Der Fluch der Hexe – Queen of Spades (2015)

Düsternis, Besessenheit, Verderben – so kann man schon auf ganz einfachen Wegen Grusel erzeugen. Svyatoslav Podgayevskiy wirft für seinen zweiten Horrorfilm nach Block 18 (2014) viele Themen zusammen, die im zeitgenössischen Kino der Schrecken gut ankommen – und setzt seine beschränkten Mittel mit gutem Erfolg ein. Es beginnt eher mit einem Spiel: Anna (Alina Babak) und ein paar Freunde spielen ein Ritual nach, von dem sie gelesen haben – sie zeichnen Symbole auf einen Spiegel und rufen die Pik-Dame an (die „Queen of Spades“), sie solle sich zeigen. Und prompt – zunächst sieht man es nur einen Moment lang in einem Video, das einer der Freunde dreht – tritt die unerfreuliche Kreatur in ihre Welt. Fortan wird jede glänzende, reflektierende Oberfläche zu einer möglichen Tür – dieser Film macht Angst vor Spiegeln, glitzernden Türknaufen und mehr.

Die Hexe des Titels strebt nach einer Person, die sie bewohnen kann; und sehr schnell finden sich vor allem die Eltern (Igor Khripunov und Evgeniya Loza) im Kampf gegen Zeit und fremde Mächte wieder. Von der Geistergeschichte changiert Der Fluch der Hexe so rasch zu einem Exorzismusdrama, das sich vorrangig in engen Räumen, schmutzig-gekachelten Kellern und einsamen Hütten im Wald abspielt. Fast bekommt man dabei das Gefühl, Podgayevskiy wolle hier die Anforderungen ans Horrorkino übererfüllen und unbedingt alle Szenarien noch mit unterbringen – das wirkt schon etwas gestopft. Zugleich macht er das grundsätzlich mit großer Kunstfertigkeit: Er versteht sein Handwerk, die Schreckensmomente sind ebenso gut im Timing wie die Kameraeinstellungen sitzen. Was dem Film etwas fehlt, sind die wirklich lebendigen Figuren, um die man sich mehr Sorgen macht als nur des Sterbens und Knirschens wegen. In der russischen Literatur gibt es die Pik-Dame übrigens tatsächlich, wenn auch in ganz anderer Form – in der klassisch-phantastischen Kurzgeschichte des großen Alexander Puschkin geht es tatsächlich um ein Kartenspiel.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Into the Forest (2015)

Die Apokalypse kündigt sich, das ist vertraut, in leisen Tönen an: Eine Nachricht, eine Meldung im Fernsehen. Stromausfälle, man weiß nichts Genaues. Und dann geht eben das Licht aus, die Bildschirme erlöschen – wir befinden uns in einer Zeit leicht in der Zukunft, alles ist vertraut, nur noch einen Hauch moderner. Alles wahrscheinlich nur ein Problem auf Zeit – und die beiden jungen Frauen, Nell und Eva mit ihrem Vater (Ellen Page, Evan Rachel Wood und Callum Keith Rennie) nehmen das zunächst nicht allzu ernst. Bis sie aus ihrem einsamen Haus mitten in nordamerikanischen Wäldern mal wieder in den Ort fahren: Dort ist das Benzin schon knapp, der Supermarkt fast leer, und der Kassierer ist bewaffnet.

Der Weltuntergang kommt hier nicht mit Trompeten und Fanfaren, sondern leise und mit Trippelschritten – und er braucht nur einen Hebel: Elektrizität. Die oft beschworene dünne Schicht von Zivilisation geht anscheinend recht schnell dahin; draußen im Wald kommt das allerdings nur sehr langsam an – es gibt ja keine Nachrichten, nur vereinzelte Gerüchte. Nells und Evas Vater stirbt bei einem Unfall, und von nun an sind die beiden Schwestern auf sich allein gestellt.

