Noch ein, noch viele 2010

Soll ich das wirklich auch noch machen, noch eine Liste mit guten Filmen, mit denen man dann mal mehr, mal weniger übereinstimmen kann? Und das alles mit dem Bewußtsein, so viele Filme gerade des ausgehenden Jahres nicht mehr rechtzeitig gesehen zu haben, weil viel zu viel anderes gerade erledigt werden mußte? Mit dem Wissen, daß ich The Social Network noch ebenso wenig gesehen hatte wie Des Hommes et des Dieux, unverpaßbar offenbar beide?

Aber das ist ja wurscht, die Fragen waren bereits gekommen, die Listen sind publiziert: meine besten Zehn und schwächsten Drei des vergangenen Kinojahres sowie, der variatio halber, meine fünf liebsten Animationsfilme.

Aber schreit die Welt nicht nach Originellerem, nach einem filmischen Zusammenschnitt etwa, noch einem, oder noch einem filmischen Essay? Einer ist davon besser als das andere, aber ich kann da ebenso wenig mithalten wie viele andere, die stattdessen, nicht weniger berufen, die besten 10 Horrorfilme des Jahres besingen, die besten Filmszenen beschreiben oder schlichtweg: die am besten besprochenen Filme zusammenstellen.

So viele Möglichkeiten also, ein Jahr zu sehen, gesehen zu haben. Im Endeffekt zählt vor allem, daß man im Kino war, am Bildschirm, vor der Leinwand, mit eigenen Augen gesehen hat.

Meinem Kinojahr 2010 bin ich dankbar:

  • Für meine Love-on-first-sight mit dem Giallo, vor allem Argentos Profondo Rosso, aber auch Suspiria und Inferno, nicht zuletzt aber und in Extension des Gesagten, Amer.
  • Für das Vergessen, daß sich doch recht schnell über die Details solcher Machwerke wie Transformers: Revenge of the Fallen, Killers, Knight & Day, Fase 7 oder Skyline legt.
  • Für die Festivalbesuche in Gérardmer, vor allem aber Sitges, das nicht nur mit filmischen Perlen in größerer Stückzahl aufwarten konnte (Confessions, Red, White & Blue, Secuestrados, Super, Rare Exports: A Christmas Tale, Stake Land, La Casa Muda), sondern vor allem mit herzlichen, wunderbaren Menschen.
  • Für ein paar großartige Dokumentarfilme, vor allem Ulrike Ottingers Prater (von ihr selbst, Eyjafjallajökull sei Dank, vorgestellt) und Alle meine Väter von Jan Raiber.
  • Für ein paar großartigen Zeitreisen in die 1920er Jahre. (Danke, Marcel! Danke, Martin!)
  • Für meine Verwunderung darob, wie humorlos Menschen darauf reagieren, wenn man eine Komödie mit Kindern aus Gründen nicht leiden kann: daß ich also noch nicht völlig zynisch verhärtet bin.
  • Dafür, daß ich Shutter Island nicht so gut finden mußte wie alle anderen, und The Ghost Writer auch nicht.
  • Vor allem aber dafür, daß ich zumindest in diesem Jahr all dies meine Arbeit nennen durfte.

(Ominös fehlend ist in meiner oben verlinkten Bestenliste übrigens Kynodontas aka Dogtooth, und eigentlich auch Splice. Für die müßte irgendwo noch Platz sein.)

Super (2010)

Dieser Text ist ursprünglich in der Splatting Image Nr. 84 erschienen.

„Shut up, crime!“

Frank D’Arbo ist ein äußerst durchschnittlicher Mann, weder mit einem spektakulären Körper noch mit besonderen Geistesgaben gesegnet. Das Haar wirkt schon etwas schütter, der ganze Kerl ein wenig teigig – aber er ist, wie seinen Kollegen und Bekannten immer wieder auffällt, trotz oder wegen seines schlichten Gemüts ein grundguter Mensch.

