Blood Simple (1999)

Marty (Don Hedaya) ist nicht unbedingt der umgängliche Typ. Das wissen seine Angestellten in der Bar, das weiß auch seine Frau Abby (Frances McDormand), und es ist vielleicht der Hauptgrund, warum sie sich auf eine Affäre einlässt. Marty aber hat seine Frau von einem Privatdetektiv verfolgen lassen, und eben diesen ziemlich schmierigen Typ beauftragt er dann auch damit, seine Frau samt Liebhaber umzubringen. Allerdings hat Visser (M. Emmet Walsh) ganz andere Pläne, und so hat stattdessen bald Marty selbst eine Kugel in der Brust. Mit Blood Simple, ihrem ersten Spielfilm, haben Joel und Ethan Coen schon 1984 gezeigt, was sie vielleicht am besten können: Klassische Genre-Geschichten eine Spur abseits des Üblichen zu inszenieren und Möchtegern-Kriminelle aufeinander loszulassen, die sich selbst und alle gegenseitig das Leben schwer machen. Es fließt reichlich Blut, und eigentlich weiß keiner, was er tut. Im Verhältnis zu späteren Meisterwerken wie Fargo, Barton Fink oder The Big Lebowski wirkt Blood Simple noch ein wenig suchend, stellenweise gar unsicher; aber die Figuren sind schon da, die Dialoge, das Spiel mit Farben, Licht und Schatten, gekonnte Standbilder und klare Bewegung. Die Neuausgabe macht das noch einmal strahlend deutlich.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

S.W.A.T. – Die knallharten Fünf – Staffel 1

Für Fernsehserien der eigenen Kindheit entwickelt man ja gerne eine Form der Nostalgie, die rationaler Begründbarkeit nicht mehr zugänglich ist. Manchmal lässt eine spätere Begegnung das nostalgisch verklärte Urteil dann intakt, manchmal bohrt es doch einige Löcher hinein. S.W.A.T. – Die knallharten Fünf hat die Wiederbegegnung nicht unversehrt überstanden. Vor gut dreißig Jahren war das alles spannend und aufregend, solche Spezialeinheiten gab es ja noch nicht lange. Die Serie wurde sogar nach zwei Staffeln wegen zu grober Gewalt abgesetzt; in der Rückschau wirken die Geschichten allerdings nachgerade versonnen erzählt. Gemütlich werden in jeder Folge Kriminalfälle aufgebaut, Bösewichte (und sie sind stets skrupellos böse!) präsentiert, bevor am Schluss im Showdown mal mehr, mal weniger viel geschossen wird. Waffen spielen zwar immer eine große Rolle, aber die Gespräche zwischen den Protagonisten, guten wie bösen, ziehen sich ebenfalls gewaltig. Und manchmal werden völlig unkomische Scherze breitgetreten, bis nur noch die Tränendrüse lacht. Dafür bekommt man einen Einblick in eine von aller Frauenbewegung unbeleckte Männerwelt, wie sie Mitte der 1970er Jahre schon ihre letzten Atemzüge tat – historisch ist das nicht uninteressant.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

The Sinner – Staffel 1

An einem schönen Tag im Sommer steht Cora Tanetti (Jessica Biel) am Strand einfach auf. Die jungen Leute nebenan hören laut Musik, sie hält noch immer das Messer in der Hand, mit dem sie eben für ihren kleinen Sohn Obst geschnitten hat, und sticht einen Mann nieder, mit sieben Stichen, schreiend, wie von Sinnen. Ist Cora einfach verrückt geworden? Für einen kurzen Moment aus Wut durchgedreht? Das scheint naheliegend, und so wie man sie vorher beobachten konnte, war schon vor der Tat klar: Irgendwas stimmt nicht. THE SINNER nimmt sich diese „Sünderin“ vor und erzählt, in Zeitsprüngen und Perspektivwechseln, von ihren langsam wiederkehrenden Erinnerungen, den Ermittlungen – allen voran der Polizist Harry Ambrose (Bill Pullman) glaubt, dass etwas an der Geschichte nicht stimmt – und der Ratlosigkeit aller Menschen um sie herum. Es geht um Sex, um religiösen Wahn, Traumata, Drogen – oder vielleicht auch nicht. Meisterlich legen die Story (nach einem Buch von Petra Hammesfahr) und die Inszenierung falsche Fährten, vor allem Biel bringt in ihre Darstellung Nuancen und Ambivalenzen en gros hinein, während Pullman tapfer gegen das Klischee des seelisch abgewrackten Cops anspielt. Als Zuschauer wird man jedenfalls mit einem Sog belohnt, der seinesgleichen sucht.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Buchkritik: Radikale Erschütterungen

