsse, der den Körper selbst so freizügig dem Profit unterordnet.

Mit seinem grotesken, überzeichnenden Blick hat das im Grunde Darren Lynn Bousmans Repo! The Genetic Opera (meine Kritik) vor zwei Jahren wesentlich genauer angesehen. Dort gerieten dann unter einer ähnlichen Handlungsprämisse die künstlichen Organe nebst weiteren Körpermodifikationen zu Lifestyle-Objekten für die besitzenden Klassen. Das denkt logisch Piercings, Tattoos und kosmetische Chirurgie unter den Bedingungen neuer medizinischer Möglichkeiten weiter – und macht aus den möglichen neurotischen und/oder erotischen Effekten und Gelüsten ein Fest der abweichenden Lebens- und Liebesformen, in dem sich Fetischismus, Sadomasochismus und Körperkult zu einem bizarren Drogenfest verbinden.

Gleichwohl ist Repo! eher eine bizarr übersteigerte Steampunk-Fantasie mit einer gehörigen Portion Gothic Horror, den Musical-Anteil nicht zu vergessen. Repo Men richtet sich auch in seiner Ästhetik an den um Ernsthaftigkeit sehr bemühten Dystopien in der Tradition von Blade Runner aus und kopiert leider auch ohne große Originalität deren Ästhetik. Nächtliche Städte dominieren das Bild, Industriebrachen und Neonlicht, alles ist immerzu schwarzblau, grau und metallen. Repo Men ist zu blass, zu beliebig, um wirklich aufregend zu sein.

Nur eine Szene gibt es, kurz vor Schluss, da scheint auf, zu welchen abgründigen Größen sich das Thema des Films aufschwingen ließe. Man kann den Moment nicht ausführlich beschreiben, ohne viel von der Handlung preiszugeben, daher nur so viel: Es ist eine intime Szene zwischen Remy und seiner neuen Gefährtin Beth (Alice Braga), mit viel nackter Haut und hochgradig erotisch aufgeladen, zugleich blutig und in der Handlungslogik eng um die künstlichen Organe kreisend, die beide in ihrem Körper tragen.

Da bekommt man eine Ahnung, in welche Begriffe, in welch entgrenztes Körperbild, in welche Ästhetik sich solche tiefgreifenden Leibesmodifikationen auch fassen ließen – aber auch, welche libidinöse Besetzung ihre Arbeit womöglich für die Repo Men haben könnte. Kurz vor seinem Ende reißt der Film so noch einmal einen großen, großen Abgrund auf, bringt Lust und Liebe und Begehren ins Spiel – und führt so leider nur noch, aber mit aller Deutlichkeit, seine eigenen Mängel vor.

Trash Humpers (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #26, März 2011

Es ist, so viel Warnung darf sein, nicht besonders sinnvoll, an Harmony Korines Trash Humpers mit einer normalen Seherwartung heranzutreten. Denn was Korine hier zu einem hochgradig eigenartigen Film verbunden hat, enthält nur noch Spuren von üblichen Erzählstrukturen oder Spannungsbögen und ist vor allem aber ein Generalangriff auf die ästhetischen Empfindsamkeiten des Mainstreampublikums. Korine, im amerikanischen Independentfilm gerne als „Enfant terrible“ gesehen, hat seinen neuen Film mit der Ästhetik einer mehrfach überspielten VHS-Kassette versehen, inklusive aller möglichen typischen Artefakte, die bei solchen Kameras bei Schnitt und Kopie typisch sind, ein wackeliges Heimvideo ist das – wer in den 1980ern schon mit Film herumgespielt hat, wird sich erinnern.

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Korine lässt zwei Männer und eine Frau, durch Gesichtsmasken und Körperhaltung wie Zerrbilder alter Menschen wirkend, durch ein meist nächtliches Nashville wandern, wo sie in verlassenen Häusern Fernseher und Wände mit Äxten traktieren, Glasflaschen in Tiefgaragen und Ziegelsteine auf der Straße zerschlagen. Sie randalieren, scheinbar sinnlos; einmal rollt einer langsam mit einem Rollstuhl in die Rabatten und fällt langsam kopfüber mitten ins Beet. Vor allem aber werden Äste masturbiert und Mülleimer besprungen: Da darf man den Titel ganz wörtlich nehmen. Das erinnert in seiner Destruktionskraft zuweilen an Jackass, aber ohne jede humoristische Erlösung. Die Szenen sind verbindungslos und scheinbar sinnfrei aneinandergereiht, später gibt es mit anderen Figuren auch Interaktion und Gespräche, voller ständig wiederholter Ausdrücke und sexueller Anspielungen: Da wird ein Mann mit Pfannkuchen gefüttert, und die Frau ruft in pornographischem Duktus: „Ich will dich schlucken sehen, bitch!“

Das liegt radikal irgendwo im Nebel zwischen Freakshow und White Trash, zwischen Metakritik des Mainstreamkinos und erhabenem Trash. 74 Minuten,auf die man sich einlassen wollen muss, weil man sonst sich selbst und Trash Humpers einer Chance beraubt.