Gérardmer 2010 – Amer

(Update: Vollständige Besprechung jetzt hier im Blog.)

gerardmer_logoAmer, so geht meine Vermutung, ist unter den Wettbewerbsfilmen in Gérardmer bislang vermutlich derjenige, der das Publikum am effektivsten spaltet, in voraussehbar drei Teile: Diejenigen, die das Ganze prätentios und ohne erzählerischen Mehrwert finden, diejenigen, die sich nach einer Weile langzuweilen beginnen, und schließlich diejenigen, die bis zum Schluß mitgerissen sind.

Ich gehöre, ich gestehe es gerne, zur letzten Gruppe, mit einigen Zweifeln an meiner Überzeugung in der Mitte. Will sagen: Das ist ein toller Film, intensiv, erotisch, gruselig; die Geschichte ist nicht besonders originell (um die geht es auch gar nicht) und der Gestus wirkt zunächst wie experimentelles Avantgardekino, ist aber doch eigentlich etwas anderes: will wohl etwas sein wie ein filmischer Stream-of-Consciousness.

AMER3

In drei Teile gliedert sich der Film, Kindheit, Adoleszenz und Erwachsensein, wir folgen Ana (gespielt nacheinander von Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud und Marie Bos) oder vielleicht eher: wir sehen, was sie sieht und fühlt, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups, rätselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise überstrahlt, fast immer mit selektiv verstärktem Ton. Geräusche sind das: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schlüssels im Schloß, eine zufallende Tür, knarzende Holzbohlen.

Drei kurze Ereignisse werden da in den Fragmenten berichtet, jedenfalls bastelt man sich das so zusammen, ganz sicher kann man nicht sein: Elliptisch und selektiv ist das Bild, aber daß es sich nicht von selbst zusammenfügt, uns keine leichte Erzählung anbietet, ist Pro- wie Psychogramm.

Ist das Erinnerung? Die Bilder aus der Kindheit sind am fremdartigsten, gruselig und stellenweise furchtbar, die Eltern seltsam fern, eine ganz in Schwarz gehüllte Haushälterin kümmert sich um den just verstorbenen Großvater. Dann Adoleszenz: hier ist alles andeutungsvoll, ein Ausflug mit der Mutter ins Dorf (wird sind wohl auf einem Landhaus in der französischen Provinz), da versteht der Film alles sexuell aufzuladen, mit Atemgeräuschen, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schweißtropfen. Und vielleicht führt der Schluß das sogar alles zusammen.

AMER1

Fertig bin ich mit Amer jedenfalls noch lange nicht, für eine einigermaßen konsistente Kritik brauche ich noch ein bißchen Bedenkzeit. Schön ist jedenfalls alleine schon der Vorspann, der in Musik, Schriftzügen und Splitscreens die 70er aufleben läßt – und doch schon den dem Film eigenen Ton zu etablieren versteht.

(Und über die möglichen Beziehungen zum Giallo auch ein andernmal.)

Gérardmer 2010 - Amer, 5.0 out of 5 based on 1 rating

1 Gedanke zu “Gérardmer 2010 – Amer

Schreibe einen Kommentar

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Orphan Black – Staffel 4 (2016)

Tatiana Maslany ist ein Wunder. Mit jedem Jahr, in dem sie die Klone aus Orphan Black spielt, wird ihre Darstellung...

Schließen