Rainn Wilson ist nicht gerade der erste Schauspieler, an den man denkt, wenn die Rolle eines Superhelden zu besetzen ist, aber Super, in dem aus dem unauffälligen Frank der kostümierte „Crimson Bolt“ wird, will natürlich auch kein gewöhnlicher Superheldenfilm sein. Er fällt in vermutlich zeitgeistiger Synchronizität fast gleichzeitig mit Filmen wie Watchmen, Kick-Ass und Defendor auf die Leinwände der Welt. Offenbar ist es nun, da das Kino von Batman über Hulk bis Spiderman die klassischen Heroen der Popkultur in unzähligen Comicverfilmungen, Remakes, Reimaginings und Reboots verwurstet und implizit mehr und mehr dekonstruiert hat, sich der Anziehungskraft dieser Figuren einmal aus der Perspektive des Rezipienten zu stellen. Was wird aus Max Mustermann, wenn er sich ins Kostüm wirft? (Hier sind zwei Clips aus dem Film, die erste Antworten geben.)

[filminfo_box]

Die genannten Filme haben natürlich ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. (Und die eigentlich radikalste, auf jeden Fall menschenfeindlichste Antwort fehlt in dieser Reihung, weil Bekmambetovs Wanted [meine Kritik] sich auf die in Millars Comicvorlage angelegte Superhelden-/Superbösewichte-Geschichte nicht einlassen wollte: Da wird der Held nämlich zum so gesetzlosen wie moralfreien Supermörder.) James Gunns Super ist von den drei Filmen Defendor wohl darin am nächsten, daß er bewußt auf eine Überhöhung seiner Protagonisten verzichtet und sich ebenfalls eher für die Entwicklung seiner Figuren interessiert als für den Karneval der Kostüme.

Franks „Crimson Bolt“ ist aber dennoch – anders als der von Woody Harrelson verkörperte „Defendor“ – ein Kind des Comics. Frank beschließt, zum Superhelden zu werden, um seine geliebte Sarah (Liv Tyler) zu retten, die sich von dem Drogendealer Jacques (Kevin Bacon) abhängig gemacht hat. Seine Recherche nach Superhelden, die auch ohne Superkräfte und teure technische Gadgets ihrer Arbeit nachgehen, führt ihn in den nächstbesten Comicladen. Dort lernt er Libby (Ellen Page) kennen, die bald hinter sein Geheimnis kommt und sich ihm als Sidekick „Bolty“ andient, um nicht zu sagen: aufdrängt.

Page spielt in Super brachial gegen das in ihren letzten Filmen oft dominante Image der schlauen, gern auch altklugen Göre an, indem sie es zuerst zu bestätigen scheint, und dann alles aus Libby herauskitzelt, was in ihr an psychotischem Verhalten angelegt sein könnte. Sie verkörpert damit aber bis an die Grenze des Erträglichen genau jenes Dilemma, vor das Frank bald auch gestellt sein wird: Daß nämlich der Superheld, die Superheldin sich zwar (vielleicht) für den Erhalt der ethischen und gesetzlichen Ordnung einsetzen mag, daß er sich aber zugleich immer über sie stellt – diese Flucht aus den Beschränkungen des „normalen“ Lebens ist Libbys eigentlicher Antrieb.

Damit stellt Gunn in seinem Film die beiden extremen Auslegungen des Superheldendaseins – der eine mit dem quasi-religiösen Auftrag, das Böse zu bekämpfen, die andere mit der selbstverschafften Erlaubnis, die mit geradezu kindlicher Begeisterung Auslauf begehrende Sex- und Gewaltsau rauszulassen – in seinen Figuren einander zur Seite (und zugleich ist er zu klug, um die Eigenschaften so scharf voneinander abzugrenzen, wie es zunächst scheinen mag).

