Repo Men (2010)

Ursprünglich erschienen in Deadline #21, Mai 2010

Im Grunde ist das eine schöne Utopie: Dass auf einmal jedes wichtige menschliche Organ ersetzt werden kann durch ein künstliches Implantat, ohne die Sorgen und Wartelisten für Spenderherzen, und womöglich noch mit schicken zusätzlichen Funktionen. Es wäre im Grunde ein Aufbruch in eine neue, bessere Welt, wäre da nicht, wie stets bei Operationen am offenen Gesundheitssystem, die alles entscheidende Frage: Wer soll das bezahlen?

In der Welt von Repo Men ist die Antwort darauf klar: der Kunde selbst, und wenn er seine Raten trotz mehrmaliger Erinnerung nicht zahlen kann oder will, dann treten die titelgebenden Reposession Men in Erscheinung: Für „The Union“, Hersteller der künstlichen Organe, nehmen sie dem Schuldner Herz, Niere, Kniegelenk oder Hornhaut wieder heraus. Meist betäubt mit Elektrotasern tanzen die Betroffenen, schon in der Horizontalen, den „Reposession Mambo“, wie Remy (Jude Law) das Zucken der Füße durch die Stromschläge nennt. Und natürlich überlebt kaum jemand einen Besuch der Repo Men.

Remy und Jake (Forest Whitaker) machen das schon lange zusammen, sie sind Kumpel seit der Schulzeit und als Kollegen die wohl effektivsten Repo Men der Firma. Dann geht aber ein Job schief, und Remy findet sich auf einmal selbst mit einem neuen Herz im Krankenhaus wieder. Weil er es aber nun nicht mehr fertig bringt, anderen Menschen ihre Organe zu entfernen, verliert er rasch an Kreditwürdigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber und findet sich bald selbst auf der Wiederbeschaffungsliste wieder, da sind erst dreißig Minuten des Films um.

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Natürlich erwartet man von einem Streifen wie Repo Men, angesiedelt irgendwo zwischen Actionspektakel und Science Fiction, mit vagen Anklängen an das body horror-Genre, nicht eben elaborierte Charakterstudien, sondern flotte Schnitte, wilde Kämpfe und Blutspritzer. Und in der Tat hat der erste Langfilm von Regisseur Miguel Sapochnik in dieser Hinsicht einiges vorzuweisen, unzählige Male werden Körper geöffnet, spritzt Blut und röcheln ruppig betäubte Menschen ihrem sicheren Tod durch Organverlust entgegen. Oft aber wirkt es so, als sei die Motivation für manche Szenen allein gewesen, dass man noch einmal eine Blutfontäne zeigen konnte.

Motivation ist in diesem Film das Hauptproblem, denn insbesondere das entscheidend die Handlung vorantreibende Moment, die plötzlichen Gewissensbisse von Remy, mag man diesem vorher so abgebrüht agierenden Handlanger seiner Firma nicht so recht abnehmen. Dafür kommt der Bruch zu plötzlich, dafür scheint er auch selbst viel zu sehr Angst davor zu haben, selbst zur Zielperson zu werden. Plötzlich sind seine Opfer für ihn Personen mit Namen, Frau und Kindern – woher aber dieser Wandel kommt, bleibt unklar, und nicht weniger, was ihn und Jake zusammenhält (und dann natürlich gegeneinander treibt), oder was ihn vor seiner Herzoperation antrieb, außer vielleicht dem Geld (aber ganz luxuriös scheint die Bezahlung auch nicht zu sein).

Das alles ist umso irritierender, weil der Film darauf beharrt, dass die Arbeit der Repo Men für die meisten Menschen ihrer Gesellschaft offenbar moralisch verwerflich ist. Zwar gibt es anfangs ein Voice-Over, das von Wirtschaftskrise, einem Krieg und dem Zusammenbruch des amerikanischen Staatswesens berichtet; aber das sind nur Stereotypen des dystopischen Science Fiction, die nichts erklären und alles ermöglichen sollen. Und Repo Men interessiert sich nicht wirklich für die eigentlich zwingenden Fragen, mit was für einer Form von entfesseltem Hyperkapitalismus man es hier zu tun haben müsse, der den Körper selbst so freizügig dem Profit unterordnet.

