The Tree of Life (2011)

An eine gründlichen, wohlkonstruierten Kritik von Terrence Malicks fulminantem, irrem, schmalzigem, wahnsinnigem The Tree of Life will ich mich hier gar nicht erst versuchen, dazu fehlt mir auch die Zeit. (Zumal ich schon bei normalen Filmen immer mehr das Bedürfnis verspüre, vor einem Text die Filme zwei-, dreimal zu sehen; ich kann aber nicht eine ganze Woche mit Malick verbringen.) Wer das informiert lesen will, wende sich an Thorsten, Nino oder Joachim.

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Stattdessen ein paar unsortierte Gedankenfetzen, die womöglich eher interessant sind für Menschen, die den Film schon gesehen haben, und deren vielleicht kritischem Übergewicht ich doch noch entgegen halten möchte, daß ich im positiven Sinne überwältigt aus dem Kino kam; daß ich zwar streckenweise schon begann, unruhig im Kinosessel hin und her zu rutschen, daß das aber auch der späten Stunde zugeschrieben werden könne. Filmwahrnehmung ist niemals unabhängig von ihren Rahmenbedingungen, und an einem schon etwas sentimentalen Abend, direkt nach Fast Five, wirkt der Film sicher bedeutend anders als am frühen Morgen in Cannes.

The Tree of Life ist in seinem allumfassenden Weltentwurf schon prätentiös und nicht nur milde größenwahnsinnig; Malick beginnt seinen Film nicht nur mit einem Zitat aus dem Buch Hiob, seine Geschichte ist auch gleich eine Neuerzählung der Sinnsuche, der Suche nach Gott, die Kamera stets oder mindestens: immer wieder gen Himmel gerichtet. Malick hat die Strukturen der Natur und der von Menschen geschaffenen Welt (Architektur!) immer genauso im Blick, vielleicht sogar mehr, als die Menschen – der Bezug auf den Lebensbaum (Yggdrasil oder nach welchem Namen auch immer) verstärkt nur: Hier sucht jemand nach den ganz großen Fragen und Antworten, und er macht das mit Bildern, denen man Bescheidenheit nicht vorwerfen kann.

Das muß nicht schlecht sein; Kubricks 2001 ist ja auch nicht durch Kleinkrämerei so großartig. Was mich an The Tree of Life etwas gestört hat war, daß Malick eine Geschichte vom Leben erzählen möchte und mir diese dafür viel zu oft zu weit von den Menschen entfernt war. Weil der Film immer gleich das Große Ganze sucht, läßt er (nach dem Eindruck meiner einen Sichtung, sentimentaler Freitagabend etc.) sich zu wenig auf die einzelnen Menschen ein. So sind vor allem auch die Eltern von Jack, der Hauptfigur, einen Hauch zu sehr Verkörperung von Idealprinzipien – hier die liebende, selbstlose Mutter, dort der harte, fordernde, auch ungerechte Vater.

Malick macht es sich keineswegs ganz einfach mit diesen Figuren, und der Vater (den Brad Pitt mit einer Erwachsenheit und Härte spielt, die zeigt, welchen weiten Weg er selbst als Schauspieler schon zurückgelegt hat) zeigt anfangs Brüche und am Ende sogar Demut. Aber die Mutter in ihrer Duldsamkeit, unverbrüchlichen Liebe etc. (keineswegs Mutter Natur, eher Mutter Grazie) ist etwas zu dick aufgetragen, hat zu wenig Borsten, kaum raue Stellen – kurzum: sie vertritt das Göttliche, dessen Lied hier gesungen wird, aber nicht die Menschlichkeit einer Frau (/liebenden Mutter).

Nochmal: Ich sage nicht, daß das unbedingt schlecht ist, und gewollt, gewünscht ist es von Malick vermutlich allemal. Aber es irritiert mich, nicht zuletzt auch weil es natürlich eine (man kann sagen: auf die Zeit, zu der der Film spielt, realistisch bezogene – aber ja trotzdem nie in Reinform existiert habende) Wiederholung von Geschlechterstereotypen darstellt, an der sich dann doch eben wieder die Entwicklung eines Mannes entzündet und entflammt.

4 Gedanken zu “The Tree of Life (2011)

  1. Ich freue mich, Dein Text gelesen zu haben.
    Ich nahm den Film völlig anders wahr, viel ähnlicher zu was Daniel bei uns geschrieben hat. (im Sinne von da wo viele Makel sehen, genossen wir das Gegenteil)
    Deine Gedanken machen mir nochmal klar, wie subjektiv dieser Film ist, und dieser subjektive Zugang zur Universalität ist das was mich dazu brachte, mich in ihn zu verlieben:)
    Ich denke genau dieser Aspekt ist der Teil, wo sich die Krittiker stark spalten, und das ist gut so, denn genau deas Konflikt zwischen subjektiv und universell geschichtlich die Voraussetzung für Diskurse ist.

    LG
    Ciprian

  2. Über die Mann/Frau-Opposition bin ich beim Sehen auch zunächst gestolpert, das Wort Stereotyp kam mir, wie Dir, auch in den Sinn. Dazu kommt noch, dass die Frau ja kaum redet, nur ein paar Sätze, wenn man den Off-Kommentar nicht mitzählt, die Frau schweige in der Kirche oder so, duldsam, erduldend usw.; ich glaube aber, dass man mit so etwas recht weit an dem Film vorbeizielt. Der Blick auf die Familie ist ja schließlich der eines Kindes, bzw. eines Erwachsenen, der sich an seine Empfindungen als Kind erinnert. Und dafür finde ich die Wahrnehmung der Eltern recht grandios eingefangen. Als Erinnerungsfetzen, nicht als dramaturgisch fertig ausgearbeitete Personen.

    • @Thorsten: Ja, nein, hm. ;-) Ich muß wahrscheinlich nochmal betonen, wie großartig ich den Film insgesamt fand, trotz oder stellenweise vielleicht auch wegen der Schwächen.

      Was das Bild der Eltern angeht: Natürlich hast Du Recht, daß der Film sich vor allem als kindlicher Blick/erwachsener Rückblick auf die Eltern präsentiert, aber eben zugleich ja auch als sehr allgemein und breit angelegte Sinn- und Gottsuche. Sonst hätten die eh etwas bizarr anmutenden Dinosaurier gar keinen rechten Platz (oder fändest Du den?). Mich irritiert nur, wie wenig das von mir Beschriebene (auch aus der Perspektive der Erinnerung) gebrochen ist.

      Schön fand ich übrigens den in der SZ von Susan Vahabzadeh beschriebene Eindruck, man werde „den Verdacht nicht los […], Brad Pitt habe hier den Auftritt seines Lebens absolviert, und man habe es verpasst, weil kein Gesichtsausdruck lange genug im Bild bleibt, um ihn wirklich zu betrachten.“

  3. Ja, die Stelle in der SZ ist mir auch am meisten in Erinnerung geblieben von allen Kritiken. Was da alles auf dem Boden des Schneideraums liegen mag …
    In der Zeit von gestern übrigens der bisher deutlichste Verriss, den ich kenne. Nennt Malick konservativer als den Papst.

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