Super zielt damit – den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit trägt der Film ja schon im Titel vor sich her – auf eine Dekonstruktion des traditionellen Superhelden an, allerdings eben nicht von innen, wie es die besseren unter den jüngeren Superheldenfilmen tun, sondern indem er, gewissermaßen von außen beginnend, die moralischen Grundlagen des Superhelden aus ihren Motivationen heraus befragt, überhaupt erst das Kostüm anzulegen.

Moralinsauer geht es dabei aber nie zu. Denn so wie es Gunn in seiner Webserie PG Porn bereits erprobt hat, so erweist er sich auch hier als begnadeter Virtuose von Ton und Geschwindigkeit. Mal läßt er seine Protagonisten minutenlang hinter einem Müllcontainer verharren, während sie darauf warten, daß irgendwo ein Verbrechen geschieht. Dann wieder verwendet Gunn Elemente des Comics – nicht nur Verweise darauf –, um die Handlung ins Cartoonhafte zu überzeichnen und fügt mit „The Holy Avenger“ eine völlig wahnwitzige Figur ein, die die Handlung überhaupt erst in Fahrt bringt. Vor allem aber nimmt er in Momenten, in denen man es nicht erwartet hätte, plötzlich das Tempo weg (oder legt richtig zu) und wechselt die Tonart völlig abrupt von Moll auf Dur oder zurück.

Daß er damit den Zuschauer unter Umständen aus einer gefälligen Betrachtungssituation reißt, dürfte Gunn als eine mögliche Folge im Blick gehabt haben. In seiner Erzählung sind schließlich Gut und Böse auch nicht so einfach verteilt, daß man ganz ohne eigenes Nachdenken davonkäme.

Wenn die Geschichte am Ende wieder auf Sarah und ihre Beziehung zu Frank zurückkehrt – eine ganze Weile lang ist ihre Rettung nur vager Hintergrund für die Aktivitäten von „Crimson Bolt“ und „Bolty“ – dann rettet sie sich auch zuletzt nicht in ein schlichtes Happy-End. Stattdessen findet sich für Frank ein realistischer, vorstellbarer Ort. Wie „Defendor“ alias Arthur Poppington wurde auch er von einem Freund emphatisch als „good person“ beschrieben – die Guten aber sind eben immer ein bißchen zu gut für diese Welt.

À bout portant (2010)

Wer Paris ein wenig kennt, dem öffnet vielleicht wie mir dieser Film die Augen dafür, wie zwingend sich die Topologie dieses Raumes für die Verfolgungsjagd im Film eignet. Wie sehr die engen Gassen es vorstellbar machen, daß selbst durchschnittliche Menschen sich vom Balkon einer Straßenseite ins Fenster gegenüber werfen, wie die Dichte und Enge der ganzen Stadt es unnötig machen, eine Jagd als großes Abenteuer zu inszenieren, sondern es schon mit Jäger_innen und Gejagten zu Fuß, die Kamera stets dicht dabei, zu unglaublich aufregenden Situationen kommen kann.

[filminfo_box]

À bout portant entwickelt so in den Verfolgungsjagden seine Spannung schon aus der mise-en-scène, aus der Kameraführung und schlichtweg: Aus der zwingenden Notwendigkeit der Räume. Vor allem aber verfügt der Film über eine clever organisierte, immer weiterdrehende Handlung, mithin: ein wunderbares Skript von Regisseur Fred Cavayé und Guillaume Lemans, die bereits bei Pour Elle zusammengearbeitet hatten (der jetzt als The Next Three Days (Trailer) von Paul Haggis mit Russell Crowe und Elizabeth Banks neu verfilmt worden ist).

Ein unbekannter Mann (Roschdy Zem) wird nachts ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er auf der Flucht vor bewaffneten Verfolgern von einem Auto angefahren wurde. Später beobachtet der Krankenpfleger Samuel (Gilles Lellouche) einen Mann, der versucht, den Patienten umzubringen – kurz darauf wird Samuels hochschwangere Frau Nadia (Elena Anaya aus Hierro; meine Kritik) entführt: Er soll den noch immer Bewußtlosen aus der Klinik lotsen und zu einem Treffpunkt bringen, sonst werde Nadia sterben.

