FFF 2010: Solomon Kane (2009)

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So ganz persönlich bin ich ja etwas gesättigt von männlichen Rächerfiguren und/oder Kämpfern, die durch verschneite, schlammige Landschaften mit Krüppelbäumen reiten, rennen oder kriechen, da gibt es in letzter Zeit eine gewisse Häufung mit Jonah Hex, Valhalla Rising oder Centurion. Und eben auch Solomon Kane, einem Film, der – so man der Wikipedia glauben mag – die Herkunftsgeschichte erzählen möchte zu einer Figur, die die Welt in den 1920er Jahren in einer guten Handvoll Pulpgeschichten betrat.

Robert E. Howard ist vermutlich heute den wenigsten Menschen ein Begriff, aber neben der Figur Solomon Kane entstammt seinem Hirn auch Conan, der den popkulturellen Bildungskanon natürlich in der Gestalt von Arnold Schwarzenegger bewohnt. Kane läuft nicht halbnackt herum, sondern sehr angezogen in einem sehr feuchten England des frühen 17. Jahrhunderts. Hier spielt ihn James Purefoy; in Howards Geschichten ist er der Kämpfer fürs Gute und Seelenheil, im Film muß das erst einmal hergeleitet werden.

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Kane ist Freibeuter, fröhlicher Mörder und Krieger, als ihm die Begegnung mit einem Dämon deutlich macht, daß nur völlige Friedfertigkeit seine Seele noch vor dem Teufel zu retten vermag. Er zieht sich in ein Kloster zurück, wird dort aber weggeschickt, weil sein Schicksal, so ist es einem Priester im Traum erschienen, wohl anderswo sich erfüllen werde. Dann stößt er auf eine gläubige puritanische Familie, die in die Neue Welt auswandern will, aber kaum fühlt er sich bei ihnen aufgenommen, werden bis auf Mutter und Tochter (blond, vague romantic interest) alle von den Schergen des Schwarzen Magiers Malachi ermordet. Deren Anführer, ein geheimnisvoller Mann mit Maske, entführt die blonde Meredith (Rachel Hurd-Wood), Kane schwört, sie zu befreien, nachdem ihr Vater ihm die Rettung seiner Seele dafür in Aussicht stellt, und so nehmen die Dinge ihren Lauf.

Und weil eine solche Originstory noch eine Originstory braucht, erfahren wir in Traumrückblicken noch, daß Kane Sohn eines Fürsten aus dieser Gegend in England ist, der den väterlichen Hof verließ und den bösen älteren Bruder versehentlich von einer Klippe schmiß, als dieser versuchte, ein Mädchen zu vergewaltigen.

Es bedarf nur geringer Phantasie, um zu erraten, um wen es sich bei dem Mann mit der Maske handeln könnte.

Solomon Kane ist ein schwer stimmungsvoller Film, bei dem reichlich Schwerter gewetzt und genutzt werden, Blut fliegt schwarz gegen Kameraobjektive, und die Schwermut wird nur mühsam von ein paar brennenden Fackeln im Zaum gehalten. Leider ist das alles weder inhaltlich besonders originell noch aufregend inszeniert: Man sieht das beherrschte Handwerk, man langweilt sich nicht, aber man vergißt das alles anschließend auch wieder recht bald.

An den Stellen, an denen es interessant werden könnte, weicht der Film dann auch ganz schnell aus: Vage angedeutete Konflikte zwischen „heidnischer“ Magie und christlichem Glauben etwa sind Gegenstand kurzer Wortwechsel, aber keiner näheren Betrachtung. Mit Dämonen, schwarzer Magie und dem Teufel wird gleichwohl reichlich hantiert, und der Film wird spätestens dann religiös unangenehm, wenn er Kane, der einmal mit Schwert zu Füßen eines ebenso bewaffneten streitbaren Engels (aus Stein, auf einem Friedhof) niederkniet, mehr und mehr zur Christusfigur mit Schwert stilisiert.

