Sitges 2010, Tag 8: die Filme

Das Festival ist inzwischen vorbei, ich bin wieder daheim, müde und etwas überdreht – aber die Filme der letzten Festivaltage (in denen ich mich zu tief ins Zelluloidland begeben habe, um auch noch schreiben zu können) bedürfen noch der Zusammenfassung. Was jetzt sukzessive folgt, beginnend mit: Freitag.

Let Me In

Matt Reeves‘ Version des großartigen Låt den rätte komma in (meine Kritik) ist ein erfreulicherweise ziemlich gelungener Film, der die beklemmende Handlung und Stimmung des Originals recht paßgenau ins Amerika der 1980er Jahre überführt. Reeves hat sich im Wesentlichen auf Oskar (hier: Owen) konzentriert und strickt daraus eine schön dunkle Coming-of-Age-Geschichte. Daß Tomas Alfredsons Film dennoch der bessere ist, liegt vor allem daran, daß Reeves‘ Fassung – trotz einiger sehr kluger Ergänzungen und Abwandlungen – insgesamt weniger komplex ist als das Original und zum Teil unnötig vereindeutigt, wo etwas mehr Ambivalenz nicht geschadet hätte. Mehr bald bei blairwitch.de.

Primal

Dieser eigentlich recht ansehnliche australische Streifen leidet vor allem darunter, daß er sich nicht recht entscheiden kann, ob er Trash oder doch lieber ernsthaftes Monsterkino sein soll. Irgendwo im Outback sind ein paar Studenten auf dem Weg zu Aboriginee-Steinmalereien, die seit angeblich Hunderten von Jahren niemand mehr gesehen hat. (Woher sie dann von ihrer Existenz und genauen Lage wissen, bleibt rätselhaft.) Nach einem nächtlichen Bad im benachbarten Tümpel verwandelt sich eine der jungen Damen zu ihren Ungunsten zu „your sabre-tooth girlfriend“, wie eine Figur das freundlich nennt, und bekommt großen Hunger auf Menschenfleisch. Nach den üblichen Diskussionen darüber, ob man ehemalige Geliebte nur deshalb erschlagen dürfe, weil sie einen auffressen wollen, dezimiert sich die Gruppe rasch – zur Auflösung hin gleitet der Film aber in fiese Trashästhetiken samt schlechter Spezialeffekte ab, die er vorher gezielt vermieden hatte. Die Kombination ist eher unfreiwillig komisch, und zurück bleibt das Gefühl eines in dieser oder jener Richtung unvollendeten Werkes.

La Casa Muda

Ein – wie schon angekündigt – in der Tat äußerst clever erschreckender Film, dessen Alleinstellungsmerkmal natürlich der auch in der Werbung hervorgehobene Umstand ist, daß er in einer einzigen Einstellung und mit einer kleinen HD-Fotokamera gedreht wurde. Die junge Hauptdarstellerin Florencia Colucci ist also auch dafür, wie für ihre überzeugende Darbietung, zu preisen. Sieht man vom Technischen ab, bleibt immer noch ein durchaus gekonnter Gruselfilm über ein Haus, in dem ein Vater mit seiner Tochter auf ein wenig erfreuliches Gegenüber stoßen. Filmemacher Gustavo Hernández spielt seine Schreckenskarten gekonnt dann aus, wenn man sie eben gerade nicht erwartet, und setzt alle möglichen Tricks ein, um die Zuschauer_innen auf falsche Fährten zu setzen; der nur sehr subtil vorbereitete Plottwist am Schluß ist dann sogar eine ziemliche Überraschung.

(Der Trailer legt übrigens falsche Fährten.)

The Perfect Host

Rotweintrinker, aufgepaßt! Die Dinnerparty, zu der Warwick Wilson (David Hyde Pierce aus Frasier) lädt, gerät etwas anders als ursprünglich geplant. Denn unerwartet platzt der Bankräuber John (Clayne Crawford) in die Vorbereitungen, der sich als Freund einer Freundin vorstellt – und als Warwick erkennt, um wen es sich handelt, ist es fast schon zu spät. Wäre nicht alles anders als man denkt. Denn dann legt The Perfect Host erst so richtig los und stürzt seine Protagonisten in eine ziemlich aberwitzige und potentiell mörderische Nacht.

Atrocious

Allgemeines Stöhnen während dieses Films, vor allem aber danach. Ein technisch nicht einmal ganz schlecht gemachter Blair Witch/Cloverfield-Nachäffer (also: ein Film aus angeblicher „Found Footage“), der viel Applaus bekam, weil er vor Ort in Sitges und Umgebung gedreht wurde. Das Einzige, was wirklich im Gedächtnis bleibt, ist eine ewige, bald sturzlangweilige Sequenz, in der die Hauptfigur mit seiner Kamera nachts durch ein Buschlabyrinth irrt, ab und an schreit die Schwester. Natürlich gibt’s dann auch mal was zum Erschrecken, aber das will man alles schon gar nicht mehr sehen.

The Violent Kind

Dieser seltsame Genre-Mix ist vor allem dadurch anstrengend, daß man ihm keinen seiner Teile je so richtig abnehmen will. Zuerst sehen wir eine Handvoll junger Männer, die angeblich zu einer Bikergang gehören; irgendwann machen sie sich auf aufs Land zur Matriarchin der Gang. Dort wird gefeiert, bis auf einmal eine der Frauen blutüberströmt zur Tür hereinkommt. Kurz nachdem sie ihre Partygenossen angefallen und einen gebissen hat, tauchen ein paar Figuren aus, die direkt den 1950er Jahren entsprungen sein könnten und die über seltsame Kräfte verfügen. Was zuerst wie ein Körperfresser- oder auch Vampirfilm wirken könnte, kriegt irgendwann einen wieder anderen Dreh, aber dann läßt der Film ein wesentliches Handlungselement einfach liegen (im Wortsinn) und driftet ins Gebiet des völligen Gaga ab. Leider ist das aber nicht einmal lustig, ebensowenig wie die technisch bescheidenen Versuche, im grotesken Splatter zu wildern. The Butcher Brothers haben hier eine Mischung angerichtet, die zu keinem Zeitpunkt wirken will, und deren Schlußtwist und -gag einzig dazu führt, daß man sich an die Stirn fassen möchte und sich fragt, warum, zum Geier, man sich das jetzt bitteschön angetan hat. Vor allem am späten, späten Freitagabend. [Update: Eine ausführliche Kritik gibt es jetzt bei blairwitch.de.]

Fotos: Sitges Film Festival

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