Es gibt dann in À bout portant noch einige Verwicklungen und Wendungen, das markante Gesicht Zems darf den Wandel vom Bösewicht zum keinesfalls unproblematischen Sympathieträger spiegeln, den seine Figur durchläuft, und natürlich ist bei der Polizei, das merkt man schon sehr früh, nicht alles so rosig, wie es scheinen mag. Die dortigen Verwicklungen lassen Cavayé dann reichlich Gelegenheit, Claire Perot in der Rolle als aufrechte, aber wütende Polizistin schön und herb zugleich in Szene zu setzen, als habe er noch Größeres mit ihr vor.

Am Schluß gibt es, da kommt die filmische Topologie wieder hervor, eine Katz- und Mausspiel durch eine große Polizeistation, eine fast typisch wirkende Pariser Behörde in einem Altbau, der nie zu diesem Zweck gedacht war, viel zu eng für die vielen Menschen und in diesen Filmmomenten noch gezielt überfüllt; ein großer Raum mit Kacheln auf dem Fußboden ist das Großraumbüro, in dem einfach viele Tische herumstehen. So geerdet und chaotisch geht es vielleicht wirklich zu, und mittendrin spielen sich unbemerkt in kleinen Zimmern Dramen und Kämpfe ab.

Megamind (2010)

Im Großen und Ganzen hat mir Dreamworks‘ Megamind nicht so besonders gut gefallen: Zu überdreht ist der Film, stets damit beschäftigt, seinen eigenen Unernst vor sich herzutragen, anstatt ihn einfach mal umzusetzen… das wirkt getrieben und bemüht. Der Slapstick ist zerstörungsreich, aber insgesamt doch eher konventionell und jedenfalls nicht transgressiv; die Möglichkeiten der Körpermodulation, die dem computeranimierten Film zu eigen sind, wird nur in der Körperkonfiguration wirklich genutzt, reicht aber nie zur Destruktion des Status Quo hin.

[filminfo_box]

Dabei gibt es so schöne Ansätze: des Bösewichts Sidekick, der einfach nur „Minion“ genannt wird, ist ein sarkastischer Fisch im Roboteranzug, Megamind selbst (dessen Hirn lange nicht so leistungsstark ist, wie er selbst es wünschte), tanzt und inszeniert sich gern in schwarzen Latexkostümen – wie überhaupt das Gehabe der männlichen Hauptfiguren, da gibt es einiges zu entdecken, traditionelle Männlichkeitsbildern ohne großes Federlesen zu Staub zertrümmert. Das gilt für Megamind selbst, aber auch für seinen Antagonisten Metro Man, den guten Superhelden, den die Stadt Metro City (von Megamind zu meiner großen Freude konsequent wie „atrocity“ ausgesprochen) verehrt.

Dazu paßt auch die schließlich auf die Probe gestellte Bromance zwischen Megamind und Minion, aber wie um nicht zu viel Queerness in den Film zu bringen, bekommt Megamind mit der Reporterin Roxanne natürlich ein klar weibliches romantic interest an die Seite gestellt. Die wird zwar mit viel Aufwand als selbstbewußt, ironisch und distanziert eingeführt, bleibt dann aber irritierend unterentwickelt, ohne freilich auf den Status einer rein funktionalen Figur zu schrumpfen.