Into the Forest ist weniger Endzeitszenario als postapokalyptische Meditation: Was macht es mit uns, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, wenn der Kontakt zur Außenwelt, den wir so gewohnt sind, abbricht? Wenn außerdem die ganzen Annehmlichkeiten der Zivilisation wegfallen? Das ist wesentlich mehr als Malen nach Zahlen im Apokalypse-Kino. Das fragt danach, was für jene bleibt, die ihre Menschlichkeit nicht abgeben, nicht verlieren wollen. Hier bleibt die menschliche Zivilisation in ihrem Kern, der Familie, bestehen – aber einfach ist das nicht. Während die beiden Schwestern immer mehr zueinanderfinden, zerfällt das Haus um sie herum – letztlich unkontrolliert den Naturgewalten ausgesetzt, unbeheizt und ohne Reparaturen. Patricia Rozema hat aus dem Roman von Jean Hegland einen Film gemacht, der sich vor allem auf seine beiden Hauptfiguren verlässt. Die Schwestern schlagen sich, vertragen sich, stützen einander, verlassen sich und kehren zueinander zurück. Zwei Geschwister, die ohne ihre Eltern sich trotz aller Unterschiede zusammenraufen müssen und plötzlich sehr, sehr erwachsen werden. Page (die auch als Produzentin mitwirkte) und Wood tragen den Film leicht auf ihren Schultern, auch durch die seltenen härteren, gewalttätigen Szenen.

Der Filmtitel suggeriert eine fast schon mythische, positive Auflösung: Into the Forest, auf in den Wald – der Untergang als Aufbruch. Das löst der Film aber letztlich nur in sehr ambivalenter Weise ein. Denn der Weg in den Wald hinein ist letztlich ein Lernprozess, ein Abstandnehmen von dem vertrauten, gesicherten Leben – in dem Moment, in dem es schon längst unmöglich geworden ist. Da ist also kein großes Glück am Schluss, und nur vage Hoffnung. Alles andere wäre für eine nachdenkliche Dystopie dieses Formats allerdings auch Verrat an der eigenen Geschichte.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Term Life – Mörderischer Wettlauf (2016)

Nick hat es zu seinem Beruf gemacht, profitable Raubüberfälle auszukundschaften. Andere kommen mit Ideen und Tipps, er arbeitet alles aus: Zeiten, Fluchtwege, Probleme, Ausrüstung – und verkauft den fertigen Plan dann an jemanden, der ihn auch wirklich ausführt. Nur diesmal geht etwas schief, weil seine Käufer kurz danach tot sind – und ihr Anführer war der Sohn eines Kartellbosses. Also packt Nick seine Tochter Cate ins Auto und haut ab aufs Land, um rauszufinden, wer ihn da aufs Kreuz gelegt hat – korrupte Polizisten und große Gangster immer auf seinen Fersen. Term Life ist nach der gleichnamigen Graphic Novel von A.J. Lieberman und Nick Thornborrow entstanden und ergibt einen durchaus spaßigen Thriller – aber zeitweise verfranst er sich dann auch in allzu vielen Seitenlinien. Zumal die Geschichte um den Gentlemangangster und seine von ihm entfremdete Tochter, die einander näherkommen, trotz aller Bemühungen von Vince Vaughn und Hailee Steinfeld nie wirklich zündet: Die beiden bleiben eigentlich Pappkameraden mit eingeschränktem Charme. Keine rechte Komödie, kein wirklicher Actionfilm: Das hätte von Peter Billingsley, der mit Vaughn schon einmal bei All Inclusive zusammengearbeitet hatte, noch ein wenig cleverer verpackt, etwas flotter inszeniert werden können.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Legends of Tomorrow – Staffel 1 (2016)

So langsam reichen wir schon in die etwas kleineren Ritzen der Superhelden-Mythologien hinein. Marvel hatte das Prinzip schon etwas früher perfektioniert – beginnend mit Iron Man wurden da zielgenau die Avengers aufgebaut und diverse TV-Serien rundherum. Auf der Seite von DC Comics tat man sich etwas schwerer, trotz des schwergewichtigen Portfolios mit zwei der wichtigsten Comichelden, Superman und Batman, von Wonder Woman zu schweigen. Die Filme und Serien – von Arrow bis The Flash – haben den Ruf, etwas zu schwergängig und ernsthaft zu sein. Das sollte sich erst mit Suicide Squad ändern, der dann aber aus anderen Gründen ziemlich missriet.