Mit seinem grotesken, überzeichnenden Blick hat das im Grunde Darren Lynn Bousmans Repo! The Genetic Opera (meine Kritik) vor zwei Jahren wesentlich genauer angesehen. Dort gerieten dann unter einer ähnlichen Handlungsprämisse die künstlichen Organe nebst weiteren Körpermodifikationen zu Lifestyle-Objekten für die besitzenden Klassen. Das denkt logisch Piercings, Tattoos und kosmetische Chirurgie unter den Bedingungen neuer medizinischer Möglichkeiten weiter – und macht aus den möglichen neurotischen und/oder erotischen Effekten und Gelüsten ein Fest der abweichenden Lebens- und Liebesformen, in dem sich Fetischismus, Sadomasochismus und Körperkult zu einem bizarren Drogenfest verbinden.

Gleichwohl ist Repo! eher eine bizarr übersteigerte Steampunk-Fantasie mit einer gehörigen Portion Gothic Horror, den Musical-Anteil nicht zu vergessen. Repo Men richtet sich auch in seiner Ästhetik an den um Ernsthaftigkeit sehr bemühten Dystopien in der Tradition von Blade Runner aus und kopiert leider auch ohne große Originalität deren Ästhetik. Nächtliche Städte dominieren das Bild, Industriebrachen und Neonlicht, alles ist immerzu schwarzblau, grau und metallen. Repo Men ist zu blass, zu beliebig, um wirklich aufregend zu sein.

Nur eine Szene gibt es, kurz vor Schluss, da scheint auf, zu welchen abgründigen Größen sich das Thema des Films aufschwingen ließe. Man kann den Moment nicht ausführlich beschreiben, ohne viel von der Handlung preiszugeben, daher nur so viel: Es ist eine intime Szene zwischen Remy und seiner neuen Gefährtin Beth (Alice Braga), mit viel nackter Haut und hochgradig erotisch aufgeladen, zugleich blutig und in der Handlungslogik eng um die künstlichen Organe kreisend, die beide in ihrem Körper tragen.

Da bekommt man eine Ahnung, in welche Begriffe, in welch entgrenztes Körperbild, in welche Ästhetik sich solche tiefgreifenden Leibesmodifikationen auch fassen ließen – aber auch, welche libidinöse Besetzung ihre Arbeit womöglich für die Repo Men haben könnte. Kurz vor seinem Ende reißt der Film so noch einmal einen großen, großen Abgrund auf, bringt Lust und Liebe und Begehren ins Spiel – und führt so leider nur noch, aber mit aller Deutlichkeit, seine eigenen Mängel vor.

Trash Humpers (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #26, März 2011

Es ist, so viel Warnung darf sein, nicht besonders sinnvoll, an Harmony Korines Trash Humpers mit einer normalen Seherwartung heranzutreten. Denn was Korine hier zu einem hochgradig eigenartigen Film verbunden hat, enthält nur noch Spuren von üblichen Erzählstrukturen oder Spannungsbögen und ist vor allem aber ein Generalangriff auf die ästhetischen Empfindsamkeiten des Mainstreampublikums. Korine, im amerikanischen Independentfilm gerne als „Enfant terrible“ gesehen, hat seinen neuen Film mit der Ästhetik einer mehrfach überspielten VHS-Kassette versehen, inklusive aller möglichen typischen Artefakte, die bei solchen Kameras bei Schnitt und Kopie typisch sind, ein wackeliges Heimvideo ist das – wer in den 1980ern schon mit Film herumgespielt hat, wird sich erinnern.

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Korine lässt zwei Männer und eine Frau, durch Gesichtsmasken und Körperhaltung wie Zerrbilder alter Menschen wirkend, durch ein meist nächtliches Nashville wandern, wo sie in verlassenen Häusern Fernseher und Wände mit Äxten traktieren, Glasflaschen in Tiefgaragen und Ziegelsteine auf der Straße zerschlagen. Sie randalieren, scheinbar sinnlos; einmal rollt einer langsam mit einem Rollstuhl in die Rabatten und fällt langsam kopfüber mitten ins Beet. Vor allem aber werden Äste masturbiert und Mülleimer besprungen: Da darf man den Titel ganz wörtlich nehmen. Das erinnert in seiner Destruktionskraft zuweilen an Jackass, aber ohne jede humoristische Erlösung. Die Szenen sind verbindungslos und scheinbar sinnfrei aneinandergereiht, später gibt es mit anderen Figuren auch Interaktion und Gespräche, voller ständig wiederholter Ausdrücke und sexueller Anspielungen: Da wird ein Mann mit Pfannkuchen gefüttert, und die Frau ruft in pornographischem Duktus: „Ich will dich schlucken sehen, bitch!“

Das liegt radikal irgendwo im Nebel zwischen Freakshow und White Trash, zwischen Metakritik des Mainstreamkinos und erhabenem Trash. 74 Minuten,auf die man sich einlassen wollen muss, weil man sonst sich selbst und Trash Humpers einer Chance beraubt.