Wahrscheinlich ist es letztlich die anfangs konstituierte klare Gegenüberstellung zwischen Gut und Böse, die den Film so mühsam wirken läßt (Böse gegen Böse à la Despicable Me scheint effektiver) – denn natürlich muß sie aufgebrochen werden, weil man dem bezaubernden Megaman den Bösewicht nicht so recht abnehmen kann (großartig seine Frustration, als er feststellt, daß es langweilig ist, böse und allmächtig zu sein). Daß der Film diesen Dualismus erst mühsam abreißt, um ihn dann wieder zu errichten, ohne den inhärenten Widerspruch darin wirklich zu lösen, ist ein bißchen schade.

(Stephen Holden hat in der New York Times den Film schön in die Nature vs. Nurture-Debatte eingebunden.)

Foto: Paramount

Skyline (2010)

In den frühen Morgenstunden kommen die Aliens. Erst leuchten Sie mit blauem Licht in die Fenster hinein, durch die Straßen, man kann den Blick nicht mehr davon lösen – und wer nicht gelöst wird, den zieht es anschließend hinein in die großen Schiffe, die über der Stadt schweben; wie Wollflusen zum Staubsauger fliegen die Menschen zu Hunderten hinauf und verschwinden.

Das sind die großen Szenen in Skyline der „Brothers“ Greg und Colin Strause, diese Tableaus der drohenden Zerstörung, wenn kleine Menschenfiguren aufsteigen aus einer schon versehrten amerikanischen Wolkenkratzerstadt; und wäre nicht dieses kalte Blau, man könnte fast sogar ein bißchen Hoffnung es sei Himmelfahrt und Erlösung. Gibt es eigentlich eine Farbgeschichte des Science-Fiction-Films? Wann welches Lichtschwert grün, rot oder blau war, aus wessen Augenschlitzen es gelb oder weiß schimmerte?

[filminfo_box]

Das ist hier keine Trivialität, denn das eigentliche Pfund des Films sind seine Spezialeffekte, die, wenn man so will, Heimatkompetenz der Regisseure, die sich darin zum Beispiel in 2012 (meine Kritik) oder Avatar bewiesen haben und deren Künste man etwa im Trailer zu Battle: Los Angeles wieder sehen kann. Und auch wenn man nach Alien vs Predator: Requiem (meine Kritik) die Hoffnung haben konnte, die beiden Brüder könnten vielleicht wirklich ordentliche Regisseure werden, so werden diese Gemütsregungen mit Skyline aufs deutlichste zerklopft.

Natürlich liegt es auch am jämmerlichen Skript von Joshua Cordes und Liam O’Donnell, das dieser Film kalt läßt, und an den die jämmerlich uninteressanten Figuren (zweibeinige Stereotype mit jeweils einem einzelnen markierenden Charakteristikum, scheint’s) mit noch mehr Leblosigkeit ausstattenden Schauspieler_innen. Aber die Strauses füllen dann dieses blutleere Monstrum eben auch nur mit altbackenen Inszenierungstechniken und mit dem üblichen Effektgesumse des technokratisch ambitionierten Alien-Invasions-Actionfilms à la Transformers & Cie.

Da tritt dann mal ein außerirdischer mechanoider Godzilla auf den Lamborghini – oder war es ein Ferrari? – einer bis eben noch wichtigen Figur, die Aufnahmegeschwindigkeit wechselt zwischen Timelapse und Zeitlupe, und wen das noch nicht hinreichend irritiert hat, der bekommt genau dann eine große Totale der zerstörten Stadt zu sehen, wenn er sich an die fast an Cloverfield (meine Kritik) erinnernde Dichte gewöhnt hat, die der Film eine Zeitlang zu seinen Figuren einhielt, und die er auch in der Erzählperspektive konsequent durchzieht.

Das ist denn auch das Einzige, was man dem Film wirklich, wirklich gutschreiben muß: Daß er den Einfall der Außerirdischen, ihr seltsames Licht und ihre Gründe konsequent unerklärt läßt, darin die Perspektive der Protagonist_innen wahrend, und so bis zum Schluß ein Mysterium behält – das allerdings nur ein großes, kugeliges Nichts im Innersten des Films übertüncht. Gegen diese Leere saugt Skyline dem Publikum wortwörtlich das Gehirn aus. Warten Sie’s ab, kurz vor Schluß bekommt man das genau zu sehen, und dann macht der Film eine Wendung, die logisch klänge, wenn den Figuren vorher Leben eingehaucht und nicht nur aufbehauptet worden wäre.