Legends of Tomorrow ist ein Beispiel dafür, wie sehr man bei DC noch nach Ton und Richtung sucht. Die Helden sind kleinere Figuren des DC-Universums (White Canary, The Atom, Firestorm, Hawkgirl, Heat Wave und Captain Cold), der Ton ist bisweilen campy und stellenweise ironisch, dazwischen aber fast übertrieben ernst und gar pathetisch. Die Handlung schwankt ebenfalls zwischen gaga und gut durchdacht: Die Legends werden von dem zeitreisenden „Timemaster“ Rip Hunter rekrutiert, um den nahezu unsterblichen Bösewicht Vandal Savage auszuschalten, der im Jahr 2166 nicht nur die Weltherrschaft übernimmt, sondern auch noch persönlich Hunters Frau und Sohn ermordet.

Da gibt es dann schön ironische Zeitreise-Momente, wenn etwa Savage erst durchs Hunters Jagd durch die Zeiten überhaupt auf dessen Familie aufmerksam wird und sie also nur deshalb umbringen kann, weil Hunter für diesen Mord Rache nehmen will. Und ansonsten dient das Haupt-Plotelement natürlich dazu, die Hauptfiguren immer wieder in schicke Klamotten zu stecken: An der Mode des 1970er ist übrigens das viele Hasch schuld. Dass dabei Fehler unterlaufen – ein PC im Jahr 1975? – passt dann auch wieder zum leicht unfertigen Gestus der Serie: Eine perfekte Illustration für die Orientierungslosigkeit von DC Comics. Wir hoffen halt auf Wonder Woman.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Orphan Black – Staffel 4 (2016)

Tatiana Maslany ist ein Wunder. Mit jedem Jahr, in dem sie die Klone aus Orphan Black spielt, wird ihre Darstellung differenzierter. Mit jeder Entwicklung von Sarah, Cosima, Alison, Rachel, Krystal und MK präzisiert sie die Unterschiede. Und in welchem Maße die Schauspielerin da engagiert ist, zeigt sich auch daran, dass sie inzwischen mit als Produzentin der Serie erscheint.

Die Handlung schreitet voran: Nachdem das Dyad Institute anscheinend ausgeschaltet ist, tauchen nun neue Akteure rund um die Neolution-Bewegung auf: Körperveränderungen, Implantate… bis hin zu avancierter Biotechnologie mit eingebautem Verteidigungsmechanismus. Ein Exemplar der letztgenannten Technologie findet Sarah unerwartet in ihrer Mundschleimhaut – und das setzt für sie, ihre Familie samt Adoptivmutter Siobhan und Stiefbruder Felix sowie ihre Klon-Schwestern eine neue Suche in Gang.

Die Stärke von Orphan Black war schon seit der ersten Staffel, dass hier Gedanken zu Biotechnologie, Gesellschaft und Identität (und natürlich Verschwörungstheorien!) in einem Genremix von Thriller, Science Fiction und (ein bisschen) Soap dicht miteinander verwoben werden. Getragen wird es dennoch von den persönlichen Interessen, Zweifeln und Dramen, die sich bei den LEDA-Klonen und ihren Familien und Helfern abspielen – und hier wird der Serie zum Vorteil, wie stark selbst die kleinen Nebenrollen besetzt sind. Nebenbei ist die Serie mit ihren starken Frauenfiguren ein feministisches Statement par excellence und bleibt außerdem eng am Puls nerdiger Subkulturen.

