Nikita – Staffel 1

Es gibt vielleicht nur eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten, eine immer gleiche Geschichte zu erzählen. Und so durfte man mit einer gewissen Skepsis der neuen Serie namens Nikita entgegenschauen, in der Maggie Q die Titelheldin spielen sollte. Denn die Motive sind immer noch die gleichen wie einst in Luc Bessons gleichnamigem Film, aus dessen Motiven nicht nur ein Filmremake von John Badham (Codename: Nina) und eine Fernsehserie (Nikita) entstanden waren. Die Vorlagen beschreiben, wie Nikita nach einem Mord festgenommen und von einer fragwürdigen Organisation vor der Todesstrafe gerettet wird – unter der Bedingung, dass sie sich als Auftragskillerin verdingt. Die neue Serie des amerikanischen Senders The CW löst das Wiederholungsproblem dadurch, dass sie zu einem deutlich späteren Zeitpunkt beginnt: Die Titelheldin ist bereits erfolgreich aus der „Division“ genannten Organisation geflohen und bereitet von außen deren Zerstörung vor. Dabei bedient sie sich vor allem der jungen Neurekrutin Alexandra „Alex“ Udinov (Lyndsy Fonseca) und später ihres Ex-Lovers Michael (Shane West).

Man darf von der Neuvariation keine großen Wunder erwarten – Nikita bemüht sich gelegentlich, mit seinen vielen Verkleidungen und Variationen Serien wie Alias oder Dollhouse nachzustreben, ohne dass dieser Versuch je wirklich gelingt. Aber es gibt reichlich unterhaltsame und klug gedrehte Spielchen von Spionage und Gegenspionage, die dann durchaus auch jenseits der Actionsequenzen Spannung herstellen. Nebenbei geht es natürlich um Schuld und Sühne, und die Beziehungen der Hauptfiguren werden durch solche Verstrickungen nachhaltig durcheinander geworfen – was bis zur vierten und letzten Staffel der Serie, die ab November 2013 in den USA ausgestrahlt wird, für Bewegung sorgen soll. Genrefans werden an Nikita wenig Außergewöhnliches finden, zumal die Serie nicht weit über die üblichen Konventionen hinausgeht – aber ein solider Beitrag zum Phänomen der schlagkräftigen Agentinnen ist sie dann doch. Und von Lyndsy Fonseca möchte man anschließend eigentlich mehr sehen.

(Zuerst erschienen im September 2013 in der deadline #41.)
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Red Sniper – Die Todesschützin (2015)

In Russland ist bis heute der Zweite Weltkrieg, der „Große Vaterländische Krieg“, ein Identifikationspunkt, und diente schon in der Sowjetunion immer wieder der Selbstvergewisserung. Das reicht bis ins Kino hinein – und so wurde Red Sniper – Die Todesschützin ganz bewusst zum 70. Jahrestag des Sieges über Deutschland geplant – und hat doch einen ganz ungewöhnlichen Platz in seinem Genre.

Regisseur Sergey Mokritskiy erzählt – weitgehend am wahren Vorbild orientiert – die Geschichte der 1916 in der Ukraine geborenen Russin Ljudmila Pawlitschenko, die als „Lady Death“ in die Geschichte einging – bis heute ist sie die Scharfschützin mit den meisten bestätigten Tötungen. Die junge Frau wurde nicht zuletzt deshalb bekannt, weil die Sowjetunion sie 1942 auf PR-Tour durch Amerika schickte, wo sie sich unter anderem mit Eleanor Roosevelt, der Frau des damaligen US-Präsidenten anfreundete.

Diese Freundschaft dient auch als Aufhänger für die Geschichte, die in episodenhaften Rückblicken erzählt wird: aus Pawlitschenkos Studienjahren, ersten Gefechten, Verwundungen usw. Ein wenig schwingt immer die Liebe mit zu Offizieren und einem Arzt, es geht ein wenig um Sexismus und kaum ums Vaterland. Denn Mokritskiy macht den Krieg nicht zum Platz der Helden, sondern zu einer ziemlich ungemütlichen Angelegenheit, in der auch die Heldin schonmal fast den Verstand verliert und nach Ende der Kämpfe noch immer leidet: Ein Heldinnenepos mit Ecken und Kanten.