Die Filme des „New French Extremism“ (oder Französischen Terrorkinos) im ersten Jahrzehnt der 2000er, von High Tension bis The Divide sind zwar Lieblingsfilme unter Genrefreunden sowohl im Publikum wie im Feuilleton, es mangelt aber bislang noch an gründlicher wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Immerhin löst man sich inzwischen vom Begriff des „torture porn“ – vielleicht auch deshalb, weil man aus Frankreich eben doch Kino mit Hirn erwartet, und zwar nicht nur dem an der Wand. Die Berliner Filmwissenschaftlerin Susanne Kappesser hat sich in ihrer Doktorarbeit „Radikale Erschütterungen“ dieses Korpus’ nun einmal angenommen – und schaut natürlich genau hin: Was sind die Körperbilder, die in diesen Filmen thematisiert (und womöglich zerstückelt) werden – und welchen Effekt haben sie auf die kulturell geprägten Körpervorstellungen der Zuschauer? Was hat es zu bedeuten, dass in diesen Filmen (besonders hervorgehoben in High Tension und Inside) Frauen Hauptrollen sowohl als Opfer als auch als Täterinnen spielen? Und welche kulturellen, vielleicht auch politischen Effekte hat es, dass es in den Filmen nicht zuletzt auch um „Frauenthemen“ geht: Mutterschaft, heteronorme (oder deviante) Sexualität… Kappessers Arbeit (von Marcus Stiglegger betreut) verliert sich dabei nicht in wissenschaftlichen Jargon, sondern analysiert das Material und bleibt über weite Strecken sehr lesbar. Und ein Gewinn ist ihr Buch sowieso.

Susanne Kappesser: Radikale Erschütterungen. Körper- und Gender-Konzepte im neuen Horrorfilm. Berlin: Bertz+Fischer 2017 (Reihe: Medien/Kultur, Bd. 12). 208 S., 25,00 €.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Luna (2017)

Es geht eigentlich sehr vielversprechend los. Luna möchte eigentlich noch weiterfeiern, aber es geht ja früh los am nächsten Morgen – wie das so ist für Teenager in den Ferien, die schon selbständig sind, aber doch noch mit den Eltern in Urlaub fahren müssen. Sie fährt dann gleich mal mit dem Boot auf den See raus, Kopfhörer im Ohr, Bergpanorama vor Augen – und bekommt zunächst nicht mit, wie die Männer kommen, die russisch sprechen und Pistolen ziehen.

Im Handumdrehen ist Luna auf der Flucht, die einzige Überlebende ihrer Familie, von allen gesucht – und erst einmal ist nicht so ganz klar, warum überhaupt. Dann taucht Hamid (Carlo Ljubek) auf, der mit Lunas Vater als Agent für den russischen Geheimdienst gearbeitet hatte – nur war sein Freund gleichzeitig auch noch Doppelagent für den BND. Khaled Kaissars Luna macht aus seiner Titelheldin keine übermenschliche Spontankämpferin, und so sieht man Lisa Vicari eine Weile dabei zu, wie ihre Luna mehr und mehr zum Spielball der Agentenwelt wird und sich erst im letzten Drittel wieder ein wenig Handlungsmacht erobert (auch wenn dann am Schluss ein ziemlich unrealistisches Ende drangeflanscht ist, aber was soll man machen).