Staffel Vier ist allerdings, das sollte man hinzufügen, nicht der geeignete Platz, um mit Orphan Black zu beginnen. Zwar beginnt die Serie mit einem Flashback zu der Zeit vor der ersten Staffel und springt dann viele Folgen lang in der Timeline hin und her – verstehen kann man das aber nur, wenn man den ersten drei Staffeln einigermaßen aufmerksam gefolgt ist. Das ist der Preis, den man dafür bezahlt, eine der besten SciFi- Serien der Gegenwart zu genießen.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Das kalte Herz (2016)

Man muss auf jeden Fall und wenigstens dies sagen: Es ist ein Wagnis, einen solchen Film zu versuchen. Märchenverfilmungen aus Deutschland haben, mit hart erarbeiteter Basis in bedauerlichen Fakten, nicht unbedingt einen guten Ruf. Daraus werden meist Fernsehfilme für den Sonntagvormittag, also harmlos und kindertauglicher, als es für viele Kinder sein müsste; mit einem Wort: eher langweilig. Das kalte Herz will das alles nicht sein, sondern düster und ernsthaft, und wenigstens ein bisschen brutal, etwas blutig. Das gelingt, sagen wir es geradeheraus: nicht immer so richtig gut.

Die Darsteller mühen sich nach Kräften, vor allem Frederick Lau als Hauptfigur Peter Munk und David Schütter als Bastian, der mit ihm um Lisbeth (Henriette Confurius) konkurriert. Auch Milan Peschel als wild geschminktes Glasmännchen kommt noch ganz gut an, aber Moritz Bleibtreus Holländer-Michel, der eigentliche Bösewicht im ganzen Ensemble, wirkt dann doch etwas übertrieben. Er darf aber auch nicht allzu viele Nuancen entwickeln – das kommt bei allen anderen Rollen doch noch etwas stärker heraus.

Regisseur Johannes Naber hatte vorher mit Zeit der Kannibalen einen ganz anderen Film gedreht, ein Groteske vom Puls der Gegenwart, fast ein Kammerspiel… für Das kalte Herz will er nun das Märchen von Wilhelm Hauff für’s Publikum ein wenig in Richtung Fantasy und zugleich aber die sozialen Grundlagen der Erzählung herausarbeiten. Das funktioniert auf einer schlichten Ebene zunächst ganz gut, aber je emotional komplexer die Handlung werden könnte, desto deutlicher wird, dass es für die fast zwei Stunden Laufzeit dann doch nicht genug zu erzählen gibt. Dafür ist der Film dann auch visuell zu platt: Moralische Verhärtung und Läuterung lassen sich sofort an Kleidung und Frisur ablesen, die Konflikte zwischen richtig und falsch sind dann doch etwas zu schlicht, Grauzonen und Komplexitäten lagern sich eher auf die Nebenfiguren aus. Das Happy End, immerhin, steht so oder etwas anders auch schon im Märchen.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

iZombie – Staffel 2 (2016)

Wenn uns der Schwung an interessanten Horrorserien der letzten Jahre etwas gelehrt hat, dann das: Das Zombiegenre lässt sich eigentlich mit allen anderen zu interessanten Formen mixen, vom medienkritischen Drama (Dead Set) bis hin sogar zur komödiantischen Familiensoap (Santa Clarita Diet). iZombie nimmt das Komödiantische und mischt es mit dem Polizeidrama – wobei sich in der nun zweiten Staffel (und die dritte folgt sogleich, ab 4. April 2017 in den USA) vor allem zu Ende hin die Zeichen und Handlungsstränge schon arg verdüstern. Eine logische Entwicklung, sind doch die humoristischen Funken aus der Grundkonstellation schon weitgehend herausgeschlagen.

Livs Exfreund Major wird nun angeheuert, Zombies zu jagen – statt sie umzubringen, friert er zumindest diejenigen lieber ein, die aus ihrem Zustand kein bösartiges Kapital schlagen. Mit ihrem Kollegen Ravi sucht Liv derweil weiter nach einem Heilmittel und löst mit dem Polizisten Clive Kriminalfälle. Am Ende der Staffel steht dann plötzlich eine
ziemliche Umwälzung bevor.

iZombie hat einen geradezu humanistischen Blick auf die Untoten. Zombies bleiben, solange ihr Hunger gestillt wird, bei klarem Verstand, neigen nur zu Stimmungsschwankungen – sie übernehmen Stimmungen und Verhaltensweisen aus dem zuletzt verzehrten Gehirn. Liv scheint aus jedem Gehirn etwas für ihr Leben zu lernen. Das muss nicht immer positiv sein: Einmal verspeist sie das Gehirn eines Misanthropen, den sein ganzes Viertel nicht leiden konnte – und schimpft dann fortwährend herum, bis hin zu rassistischen Sprüchen.

