„Meine Tochter wird im Müllsack reingezogen“ – Ein Interview mit Jessica Lynch

Es ist schon spät, nach der Premiere von Chained auf dem Fantasy Filmfest 2012, einer Q&A-Sitzung und einer ersten Runde Interviews, aber Jessica Lynch wirkt wach – da steckt sicher ein Teil Adrenalin, ein Teil Nikotin und ein Teil Jetlag drin – und lacht, laut und viel. Sie freut sich sehr, wenn man ihr sagt, wie gut und scary man ihren Film fand. Mitten im Gespräch, um Mitternacht, bekommt jemand unter dem Balkon des Berliner CinemaxX ein Geburtstagsständchen gesungen.

Erzählen Sie doch ein wenig vom Drehbuch und wie Sie zu dem Projekt gekommen sind.

Damian O’Donnells Drehbuch hat eine faszinierende Grundidee: Ein Serienmörder, Taxifahrer, ermordet die Mutter eines Jungen und behält den Sohn für zehn Jahre bei sich. Und am Ende stellt sich heraus, dass sein Bruder ihn dazu gebracht hatte, seine Frau zu ermorden, weil er mit einer anderen zusammen sein wollte. Aber das Skript war so exzessiv brutal, das hat mich überrascht. Ich habe die Produzenten gefragt: Warum habt ihr dabei an mich gedacht? – Na, sagten sie, du machst doch Gewalt. – Aber doch nicht so, nicht nur Gewalt! Es macht mich traurig, wenn es das ist, was die Leute glauben. Boxing Helena war ein Märchen, und in Surveillance geht es nicht um Gewalt um ihrer selbst willen, es ist ein Film über gewalttätige, gebrochene Leute, die die Gelegenheit haben, so eine Art Urlaub mit Mordserie zu machen.

Und dann haben sie mich gefragt, was würdest du denn daraus machen? Und ich sagte, naja, ihr habt die Geschichte gekauft, ich würde die Grundidee beibehalten, aber ich würde die Betonung viel mehr auf den Mörder und den Jungen legen, und dann erkunden, was diesem Typen als Kind zugestoßen ist. Im Grunde durfte ich schließlich das Drehbuch komplett umschreiben, und dann war es eher etwas, in das ich mich verbeißen konnte.

Sie haben erwähnt, dass es für sie um die Entstehung eines Monsters geht, also um die Charakterentwicklung des Monsters und des Jungen. Mein Eindruck war, dass sie sich sehr auf die Schauspieler verlassen haben, um diese Entwicklung rüberzubringen – und Vincent d’Onofrio ist wirklich unglaublich. Es ist eine Schande, dass er schon lange nichts so großes mehr gemacht hat.

Oh ja; er wird auch in meinem nächsten Film mitspielen. Er rief mich an und fragte: Warum bin ich nicht in deinem nächsten Film? Und ich sagte: Oh mein Gott, würdest du das machen? Und er sagte: Aber ja, was soll ich spielen? – Er ist einfach so gut.

Ich hasse es, wenn in Filmen zu viel erzählt wird. Es ist ein Film, ich will es sehen, zeigt es mir. – Vielleicht nimmt das Publikum das gar nicht wahr, aber der Name, der auf Bobs Brust tätowiert ist, ist „Joanne“, und im Flashback erfahren wir, dass das der Name seiner Mutter ist. Sie ist die erste Frau, mit der er geschlafen hat. Und ich sagte, Vincent, selbst wenn du das in dieser Szene nur denkst, es wird irgendwo auf deinem Gesicht auftauchen. Und so ist es. Ich habe mich stark auf die Schauspieler verlassen, ich habe ihnen gesagt, erzählt es mir nicht, zeigt es mir, sag es mir mit deinem Gesicht.

Mussten Sie viel mit Vincent d’Onofrio arbeiten, um an diesen Punkt zu kommen?