Einmal wird er richtig gekreuzigt (ein zweites Mal, am Schluß, bleibt immerhin noch die Pose), und danach bleiben ihm die Wundmale in den Händen. Sollte es die wohl ursprünglich geplanten zwei Fortsetzungen geben, fürchte ich, daß sie auch noch zu bluten beginnen werden.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2010: Ghost Machine (2009)

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Ach ja, die Rachegeister. Aus dem asiatischen Kino kennt man sie ja inzwischen auch ohne großes Spezialwissen hierzulande recht gut, dank The Grudge (meine Kritik) samt Fortsetzungen und Derivaten, die knarzenden jungen Frauen mit der leicht gebeugten Körperhaltung und den langen schwarzen Haaren… diese Filme schwingen nach in der Geisterscheinung von Ghost Machine, in der ein böser Geist sich in einem Computer einnistet.

Das wäre an sich noch nicht einmal besonders originell, denn schon in den Ringu-Streifen oder One Missed Call (meine Kritik) bedienen sich die Geister moderner Technik zur Fortschreibung der eigenen Existenz. Hier ist der Fall freilich etwas komplizierter bzw. der digitalen Bildproduktion enger angepaßt, denn der Geist lädt sich hier (Logik und Naturgesetze sind im Geisterkino eh‘ schon egal) in ein AI-Programm hoch, das das britische Militär als Kampfsimulator erstellt hat – über direkt das Gehirn ansprechende Helme werden die Soldaten virtuell, aber hochrealistisch in eine Kampfsituation verlegt, die von dem AI-System simuliert und angepaßt wird.

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Dieses System leihen sich ein paar junge Soldaten aus, um damit in einem stillgelegten Gefängnis zusammen mit zwei Freunden Kriegsspielchen zu spielen, aber dummerweise lauert eben genau dort ein nach Rache dürstender Geist, der dann den jungen Leuten im Spiel wie in der Realität an den Kragen will.

Regisseur Chris Hartwill packt (nach einem Drehbuch von Sven Hughes und Malachi Smyth – für alle drei ist es das Langfilmdebüt) noch die Geschichte um eine junge Soldatin (Rachael Taylor) mit oben drauf, die gerne als gleichwertige Kämpferin anerkennt werden will, aber mit den (auch sexualisierten) Schikanen ihres Vorgesetzten zu kämpfen hat, und unter dem ganzen Gerüst lauert eine Post-9/11-Foltergeschichte samt Geheimverliesen und Waterboarding.

Aber natürlich ist das alles Oberfläche. In Ghost Machine geht es weder um Politik, Folter oder Gleichberechtigung, noch geht es wirklich um okkultes Gedankengut – das sind einigermaßen gekonnt verwobene Vorwände, um CGI-Blut gegen Wände spritzen zu lassen, Köpfe und Augäpfel von ihren Plätzen zu entfernen und schließlich auch virtuelle Wände verschwinden und entstehen zu lassen. Allein in letzterem Fall allerdings paßt der Pixellook, den Ghost Machine mitbringt, auch thematisch wirklich dazu.

Neben den zweitklassigen Effekten sieht man natürlich auch an den Schauplätzen, das der Film mit eher begrenztem Budget entstanden ist. Verlassene Gefängnisse sieht man sonst eher in Abgründen wie Shadow: Dead Riot, aber ganz so schlecht ist Ghost Machine dann auch wieder nicht.

Trailer nach dem Klick:

FFF 2010: Reykjavik Whale Watching Massacre (2009)

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„I call this an emergency.“

Daß Reykjavik Whale Watching Massacre, international auch als Harpoon im Vertrieb (obwohl eine Harpune wirklich nur kurz, dann aber blutig, eine Rolle spielt), als Texas Chainsaw Massacre auf dem Wasser vermarktet werden soll, sieht man ja dem Titel schon an, und die Bezüge gehen noch weiter. Nicht nur, daß man hier einer Familie von arbeitslos gewordenen, degenerierten Walfänger_innen bei der blutigen Mordsarbeit zusehen darf (damals war es der Schlachthof, der geschlossen wurde, nun sind es die Abkommen zum Walfang, die die Menschen arbeitslos gemacht haben), deren Mitglieder immer wieder in allen möglichen Kontexten auftauchen, Regisseur Júlíus Kemp konnte auch noch Gunnar Hansen engagieren, den Mann also, der seinerzeit Leatherface spielte.

