Die Zähmung der Lisbeth Salander

Ich mache mir etwas Sorgen um die Neuverfilmung von Män som hatar kvinnor (Verblendung), The Girl with the Dragon Tattoo. (Natürlich sehe ich vor allem die Notwendigkeit nicht, aus einem durchaus sehr guten Film so bald darauf einen zweiten zu machen – Regisseur Niels Arden Oplev kann durchaus ein bißchen beleidigt sein vielleicht. Immerhin muß man sich, da David Fincher Regie führt, keine allzu großen Sorgen machen, daß das Remake an und für sich ganz furchtbar werden könnte.)

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Meine Irritation hat schon vor einigen Monaten begonnen, und mit dem jetzt veröffentlichten Teaser-Poster erhärtet sich der Verdacht: Hier wird für die Werbekampagne die Figur der Lisbeth Salander (in Finchers Film von Rooney Mara verkörpert) in einer Weise dargestellt (und deshalb wird das Poster hier auch nicht reproduziert), die vor allem dazu geeignet ist, sie als sexuelles Wesen dar-, vor- und auszustellen.

Schon die im Januar veröffentlichte Fotostrecke mit Bildern von Rooney Mara (als Salander) in W zeigte diese Tendenz – das konnte man aber vielleicht noch, mit sehr viel gutem Willen, als ans publizierende Medium angepaßte Aufmerksamkeitsstrategie lesen. Mit der Veröffentlichung des offiziellen Posters aber wird mehr daraus: Wird daraus Bilderpolitik mit einer klaren Sprache und Geschlechterordnung.

Das Bild ist in dunklem Schwarzweiß gehalten; Salander (Mara) steht darauf, nackt bis zur tief auf den Hüften sitzenden Jeans, vor Blomkvist (Daniel Craig, bekleidet), der seinen linken Arm um ihren Oberkörper gelegt hat. Salanders Brüste liegen frei, ihre Brustwarzen werden durch Schrift bzw. durch ihren linken Arm abgedeckt, mit dessen Hand sie an Blomkvists Armbeuge faßt. Beide blicken in Richtung der Kamera.

Zwar wirkt Salander auf diesem Bild keineswegs wie ein braves, gefügiges Mädchen – gerade auch durch ihren direkten Blick nimmt sie keine unterwürfige Position ein -, zugleich ist sie aber deutlich Blomkvist untergeordnet. Dies wird zum einen durch ihre Körpergröße suggeriert (Noomi Rapace – Salander im Originalfilm – ist meiner Erinnerung nach nicht kleiner als ihr Gegenüber Michael Nyqvist – Blomkvist), zum anderen aber auch durch Blomkvists schützende Geste (die durch Salanders eigene Hand wiederum aufgewertet wird).

Zusammen mit ihrer Nacktheit entsteht so das Bild einer Lisbeth Salander, die Blomkvist jedenfalls nicht ebenbürtig ist; sieht man das Bild zudem im Kontext der erwähnten Fotostrecke aus W, so entsteht deutlich der Eindruck, daß ihre Figur hier als sexuell verfügbar dargestellt wird, verbunden allenfalls mit in die Alltagskultur eingesickerten Fetischisierungsmitteln à la Suicide Girls. Vor allem aber wird Salander in den Bildern aufs Sexuelle nahezu vollständig reduziert.

Das ist insbesondere deshalb so ärgerlich, weil sie in den Romanen – und weitgehend auch im Film von Niels Arden Oplev – zwar auch ein sexuelles Wesen ist (nicht zuletzt ist dies für ihre Beziehung zu Blomkvist von Bedeutung), aber eben nicht hauptsächlich. Alle Insignien und Gegenstände, die für Salander in Buch und Film sonst so wichtig sind – vor allem also ihr Computer – fehlen hier vollständig.

Stieg Larssons Bücher haben eine der vollständigsten, komplexesten Heldinnen im jüngeren Thriller in die Welt gesetzt; die Kampagne für The Girl with the Dragon Tattoo scheint nun schwer daran zu arbeiten, diese harte, widerspenstige Figur, diese schwarze Ritterin des Geschlechterkampfes, zu domestizieren und sexuell verfügbar zu machen.

