Ursprünglich erschienen in Deadline #24, November 2010
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Spätestens seit dem Disney-Trickfilm dieses Namens kennt man auch im Westen die Grundzüge der Legende von Mulan, einer Chinesin zur Zeit der Nördlichen Wie-Dynastie, die sich, als Mann verkleidet, anstelle ihres kranken Vaters zur Armee meldet, um ihn vor den Strapazen des Krieges zu schützen und die dann unversehens zur Kriegsheldin wird. Die chinesische Fassung unter der Regie von Jingle Ma (Tokyo Raiders) erscheint ganz im Gewand eines Historienepos und erzählt die Geschichte in vielen, oft nur locker und durch Weißblenden verbundenen Episoden.
Das Problem des Geschlechtertausches spielt in Hua Mulan (deutsch: Mulan – Legende einer Kriegerin) hier nur eine Nebenrolle und wird kurz vor Schluss mit einem Handstreich für erledigt erklärt, dafür geht es um Selbstaufopferung mit nationalen Untertönen. Und damit klar wird, wer gut ist und wer böse, wird der Herrscher der Kriegsgegner besonders barbarisch und dekadent inszeniert: Er tötet seinen Vater, unterdrückt seine Schwester, ist faul und trinkt. Wei Zhao als Mulan und Jaycee Chan (Sohn von Jackie) geben den Hauptfiguren ein bisschen Leben und Komplexität, über den insgesamt etwas faden Wechsel zwischen Ruhe und Schlachtenszenen täuscht aber auch das kaum hinweg. Das Thema aber beschäftigt weiter: Dem Vernehmen nach ist Jan de Bont gerade mit einer weiteren Verfilmung mit Ziyi Zhang beschäftigt.
Natürlich gibt es tausend gute Gründe, warum man einen Horrorfilm in den Pariser Katakomben spielen lassen könnte, sollte, müßte: Die Enge des Raumes, die labyrinthischen Gänge, von denen in der Tat nicht alle öffentlich zugänglich sind, die zahllosen Gebeine, die zu Phantasien über Tote und Untote fast zwingend einladen. Aber man möchte dann eigentlich schon, daß so ein Film die (eingebildete) Mythologie des Ortes mit ein wenig Respekt behandelt und nicht nur als billigen Hintergrund für wirres Filmemachen.
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In dieser Hinsicht scheitert Catacombs nämlich ziemlich eindeutig. Die Protagonistin Victoria, eine milde psychotisch überverängstigte Shannyn Sossamon, wird schon in den allerersten Szenen mit mit viel zu vielen Sorgen, Problemen und Phobien belastet – die im übrigen nie größere psychologische Tiefe bekommen -, als daß man sich noch wirklich mit ihr beschäftigen wollte. Ihre Schwester Carolyn (gegeben von der von mir eigentlich geschätzten Pink) ist eine ultranervige Partygöre, die ihre Schwester nach Paris eingeladen hat, um sie ein wenig aus ihrem Schneckenhaus zu befreien, aber von der ersten Minute an von deren Ängsten schon wieder total genervt ist.
Nach einer kurzen Phase exzessiven Shoppings geht es dann zu einer Party in die Pariser Katakomben, wo Carolyns Freunde der armen Victoria eine Geschichte davon auftischen, daß angeblich der Sohn des Antichristen hier geboren und aufgezogen worden sei, der seitdem mordend und menschenfressend in den Höhlen hause; und prompt muß sich Victoria, als sie die Party verläßt, vor einem bedrohlichen Fremden in Sicherheit bringen…
Der Film zeigt anfangs also eine Handvoll Partyszenen, aber stroboskopartige Lichteffekte gibt es dann auch später noch, weil sich angeblich Taschenlampen so verhalten, wenn die Batterie nachläßt. Aha. Das Licht reicht jedenfalls immer gerade noch aus, daß man Sossamon sehr, sehr viel dabei zusehen kann, wie sie sehr, sehr ausführlich schreiend oder schwer atmend durch halbdunkle Gänge läuft; wenn die Hektik zunimmt, wackelt die Kamera, oder, wenn’s Adrenalin angeblich pumpt, werden die Schnitte schneller, die Bilder erratischer. Die dann gerne noch blitzartig kurz eingeblendeten Szenen dessen, was sich Victoria so nach den Erzählungen ihrer Schwester vorstellt, sind tricktechnisch wie dramaturgisch stümperhaft ein- und ausgeführt, vor allem aber: unfreiwillig komisch.