Und noch dazu eines mit einer spannenden Entstehungsgeschichte: Die ukrainisch-russische Koproduktion wurde noch mit der ukrainischen Regierung unter Janukowitsch vereinbart, und Mokritskiy, selbst Ukrainer, konnte bei den Dreharbeiten auf der Krim schon nicht mehr sicher sein, dass er sie dort auch würde vollenden können. Das klappte; aufgrund seiner Vorgeschichte wurde Red Sniper in Russland eher gemischt aufgenommen, zum Teil als „antirussische Propaganda“ beschimpft. Schade, denn er ist wirklich sehenswert.

Die Kritik ist zuerst 2016 in der Deadline erschienen.
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Sleep Dealer (2008)

„Ich arbeite jetzt als Hilfskellner in New York. – Es sieht aus wie New York. Vielleicht auch Los Angeles.“ Das ist einer der ersten, noch etwas subtileren Hinweise darauf, dass die Welt in Sleep Dealer nicht ganz so ist, wie die unsere: vielleicht weiß man nur vage, wo man eigentlich arbeitet. Memo (Luis Fernando Peña) wächst in Santa Ana del Rio auf, einem Kaff im mexikanischen Hinterland, wo nichts mehr wächst, seit die Wasservorräte privatisiert und teuer sind. Durch Memos Elektronikbasteleien und ein Missverständnis wird sein Elternhaus vom Militär als potentielles Versteck von Terroristen zerstört und Memos Vater getötet. Memo geht nach Tijuana und verdingt sich als virtueller Arbeiter: an Elektroden angeschlossen, steuert er einen Schweißroboter auf einer Baustelle in San Diego.

Sleep Dealer von Alex Rivera bringt einen ganzen Schwung spannender Themen zusammen: Die USA entledigen sich ihrer mexikanischen Einwanderer dadurch, dass sie sie von jenseits der Grenze arbeiten lassen, die Privatisierung von Wasser, die dauernde Furcht vor Terrorismus. Aus der totalen, auch geographischen, Entfremdung der Arbeitswelt zieht der Film dann aber leider nur begrenzt Kapital und steuert stattdessen auf eine recht gewöhnliche Geschichte von Liebe und Sozialkritik zu. Die Spezialeffekte sind gelegentlich sichtlich und schmerzhaft preiswert, dafür findet der Film aber ganz andere starke Bilder: Die vertrockneten Landschaften Mexikos stellt er gegen die wohlhabenden Vereinigten Staaten; die Augen der an blauleuchtenden Fäden hängenden Marionetten/Leiharbeiter wirken durch die Kontaktlinsen, die sie tragen, als seien sie blind.

Da ist es nur bedauerlich, dass der Film diese Bilder so wenig wie seine soziale Botschaft mit mehr Tiefe zu füllen weiß und sich zudem auch noch mit einer abrupt wirkenden Dramaturgie und gelegentlich holzschnittartigen Dialogen abkämpfen muss. So windet man sich die letzte halbe Stunde des Films und wünscht sich eigentlich mehr, bekommt es aber nicht.

Die Kritik ist zuerst 2011 in der Deadline erschienen.
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4, 3, 2, 1 (2010)

Dies ist ein seltsamer Film, dicht dran und distanziert zugleich, ein Ensembledrama, das gleichzeitig ein wenig Actionfilm sein will, schnell und grob geschnitten in manchen Momenten, die an Tony Scotts Streifen erinnern. Und wenn er zerhackt wirkt, dann letztlich nicht einmal wegen der Schnittgewitter, sondern weil sich die vier Geschichten – vier Frauen, drei Tage, zwei Städte, „eine Chance“, aus dieser Reihung ergibt sich der Filmtitel – zuweilen zu viel Zeit lassen, wieder zueinander zu finden. Ein ganzes Viertel des Films ist mit dem Rest anscheinend nur durch die Notwendigkeit verbunden, eine der Figuren aus der Stadt zu kriegen, damit ihre Wohnung leerstehen kann.