(Hier nun noch der Trailer zu The Girl with the Dragon Tattoo, in dem Lisbeth Salander, dem Filmtitel zum Trotz, praktisch nicht auftaucht.)

14 Gedanken zu “Die Zähmung der Lisbeth Salander

  1. Von Filmen, Schauspieler_innen, Kino etc. verstehe ich nichts, dafür allerdings um so mehr von Lisbeth Salander, weshalb ich schon mit den ersten Verfilmungen so meine Probleme habe.
    Was Du beschreibst hört sich richtig beschissen an und scheint mit den Büchern wahrscheinlich so viel zu tun zu haben wie ein Huhn mit einer Wohnzimmereinrichtung bzw. als habe der Ermittler Hans Faste (lesbische Satanistin) persönlich das Werbeplakat entworfen. Kotz!

    • @Nele Tabler: Natürlich ist Salander selbst in der schwedischen Verfilmung nicht ganz die starke Figur wie in den Büchern; aber zumindest müht man sich sichtbar ab, ihr irgendwie wenigstens etwas gerecht zu werden. Nicht zuletzt ist Rapace einfach stark.

  2. David Fincher ist ein prima Regisseur, trotzdem ist diese Neuverfilmung komplett überflüssig.
    Vor allem da man, wie im Trailer zu sehen, in vielen Szenen praktisch 100% dem Original nachmacht.

    Könnte mir gut vorstellen, dass den Studiobossen dagegen die Figur der Lisbeth zu kontrovers fürs US-Publikum ist (Lesebe, Hackerin, Raucher).

    Insofern hoffe ich mal, der Buzz in der Blogosphäre bzgl. dieses überflüssigen Remakes legt sich bald wieder.

  3. Dann würde ich ja zu gerne mal lesen, was du aus dem schwedischen Originalplakat machst, wo Lisbeth Salander mit Hundehalsband vor dem thronenden Blomqvist auf dem Boden kniet und im Hintergrund das Kaminfeuer prasselt. ;)

  4. http://bit.ly/kdJLB0

    Ist natürlich trotzdem eine ganz andere Werbekampagne, die die Amis da fahren. Ich warte noch darauf, dass Tintin demnächst mit Unten-ohne-Bildern im Netz auftaucht. Europäische Phänomene in den USA durchzusetzen, muss für die Studios wegen den Hegemonialbestrebungen Amerikas ein Riesen-Kraftakt sein.

    • @Schwanenmeister: Das Bild ist auch in seiner ganzen Komposition, in der Haltung der Figuren etc. ein völlig anderes: Salander ist hier nicht schutzbedürftig, sondern (vielleicht) skeptisch, in sich zurückgezogen; was aber auch ihrer Figur durchaus entspricht. Und daß Blomkvist fast ein bißchen patriarchal im Sessel sitzt, ist einerseits ironisch und andererseits auch für ihn passend; die ganze Szenerie hat aber nichts Sexuelles (IMHO) und auf jeden Fall nichts, in dem sich eine Hierarchie zwischen den beiden so stark (und so stark primär über Körperlichkeiten) manifestiert wie in dem Plakat zum Remake.

      • @Rochus: Interessant. Also mir gefällt das US-Poster auch gar nicht. Würde aber weniger feministisch argumentieren: Das Motiv entspricht schlicht nicht dem, was ich mit dem Film verbinde. Trotz Sex gibt es im ersten Teil nicht annähernd eine ähnliche Vertrautheit zwischen den beiden, die dem Motiv entsprechen würde. Und die Nacktheit zieht das Poster bereits leicht ins trashige. Das schwedische Poster, sowohl mit oder ohne Blomkvist, fand ich damals aber auch sehr missglückt. Da hatten die Südländer, vor allem die Italiener, viel schönere kreiert.

  5. Lis Salander, Lesbe? Haha. Ich muss lachen. Allerhöchstens bis mit übermäßigen Hang zu Männern.

    Das Remake kann ja nur noch zu einem dienstbaren Geschöpf machen, so gefährlich wie die ABweichung von der weiblichen Rolle ist.

  6. Danke, das hab ich mir unlängst auch gedacht, als ich von dem Remake erfuhr…!

    Find ich scheußlich, so ne US-Version.
    Boykott!!

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