Für einen isländischen Horrorfilm ist das alles nicht übel, und in der Tat ist Reykjavik Whale Watching Massacre ein recht unterhaltsames Exemplar des Slasher-Terrorfilms. Eine Gruppe von Touristen aus der ganzen Welt (Deutschland, Japan, USA, Frankreich…) findet sich im Hafen von Reykjavik ein, um auf der „Poseidon“ aufs Meer zu fahren, Wale gucken.

Dann gibt es einen bizarren Unfall, bei dem der Kapitän (Hansen in also nur einer kleinen und rasch beendeten Rolle) einen recht blutigen Tod stirbt, sein Gehilfe, der gerade noch versuchte, eine deutsche Touristin zu vergewaltigen, macht sich ohne großes Aufheben davon (und ward nie mehr gesehen). Die restlichen Whale Watchers, die das Schiff weder starten noch steuern können, werden dann von den arbeitslosen Walfängern auf ihrem Schiff mitgenommen – und dann geht es umstandslos ans blutige Geschäft des Mordens. Natürlich, sonst wäre der Film doch recht langweilig, geht das nicht so glatt vor sich wie von den Tätern gedacht, und so geht es hin und her übers Schiff, durch enge Gänge und Kabinen, mit Signalpistolen, Beilen und Messern.

Das ist ganz unterhaltsam, aber deutlich untermotiviert und folgt im Wesentlichen den Topoi des Genres, wie man es kennt – der Schauplatz ist halt ein anderer, ein Leuchtturm wird auch noch eine Rolle spielen: am Schluß gibt es noch eine Konfrontation im Wasser, die recht deutlich konstruiert wirkt, um noch eine weitere Figur aus dem Film zu schubsen, nachdem schon zu viele in vorhersehbarer Manier gehen mußten. Das wiederum wirkt etwas lieblos, sind es doch gerade die verschiedenen Touristen, die hier mit deutlich mehr Leben und Komplexität ausgestattet sind, als das von einem solchen Film üblicherweise erwartet werden kann – mit Bösartigkeit gar, unerwarteten Reaktionen, Schwächen und Stärken.

Selbstlosigkeit und gegenseitige Unterstützung muß man jedenfalls von denen, die in Reykjavik Whale Watching Massacre um ihr Leben kämpfen, nicht erwarten. Übrigens gelten die Japaner den meisten Menschen ja als die noch rücksichts- und gewissenloseren Waljäger. Der Film scheint mit seinem Finale dieser These Nahrung geben zu wollen.

Armored (2009)

„No one is going to get hurt. Promise.“

Das ist so ein Satz, mit dem zumindest im Film die Katastrophe ex negativo praktisch immer schon angekündigt wird. Wer auf diese Weise in eine kleine oder auch größere Straftat hinein überredet wird, darf davon ausgehen, bald mit den Füßen knietief durch Blut waten zu müssen – und entweder die erwünschte Unschuld zu verlieren, oder sie mit womöglich nicht weniger Brutalität verteidigen zu müssen.

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Insofern nimmt die Geschichte von Armored ihren gewissermaßen zwingenden Verlauf: Die Besatzungen zweier Geldtransporter verabreden sich, gemeinsam das Geld aus ihren Wagen verschwinden zu lassen und einen Überfall vorzutäuschen. Und daß Drahtzieher Mike (Matt Dillon) den Neuling Ty (Columbus Short) erst mühsam und in letzter Minute zur Teilnahme bringen kann, macht natürlich schon zu Beginn beispielhaft deutlich, daß die Motivation der Teilnehmer an diesem Raubzug womöglich recht unterschiedlich ist.