Einigermaßen überzeugende Agentenfilme sind rar im deutschen Kino, und Kaissar hält eine lange Weile auch alle Fäden ganz gut in der Hand – inklusive natürlich, das braucht das Genre, einer Verwicklung höherer Kreise: Ohne Spionage und Gegenspionage wäre das alles nicht so spannend. Leider wird der Film allerdings in vielen Details unaufmerksam und nachlässig, und das schadet natürlich immer dann, wenn man, auf der Suche nach Hinweisen und Besonderheiten, in jeder Szene genau hinschaut. Carlo Ljubek (Tatort-Schauer werden ständig hoffen, dass nicht plötzlich auch noch Til Schweiger auftaucht: tut er nicht) macht seine Sache ebenso gut wie Branko Tomović als sein Antagonist – nur wäre es halt schön gewesen, wenn der Film etwas konstanter super wäre und seine Titelfigur auch eine wirkliche Hauptrolle hätte.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

What happened to Monday (2017)

Klimawandel, Überbevölkerung – schon sind alle Ingredienzien für einen klassischen SciFi-Thriller mit Endzeitgefühl versammelt. Tommy Wirkola, der zuerst mit Dead Snow Aufsehen erregte und dann mit Hänsel und Gretel: Hexenjäger einen märchenhaft bizarren Genrehybrid in die Welt setzte, macht sich eine grau-urbane Welt zurecht, in der große Teile der Erde unbewohnbar geworden sind.

Als seine Tochter bei der Geburt von identischen Siebenlingen stirbt, muss Terrence Settman (Willem Dafoe) sich entscheiden, was er mit den Mädchen tun soll – denn es gilt eine strikte Ein-Kind-Politik; Geschwister (von Mehrlingen zu schweigen) werden in einen Kälteschlaf versetzt, bis sich Klima und Ernährungslage wieder gebessert haben. Verantwortlich für diese Maßnahmen ist die Politikerin Nicolette Cayman (Glenn Close), und ihre Behörde sorgt dafür, dass durch kontinuierliche Kontrolle niemand die Chance bekommt, durchs Raster zu schlüpfen.

Settman benennt seine Enkeltöchter nach den sieben Wochentagen und bringt ihnen bei: Jedes der Mädchen darf jeweils nur an dem Wochentag auf die Straße, die ihren Namen trägt. Alle müssen draußen diszipliniert bleiben, weil sie für die Welt nur die eine Identität von Karen Settman darstellen. Das funktioniert 30 Jahre lang, auch nach Terrences Tod, erstaunlich gut – aber dann kommt eines Tages Monday abends nicht nach Hause, und die Schwestern wissen nicht, was ihr widerfahren ist…

Noomi Rapace glänzt in der Rolle der siebengestaltigen Karen Settman und gibt jeder der Schwestern ein ganz eigenes Leben – erkennbar nicht nur an Kleidung und Frisur, sondern auch in Mimik, Gestik und Körperhaltung. Das strahlt auch noch nach, wenn der Film nach und nach zum Abzählreim gerät und macht auch den recht vorhersehbaren Twist einigermaßen wett. Das ist von Wirkola alles ordentlich inszeniert – nur eine Metaebene, etwas mehr Reflektion über die Themen hätten dem Film noch gut getan.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Puppet Master: Das tödlichste Reich (2018)

Die Puppet Master-Filmreihe umspannt seit David Schmoellers erstem Streifen von 1989 bereits zwölf Filme über den Puppenmacher André Toulon, dessen Kreaturen mittels eines Elixiers zum Leben erweckt werden konnten; weil er diese Kräfte nicht den Nazis in die Hände fallen lassen will, bringt er sich lieber selbst um. Aber natürlich erwecken seine Erfindungen gleichwohl böse Interessen und Gelüste, und so laufen schließlich mordende Puppen durch die Gegend. Das war eine Konstellation, die sich in immer leicht variierten Geschichten immer wieder neu erzählen ließ; wenn auch vielleicht nicht immer mit gleichermaßen interessanter Strahlkraft.