Iron Sky

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Iron Sky hat einen ordentlichen Teaser! Nachdem vor einiger Zeit schon die ersten bewegten Bilder im Netz veröffentlicht worden waren, ist nun der zum Teil durch Crowdfunding und durch viel Hilfe von Fans finanzierte und gemachte Film in der Postproduction-Phase gelandet. Und man kann schon mal Udo Kier als ziemlich irrsinnigen Nazikommandanten anschauen. Am 4. April 2012 soll der Film veröffentlicht werden.

Rise of the Appliances

Gab es nicht auch einmal einen Star Wars-Fanfilm mit Küchengeräten? Der zehnminütige Kurzfilm Rise of the Appliances jedenfalls macht sie zu Protagonisten in einem Horror-/Zombieszenario – und soll doch tatsächlich die Grundlage für einen Langfilm hergeben, den Big Rich Films jetzt produzieren will. Ob dafür das Kabel reicht? Hier schonmal der Trailer zum Kurzfilm:

(Postscriptum: Im Zuge der Suche nach dem obenst erwähnten Film wiedergefunden: Grocery Store Wars, auch schön!)

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Hua Mulan (2009)

Ursprünglich erschienen in Deadline #24, November 2010

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Spätestens seit dem Disney-Trickfilm dieses Namens kennt man auch im Westen die Grundzüge der Legende von Mulan, einer Chinesin zur Zeit der Nördlichen Wie-Dynastie, die sich, als Mann verkleidet, anstelle ihres kranken Vaters zur Armee meldet, um ihn vor den Strapazen des Krieges zu schützen und die dann unversehens zur Kriegsheldin wird. Die chinesische Fassung unter der Regie von Jingle Ma (Tokyo Raiders) erscheint ganz im Gewand eines Historienepos und erzählt die Geschichte in vielen, oft nur locker und durch Weißblenden verbundenen Episoden.

Das Problem des Geschlechtertausches spielt in Hua Mulan (deutsch: Mulan – Legende einer Kriegerin) hier nur eine Nebenrolle und wird kurz vor Schluss mit einem Handstreich für erledigt erklärt, dafür geht es um Selbstaufopferung mit nationalen Untertönen. Und damit klar wird, wer gut ist und wer böse, wird der Herrscher der Kriegsgegner besonders barbarisch und dekadent inszeniert: Er tötet seinen Vater, unterdrückt seine Schwester, ist faul und trinkt. Wei Zhao als Mulan und Jaycee Chan (Sohn von Jackie) geben den Hauptfiguren ein bisschen Leben und Komplexität, über den insgesamt etwas faden Wechsel zwischen Ruhe und Schlachtenszenen täuscht aber auch das kaum hinweg. Das Thema aber beschäftigt weiter: Dem Vernehmen nach ist Jan de Bont gerade mit einer weiteren Verfilmung mit Ziyi Zhang beschäftigt.

Final Destination 5

Auch wenn Final Destination 4 zuweilen als wirklich finale „The Final Destination“ vermarktet wurde – eine so fortsetzungsfreudige Franchise beendet man ja nicht einfach. Und so nähert sich nun der fünfte Film (meine Kritik zum Dritten findet sich hier) erneut der Frage, ob der Tod einen wieder von der Schippe springen läßt (nein), diesmal offenbar anhand der Überlebenden eines Brückenzusammenbruchs.

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Conan The Barbarian

Wo wir hier schon von Barbaren sprechen: Der Trailer zum völlig ernst gemeinten Conan The Barbarian sieht mir nicht sehr vielversprechend aus, sondern nach einem veritablen Eintopf schon viel zu oft gesehener Fantasyklischees.

Andererseits; war der Arnold’sche Conan damals wirklich besser? Oder ist er nur, mit der campy Karriere des Herrn Schwarzenegger im Hintergrund, irgendwie vage „Kult“?

Ronal the Barbarian

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Nachdem hier vor einiger Zeit schon ein erster Teaser zu Ronal the Barbarian zu sehen war, haben die Macher nun einen weiteren Trailer zu „The Final Countdown“ online gestellt, der ein paar neue Szenerien zeigt, aber immer noch nicht viel verrät. (Twitch hat bereits vor längerer Zeit auch einige Figurenzeichnungen aufgetrieben.)