Mike und Ty sind eng verbunden: Tys Eltern waren Mikes Freunde und sind frisch verstorben; Ty, gerade aus der Armee entlassen, muß für sich und seinen kleinen Bruder sorgen, aber die Schulden wachsen ihm über den Kopf. Und gerade, als er sich entschieden hatte, Mike und seinen Kumpanen nicht zu helfen, steht natürlich die Frau von der Kinderfürsorge in seiner Küche und will Ty zu einer Pflegefamilie schicken.

Nimród Antal macht das hier wieder sehr dicht und sehr klassisch, wie er die Figuren aufstellt, Ty klar ins Zentrum der Erzählung rückt; alle anderen Beteiligten werden nur en passant charakterisiert, aber klar zueinander (und natürlich, später wird sich die Gruppe ja in Blut, Schweiß und Tränen auflösen: gegeneinander) positioniert.

So altmodisch-rustikal das eingefädelt und inszeniert ist, so kommen auch die Geldtransporter daher, fast sind sie schon aus der Zeit gefallen, so unwirklich wirkt das heutzutage: Noch ohne GPS, viel Metall und Stahl. Der Rost der alten Fabrik, die zum hauptsächlichen Schauplatz wird, spiegelt den Rost der Technik wieder. Altmodisches Suspense-Kino also, das sich am Anfang viel Zeit läßt und dann aber in wenigen Momenten vollständig kippt. Oder, wie Jochen Werner das für critic.de beschrieben hat:

Die Zeit, die Antal braucht, um vom scheinbar reibungslosen Ablauf zur vollständigen Eskalation zu gelangen und eine Frontlinie durch die Clique seiner Protagonisten zu ziehen, ist in Sekunden zu bemessen […].

Anschließend stapelt Antal Verzweiflung auf Verwicklung, während die Menschen aufeinander losgehen, in den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen gefangen, und natürlich muß das auf eine zwingende Katastrophe hinauslaufen, in der niemand ohne Verletzungen bleibt. Dies ist kein Gentlemen’s Meeting wie bei Danny Ocean, hier geht es sehr proletarisch mit Schweiß und Fluchen zur Sache.

Der Titel Armored beschreibt auch nicht nur das Auto, sondern geht darüber hinaus: Denn der Film bildet Schichten von Ausweglosigkeit und persönlicher Seelenpanzerung ab, aber eben auch jene alte Fabrik, in der es keinen Funkempfang gibt, sondern Stahlwände ringsum, komplette Abgrenzung nach außen, gar die Unmöglichkeit jeder Kontaktaufnahme.

Vacancy (2007)

Nachdem ich Predators gesehen hatte (Kritik), schien es mir dringend an der Zeit, endlich mal Nimród Antals andere Filme nachzuholen, die schon länger in meiner Warteschleife kursierten. Begonnen habe ich mit Vacancy, der in Deutschland als Motel vermarktet wurde, womit man sicher im Namen an die Hostel-Filme anknüpfen wollte.

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Die Geschichte ist ja relativ schlicht: Ein Paar (Luke Wilson und Kate Beckinsale), dessen Ehe nach dem Tod des gemeinsamen Kindes gerade zerbricht, verfährt sich auf dem Heimweg von einem Familientreffen im amerikanischen Hinterland. Sie stranden in einem einsamen Motel, und in der Honeymoon-Suite stellen sie bald fest, daß sie offenbar zu unfreiwilligen Hauptdarstellern eines Snuff-Movie werden sollen: Überall im Zimmer sind Kameras versteckt, und schon machen sich der Rezeptionist und zwei Handlanger daran, sie in Angst und Schrecken zu versetzen.

Vacancy ist alles andere als ein blutiger Slasher, im Gegenteil, es passiert im Grunde lange Zeit nichts, die Bedrohung findet primär in den Köpfen der Opfer (und der Zuschauer_innen) statt – das ist näher an einem Psychothriller wie The Strangers (meine Kritik) dran als an Hostel, auf den er sich zu beziehen scheint.

