Into the Forest (2015)

Die Apokalypse kündigt sich, das ist vertraut, in leisen Tönen an: Eine Nachricht, eine Meldung im Fernsehen. Stromausfälle, man weiß nichts Genaues. Und dann geht eben das Licht aus, die Bildschirme erlöschen – wir befinden uns in einer Zeit leicht in der Zukunft, alles ist vertraut, nur noch einen Hauch moderner. Alles wahrscheinlich nur ein Problem auf Zeit – und die beiden jungen Frauen, Nell und Eva mit ihrem Vater (Ellen Page, Evan Rachel Wood und Callum Keith Rennie) nehmen das zunächst nicht allzu ernst. Bis sie aus ihrem einsamen Haus mitten in nordamerikanischen Wäldern mal wieder in den Ort fahren: Dort ist das Benzin schon knapp, der Supermarkt fast leer, und der Kassierer ist bewaffnet.

Der Weltuntergang kommt hier nicht mit Trompeten und Fanfaren, sondern leise und mit Trippelschritten – und er braucht nur einen Hebel: Elektrizität. Die oft beschworene dünne Schicht von Zivilisation geht anscheinend recht schnell dahin; draußen im Wald kommt das allerdings nur sehr langsam an – es gibt ja keine Nachrichten, nur vereinzelte Gerüchte. Nells und Evas Vater stirbt bei einem Unfall, und von nun an sind die beiden Schwestern auf sich allein gestellt.

Into the Forest ist weniger Endzeitszenario als postapokalyptische Meditation: Was macht es mit uns, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, wenn der Kontakt zur Außenwelt, den wir so gewohnt sind, abbricht? Wenn außerdem die ganzen Annehmlichkeiten der Zivilisation wegfallen? Das ist wesentlich mehr als Malen nach Zahlen im Apokalypse-Kino. Das fragt danach, was für jene bleibt, die ihre Menschlichkeit nicht abgeben, nicht verlieren wollen. Hier bleibt die menschliche Zivilisation in ihrem Kern, der Familie, bestehen – aber einfach ist das nicht. Während die beiden Schwestern immer mehr zueinanderfinden, zerfällt das Haus um sie herum – letztlich unkontrolliert den Naturgewalten ausgesetzt, unbeheizt und ohne Reparaturen. Patricia Rozema hat aus dem Roman von Jean Hegland einen Film gemacht, der sich vor allem auf seine beiden Hauptfiguren verlässt. Die Schwestern schlagen sich, vertragen sich, stützen einander, verlassen sich und kehren zueinander zurück. Zwei Geschwister, die ohne ihre Eltern sich trotz aller Unterschiede zusammenraufen müssen und plötzlich sehr, sehr erwachsen werden. Page (die auch als Produzentin mitwirkte) und Wood tragen den Film leicht auf ihren Schultern, auch durch die seltenen härteren, gewalttätigen Szenen.

Der Filmtitel suggeriert eine fast schon mythische, positive Auflösung: Into the Forest, auf in den Wald – der Untergang als Aufbruch. Das löst der Film aber letztlich nur in sehr ambivalenter Weise ein. Denn der Weg in den Wald hinein ist letztlich ein Lernprozess, ein Abstandnehmen von dem vertrauten, gesicherten Leben – in dem Moment, in dem es schon längst unmöglich geworden ist. Da ist also kein großes Glück am Schluss, und nur vage Hoffnung. Alles andere wäre für eine nachdenkliche Dystopie dieses Formats allerdings auch Verrat an der eigenen Geschichte.

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Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

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