Foto: Centralfilm

2010: Das Filmjahr in 6 Minuten

Wow. Das geht gerade durch die Blogs und über Twitter, aber wenn Ihr es noch nicht gesehen habt, schaut es Euch an: Youtube-Nutzerin genrocks aka Gen I. hat das Filmjahr 2010 (mit deutlich angloamerikanischer Schlagseite) zu aufregenden sechs Minuten verdichtet. Großartig und witzig geschnitten und montiert. Chapeau!

(Die Liste der Filme ist hier.)

Takers (2010)

Was ist eigentlich mit der Kunst geschehen, eine Verfolgungsjagd ordentlich zu inszenieren? Da gab es ja einstmals so revolutionäre Momente wie in The French Connection im Auto quer durch die Stadt einer Hochbahn hinterher – und jeden Moment der Jagd durchlebt man mit, stets weiß man aber auch, was passiert. Nach dem letzten Wochenende muß ich annehmen, dieses spezifische Inszenierungsvermögen sei wohl nach Europa ausgewandert, denn da konnte ich sehen, daß in À bout portant Fred Cavayé zeigt, wie man das macht – und in Takers bekommt man stattdessen den Eindruck, daß John Luessenhop seine Kameraleute gezielt hin- und hergeschubst hat, weil er verwackelte Bilder für spannungsfördernd hält. Örks.

[filminfo_box]

Dabei fängt es alles recht hübsch an. Eine Gruppe von gutaussehenden, wohlgekleideten Männern beschäftigt sich in ihrer Freizeit damit, perfekt durchgeplante Überfälle zu begehen – man kann sie dabei beobachten, wie sie eine Bank mitten in einem Wolkenkratzer ausnehmen, ohne daß jemand zu Schaden kommt, samt der elegantest eingefädelten Flucht der letzten Filmjahre. Am Abend drauf treffen sie sich wieder, man vertraut einander, ist freundlich zueinander und generell macht das viele Geld da keinen Unterschied, denn man kennt sich offenbar noch aus der Kindheit im Rinnstein.

Wer jetzt erwartet, daß da unter der Oberfläche etwas lauern könnte, wird tief enttäuscht werden. Die Figuren bleiben so blaß und wohlerzogen, wie es nur irgend geht – die etwas wichtigeren Personen (Idris Elba, Paul Walker, Tip „T.I.“ Harris) bekommen ein kleines persönliches Problem oder Charakteristikum aus der Grabbelkiste des Genres angepappt (hier eine alkoholkranke Schwester, dort eine hübsche Frau – Zoe Saldana ist als eye candy und trophy wife überqualifiziert und unterbeschäftigt), die sich dann prompt auch ganz den üblichen Erwartungen gemäß verhalten. Dann gibt es noch einen Cop (Matt Damon) mit kaputter Ehe, der keine rechte Beziehung zu seiner Tochter hinkriegt, weil er sich von seiner Arbeit auffressen läßt.

All das führt nie irgendwohin, sondern bleibt funktionales Beiwerk, das die essentielle Leere der Figurenzeichnung verdecken soll; wie zum Ausgleich sind die wahren Antagonisten dann auch aufs Peinlichste reduziert: Trinkende, im Geiste grobschlächtige Russen mit großen Gewehren. Richtung Ende, nachdem ein (das immerhin thematisiert der Film auch explizit) direkt aus The Italian Job geklauter Heist gnadenlos schief geht, wird es dann hektisch und nervös; es gibt jede Menge Schießereien und jede Menge Tote, aber an Komplexität nimmt der Film nicht mehr zu, und seine Nebenthemen versanden in einem pseudoversöhnlichen Schluß.