Er hat es schon nach den ersten Gespräche vollkommen verstanden. Und er hat mir sehr vertraut. Ich habe Vincent manches zugemutet – dann hatte ich eine Idee und sagte, Vincent, wie wäre es hiermit und damit. Und er sagte, Oh weh… Ich mach’s, aber nur einmal. Und ich sagte, Okay, das filme ich (lacht).

Er war sehr großzügig und mutig – das ist ja nicht einfach. Aber ich habe ihm gesagt, ich hab nicht vor, dich albern oder krank aussehen zu lassen, wenn du nackt auf einer Frau liegst, sondern es wird traurig sein. Es wird ein schockierendes Bild, aufgenommen von der Überwachungskamera: Da liegt er, weinend und voll Blut, auf diesem toten Mädchen. Und das ist alles, was wir wissen müssen.

Und er sagte, okay – einmal (lacht). Wir haben eine Menge gelacht. Keine Ahnung, ob wir das gemacht haben, um bei Verstand zu bleiben oder weil wir Spaß hatten. Es macht Spaß, Geschichten zu erzählen, es macht Spaß, Filme zu machen. Und manchmal war es nur witzig, weil wir wussten, das war jetzt wirklich sehr krank (lacht).

Es hat mir übrigens sehr gefallen, dass Sie eine Nanny Cam benutzt haben. Das ist krank.

Oh ja (lacht). Bob würde nicht einfach eine Kamera hinstellen, das sieht man ja die ganze Zeit. Dass die Kamera in einem Herz ist auf einem Teddy, das ist so falsch, dass es schon wieder richtig ist.

Wie war die Zusammenarbeit von Vincent d’Onofrio mit den jungen Schauspielern? Soweit ich weiß, hatten Sie sie vor den Dreharbeiten nicht persönlich getroffen?

Ich hatte sie vorher nur am Computermonitor gesprochen. Und Vincent und ich hatten uns vorher einmal getroffen, als ich Schauspieler für Boxing Helena castete. Er hat sich dann über mich lustig gemacht: Du hast mich damals nicht genommen, wirst du mich jetzt nehmen? – Und ich sagte: Vincent, du bist der einzige, den ich dafür haben will.

Vincent ist so liebenswürdig und großzügig; er ist ja selbst Vater. Er hat mit Evan [dem jüngeren Darsteller von Rabbit] gesprochen: Ich werde dich so und so anfassen, du wirst ganz sicher sein, aber ich werde so tun, als ob ich dich schüttele. Und den Mädchen – wir haben keine Stuntfrauen benutzt, das waren einfach Schauspielerinnen für die kleinen Rollen – hat er gesagt: Ich werde dich so anfassen, ist das in Ordnung? Ich werde furchterregend sein, wenn wir das machen, aber ich möchte, dass du weißt, dass du sicher bist. Sag mir, wenn es zu viel ist.

Mit Eamon, dem älteren Rabbit, kam er wunderbar klar. Ich habe Outtakes, die müssen auf die DVD, das ist unglaublich komisches, wunderbar dunkles Zeug, in dem die beiden zusammen kichern. Vincent ist einer der nettesten Leute, die sie in ihrem ganzen Leben treffen werden, und er ist, verdammt nochmal, super schlau. Wenn du „Action!“ sagst und ihm das Gefühl von Sicherheit gibst, dann wird er machen, worum auch immer du ihn bittest.

Wenn ich ihn jemals für ein Interview treffe, werde ich wahrscheinlich Angst vor ihm haben, weil ich ihn in Ihrem Film gesehen habe.

(Lacht.) Er wird begeistert sein. Er hat zu meiner Tochter gesagt: du schaust mich jetzt ganz anders an, weil du gesehen hast, wie ich all diese Leute umgebracht habe. Und sie antwortete: Nein, nein, nein, ich schaue aber immer so viel Law & Order und denke immer, du bist doch Detective Goren (lacht).

Sie haben Ihren Film tatsächlich Ihrer Tochter gezeigt?