Die Stadt ist London (die andere New York), und die Freundinnen Shannon (Ophelia Lovibond), Joanne (Emma Roberts), Cassandra (Tamsin Engerton) und Kerrys (Shanika Warren-Markland) haben ein aufregendes Wochenende vor sich, nicht zuletzt deshalb, weil Shannon eher versehentlich in den Besitz eines Beutels mit Edelsteinen gerät, hinter dem gleich mehrere unterschiedliche Gruppen her sind.

Regisseur und Autor Noel Clarke (auch in einer wichtigen Nebenrolle) lässt die Geschichte sich nach und nach entwickeln, in dem er das Wochenende viermal hintereinander, jeweils aus der Perspektive einer der vier jungen Frauen noch einmal neu erzählt; das Drehbuch vermeidet dabei gekonnt große Dopplungen, für die richtig großen Überraschungen reicht es allerdings leider auch nicht. Das interessierte Publikum wird dafür aber mit hetereosexuellen und lesbischen Bettszenen bedient, es gibt ein paar Prügeleien und für jede der Freundinnen ein bisschen Familiendrama.

Das entscheidende, verbindende Element aller vier Geschichten allerdings, die Freundschaft zwischen den vier Hauptpersonen, kommt im Film überhaupt nur am Rande vor – und so gelingt das von Clarke wohl beabsichtigte schwarzhumorige Gesellschaftsportrait im Geiste Guy Ritchies leider nur als halbwegs kurzweilige Unterhaltung.

Die Kritik ist zuerst 2011 in der Deadline erschienen.
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Heißer Verdacht – Staffeln 1-6

Die erste Folge beginnt mit einer falschen Fährte: der Detective, der da aus dem Auto steigt und die Ermittlungen übernimmt, wird nicht wirklich der Star der Serie sein, er stirbt in der ersten halben Stunde an einem Herzinfarkt. Jane Tennison sieht man zuerst auf der Damentoilette, und der Fokus verschiebt sich immer mehr auf sie – die erste weibliche DCI in der Mordkommission von Scotland Yard, und sie muss richtig betteln, um endlich einen Fall leiten zu dürfen.

Von den ersten Minuten an spielt also in Heißer Verdacht (Prime Suspect) die Position der Protagonistin als Frau am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle (der Sexismus gegen sie ist nicht gerade ein Subplot), und das wird sich über alle sieben Staffeln der Serie, von denen jetzt immerhin die ersten sechs in einer schönen Box in Deutschland erschienen sind, fortsetzen – mit veränderten Vorzeichen. Die britische Serie ist keine klassische Krimiserie, bei der es nur um die Aufklärung eines Verbrechens geht. Heißer Verdacht ist stets auch ein Gesellschaftsporträt, in dem britische Großstädte nicht eben als angenehme Orte erscheinen, mehr noch aber ein genauer Blick auf das, was nebenher und hinter den Kulissen bei der Polizeiarbeit geschieht. Vor allem aber fokussiert die Serie ihren Blick in späteren Folgen immer mehr auf ihre Protagonistin, aus der Helen Mirren eine atemberaubend komplexe Person macht: widersprüchlich, arrogant, aufbrausend, eine rechte Nervensäge, aber eben auch lernfähig, professionell und fair: Eine Frau, die vor allem ihren Job gut machen will und sich gegen Männer und andere Hindernisse durchsetzen muss, um genau dies tun zu können.

Heißer Verdacht hat ein ungewöhnliches Format: die Staffeln in dieser Box wurden zwischen 1991 und 2003 ausgestrahlt (mit einer langen Pause nach der fünften) und bestanden meist aus zwei Folgen von jeweils etwa 100 Minuten Dauer – extrem verdichtetes, komplexes Kriminalkino ist das, wie es eben nur fürs Fernsehen geht, und eine der besten Krimiserien, die in Europa je produziert wurden.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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KindKind (2015)

Der Irrsinn setzt schon gleich zu Anfang an, und dann wird es nur dichter. Bei einem Dorf an der französischen Nordküste, in einer alten Bunkeranlage, ist eine tote Kuh aufgefunden worden, und in ihren Gedärmen finden sich menschliche Leichenteile. Commandant Van der Weyden (Bernard Pruvost) und sein Gehilfe Carpentier (Philippe Jore) nehmen die Ermittlungen auf, aber das Gespann wirkt nicht eben so, wie man sich mit einschlägiger Krimibildung erfolgreiche Polizisten vorstellt.