Gleichwohl schreibt sich der Film – auf dem Umweg über den Mythos der „Snuff Movies“ – in die Diskussion um die im angeblichen „torture porn“ gezeigten Grausamkeiten ein; allerdings nutzt der Film, wie Maurice in seiner Kritik richtig feststellt, die medialen Ebenen, die er durch die vielen Kameras und Videobänder aufbaut, praktisch nicht dazu aus, um eine ernsthafte Reflektion des Mediums und seiner Produktions- und Rezeptionsbedingungen anzutreiben. Antal beschränkt sich hier darauf, im Augenblick des Todes die Gesichter der Sterbenden einzufangen; für eine ernsthafte Spiegelung des Snuff-Voyeurismus auf das (Horror-)Kinopublikum geht das nicht weit genug.

Was dem Regisseur – und da trifft sich Vacancy mit seiner Arbeit in Predators – allerdings hervorragend gelingt ist die sauerstoffreiche Beatmung von fast schon stereotypen Genreelementen, bis diese sich tatsächlich zu einem gekonnt verknappten (85 Minuten) und reduzierten Spannungsbogen fügen, der sich gewaschen hat. Antal ist old school: Spannung entsteht durch Musik, geweitete Augen und vor allem gekonnte Kadrierung, Ausschnitte, Bewegungen im Hintergrund. Gelegentlich hat das die Eleganz eines Holzhammers – wenn etwa Mann und Frau, anfangs im Auto, fast nie nebeneinander, sondern nur in Einzelaufnahmen zu sehen sind, mit viel dunklem Raum neben sich, dann muß man dem Paar gar nicht zuhören, wie sie sich angiften, die Entfremdung kriegt man auch visuell wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht geworfen. Wirkungsvoll ist das allemal.

Was Antal da macht, ist eine Rückbesinnung auf traditionelle Qualitäten – aktualisiert und angepaßt an Sehgewohnheiten und -erfahrungen seines aktuellen Publikums. Er verweist im Film sehr deutlich darauf – nicht nur im sehr klassisch anmutenden Vorspann, und darin, daß das Motel insgesamt aus den 1970er, 1980er Jahren stammen könnte (was die dem Backwoods-Slasher ähnelnde geographische Ausgangslage unterstreicht); er tut es vor allem durch die Ästhetik der Videofilme, die das Ehepaar in ihrem Zimmer finden: Technologisch und mit ihren verwaschenen Farben sind sie Relikte einer vergehenden Zeit, aber auch die Menschen, die in den Snuffstreifen zu sehen sind, wirken in Frisuren und vor allem mit ihrer Kleidung, als seien sie aus der Zeit gefallen.

Die Nacht der lebenden Fußballzombies

Kathrin hat vorhin, zur Saison passend, auf den großartigen Trash-Kurzfilm Die Nacht der lebenden Idioten (2006) von Eric Esser hingewiesen, mit Franziska Dick in der Hauptrolle; auch Françoise Cactus taucht irgendwann einmal auf und hat, wenn mich nicht alles täuscht, auch Musik beigesteuert.

Die Handlung verbindet klassische Zombiefilmmuster mit dem Schrecken, der Fußballfan (vor allem zu WM-Zeiten) heißt:

Nach dem Verzehr von Gammelfleisch mutieren die Besucher einer Semesterabschluss-Grillparty. Ihnen wachsen Fanschals, Fußballnational-trikots, Oberlippenbärte, Bierbäuche und sie grölen unaufhürlich Fußballlieder vor sich hin. Und wer mit ihnen in Kontakt kommt, wird einer von ihnen.

Eine kleine, durch Zufall zusammengeführte Gruppe, kann sich in ein Sportlerheim retten und sich dort vor der Horde herannahender Fußballfanzombies verschanzen. So unterschiedlich wie ihre Charaktere sind auch ihre Lösungsansätze.

