Paul (2011)

Ich habe Paul Anfang der Woche in einer Avant-Première hier in Paris sehen, zu der ich dank films-horreur.com Zugang bekam. Dafür herzlichen Dank; die Paul-Besprechung der Site findet sich hier.

Paul ist seit 1947 unter uns, als er des nachts mitten in Wyoming auf einer einsamen Farm landete und dabei einen Unfall verursachte, der ihm zugleich seinen irdischen Namen einbrachte. Denn Paul kommt von einem anderen Stern (welcher genau, das ist gar nicht so wichtig) und hat seitdem irgendwo in den Räumen der Area 51 wohl ein ganz bequemes Leben geführt, der amerikanischen Regierung alle möglichen Tips und Steven Spielberg reichlich Inspiration gegeben – aber jetzt scheint es ihm doch an der Zeit zu sein, nach Hause zurückzukehren, und nach einem kurzen Telefonat macht sich der kleine Kerl aus dem Staub – und rast direkt in den nächsten Unfall hinein. Autofahren ist nicht so seins.

Stattdessen wird der Außerirdische von zwei Briten aufgegabelt, die gerade von der ComicCon und sich nun den lange gehegten Traum erfüllen, die bedeutendsten Plätze Amerikas abzufahren: The Black Mailbox, Area 51, … Obgleich beide bis zur Ohnmacht überrascht sind, ein echtes Alien vor sich zu haben, nehmen sie Paul mit an Bord ihres Wohnmobils und wollen ihm gerne helfen, an sein Ziel zu kommen. Ihnen auf den Fersen: Ein „Man in Black“ (mit zwei Gehilfen) sowie einige uramerikanische Gestalten.

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Paul von Greg Mottola (der zuletzt Superbad und Adventureland gemacht hat) ist von den ersten Momenten an ein Nerdfilm, und damit spielt er nicht verschämt herum, das stellt er schon offen in seinen beiden Protagonisten aus: Graeme Willy und Clive Gollings verkörpern ihre eigene Zielgruppe nahezu perfekt mit ihren unvollkommenen Körpern, den jeden Trend ignorierenden Frisuren und geeky T-Shirts. ComicCon, wo man sie zuerst sieht, ist natürlich das Mekka aller Film- und Aliennerds, und sie pilgern unter anderem dorthin, um ihr Idol, einen schmierigen Science-Fiction-Autoren (Jeffrey Tambor) zu treffen. (Gollings ist selbst Autor, und Willy illustriert seine Bücher. Bzw. das eine bisher schon veröffentlichte.)

Mit Simon Pegg und Nick Frost, die sich spätestens mit Shaun of the Dead einen festen Platz im Herzen der Filmnerds erobert haben, sind diese beiden Briten also perfekt besetzt; und natürlich haben sie, die auch im realen Leben beste Freunde sind, gemeinsam das Drehbuch geschrieben. Entsprechend werfen sie sich die Dialogbälle zu, später dann auch mit Paul (gesprochen von Seth Rogen) und Ruth (Kristen Wiig), die sie unterwegs aufgabeln und die Paul alsbald von ihrer religiösen Engstirnigkeit und ihrem Augenleiden erlöst.

So wird aus Paul als Road-Science-Fiction-Komödie dann zuallererst ein Buddymovie zu zweit/dritt/viert, in dem selbst die Romanze der bisher weitgehend ungeküssten Graeme und Ruth die Harmonie der Gruppe nicht wirklich stören kann; und zugleich ist es eine Alien-Geschichte in der Alien-Geschichte: Graeme und Clive sind nämlich in den USA spürbar fremd, die da wie eine Ansammlung der übelsten Vorurteile über Amerikaner_innen vorüberzieht: gewaltbereite Waffennarren, religiöse Fanatiker, homophobe Kleinstädter_innen.

Dabei ist der Film ja ein wohl austarierter britisch-amerikanischer Gemischtwarenladen mit vorwiegend amerikanischem Personal (was sicher der Vermarktung nicht schaden wird) – aber auch das amerikanische Zielpublikum wird sich wahrscheinlich in dieser Wahrnehmung als Fremde (im eigenen Land) wiederfinden.

Vor allem aber ist Paul ein extrem anspielungsreiches Stück Unterhaltung, in dem nicht-filmische Nerdismen ebenso eingebaut werden wie bergeweise Bezüge zu (vor allem) anderen Science-Fiction-Filmen, von den „Men in Black“, für die hier vor allem Spezialagent Zoil (Jason Bateman) steht, über, natürlich, E.T.: The Extra-Terrestrial und Close Encounters of the Third Kind bis hin zu einem schönen Aliens-Scherz samt Cameoauftritt von Sigourney Weaver. Dass die nicht-menschliche Hauptperson ein mindestens so großer Nerd ist wie seine britischen Gegenparts (und im filmischen Univserum verantwortliche Inspirationsquelle für zahlreiche der erfolgreicheren Science-Fiction-Geschichten des 20. Jahrhunderts) erleichtert nur die Einbindung dieser Scherze.

Und natürlich geht es hier nicht ganz jugendfrei zu: Die Größe von Pauls Geschlechtsorganen wird diskutiert („Spaceballs!“), Hunde und Agenten plattgemacht, und Paul ist ein großer Freund von nicht eben legalen bewußtseinserweiternden Substanzen. Aber dadurch macht es eigentlich alles nur noch viel mehr Spaß.

Addendum: Beim Guardian gibt es noch ein schönes Interview mit Sigourney Weaver und Jason Bateman zu sehen, samt vieler Ausschnitte aus dem Film.

Fotos: Universal

Paul (2011), 5.0 out of 5 based on 2 ratings

2 Gedanken zu „Paul (2011)

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