Dabei sind die beiden – Carpentier zitiert Zola und hat sonst wenig Ahnung, Van der Weyden zuckt unablässig mit seiner Gesichtsmuskulatur – vielleicht noch die am wenigsten seltsamen Figuren der Miniserie KindKind, die Bruno Dumont (Twenty-nine Palms, Camille Claudel 1915) für arte produziert hat. Die Verdächtigen sind schweigsam, zwischendurch steigt ein vielleicht zwölfjähriger Schwarzer aus lauter Verzweiflung in einen kleinen Turm, ruft „Gott ist groß“ und ballert in der Gegend rum.

Zwischendrin die Titelfigur Kindkind, ein Frechdachs vor dem Herrn, der in völlig unschuldigem Geiste rotzfreche Streiche verübt, mit Knallfröschen um sich wirft und Priester während einer Totenmesse zum Lachen bringt. Eine gewisse Ähnlichkeit der Serie zu Twin Peaks mag es geben, aber KindKind ist eigentlich ein Solitär ganz eigen französischer Machart: Zugleich fest in der Welt verankert und zugleich als Grotske aus ihr herausragend wie die Rippen aus einem geteilten Rind.

Zwischendrin die weite, kühle Schönheit der Küste, die Trostlosigkeit der Höfe mit ihren Zweckbauten und Misthaufen, die Sehnsucht nach der Welt da draußen, die dann ganz schnöde ihr tierisches Ende findet. Die Hölle ist überall und hier: Dumonts KindKind ist zwar nicht unbedingt blutig, aber gnadenlos, genau geschrieben und letztlich völlig gaga. Aus europäischen Fernsehanstalten bekommt man derlei viel zu selten zu sehen, dabei wäre eine Art True Detective aus Südspanien doch auch mal spannend.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Everly – Die Waffen einer Frau (2014)

Reduktion. Konzentration. In einigen seiner besten Momente begrenzt sich das Kino selbst, setzt sich Grenzen wie auf einer Theaterbühne, enger vielleicht sogar. (Man denke nur an Rodrigo Cortés’ Buried – Lebendig begraben) Manchmal gerät das zu nachgerade an die aristotelische Dramentheorie gemahnende Einheit von Handlung, Raum und Zeit – und mit ein wenig schmutziger Fantasie, Theaterblut und beweglicher Kamera wird aus diesen Einheiten ein dynamisches Schlachtfest, eine dreckiges Kammerspiel der Gewalt, dem man nicht mehr ansieht, dass es eigentlich auf der räumlichen Stelle tritt.

Eine Einzimmerwohnung mit Bad, der Hausflur und die Ahnung benachbarter Appartements – mehr Raum braucht Everly nicht. Am Anfang stürzt eine misshandelte Frau in das Badezimmer, im Spülkasten der Toilette liegt eine Pistole… am Ende türmen sich die Leichen. Everly (Salma Hayek) wurde vom Yakuza Taiko (Hiroyuki Watanabe) als Gespielin gehalten – sie habe es, erklärt sie ihrer Mutter später, noch wesentlich besser gehabt als viele Mädchen, denen sie begegnet ist. Jetzt aber hatte sie sich einem Polizisten anvertraut, und Taiko hatte seinen Männern befohlen, sie zu vergewaltigen und umzubringen. Die rechnen allerdings nicht mit dem Überlebenswillen von Everly, und natürlich auch nicht mit der Pistole im Klo.

Seine Struktur entleiht Everly zum Teil dem Rape-Revenge-Subgenre, allerdings ist seine Heldin nicht eben typisch – denn eigentlich will sie sich gar nicht primär rächen, sondern nur raus, weg hier; aber bevor sie sich gesammelt hat, ist das Mietshaus umstellt, ein Entkommen vorerst unmöglich. So muss sie sich gegen Welle um Welle von Angreifern zur Wehr setzen; dem Tod springt sie gelegentlich nur mit wenigen Millimetern Abstand von der Schippe, und als einzigen Leidensgenossen hat sie einen reumütigen, tödlich verletzten Yakuza, der auf dem Sofa liegt und nicht mehr aufstehen kann.