Für die zwölfte Fortsetzung Puppet Master: Das tödlichste Reich haben die schwedischen Regisseure Sonny Laguna und Tommy Wiklund (die zuletzt We Are Monsters gemeinsam gedreht haben) die Hintergrundgeschichte grundsätzlich neu geordnet. Sie erleichtern den Einstieg mit zwei Ikonen des Horrorkinos: zum einen Udo Kier, der mit viel Latex im Gesicht und Menschenverachtung in der Stimme eine neue Inkarnation von Toulon spielt. Dessen Puppen ermorden in einem kurzen Rückblick auf die späten 1980er Jahre ein lesbisches Liebespaar, er selbst selbst wird kurz darauf von der Polizei in seinem Haus erschossen.

Denn Toulon war in dieser Variation der Geschichte, so erzählt es zum anderen dann Barbara Crampton als Polizistin im Ruhestand ihrem Publikum anläßlich des dreißigsten Mord-Jubiläums, ein überzeugter Nazi, der wahrscheinlich auch seine Frau noch auf dem Schiff während der Überfahrt in die USA umgebracht hat. Seine Puppen sind inzwischen makabre Sammlerstücke, die nun auf einer Aktion verkauft werden sollen. Im Brass Buckle Hotel treffen sich die Sammler, aber dann erwachen die Puppen, wohl durch die Nähe zu Toulons Mausoleum, zu neuem, naja, Leben – und fangen gleich einmal an, ihre vermeintlichen Besitzer zu ermorden.

Puppet Master: Das tödlichste Reich splattert dann sehr exploitativ dahin, mit weitgehend nackten Frauen- wie Männerkörpern, mit abgetrennten Körperteilen oder weit aufgerissenen Wunden aus Latex und so viel Blut, so dass eine ganze Zeit lang die Freigabe durch die SPIO mit „Keine schwere Jugendgefährdung“ in der Schwebe hing. Empfindsam sollte man jedenfalls nicht sein, es geht schon recht brutal zu und auch ohne Rücksicht auf sonst übliche Grenzen. Die Effekte sind wohl vor allem Tate Steinsiek zu verdanken, wären aber auch eines Tom Savini würdig. Die technische Eloquenz wird noch ergänzt durch die Musik von Fabio Frizzi, der viel mit Lucio Fulci zusammengearbeitet hat, und Richard Band, der an der Puppet Master-Reihe schon länger mitgearbeitet hat.

Was Lagunas und Wiklunds Beitrag zur Reihe aber besonders heraushebt, sind die Darsteller, die Story und das fürs exploitative Splatter-Horrorkino außergewöhnliche Drehbuch von S. Craig Zahler (Brawl in Cell Block 99, Bone Tomahawk). Denn in diesem Film wird keine wahllos zusammengestellte Reihe von Hotelgästen ermordet, die Puppen metzeln sich vor allem durch Gruppen jener Menschen, die auch der Nazi Toulon gehasst hätte. Als erstes wird ein jüdisches Paar verbrannt, das eben noch darüber sprach, dass man mit dem Sammeln der Puppen den Nazis gewissermaßen den Stinkefinger hinhalte: Seht her, wir leben noch, aber eure Symbole sind jetzt unsere Sammlerstücke. Und dann sterben vor allem Schwarze, Homosexuelle… die Puppen haben es vor allem auf Außenseiter der Gesellschaft abgesehen, und das darf man durchaus als politischen Kommentar von Autor und Regisseuren verstehen.