Foto: Sony Pictures

Trash am Mittwoch: Mega Piranha (2010)

Menschenfressende Fische in außergewöhnlich großem Format – da man muß sich als Horrorproduzent doch an die Stirn klopfen und fragen: What could possibly go wrong? Offenbar eine ganze Menge. Mega Piranha, das mit wenig Eloquenz auf der enormen Bugwelle von Alexandre Ajas Piranha 3D (meine Kritik) mitreisen möchte, ist voller Momente, in denen man geneigt ist, die Augen zu verdrehen – teils aus Frustration ob des Gesehenen, teils um das Nachfolgende nicht sehen zu können bzw. nicht mit ansehen zu müssen.

Dabei bietet die Handlung ja genug Vorwände, um positiv besetzte Schauwerte in die Welt zu setzen: Tropische Gefilde, meist befindet man sich im oder am Wasser, und da es um gigantisch anwachsende Piranhas geht (der Name des Films verspricht da nicht zu viel), könnte man nicht nur halbnackte Körper, sondern auch reichlich Feuerkraft und Splatter im Film unterbringen. So man das denn wollte. Das ist schließlich genau die Mischung, mit der Roger Corman den von ihm produzierten und inhaltlich völlig abstrusen Sharktopus (meine Kritik) gefüllt hat, der als hirnbefreite, anspruchslose Trashunterhaltung durchaus seine Stärken hat.

[filminfo_box]

Immerhin kommt Mega Piranha schnell zur Sache: In der ersten Szene wird eine bikinitragende Schönheit nebst Begleiter gefressen. In der zweiten Szene werden gleich mehrere bikinitragende Schönheiten gefressen, ebenso wie der amerikanische Botschafter und der Außenminister von Venezuela, die sich kurz vorher noch über politischen Druck der USA auf den südamerikanischen Staat unterhalten hatten – wo ist eigentlich Wikileaks, wenn man es braucht? Dann wechselt die Szenerie zum Helden Jason Fitch (Special Forces! Oder so), der gerade knapp bekleidet in seinem Heldenbett erwacht, weil er zur Pflicht, also nach Venezuela gerufen wird.

So wird immerhin, auch wenn es nach den genannten Eingangsszenen praktisch keine knapp bekleideten Frauen mehr geben wird, der vom ewig heiser raspelnden Paul Hogan gegebene Held meist in engen T-Shirts und mehrmals mit freiem, wohlgeformtem Oberkörper gezeigt, da mag zumindest ein Teil des Publikums kurzzeitig angetan sein. (So lange er den Mund nicht aufmacht.) Erst kurz vor Schluß werden mit einer Schwimmerin und einer Nachrichtensprecherin wieder Frauen gefressen, ansonsten ist das weibliche Geschlecht fast ausschließlich durch Tiffany vertreten, die als Protagonistin gecastet wurde. Das wäre womöglich ein Marketinggag, wenn sich irgendjemand allein ihretwegen den Film ansehen würde – aber da sie leider zu keinem Zeitpunkt spontan in Gesang ausbricht, scheint mir auch dies kein unique selling point des Films zu sein.

Es stapeln sich dann Unglaubwürdigkeiten auf Planloses. Technisch allein schon ist der Film eine Katastrophe auf digital verstärktem Zelluloid: Die Effekte sind in der Tat so schlecht gemacht, wie sie im Trailer wirken, und sie werden auch dann nicht besser, als das Filmmilitär versucht, die Piranhas mit Maschinengewehren und Raketen zu erledigen. Vermutlich hat man sich dafür entschieden, um größeres Bumm zu zaubern, dem Auge bieten sich gleichwohl die schlechtesten Spezialeffekte diesseits von Sharktopus dar (gut, in Birdemic [Trailer] mögen sie noch schlechter sein, aber der darf wohl als Extremfall gelten).