Dass ihre Persönlichkeit sich immer wieder verschiebt, funktioniert zuallererst natürlich als Reibungsfläche für komische Momente, eröffnet aber zugleich die Frage, was uns als Personen eigentlich ausmacht. Das Gehirn? Unsere dort eingeschriebenen Haltungen und Gewohnheiten? Die Serie fragt das nur implizit, ohne alle Schwere – und kann doch mehr als nur reine Unterhaltung sein.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Zimmer 108 – Beau Séjour (2016)

Kato ist tot. Zuerst ist sie sich da gar nicht so sicher, weil sie sich zwar tot in der Badewanne liegen sieht, aber sie läuft ja noch rum, kann durch Türen gehen, aber nicht durch Wände… Aber keiner ihrer Freunde kann sie mehr sehen – nur mit fünf Menschen kann sie noch sprechen: ihr Vater, Freunde, lose Bekannte. Es wird dadurch nicht weniger verwirrend.

Zimmer 108 ist ein Murder Mystery der eigenen Sorte. Kato kann immer noch mit ihrer Umwelt interagieren – Smartphones und Telefone bedienen, Akten durchschauen. So sitzt sie bei Verhören einfach dabei, folgt selbst den Spuren, die sie findet. Und nach und nach, durch Katos Suche und die Ermittlungen der zwei Polizistinnen, die den Mord an Kato aufklären wollen, pellt sich Halbwahrheit für Halbwahrheit wie bei einer Zwiebel heraus. Das belgische Dorf mit Schützenfest und Motocross-Rennen wird mehr und mehr zu einem Abgrund an Geheimnissen, Lügen und Heimlichkeiten – oder doch nicht?

Der Trick der Serie ist, dass sie irgendwie als Kriminalgeschichte daherkommt, aber eigentlich ein düsteres Psychogramm zeichnet, das Bild einer kleinen, lokal begrenzten Gemeinschaft; und dabei lange nicht alle böse sind, die so erscheinen. Aber alle tragen Schuld in irgendeiner Form mit sich herum, und das zeigt sich schon in den dominierenden Farbtönen von schmutzbraun und stahlblau bis grau. Lebensfreude jedenfalls ist nicht das Grundthema von Zimmer 108. (Und der Originaltitel Beau Séjour, nach dem Hotel in dem Kato anfangs erwacht, ist noch treffender ironisch.)

Kaat Beels und Nathalie Basteyns hätten auch eine Horrorstory daraus machen können, aber es scheint kaum jemanden zu gruseln, dass Kato noch da ist, nachdem sie über die erste Überraschung hinweggekommen sind. Stattdessen schauen sie auf das Unheimliche, das wir uns durch viele kleine Lügen selbst und gegenseitig antun – und am Ende, als alles offenliegt, das Große wie das Kleine, ist fast so etwas wie Hoffnung, wie ein Sonnenaufgang zu spüren.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Daredevil – Staffel 2 (2016)

Die Marvel-Fernsehserien wirken oberflächlich ein wenig wie die Resterampe für’s Marvel-Universum: Der Platz für alles, was nicht bekannt oder massentauglich genug ist. Aber in dieser gar nicht kleinen „Nische“ können sich all jene Superheldinnen und -helden wohlfühlen, bei denen es düsterer zugeht als in den dann glattpolierten Bildern der Avengers. Der Teufel von Hell’s Kitchen, Daredevil, ist dafür beispielhaft: dunkle Straßen, leidender Held, spektakuläre Nahkampfszenen. Himmelweit entfernt von Ben Afflecks furchtbarem Daredevil im gleichnamigen Film von 2003.