Vor allem aber gelingt es dem Drehbuch, interessante Hauptfiguren zu entwickeln: Den leicht gescheiterten Comicautor Eddie Easton (Thomas Lennon), gerade geschieden und nun frisch verliebt in Ashley (Jenny Pellicer), die zusammen mit seinem Chef Markowitz (Nelson Franklin) mitten in dem Gemetzel stranden. Die Beziehungen dieser drei untereinander, ihre Dialoge und Dynamiken sind auch ohne das Morden sehenswert; um sie wird es uns wirklich Angst und Bange.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Super 8 (2011)

Es ist der Sommer des Jahres 1979: Star Wars und Spielbergs Close Encounters of the Third Kind sind erst zwei Jahre her, und gerade hat George A. Romero sich mit Dawn of the Dead richtig tief ins amerikanische Unterbewusstsein eingefressen. In einem Kaff im ländlichen Ohio macht sich darob eine Gruppe von Freunden daran, in den Sommerferien einen „Monsterfilm“ zu drehen, wie Joes Vater (Kyle Chandler), der Deputy der Kleinstadt, das nennt – Erwachsene haben eben keine Ahnung. Charles (Riley Griffiths) möchte sich mit seinem Zombiestreifen um Aufnahme bei einem kleinen Filmfestival bewerben – ausgerüstet nur mit einer Handvoll Ideen, einem selbstgeschriebenen Drehbuch und dem Enthusiasmus einiger Freunde.

Sie sind, wenn man so will, die letzte Generation von Nerds, die ohne Heimcomputer aufwächst, und Super 8, der das Medium ihrer Wahl im Titel vor sich her trägt, setzt ihnen ein Denkmal, die mit Schminke, Latexelementen und selbstgebastelten Feuerwerkskörpern einfach das machen, wonach sie sich sehnen. Das ist eine gänzlich aktuelle Szenerie – schließlich sind selbstgedrehte Filme heute mehr denn je en vogue – und zugleich eine ganz und gar nostalgische, in der sich alles vereint, was die Mythologie von Kindheit und Jugend im provinziellen Amerika der 1970er, 1980er Jahre hergibt.

Mehr noch als ein Monsterfilm, zu dem Super 8 nach und nach wird, ist er also ein Coming-of-Age-Drama als Abenteuerfilm, in Ernsthaftigkeit und Gestus irgendwo zwischen Die Goonies und Stand By Me, denen es sich auch stilistisch und in seinen Figuren anschmiegt. Das alles fügt sich auch zusammen in den Hauptpersonen hinter der Kamera: Produzent Steven Spielberg, dem Altmeister des Science-Fiction- und Abenteuerkinos (sein E.T. – Der Außerirdische ist hier auch stets präsent), und Regisseur und Drehbuchautor J.J. Abrams, der nicht zuletzt dafür bekannt geworden ist, dass er alte Themen für ein neues Publikum aufzubereiten weiß, von Cloverfield bis zum Star Trek-Remake.

Joe (Joel Courtney), Charles und ihre Freunde wollen also den Zombiefilm drehen, und der sehr umtriebige Charles denkt sich für den Film noch eine kleine Liebesgeschichte aus, um ihn interessanter zu machen – es gelingt ihm sogar, die eher stille Alice (Elle Fanning) dafür zu gewinnen, die alle beteiligten Jungs mehr oder minder heimlich verehren. Mit Alice betritt die spannendste Figur, mit Fanning die bemerkenswerteste Schauspielerin des jungen Ensembles die Leinwand – und wenn man an dessen Konstellation etwas zu bemängeln hat, dann die Abwesenheit Alices während eines guten Drittels des Films.

Es gibt eine großartige Szene gleich zu Beginn des Films, als Charles auf einem verlassenen Eisenbahnhaltepunkt eine nächtliche Abschiedsszene mit Alice und ihrem Film-im-Film-Ehemann Martin (Gabriel Basso) drehen will – Alice spielt ihre Rolle als verzweifelte Ehefrau so überzeugend, dass die anderen Kinder mit den Tränen kämpfen, und Fanning wechselt so übergangslos von ihrer Film-im-Film-Figur zu Alice zurück, dass auch den Zuschauern im Kino den Atem raubt. Und kurz darauf wird dieser Moment voller Emotionen und präzisem Schauspiel von einem Effektgewitter überladen: Bei einem offenbar absichtlich herbeigeführten Unfall entgleist direkt neben den Kindern ein Zug der Air Force – und nach und nach stellt sich heraus (den kinoerfahrenen Zuschauern ist es schon frühzeitig klar), dass in einem der Wagons ein Wesen transportiert wurde, dass nicht in diese Welt gehört. (die Szene ist online verfügbar)