Meine Tochter ist das Mädchen, das im Müllsack reingezogen wird. Sie ist auf jedem meiner Sets. Sie hat sich dran gewöhnt, sie fragt: Bedeckst du mich diesmal von Kopf bis Fuß in Blut? Sie liebt das.

Sie hatten ja Schwierigkeiten mit der MPAA wegen der Einstufung als NC-17.

Ja, ich war begeistert, hier die NC-17-Fassung zu sehen – aber ich glaube, was Sie heute Abend gesehen haben, war höchstens eine „R“-Einstufung wert. Nachdem ich Saw und Hostel und Texas Chainsaw Massacre gesehen hatte, auch Scream, die erscheinen mir diese Einstufung eher zu rechtfertigen. Man kann dann zur MPAA gehen und seinen Film wie in einem Gerichtsverfahren verteidigen. Deren Argument war: Es fühlt sich zu echt an, der Film ist zu erschütternd, kein Kind darf das jemals sehen. – Also, fragte ich, wenn ich es albern und sexualisiert gemacht hätte, dann könnte ich mir den Film mit meiner 16jährigen Tochter ansehen? Aber so kann ich das nicht, wenn ich als verantwortungsvoller Elternteil dazu sage, lass uns nach dem Film darüber sprechen, wie du dich verteidigen kannst? Nein, sagten die, wir finden, Sie haben einen tollen Film gemacht, aber wir glauben nicht, dass Kinder ihn sehen sollten.

Ich glaube, das ist totaler Quatsch. Man sieht sich doch keinen Film an, der einen Trailer wie diesen hat, und erwartet eine Komödie. Wenn ich mit Brad Pitt gearbeitet hätte, hätte ich vielleicht ein PG-13- oder ein R-Rating bekommen, aber weil Vincent wirkt wie dieser Typ, und Eamon und Evan wirklich wie Rabbit erscheinen, weil sie echt wirkende Charaktere in einer wirklich beängstigenden Situation spielen… Wissen Sie, ich habe nicht mit Stars, sondern Schauspielern gearbeitet, und dafür wurden wir bestraft.

In einer Besprechung von Chained vom Fantasia-Festival hat ein Kritiker geschrieben, dass Sie das Publikum, zusammen mit dem Jungen, in ein Stockholm-Syndrom hineinziehen. Und es stimmt ja: Man feuert ihn vielleicht nicht an, aber man fängt doch an, Bob zu mögen.

(Lacht.) Aber macht das nicht gerade Spaß? Denn das kommt unerwartet, und das wollte ich erreichten. Natürlich nicht, um etwas zu rechtfertigen – Bob muss sterben, er ist ein furchtbarer Mann. Aber wenn man ihn versteht, dann begreift man auch, wie wir selbst mit bewirken, dass solche Leute entstehen. Wenn er nur ein Scheißkerl wäre und wir nichts darüber wüssten, wie er so geworden ist, ist er für mich nicht so furchterregend. Du willst versuchen, mit ihm zu verhandeln, aber das kannst du nicht – du hast nichts, was Bob möchte. Er will dich nur umbringen, es geht ihm nur besser, wenn er dir den Hals durchschneidet und dem Jungen damit eine Lektion erteilt.
Das ist auch der Grund dafür, warum es Bob so wichtig ist, Rabbit anzusehen, nachdem er Mary den Hals aufgeschnitten hat, und zu warten, bis Rabbit sagt: Halsschlagader. Denn es ist alles eine Lektion … Außerdem wollte ich eine Frau haben, die selbst da reinkommt, die vielleicht was getrunken hatte, er sammelt sie auf, und sie denkt vielleicht, sie werden Sex haben. Sie ist so aufgekratzt und betrunken und unschuldig, dass sie da einfach hineinspaziert und nicht klar genug ist im Kopf, rechtzeitig zu merken: Das ist schlecht. Arme Mary (lacht).

Arme Mary. Vielen herzlichen Dank.

Interview und Übersetzung: Rochus Wolff

Dieses Interview wurde 2012 geführt und erschien dann zuerst in der Deadline.

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