Regisseur Joe Lynch hat bisher vor allem selbst kleinere Rollen vor allem in Horrorfilmen gespielt und ein paar kürzere Filme gedreht; sein einziger Langfilm vor Everly war Knights of Badassdom, dessen Produktionsgeschichte so chaotisch war, dass Lynch nichts mehr mit dem (ziemlich enttäuschenden) Endergebnis zu tun haben möchte. Über Everly weiß man von keinen solchen Streitereien, und in der Tat gibt es hier nichts, wofür sich Lynch schämen müsste.

Zugegeben, das Konzept und seine konsequente Weiterführung ermüden über die vollen anderthalb Stunden dann doch ein wenig. Auch wenn Lynch Grausamkeit auf Grausamkeit türmt, immer fiesere (und an einer Stelle geradezu surreal überzogene) Bösewichte auftreten lässt und seine Heldin prüft, bis der Boden rutschig wird vom vielen Blut: Irgendwann verliert das ein wenig an Reiz. Die Figuren allein sind jedenfalls nicht interessant genug, um dann noch für uneingeschränktes Vergnügen sorgen zu können.

Aber Lynch empfiehlt sich mit Everly doch für Größeres. Man sah das schon in Knights of Badassdom gelegentlich durchscheinen: Ein Gespür für die Inszenierung war da zu bemerken, darüber hinaus die Freude am milden, dann stark zunehmenden Wahnsinn. In Everly lässt er die Kamera auf der Stelle kreisen, während ringsum die Waffen sprechen – und zu jedem Zeitpunkt weiß man genau, wer gerade wo steht, was gerade geschieht, wessen Kugeln wen treffen.

Das ist eine Qualität, die vielen Actioninszenierungen fehlt – und Lynch schreckt auch nicht davor zurück, seine Protagonistin tief ins Tal der Tränen zu schicken. Dabei dehnt er zwar die Grenzen des wirklich Glaubhaften ein wenig (wer würde so viel Morden und Stechen wohl einigermaßen aufrecht durchstehen können?), aber natürlich beruht der ganze Film auf der Illusion, dass man es hier mit einer außergewöhnlich starken Frau zu tun habe; wer das nicht glauben will (und Salma Hayek gibt uns keinen Grund dazu), der hat bei Everly sowieso nichts verloren. Sie bricht zusammen und rappelt sich wieder auf. Sie macht weiter, denn irgendwo da draußen wartet Everlys kleine Tochter auf seine Mutter…

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Unlocked (2017)

Gelegentlich überkommt mich die Ahnung, dass den Filmemachern der Welt nicht so recht einfallen will, was sie mit Noomi Rapace anfangen könnten. Dabei tut sie jedem Film gut, in dem sie zu sehen ist. Mit Verblendung wurde sie international erstmals wahrgenommen (und Rooney Mara, die ihre Rolle im amerikanischen Remake spielte, konnte ihr nicht das Wasser reichen), aber schon in den Ridley Scotts Alien-Prequels, die eigentlich ihr großer Durchbruch hätten sein müssen, war ihre Rolle seltsam unentschlossen geschrieben. What happened to Monday hatte tausenderlei kleine Probleme, aber Rapace war keins davon, obwohl sie in gleich sieben Rollen auftaucht. Und nun also Unlocked.