Es folgen dann die weitgehend unvermeidlichen Szenen, die zum gemeinsamen Motiv dieser Filme gehören: der Einmarsch des Militärs in die ahnungslose Kleinstadt, die Täuschung der Bevölkerung, und natürlich haben nur die Kinder, auf die niemand hören will, eine vage Ahnung davon, was wirklich geschieht. Man findet also viele Szenerien des Monsterfilms, die man auch anderswo schon gesehen hat, und das auch noch bis in die Geschlechterordnung hinein oft allzu traditionell ausgerichtet. Gleichwohl wird Super 8 nie langweilig und bleibt – Abrams macht da seinen Job hervorragend – durchweg unterhaltsam und spannend; den Zauber der allerersten Minuten, als sich alles nur um die Beziehungen der Kinder untereinander dreht, findet er allerdings nicht mehr wieder.

Sein Publikum wird der Film als gut gemachter Monsterfilm mit deutlich komplexeren Figuren als im Genre sonst üblich aber dennoch finden; zumal er nicht nur als zeithistorisch fast schon beängstigend präzise nostalgische Rückbesinnung auf die Hochzeit des Genres funktioniert, sondern mit seiner (nicht minder genretypischen) Kritik an Technokratie und Technikgläubigkeit (der Unfall im Atomkraftwerk von Three Mile Island taucht explizit auf) auch gut in der Gegenwart funktioniert.

Und natürlich haben sich mit Spielberg und Abrams zwei Kenner der Filmgeschichte ausgetobt: der implizit antisowjetische Unterton vieler Alieninvasionsfilme der 1950er und 1960er Jahre wird hier umgedreht, wenn die seltsamen Geschehnisse der Stadt – vom Monster und vom eigenen Militär verursacht – von den verschreckten Einwohnern einer geheimen Sowjetinvasion zugeschrieben werden.

Der Artikel erschien zuerst im Juli 2011 auf horrorblog.org (inzwischen offline).
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

(Fotos: Paramount)

Holiday – Sonne, Schmerz und Sinnlichkeit (2018)

Die Männer sind schon da, in der Villa im türkischen Bodrum, das Meer ist nur einen Steinwurf weit entfernt, im Hafen unten lagern die Yachten und Segelboote. Sascha (Victoria Carmen Sonne) ist nachgereist, ganz allein läuft sie durch die Gänge des Flughafens, als sei sie allein aus einem Privatjet ausgestiegen; dann aber reist sie mit einem gewöhnlichen Bus weiter, trifft schließlich ihren Freund (Lai Yde), für den sie offenbar Geld durch den Zoll gebracht hat – sie hat etwas abgezweigt, das wird zwar unter den Teppich gekehrt, aber nicht ohne Drohung: Noch einmal darf das nicht passieren.

Saschas Vergehen bleibt dann in Isabella Eklöfs Debütlangfilm wie ein Fremdkörper am Anfang stehen, es wird nicht mehr erwähnt und bleibt in der Tat folgenlos; das entspricht dem mäandernden Verlauf von Holiday, dessen deutsche Verleihergänzung Sonne, Schmerz und Sinnlichkeit nicht weiter von der Wahrheit sein könnte: Von Sinnlichkeit jedenfalls keine Spur. Und eigentlich auch nicht von einer Handlung, sie ist reduziert auf das Allerwenigste: Michael macht krumme Geschäfte (anscheinend mit Drogen, im Hintergrund sollen jedenfalls irgendwelche Treffen stattfinden, aber bitte nicht in seiner Villa), Sascha verbringt die Tage mit Einkaufen, Sonnenbaden, manchmal gehen alle zusammen essen. Aus ihrer Perspektive, der der Film konsequent folgt, bleibt weitgehend unklar, was die Kumpel von Michael, alles spürbar keine Profiverbrecher, eigentlich treiben.