Ein kleines Produktionsblog mit ein paar Bildern gab es seinerzeit auch noch. Der Film kann in beschränkter Qualität bei Underdogfilms (woher auch die Inhaltsangabe stammt) als handliches 66-Megabyte-.ogg-File heruntergeladen werden.

Wahlweise gibt es den Film aber auch, in drei Teile zerstückelt, bei Youtube und also jetzt hier:

Sólo quiero caminar [Las Bandidas] (2008)

Las Bandidas

Sólo quiero caminar, der in Deutschland als Las Bandidas – Kann Rache schön sein! von Sunfilm (amazon-Link) vertrieben wird, ist wie Sexykiller ein schönes Beispiel dafür, wie das spanische Kino mit Genreschablonen umzugehen weiß: sie elegant umtanzend nämlich. (Nein, wir bringen jetzt keine Flamenco-Einlage, bitte. Das wäre doch zu platt.) Und für mich ist es ein weiterer Hinweis darauf, daß ich mich mehr dem iberischen Kino widmen sollte, nachdem auch Gordos mich so positiv überrascht hat, und Hierro nicht eben minder. (Entsprechende Filmvoschläge übrigens gerne in die Kommentare.)

Hier nun haben wir es mit einem wohltuend sperrigen Rache-Heist-Drama zu tun, das sich eine ganze Weile Zeit läßt, bis es so richtig zur Sache kommt.

Nachdem ihr Versuch fehlgeschlagen ist, den Safe eines Russen (der anscheinend sein Geld auch nicht legal verdient) um einige Edelsteine zu erleichtern, verteilen sich die vier daran beteiligten Frauen in alle Winde: Aurora (Ariadna Gil) wandert ins Gefängnis, von wo Paloma (Pilar López de Ayala) sie unbedingt herausbekommen will, während Gloria (Victoria Abril) weiter Pläne schmiedet. Ana (Elena Anaya) hingegen, Auroras Schwester, arbeitet als Prostituierte. So lernt sie den Gangster Félix (José María Yazpik) kennen, der ihr einen Heiratsantrag macht – von seinem Geld wie seinem Charme im ersten Moment gleichermaßen geblendet, folgt sie ihm nach Mexiko.

Las Bandidas

Die Männer in diesem Film sind, mit einer Ausnahme, sämtlich großkotzige Angeber, die auf Emotionen und in Tateinheit auch auf Frauen mit Herablassung, wenn nicht Verachtung reagieren. (Außer natürlich auf die „Patin“ im Hintergrund, Doña Amelia [Ana Ofelia Murguía] – was aber nur unterstreicht, daß die planvoll, beherrscht und bewußt agierenden Figuren in diesem Film praktisch immer Frauen sind.)

Félix ist rasch enttäuscht von seiner jungen Frau, die sich so gar nicht an seine Vorstellungen anpassen will – irgendwann stößt er sie aus dem Auto, Ana fällt ins Koma, und ihre Freundinnen und ihre Schwester schwören Rache.

Sólo quiero caminar ist ein sehr schweigsamer Film – vor allem die Frauen, die Hauptfiguren, sprechen kaum miteinander, es gibt keine Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen, auch über die Planungen für ihre Raubzüge werden wir völlig im Unklaren gelassen. Der Film ist deshalb auch kein weibliches Ocean’s Eleven, auch wenn seine Struktur das zunächst anzudeuten scheint. Es fehlten die Wortwechsel, vor allem aber die Leichtigkeit und die ironische Distanz zum Geschehen.

Las Bandidas

Denn Regisseur Agustín Díaz Yanes (der zuvor Alatriste gemacht hatte) meint es ziemlich ernst mit seinen Protagonistinnen und dem Geschlechterkampf. Allzuviele Machtspielchen werden in diesem Film über die Körper der Frauen ausgetragen, sie haben verfügbar zu sein und gefügig, und in einer Szene macht Díaz Yanes dafür die Parallele zwischen Phallus und Waffe unmittelbar und äußerst vulgär sichtbar.