Michael Apted schickt Rapace hier als CIA-Agentin Alice Racine durchs London der terrorverängstigten Gegenwart. Racine ist eigentlich Spezialistin für Verhöre, hat sich aber nach einem verheerenden Anschlag in Paris, für den sie sich schuldig fühlt, aus dem aktiven Dienst zurückgezogen und betreut Undercover Informanten. Dann wird sie zu einer Befragung eines Terrorkuriers hinzugezogen – und stellt schnell fest: Hier stimmt was nicht. Bald ist sie die Gejagte, nur ihrem alten Chef (Michael Douglas) und der MI6-Agentin Emily Knowles (Toni Collette) vertraut sie noch…

Unlocked ist eigentlich ein recht solider Agententhriller mit den üblichen doppelten Böden und falschen Fährten. Rapace macht sich mit Waffe und in akrobatischen Kämpfen gut; sie und Collette möchte man eigentlich noch viel öfter mit großen Gewehren in der Hand Klarheiten schaffen sehen. Aber auch dieser Film krankt an seinen Nebenfiguren – vor allem Orlando Bloom als Dieb mit fragwürdiger Vergangenheit kann nicht recht überzeugen – und am Skript. Der zentrale Twist am Ende lässt sich mit wenig Ahnung schon sehr, sehr bald zuverlässig vorhersehen. Dabei könnte Rapace mit einer solchen Figur eine ganze Agentinnenreihe tragen; nach Salt und Haywire wäre doch jetzt endlich mal Zeit für ein Franchise à la Bourne. Bitte.

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Blood Simple (1999)

Marty (Don Hedaya) ist nicht unbedingt der umgängliche Typ. Das wissen seine Angestellten in der Bar, das weiß auch seine Frau Abby (Frances McDormand), und es ist vielleicht der Hauptgrund, warum sie sich auf eine Affäre einlässt. Marty aber hat seine Frau von einem Privatdetektiv verfolgen lassen, und eben diesen ziemlich schmierigen Typ beauftragt er dann auch damit, seine Frau samt Liebhaber umzubringen. Allerdings hat Visser (M. Emmet Walsh) ganz andere Pläne, und so hat stattdessen bald Marty selbst eine Kugel in der Brust. Mit Blood Simple, ihrem ersten Spielfilm, haben Joel und Ethan Coen schon 1984 gezeigt, was sie vielleicht am besten können: Klassische Genre-Geschichten eine Spur abseits des Üblichen zu inszenieren und Möchtegern-Kriminelle aufeinander loszulassen, die sich selbst und alle gegenseitig das Leben schwer machen. Es fließt reichlich Blut, und eigentlich weiß keiner, was er tut. Im Verhältnis zu späteren Meisterwerken wie Fargo, Barton Fink oder The Big Lebowski wirkt Blood Simple noch ein wenig suchend, stellenweise gar unsicher; aber die Figuren sind schon da, die Dialoge, das Spiel mit Farben, Licht und Schatten, gekonnte Standbilder und klare Bewegung. Die Neuausgabe macht das noch einmal strahlend deutlich.

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S.W.A.T. – Die knallharten Fünf – Staffel 1

Für Fernsehserien der eigenen Kindheit entwickelt man ja gerne eine Form der Nostalgie, die rationaler Begründbarkeit nicht mehr zugänglich ist. Manchmal lässt eine spätere Begegnung das nostalgisch verklärte Urteil dann intakt, manchmal bohrt es doch einige Löcher hinein. S.W.A.T. – Die knallharten Fünf hat die Wiederbegegnung nicht unversehrt überstanden. Vor gut dreißig Jahren war das alles spannend und aufregend, solche Spezialeinheiten gab es ja noch nicht lange. Die Serie wurde sogar nach zwei Staffeln wegen zu grober Gewalt abgesetzt; in der Rückschau wirken die Geschichten allerdings nachgerade versonnen erzählt. Gemütlich werden in jeder Folge Kriminalfälle aufgebaut, Bösewichte (und sie sind stets skrupellos böse!) präsentiert, bevor am Schluss im Showdown mal mehr, mal weniger viel geschossen wird. Waffen spielen zwar immer eine große Rolle, aber die Gespräche zwischen den Protagonisten, guten wie bösen, ziehen sich ebenfalls gewaltig. Und manchmal werden völlig unkomische Scherze breitgetreten, bis nur noch die Tränendrüse lacht. Dafür bekommt man einen Einblick in eine von aller Frauenbewegung unbeleckte Männerwelt, wie sie Mitte der 1970er Jahre schon ihre letzten Atemzüge tat – historisch ist das nicht uninteressant.

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