Dogtooth (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #27, Juni 2011

Dieser Vater tut alles dafür, die wohlgeordnete Welt seiner Kinder zu erhalten: Er entfernt die Etiketten von den Mineralwasserfläschchen, bevor er sie im Kofferraum nach Hause bringt, und wenn sich dort überraschend eine Katze in den Garten verirrt hatte, so entwickelt er daraus sofort eine lehrreiche Geschichte. Die Katze, hören die staunenden Sprößlinge vom Vater, der sich das zerschnittene Hemd dramatisch mit roter Farbe verschmiert hat, ist das vielleicht gefährlichste Tier überhaupt.

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Das sind keine bösartigen Spielereien für ahnungslose Kleinkinder: Die zwei Töchter (Aggeliki Papoulia als die ältere, Mary Tsoni als die jüngere) und der Sohn (Hristos Passalis) sind um die Zwanzig, erwachsene Menschen also, aber von der Welt außerhalb ihres Gartens haben sie wortwörtlich keinen Begriff: Die Eltern (Christos Stergioglou und Michelle Valley) erklären ihnen neue Worte auf sehr eigentünliche Weise (das „Meer“ wird zu einer Art Sitzgelegenheit, die weiblichen Geschlechtsorgane heißen „Tastatur“).

Die namenlosen Menschen dieser Familie leben in völlig abgeschottet, nur der Vater fährt täglich mit dem Mercedes durch das Gartentor hinaus und zur Fabrik, die er anscheinend leitet. Von dieser Arbeit wissen die Kinder freilich nichts – aber auch für den Zuschauer von Dogtooth bleibt sie fremd, so eigentümlich menschenleer wirken die Hallen, und auf den weiten Betonflächen vor den Toren bewegt sich nichts, als sei die hörbare Betriebsamkeit von Maschinen nur leerer Selbstzweck ohne Bezug zu einer Außenwelt.

Darin spiegelt sich wider, wie die Familie lebt; offenbar haben sich die Eltern zu dieser Ab- und Ausgrenzung entschlossen. Das Drehbuch von Efthymis Filippou und Regisseur Giorgos Lanthimos kennt aber keine Suche nach den Ursachen oder Diskussion über die Gründe für diese Isolation. Stattdessen ist für Lanthimos offenbar besonders die Konstitution der Sprache besonders wichtig, wie auch ihr Gegenüber der sprachlichen Konstitution von Sein und Bewußtsein (Orwells 1984 lässt grüßen). Den Kindern muß dazu jeder Einfluß von außen vorenthalten werden: Bücher und Zeitschriften gibt es nicht, Fernsehen nur als Heimvideo, und Frank Sinatras Fassung von „Fly Me To The Moon“ bekommt in der väterlichen „Übersetzung“ eine ganz andere Bedeutung. Das System Sprache kann für die Geschwister unter den von den Eltern vorgegebenen hermetischen Bedingungen keinen Ausweg bieten – nur weitere Verstrickung.

Dogtooth ist aber keine schlichte Geschichte von Aufklärung und Befreiung, wie man das aus Actionflocken à la Die Insel oder romantisierende Dramen wie Die Truman-Show kennt. Lanthimos zeigt vor allem die ruhigen Momente und den Alltag dieses seltsamen Lebens. Er setzt es mit starrer Kamera in großzügige Bilder im Cinemascope-Format um, die gelegentlich fast statisch wirken; das alles mit einem Sinn für plötzlich hervorkriechenden schwarzen Humor, der sich nicht zuletzt an den Idiosynkrasien der Familie entwickelt, an den seltsamen Ängsten und Verhaltsensweisen der Geschwister.

Denn diese sind natürlich allein aufeinander als sozialen Kontext geworfen; da gilt es schon als Zeitvertreib, wen die Kompresse mit Chloroform zuletzt ohnmächtig werden lässt. Sie tragen Konflikte mit der Direktheit kleiner Kinder aus, aber mit den Kräften und Emotionen erwachsener Menschen, zwischen Inszest und Geschwistermord schwankend – und folgerichtig ist es dann auch Christina (Anna Kalaitzidou), die den Zerfall der wohlgefaßten Ordnung anstösst. Sie sitzt sonst am Tor der väterlichen Fabrik, aber ab und an bringt der Patriarch sie mit ins Haus, damit sie die sexuellen Bedürfnisse des Sohnes befriedige.

Auch darin schreibt sich die archaisch-patriarchale Ordnung der Familie fort; diese findet ihre Sollbruchstelle in der eigentlich emotionslos zu absolvierenden Sexualität. Man kann das alles deshalb auch als die ungewöhnlichste Coming-of-Age-Geschichte seit langer Zeit sehen; der griechische Kandidat für den Auslandsoscar 2011 ist (obgleich viel zu sperrig für die goldene Trophäe) auf jeden Fall einer der originellsten, aufregendsten Film der vergangenen Jahre.

[Der Film ist erschienen in der Störkanal-Edition.]

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