Wer nach dieser Beschreibung meint, das womöglich alles schon mal oder gar besser gesehen zu haben, täuscht sich nicht; der Film von Tomm Coker und David Elliot (auch Drehbuch) ist fade Standardware vom feinsten abgelutschten Genrelolli, und obendrein ein stilistisches und ästhetisches Ärgernis. Shannyn Sossamon, die sonst immerhin ein Grund wäre, den Film zu sehen, ist nicht nur im Dauerhalbschatten, sondern darf auch nur schreien und verängstigt gucken.
Vielleicht ist es deshalb kein großes Wunder, daß Coker seitdem filmisch nicht mehr in Erscheinung getreten ist, während Elliot immerhin anschließend mit Stuart Beattie und Paul Lovett das Drehbuch für G.I. Joe: The Rise of Cobra gestrickt hat. Vielleicht brauchten sie jemanden, der schon mal in Paris war und dann auch bei der geographischen Zuordnung keine Hilfe war.
Das Ende ist übrigens halboriginell und wirklich ganz hübsch. Die Qual der Filmsichtung allerdings ist es dann doch nicht wert.
In dieser Woche starten mindestens zwei sehenswerte Filme in den deutschen Kinos, die ich vorab gesehen habe. Das ist zum einen Wes Cravens neuester Streich, die dritte Fortsetzung seiner Scream-Filme. Scream 4, den ich für critic.de ausführlich besprochen habe, spielt mit den in den ersten drei Filmen bereits etablierten Regeln des Metaslashers, kombiniert das Ganze effektvoll mit Verweisen auf Neue Medien – und macht dann daraus doch einen ganz traditionell effektiven Slasher. Hübsch anzusehen, wenn auch nicht immer sehr furchterregend.
Im französischen Drama Pieds nus sur les limaces (deutsch, fast wörtlich: Barfuß auf Nacktschnecken; meine Kritik steht bei filmstarts.de) mit Diane Kruger und Ludivine Sagnier dreht es sich um subtilere Dinge. Zwei sehr unterschiedliche Schwestern müssen mit den Folgen umgehen, die der plötzliche Tod ihrer Mutter verursacht – und das heißt vor allem: miteinander.
Ich mag ja eigentlich die Pirates of the Caribbean-Filme; den ersten habe ich, wie alle anderen Menschen ja eigentlich auch, geliebt, aber auch dem zweiten und dem dritten mochte ich ihre gewiß zahlreichen Fehler noch nachsehen. Aber der jetzt demnächst in Cannes vor-vorgestellte Film Numero vier hat natürlich schon arg den Beigeschmack eines nachgereichten Geldeinsammlers, der allein kapitalistischen Kriterien zu genügen habe. Und auch wenn die präsente Anwesenheit von Penelope Cruz nicht schaden kann – der jetzt veröffentlichte erste Clip aus dem Film macht mir nur wenig Hoffnung. So langsam sieht das aus, so unspritzig und selbstkopierend, so gelangweilt in Idee und Durchführung… man fragt sich vor allem: Wer hat das denn als Marketingmaterial ausgesucht?
And now for something completely different. Das International Comedy Film Festival, das in diesem Jahr noch in Berlin stattfinden soll – „ein weltweit einzigartiges Filmfestival mit Independent- und Arthouse- Komödien aus aller Welt“, braucht noch einen eigentlich gar nicht so großen Schwung Geld. (Für die Eiligen: Hier direkt fördern!) Das extrem sympathische und kluge Team des Festivals (doch, ich kenne da einige Leute persönlich) hat bisher schon die Komischen Filmnächte organisiert, auf die ich zuweilen hier schon hingewiesen hatte (in Berlin jeweils am ersten Mittwoch im Monat, übermorgen wird Sound of Noise gezeigt; am 12. Mai dann auch in Leipzig).
Per Crowdfunding bei startnext.de versuchen die Menschen vom ICoFF also insgesamt mindestens 4500 Euro zu sammeln, und zwar dafür:
Mit Hilfe dieses Geldes stellen wir euch ein 6-tägiges Filmfestival auf die Beine, dass sich gewaschen hat. Das Geld geht zum größten Teil in die Filmrechte, den Kopientransport und in kleine aber geniale Mini-Events rund um den Film. Wir selbst lassen uns dann mit Eurem Lachen im Kino bezahlen.
Wer Crowdfunding noch nicht kennt: Die organisierende Plattform (in diesem Fall also startnext.de) sammelt zunächst Finanzierungszusagen; nur wenn das benötigte Mindestbudget (hier: 4500 Euro) bis zum Ende der Einwerbungszeit zusammengekommen sind, wird das Geld auch tatsächlich an das Projekt ausgezahlt; ansonsten wird es entsperrt oder zurückgezahlt (je nach vorher gewählter Finanzierungsform), geht also auf jeden Fall an den/die Spender_in zurück. (Das Überweisungsverfahren bei startnext.de ist leider ein wenig umständlich; andere Seiten erlauben einfache Zahlungen über Kreditkarte oder gar Paypal.)