Sascha spricht in einem Eiscafé den Niederländer Thomas (Thijs Romer) an, der auf seinem Segelboot wohnt, und trifft sich ab und an aus Langeweile mit ihm. Es ist eigentlich nichts Ernstes, aber sie ist jung, blond, sehr dünn und schön, vielleicht passiert ja doch mehr, als sie ihm dann zum gemeinsamen Ecstasy einlädt. Michael wird, ganz der maskuline Möchtegern-Drogenboss, natürlich eifersüchtig, aber es endet dann doch ganz anders, als man denkt.

Eklöf erzählt, oder genauer: zeigt hier Saschas Leben. Eingefangen mit ruhigen, nahezu statischen Kameraeinstellungen, die einerseits die leuchtend schönen, glitzernden, aber auch leblosen Hintergründe ausstellen: Läden, Restaurants, den Yachthafen. Davor agieren die Figuren, häufig im Zentrum der Einstellung, in einer, allen Sonnenstrahlen zum Trotz, kühlen Welt, in der sie alle voneinander getrennt wirken. Musik gibt es kaum, außer jener, zu der Sascha ab und an tanzt; auch da: nichts Gemeinames, kein Glück.

In all die Kühle brechen dann die gelegentlichen Ausbrüche von Gewalt einerseits überraschend, andererseits als zwingende Folge ein; besonders bestürzend ist dabei eine sehr explizite Vergewaltigungsszene in der Mitte des Films, ebenso distanziert gefilmt wie all der Rest und dadurch um so erschreckender. Für die Regisseurin war es „absolut notwendig“, diese Szene zu zeigen, wie sie in einem Interview sagte, „denn ich habe das noch nie aus der weiblichen Perspektive gezeigt bekommen“.

Die weibliche Perspektive bedeutet dann aber eben hier: Dass Sascha, wenn man das konsequent zu Ende denkt, ihr ganzes Leben aus einer so distanzierten Perspektive betrachtet, dass sie sich von ihrem eigenen Leben abgelöst hat. Und genau dies bekommt man auch zu sehen: Eine Existenz, die sich alle unmittelbaren, echten Gefühle erspart, um das Leben in diesen Rahmenbedingungen, in einem gewissen Luxus, in einer bestimmten Gruppe leben zu können.

Eklöf gelingt es, dies in unerbittliche, streng kadrierte Bilder einzufangen, ein absolut mitleidloser Blick auf ein Leben, dass sich alle Gefühle abtrainiert hat – bis diese dann doch, in einem kurzen, hoffnungslosen Moment, hervorbrechen. Damit es dann weitergehen kann wie bisher. Ich habe jetzt schon Angst vor Isabella Eklöf nächstem Film: Wenn sie schon vor solchem Szenario so genau Lebenslügen sezieren kann, was nimmt sie sich als nächstes vor?

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.

Hell Fest (2018)

„Enter if you dare!“ Komm rein, wenn du dich traust! Hell Fest geht zumindest mit einem gesunden Selbstbewusstsein in seine ersten Minuten, die quasi als Flashback bereits das Grundthema etablieren: In einer Art Geisterbahn treibt ein fieser Mörder sein Unwesen, das Opfer wird Teil der Attraktionen – zumindest, wie wir später erfahren, bis es beginnt streng zu riechen.

Regisseur Gregory Plotkin hat sich nach dem eher faden Paranormal Activity 3: Ghost Dimension nun vorgenommen, seinen nächsten Genrefilm nun auf jeden Fall eins nicht werden zu lassen: langweilig. Zwischendurch hat er bei Get Out und Happy Deathday den Schnitt bewerkstelligt und offenbar einiges gelernt, auch wenn sein Eintrag in den zeitgenössischen Slasher das komödiantische allenfalls in der Übersteigerung sucht.