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Colombiana

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Nach Star Trek, Avatar und The Losers war es höchste Zeit, daß Zoe Saldana eine Actionhauptrolle bekommt, und hier kommt sie mit Nachdruck: Nach einem Buch von Luc Besson (der auch als Produzent verantwortlich ist) und Robert Mark Kamen hat Transporter 3-Regisseur Olivier Megaton mit Colombiana eine Geschichte verfilmt, die offenbar zwischen Nikita und The Professional angelegt wird: Von einer jungen Frau, die den Mord ihrer Eltern rächen will und sich deshalb zur Profikillerin ausbilden ließ. Der Trailer drückt das mit so viel Kraft auf den Schirm, daß man sich fragt, ob da für den Film noch Geheimnisse übrig bleiben.

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Catacombs (2007)

Natürlich gibt es tausend gute Gründe, warum man einen Horrorfilm in den Pariser Katakomben spielen lassen könnte, sollte, müßte: Die Enge des Raumes, die labyrinthischen Gänge, von denen in der Tat nicht alle öffentlich zugänglich sind, die zahllosen Gebeine, die zu Phantasien über Tote und Untote fast zwingend einladen. Aber man möchte dann eigentlich schon, daß so ein Film die (eingebildete) Mythologie des Ortes mit ein wenig Respekt behandelt und nicht nur als billigen Hintergrund für wirres Filmemachen.

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In dieser Hinsicht scheitert Catacombs nämlich ziemlich eindeutig. Die Protagonistin Victoria, eine milde psychotisch überverängstigte Shannyn Sossamon, wird schon in den allerersten Szenen mit mit viel zu vielen Sorgen, Problemen und Phobien belastet – die im übrigen nie größere psychologische Tiefe bekommen -, als daß man sich noch wirklich mit ihr beschäftigen wollte. Ihre Schwester Carolyn (gegeben von der von mir eigentlich geschätzten Pink) ist eine ultranervige Partygöre, die ihre Schwester nach Paris eingeladen hat, um sie ein wenig aus ihrem Schneckenhaus zu befreien, aber von der ersten Minute an von deren Ängsten schon wieder total genervt ist.

Nach einer kurzen Phase exzessiven Shoppings geht es dann zu einer Party in die Pariser Katakomben, wo Carolyns Freunde der armen Victoria eine Geschichte davon auftischen, daß angeblich der Sohn des Antichristen hier geboren und aufgezogen worden sei, der seitdem mordend und menschenfressend in den Höhlen hause; und prompt muß sich Victoria, als sie die Party verläßt, vor einem bedrohlichen Fremden in Sicherheit bringen…

Der Film zeigt anfangs also eine Handvoll Partyszenen, aber stroboskopartige Lichteffekte gibt es dann auch später noch, weil sich angeblich Taschenlampen so verhalten, wenn die Batterie nachläßt. Aha. Das Licht reicht jedenfalls immer gerade noch aus, daß man Sossamon sehr, sehr viel dabei zusehen kann, wie sie sehr, sehr ausführlich schreiend oder schwer atmend durch halbdunkle Gänge läuft; wenn die Hektik zunimmt, wackelt die Kamera, oder, wenn’s Adrenalin angeblich pumpt, werden die Schnitte schneller, die Bilder erratischer. Die dann gerne noch blitzartig kurz eingeblendeten Szenen dessen, was sich Victoria so nach den Erzählungen ihrer Schwester vorstellt, sind tricktechnisch wie dramaturgisch stümperhaft ein- und ausgeführt, vor allem aber: unfreiwillig komisch.

Wer nach dieser Beschreibung meint, das womöglich alles schon mal oder gar besser gesehen zu haben, täuscht sich nicht; der Film von Tomm Coker und David Elliot (auch Drehbuch) ist fade Standardware vom feinsten abgelutschten Genrelolli, und obendrein ein stilistisches und ästhetisches Ärgernis. Shannyn Sossamon, die sonst immerhin ein Grund wäre, den Film zu sehen, ist nicht nur im Dauerhalbschatten, sondern darf auch nur schreien und verängstigt gucken.

Vielleicht ist es deshalb kein großes Wunder, daß Coker seitdem filmisch nicht mehr in Erscheinung getreten ist, während Elliot immerhin anschließend mit Stuart Beattie und Paul Lovett das Drehbuch für G.I. Joe: The Rise of Cobra gestrickt hat. Vielleicht brauchten sie jemanden, der schon mal in Paris war und dann auch bei der geographischen Zuordnung keine Hilfe war.

Das Ende ist übrigens halboriginell und wirklich ganz hübsch. Die Qual der Filmsichtung allerdings ist es dann doch nicht wert.