Das ist aber insofern völlig wurscht, als das Festival (ich kenne auch einige der vorgesehenen Filme…) schlicht großartig zu werden verspricht und deshalb jeder Euro hier bestens angelegt ist. Wer mir nicht glaubt, der kann sich aber auch die bezaubernden Argumentationen des Festivalteams selbst ansehen:
Wie schon im vergangenen Monat kann ich auch diesmal schon vorab das Blogranking von wikio.de zum Thema Film vorstellen, und leider ist dieses Blog hier schon wieder ein wenig abgesackt, was aber wohl vor allem an viel gelesenen und verlinkten Aufsteigern liegt. :-)
Irgendwie kann ich die Begeisterung für die neue Marvel-Verfilmung Thor nicht ganz teilen. Gewiß, der Film ist ordentlich gemacht und hinreichend flott inszeniert, daß keine Langeweile aufkommt. Die Erzählstruktur ist etwas eigenwillig – mit einer langen, sehr actionreichen Exposition – und die nordische Mythologie, die die Grundlage für diesen eigentümlichen Superhelden ist, wurde recht einfallsreich integriert. (Inwieweit das mit der Hintergrundgeschichte der Comics übereinstimmt, vermag ich allerdings nicht zu sagen; vielleicht können meine belesenen Leser_innen dazu Genaueres beitragen?)
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Zugleich aber ist Thor in allem zu viel: zu viel Krach und Getöse, zu viel CGI, das zudem übertrieben und künstlich wirkt – die Kostüme von Odin, Thor und ihren Gefährt_innen sehen aus wie das Plastik, aus dem sie vermutlich gemacht sind. Die Handlung ist, nordische Götterwelt hin, Kenneth Branaghs Shakespeare-Andeutungen her, dünn und brüchig wie nordisches Knäckebrot, aber das ist natürlich bei Samstagabendpopcornunterhaltung in Form einer Comicverfilmung kein wirklich valider Kritikpunkt. Daß sie bis in Details vorhersehbar bleibt, womöglich schon eher, weil es den unbeschwerten, auch hirntoten Genuß empfindlich stören kann; aber vielleicht übertreibe ich. Die geschätzte Jenny jedenfalls weiß durchaus einige starke Argumente für den Film aufzuzählen.
Was mich dann aber doch empfindlich nervt, ist die nur an der Oberfläche nicht altbackene Geschlechterordnung, die der Film vor sich herträgt. Gewiß, es geht hier um einen männlichen Helden, der (das verlangt gewissermaßen schon die Vorlage) natürlich im Mittelpunkt stehen muß. Und immerhin kehrt Branagh die immer noch üblichen Blickrichtungen dahingehend um, daß er Thor-Darsteller Chris Hemsworth ganz dezidiert und explizit zum Schauobjekt macht (siehe das Bild ganz oben), das von den Protagonistinnen (gegeben von Natalie Portman und Kate Jennings) bewertet wird. Und damit eben auch: Bewundert. Aber das ist im Actionkino nichts Neues, das läßt sich, mit weniger Selbstironie, schon bei den frühen Schwarzenegger- und Stallone-Filmen finden.
Geschenkt, außerdem natürlich, Thor ist ja der Held. Und sieht in der Tat gut aus. Aber daß die ihrerseits ziemlich gutaussehende Astrophysikerin (Portman) sich ohne das geringste Nachdenken in diesen etwas tumben und sehr arroganten Schönling verliebt, ist dann doch etwas, hm, eigenartig. Als ob sie solche Typen nicht schon zuhauf in Highschool und College erlebt hätte (und womöglich abwehren mußte), von sich selbst überzeugte Muskelberge mit charmantem Lächeln.
So darf eine Frau in Thor zwar ein bißchen klug sein, aber es darf keine allzu große Rolle spielen, schließlich wird sie dann doch rasch Randfigur und Hinschmachtende. Und die durchaus präsente Kämpferin Sif (Jaimie Alexander) aus Asgard ist auch dort, das wird extra betont, eine Ausnahmeerscheinung, deren Sichtbarkeit allenfalls ihre Besonderheit betont. Und natürlich leistet sie hier auch als Kämpferin nichts wirklich Außergewöhnliches. Die ungeschriebene Regel der Filme mit Superheld_innen lautet ja: Du sollst keine Superheld_in neben mir haben.
Das wird für The Avengers noch zu einem ernsthaften Problem werden, der so viele Singulärfiguren irgendwie zu einem Ensemble verschmelzen soll. Ob Regisseur Joss Whedon es wohl richten können wird?