Gérardmer 2011 – Tag 2

Gérardmer 2011 - SchriftzugDa gestern abend hier im Hotel das WLAN seine Kooperation verweigerte, gibt es jetzt hier die gestern getippten Impressionen vom zweiten Tag in Gérardmer nachgereicht. Kurze Kritiken, die es auch schon gibt, folgen später.

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Wovon ich zu sprechen noch vergessen hatte, sind meine mulmigen Gefühle beim Betrachten von Quarantine 2: Terminal. Der Vorgängerfilm (meine Kritik), das Remake von [REC], beschäftigte sich mit dem Schicksal einer Reihe von Menschen in einem Mietshaus in Los Angeles, die von einem seltsamen Virus betroffen sind, der die Menschen – scheinbar tot – zu aggressiven Monstren werden läßt; eine klaustrophobische Variante von 28 Days Later, wenn man so will, die vor allem dadurch so viszeral wirksam wurde (mehr noch in der spanischen Originalversion), weil das Ganze als Found-Footage-Film inszeniert war, aus den Augen eines Kamerateams, das zur falschen Zeit am falschen Ort – nämlich mit einer Feuerwehrcrew auf Nachtschicht – ist und so in den ganzen Schlamassel hineingerät, Isolation durch die Behörden und stetig sich dezimierende Bewohnerzahl inklusive.

Quarantine 2 verlegt das Ganze nun zunächst in ein Flugzeug aus dem Weg von L.A. fort und anschließend, nach einer Notlandung ob eines ausrastenden Passagiers an Bord (offenbar mit dem gleichen Virus infiziert) in das Terminal eines Flughafens, wo die Passagiere isoliert werden und, natürlich, sich diverse Todesfälle einstellen. Im Grunde also business as usual in der Thematik, aber diesen Film mit einer aufsteigenden Erkältung zu sehen – wenn die Nase immer irgendwie verstopft scheint, die Augen etwas aufgequollen und der Hals rauh – führt dem Film schon eine zusätzliche Bedrohungsebene hinzu, die er als Film eigentlich nicht trägt. Und wenn man dann noch hört, daß im nahegelegenen Epinal einige Menschen mit A/H1N1 ins Krankenhaus gekommen sind … wünscht man sich schnell eine Maske wie der Mann auf dem Festivalplakat sie trägt.

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Dario ArgentoDario Argento sitzt nicht nur an einem Film in 3D (zu dessen Titel und Inhalt er nichts sagen wollte außer daß er „grausam“ sein werde – obwohl die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß es sich um eine Dracula-Fassung handeln soll), sondern auch, für eine amerikanische Produktionsfirma, an der Verfilmung eines Comics oder einer Graphic Novel (das Französische ist dabei mit „Bande Dessinnée“ nicht zwingend eindeutig). Mehr als seine Begeisterung wollte oder durfte er aber auch hier nicht verraten.

Das alles in nicht ganz akzentfreiem Französisch, das mir manchmal etwas Schwierigkeiten machte, den Ausführungen des „Maestro“, wie er aus dem Publikum tatsächlich angesprochen wurde, bis ins Detail zu folgen. Immerhin kam zu Wort, wie sehr ihn die Fotografien seiner Mutter (von Sophia Loren oder Claudia Cardinale etwa) in seinem Frauenbild geprägt hatten; wie die Zusammenarbeit mit George A. Romero, Sergio Leone und Bernardo Bertolucci sich gestaltete; und was er vom Zustand des phantastischen Films in seinem Heimatland Italien hält („gibt es derzeit nicht“) bzw. wie er seine eigene Rolle im Kontext des italienischen Kinos einschätzt („ich bin da recht allein“). Nach seinen Vorbildern und dem für ihn wichtigen Filmemachern wird er natürlich auch gefragt, was zu so sinnvollem wie selbstredendem Namedropping führt: Bergmann, Fellini, Orson Welles und die nouvelle vague, der Expressionismus, Dreyer, aber auch der italienische Neorealismus.

Und nach zehn Jahren, so Argentos Lebenserfahrung, ist sowieso immer alles anders geworden.

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Nachdem den Tag über die Sonne einigen Schnee hatte wegschmelzen lassen, scheint es am Abend wieder deutlich kühler geworden zu sein. Aber vielleicht liegt das auch nur daran, daß der Freitag mit Rare Exports (meine Kritik), Cold Prey 3 und The Troll Hunter ganz im Zeichen des nordischen Filmeschaffens lag – da wäre ein warmer Tagesabschluß doch deutlich fehl am Platze gewesen.

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Glenn Erland Tosterud (The Troll Hunter)The Troll Hunter ist kurz vor Gérardmer auch beim Sundance-Filmfestival mit großem Erfolg gezeigt worden, und Hauptdarsteller Glenn Erland Tosterud konnte darob mit einigermaßen großem Selbstbewußtsein vors Publikum treten. Er machte es kurz und auf Norwegisch, das er als „eine seltsame Sprache“ bezeichnete und wirkte erheblich sympathischer als im Film. Der übrigens eine formidable Studie in Weltumdeutung ist, und deutlich weniger ein irgendwie konventioneller Monsterfilm. Und auch wenn er sich in Stil und Machart natürlich an Cloverfield orientiert, hat er doch nichts von dessen Sensationalismus.

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Für morgen freue ich mich auf die Weltpremiere von The Hunters (für den ich allerdings mein Frühstück ausfallen werde lassen müssen), sowie auf I Saw The Devil. Außerdem gibt es vielleicht ein Wiedersehen mit La Casa Muda (diesmal auf großer Leinwand). Wenn ich nachts noch sehr fit bin, werde ich wohl die Giallo-Nacht heimsuchen, mit drei Filmen von Argento, Bava und Fulci.

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