Dabei lässt es sich zunächst sehr typisch an: Drei sehr amerikanische Pärchen im frischen Collegealter verbringen den Halloween-Abend (ausgerechnet!) gemeinsam. Und wo könnte man sich schöner und kontinuierlicher Gruseln als auf dem „Hell Fest“, gewissermaßen ein Pop-Up-Vergnügungspark des Schreckens. Vermutlich schlecht bezahlte Monsterdarsteller schreien die Besucher in jedem zweiten Moment an, da wird aufgefahren, was die Populärkultur so hergibt: von Clowns und Zwergen über bärtige Damen bis hin zum Predator und selbst die Jeff Goldblum‘sche „Brundlefly“ ist dabei und spuckt nichtsahnenden Besucherinnen grünen Glibber aufs Leibchen. Es ist eine Freude.

Und es ist natürlich auch ein filmischer Trick: Die Jumpscares sind gewissermaßen schon Teil der diegetischen Erzählung, gehören automatisch zu dem, was in der Handlung ständig allen widerfährt. Das wertet ihr Schreckpotential auf Dauer zwar einerseits ab, da aber in eleganten Abständen immer wieder etwas Blutiges passiert (sprich: sich die Zahl der sechs Hauptfiguren langsam, aber kontinuierlich reduziert), halten die dauernden Schrecken andererseits zugleich die Spannung hoch. Anstregend ist das auf Dauer gleichwohl, zumal fast der gesamte Film im Halb- bis Ganzdunkel von Geisterbahnen, „Haunted Houses“ und ähnlichen Situationen spielt.

Dass Plotkin sich für seine Spezialeffekte weitgehend auf gute alte Handarbeit, auf Latex und Kunstblut verlässt (und überhaupt hier nicht zu sehr ins splattrige Detail geht) passt ebenfalls gut zum Hintergrund des Halloween-Themenparks – und sieht in der Tat einfach besser aus.

Die vagen Hintergrundstories zu den Personen sind nicht wirklich von Bedeutung – Studentin Natalie (Amy Forsyth) ist mal wieder zurück in der Stadt, und ihre ehemalige Mitbewohnerin Brooke (Reign Edwards) will sie mit dem hübschen Gavin (Roby Attal) verkuppeln. Natalie ist nicht einmal abgeneigt, hat aber eigentlich keine Lust auf Halloween und noch weniger auf die neue Mitbewohnerin Taylor, die sie von früher wohl kennt. Bex Taylor-Klaus, die sich vor allem mit der neuen Scream-Serie im Slasher-Genre eingeführt hat, bringt noch am meisten Leben in ihre Rolle als rotzfreche und vor allem sehr nervige Taylor; alle anderen Figuren sind nicht einmal Stereotypen, zu oberflächlich bleibt ihre Charakterisierung.

Es geht hier wirklich hauptsächlich um das Wie und das Wann des Slasher-Abzählreims, mit haufenweise falschen Fährten und kleinen, biestigen Wendungen. Beleuchtung, Musik, Basstöne, die permanente Überladung mit Gruseleffekten… das macht schon eine ganze Weile lang wirklich Spass. Hinzu kommt, dass „Candyman“ Tony Todd höchstselbst den Durchsagen auf dem „Hell Fest“ seine Stimme verleiht, auch selbst als Conférencier einer Scheinhinrichtung auftritt.

Mit seiner Person wird dann doch ein wenig sichtbarer, wie clever, aber wohldosiert Hell Fest die eine oder andere metafilmische Referenz unterbringt; ironische Distanz will und soll der Film daraus aber nicht ziehen, dafür ist er zu direkt, und klar. Und kann es sich dann auch erlauben, ein gänzlich ungewöhnliches Ende zu nehmen, das zugleich abgründiger und furchtbarer ist als jedes blutige es sein könnte.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
Werbelink: Bestellen bei amazon.de.