Las Bandidas - DVD-CoverIn all seiner Arroganz hat Félix eine vage Ahnung davon, was ihm noch bevorstehen könnte, aber er kann es nur in die Ahnung von Fremdheit fassen: „Das sind Spanierinnen, Mann“ sagt er zu seiner rechten Hand, seinem Auftragskiller und Freund Gabriel (Diego Luna), als würde das irgendetwas erklären.

Dieser Gabriel ist ein einsamer Wanderer, natürlich an Delons Samouraï orientiert, den Filmtitel sieht man irgendwann an einer alten Kinofassade stehen, und er ist, obgleich als ohne Zögern mordend inszeniert, unter den Gesetzlosen der Mann mit Prinzipien, der Frauen und Kinder nicht schlägt und nicht tötet und den Félix‘ Verhalten zunehmend abstößt.

An ihm dekliniert der Film durch, wie sehr es der grenzenlose Egoismus, die völlige Wertelosigkeit ist, die Félix und seine Männer schließlich in den Untergang treiben; die drei Frauen sind da nur die ausführenden Rachegöttinnen, Erinnyen gleich, die das Uhrwerk ihrer Taten in Bewegung setzen, bis sich schließlich die tötenden, vergewaltigenden, schlagenden Männern die Schicksalsfäden gegenseitig zerschneiden.

Fotos: Tiberius Film

12 Rounds (2009)

Renny Harlin ist eine etwas instabile Größe. Der Mann, seit gestern weiß ich auch, daß er Finne ist, macht großartige Actionfilme wie The Long Kiss Goodnight oder Over-the-Top-Streifen wie Die Hard 2, zeichnet verantwortlich für die Trashperle Deep Blue Sea, hat aber auch viele sehr, sehr zweitklassige Filme in die Welt gebracht.

12 Rounds, sein bisher jüngster Film, fällt irgendwo dazwischen: solides Actionkino, durchaus technisch auf der Höhe der Zeit, samt ewig unruhig schwimmender Kamera, Unschärfen und sehr viel Bumm, aber eben auch eigentlich herzlich egal und emotional uninteressant. Der Polizist Danny Fisher (John Cena) wird von einem Terroristen (Aidan Gillen) als Rache für den Tod von dessen Frau bei einem Unfall in ein „Spiel“ über zwölf Runden gezwungen, bei dem es vor allem um das Leben von Molly Porter (Ashley Scott), Fishers Freundin geht. Überall sind Bomben und Fallen gepflanzt, hektisch geht es hin und her durch New Orleans.

Das Ganze wirkt thematisch und strukturell wie ein verspätetes Rip-Off von John McTiernans Die Hard: With a Vengeance (1995), ohne daß dabei zunächst jener doppelte Boden sichtbar würde, der McTiernans Film einigermaßen interessant macht. Im Grunde weiß man also von Anfang an, worauf der Film hinausläuft, und auch wenn es am Schluß noch Wendungen gibt, die vorher nicht richtig erahnbar waren, erhöht das nicht die Spannung, sondern erfüllt zumindest teilweise nur das, was man sich vielleicht noch erhofft haben mag.

Ansonsten ist 12 Rounds natürlich vor allem ein Vehikel für John Cena, der hier immerhin erträglicher ist als in The Marine, which is not saying much. Seine körperliche Präsenz ist hier etwas weniger gefragt, dafür scheint seine Mimik minimal an Ausdrucksqualitäten gewonnen zu haben. Leider versorgt ihn das Drehbuch an einigen Stellen mit Äußerungen und Verhaltensweisen – zum Beispiel einmal ein Maß an Selbstgefälligkeit, das der Situation überhaupt nicht entspricht -, gegen die er schlichtweg keine Chance hat.

Enchanted (2007)

Die Grundidee von Enchanted ist ja eine durchaus verspielte: Was wäre, wenn man die klassische Disney-Cartoon-Konstellation von Prinzessin, Prinz und „happily ever after“ mal in eine Realwelt entläßt und dort mit dem nicht gerade Musical-artigen Leben in New York konfrontiert?