In der zweiten Staffel erweist sich die Ruhe nach dem Kampf mit Wilson Fisk als natürlich trügerisch. Daredevil bekommt nun Verstärkung durch zwei weitere Marvel-Figuren: Elektra und Frank Castle a.k.a. The Punisher. Beide haben weniger Hemmungen als Matt Murdock, auch reichlich Blut fließen zu lassen, und so sind die Kampfszenen zwar nicht mehr so oft balletartig akrobatisch wie in der ersten Staffel, dafür geht es stellenweise sehr brutal und blutig zu. (Von den Untaten der wenig zimperlichen Bösewichte zu schweigen.) Vom Punisher (dessen Origin-Story hier erzählt wird) sollte man sich dabei zunächst nicht allzu viel versprechen, denn er verbringt einen großen Teil der Serie im Gefängnis verbringt bzw. im Gerichtssaal. Das ändert sich dann, äh, radikal.

Daredevil hat das gleiche Problem, das auch Luke Cage irgendwann hatte: so arg verschieden sind die einzelnen Folgen gar nicht, und wenn man das in einer rauschhaften Binge-Aktion sich hintereinander anschaut, dann wird die Gleichförmigkeit der einzelnen Folgen recht deutlich spürbar. Immergleiche Konstellationen von enttäuschten Freunden, wackelig Verbündeten, finsteren Gegenspielern, variiert nur durch Schauplätze, Kontexte und konkrete Konstellationen. Was die Serie letztlich – außer anscheinend untoten Ninjas – zusammenhält, ist Karen Page (Deborah Ann Woll): Weil sie sich nicht rumschubsen lassen will, weder von Superschurken noch von Superhelden.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

Penny Dreadful – Staffel 2 (2015)

Penny Dreadful ist viele Dinge, aber jedenfalls kein fröhlicher Tanz bekannter Monstren. Nicht die x-te postmoderne Variation auf alte Monstren vor blaugrauer Kulisse und mit reichlich Steampunk-Action. Penny Dreadful ist, vor allem in seiner zweiten Staffel, die Verdichtung des „Gothic“, des Schauerromans zu wortreichem Drama, eine geradezu Dichte Beschreibung des Wesentlichen, was seit Mary Shelleys Frankenstein den Kern der Geschichten ausmachte: Schuld, Sühne, Verbrechen, Glauben, Einsamkeit, Versuchung.

In dieser Serie kommen sie alle zusammen: Ein Werwolf, Doktor Jekyll, Dorian Gray (der ewig jung Bleibende), Frankenstein – hier wirklich ein „moderner Prometheus“, leidend und ringend mit der Welt – und seine Monstren. Und alles gruppiert sich um Vanessa Ives, die Schuld auf sich geladen hat – mehr, als man ahnt. Eva Green scheint wie geboren für diese Rolle, mit ihrer weißen Haut, dem ernsten Gesicht, den schwarzen Haaren, der aufrechten, schmalen Gestalt. Immer fast durchscheinend, verletzlich, bis sich ihr Gesicht verhärtet, die ganze Figur vor Entschlossenheit gewissermaßen unsichtbar vibriert. Das Zentrum von allem.

In mehr als einem Sinne. In der zweiten Staffel sind es nicht mehr Vampire, die im London des späten 19. Jahrhunderts aufgetaucht sind, sondern Hexen, mit denen Vanessa durchaus eine gemeinsame Vergangenheit teilt. Währenddessen sucht sich Frankensteins ursprüngliches Monster, verliebt, in Weltschmerz gefangen und Gedichte lesend, Arbeit: So etwas wie ein reales Leben führen für Lily, die Frau, die Frankenstein ihm zur Seite erschaffen hat. Aber auch Lily entwickelt ein Eigenleben, und alles entwickelt sich anders.

Penny Dreadful ist nicht im Geringsten wie die „Penny Dreadfuls“ aus dem Titel, die Pulp-Romane, Schundheftchen. Hier wird ganze Folgen lang nur geredet und gebrütet, aber so immer mehr verdichtet, hin zu plötzlichen, schonungslosen Explosionen von Blut und Hoffnungslosigkeit.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.