Das Problem des Ergebnisses ist dann vielleicht: Daß dabei immer noch zu sehr Disney herauskommt, viel zu kinderfreundlich, viel zu glattgespült und viel zu vorhersehbar. Natürlich ist Prince Charming nicht der Prinz ihres Herzens, und natürlich wird Giselle (Amy Adams ist wie immer zauberhaft, aber das macht es hier eher noch schlimmer) alle Herzen ringsum erweichen und mit Liebe erfüllen. Etwas mehr Anarchie hätte diesem Film gut getan, echte Konflikte und derlei raue Realitäten. Oder einfach nur: mehr als nur eine Bollywood-esque Sing- und Tanzeinlage quer durch New York.

Immerhin ist die Parallelisierung von Real- und Trickfilm hier sehr schön gelungen: Die Trickfiguren sehen ihren Entsprechungen im Realfilm sehr ähnlich, und Susan Sarandon ist so wüst hergerichtet, daß sie auch realiter problemlos als jede böse Stiefmutter in Disney-Trickfilmen durchginge. Und auch wenn der Film sich am Ende nicht so recht traut, die Geschlechterfrage offensiv anzugehen (Giselle ergreift zwar das Schwert, ein wirklicher Kampf sieht aber anders aus), so sind es doch durchgehend die Frauen, die hier die Männer beschützen oder mindestens viel eher kapieren, was eigentlich gerade passiert.

Aber es geht ja auch um Herzensdinge. Damit paßt dann wieder alles.

Science of Horror (2008)

Science Of Horror – If the chainsaw is a penis (Homepage) ist ein kluger kleiner Dokumentarfilm, der sich ausführlich, aber nicht ausschließlich mit feministisch orientierten Untersuchungen zum Horrorfilm beschäftigt.

Mittels vieler Interviewausschnitte aus Gesprächen mit etwa Carol Clover, Judith Halberstam, Barbara Creed und Linda Williams einerseits, zum Beispiel Wes Craven, John Carpenter, Brian Yuzna, Tom Savini und Rachel Talalay andererseits zeigt der Film, in welch vielfältiger Hinsicht Sex, Sexualität, Geschlecht und Schrecken zueinander finden – einige davon kann man im Gespräch erahnen, das Cristina Nord für die taz mit der Regisseurin Katharina Klewinghaus geführt hat. Das reicht von der Frage, inwieweit Zensur produktiv wird – frei nach Michel Foucault als produktive Macht beschrieben -, die zur Herausbildung spezifischer Codes und Verstehensformen führen kann, bis hin zum deessentialisierenden gender-bending in Bride of Chucky und Seed of Chucky. Das zeigt schon, daß der Film weit über die im Untertitel verwendete Parallelisierung von Kettensäge und Penis (was sich natürlich insbesondere auf The Texas Chainsaw Massacre 2 bezieht) hinausweist.

Wem das Neuland ist, wird Science of Horror sicher mit Gewinn ansehen; wenn man sich mit solchen Fragen schon etwas eingehender beschäftigt hat, bietet der Film zwar womöglich keine besonders aufregenden neuen Erkenntnisse, aber neben der einen oder anderen womöglich neuen Perspektive auf jeden Fall die Möglichkeit des Films, das Gesagte sofort durch bewegte Bilder zu illustrieren und zu unterfüttern. (Im Wesentlichen wechseln sich hier Filmausschnitte und Talking Heads ab.)

Das Problem ist dabei allenfalls, daß dies nicht konsequent genug dazu genutzt wird, um die Themen wirklich argumentativ zu entwickeln – am Ende bleibt dann zu viel nebeneinander stehen, das sich ohne eine weitergehende Auseinandersetzung kaum verbinden läßt. Das liegt natürlich auch ein bißchen an Form und Länge des Dokumentarfilms: Eine Überfrachtung ist schließlich, wie das thematisch verwandte Beispiel Nightmares in Red, White and Blue zeigt, auch keineswegs wünschenswert.