Schlimmer noch: Daß die Piranhas beharrlich und „exponentiell“ wachsen, ist ja das eigentliche Feature des Films, aber trotz kontinuierlicher Beschwörungen der Figuren scheinen sich die dummen Biester nicht so recht daran zu halten. Im Gegenteil, sie ändern von Einstellung zu Einstellung die Größe – man sieht sie riesig groß heranfliegen, bevor sie auf Unterarmgröße reduziert zur Landung ansetzen; dann wieder springt ein Fisch von eher bescheidener Schiffsgröße aus dem Wasser, wird aber dann auf einem ungleich größeren Mast auf eine Weise aufgespießt, die suggeriert, daß er außerhalb des Wassers noch rasch einiges an Umfang und Masse zugenommen haben muß. Erst sieht man irgendwelche Riesenfische, die auf Hausdächer springen, später dann beteuern die Protagonisten: „Bald sind sie so groß wie Pferde!“, obwohl ich dieses Stadium für längst überstanden hielt.

Daß die Piranhas mal zu schrumpfen und mal zu wachsen schienen, bestätigte meinen Eindruck, es in Mega Piranha mit einem beschädigten Raum-Zeit-Kontinuum zu tun zu haben. Besonders deutlich wurde das in den Telefonaten zwischen Fitch und seinem Vorgesetzten in Washington: Je nach Telefonat befanden sich die beiden offenbar (das Sonnenlicht verrät’s) mal in etwa der gleichen Zeitzone (so müßte es in der realen Welt sein), mal an entgegengesetzten Enden der Welt.

Eric Forsberg, der z.B. schon bei Snakes on a Train für das Skript verantwortlich zeichnete, hat sich hier außer mit der Regie vor allem mit dem Drehbuch verausgabt – offenbar war keine Zeit mehr, den ersten Rohentwurf zu überarbeiten. So hat man es hier mit offensichtlich beknackten Szenarien zu tun, mit unterentwickelten Figuren, die nichts tun, was irgendwie anders motiviert wäre als durch die Notwendigkeit, irgendwann ans Ende des Films zu gelangen.

Tiffany gibt die Biologin Sarah Monroe, aus deren Labor die mörderische Spezies entwischt, aber nie macht ihr jemand Vorwürfe (oder sie sich selbst), und Held Fitch findet es völlig normal, erstmal wieder ins Wasser zu steigen, nachdem er die Existenz der menschenfressenden Superfische entdeckt hat.

Die Idiotie der Ereignisse wird von den Fähigkeiten der Schauspieler wie der Crew gespiegelt. Als ein Kollege von Monroe dabei zusehen muß, wie Soldaten aufgefressen werden, und seinerseits daran gehindert wird, ihnen helfend hinterherzuspringen, drückt der Schauspieler seinen Rettungswillen durch – subjektiv: minutenlanges – planloses Herumzappeln aus. Tiffany vermag es, selbst einen Satz wie „I just wanna kill them all!“ ohne emotionale Beteiligung auszusprechen, und von Logans komplexer Darstellung will ich gar nicht erst anzufangen.

Der Hauptdarsteller war zugleich für die Choreographie der Kampf- und Unterwasserszenen zuständig; mein Lieblingsmoment ist der, in dem er liegend mit den Füßen Piranhas wegtritt, die nachgerade rhythmisch auf ihn zugeflogen kommen (die Szene ist im Trailer auch kurz zu sehen). Die Inszenierung versucht gelegentlich, Geschwindigkeit durch Unschärfe zu simulieren, Dringlichkeit wird über Kameraschwenksreißen und immer die gleichen drängenden Töne vermittelt, was innerhalb von ca. zwanzig Sekunden massiv auf die Nerven beginnt, nicht zuletzt aus dem Grund, daß Dringlichkeit solcher Natur von den ersten Filmszenen an bis zum Schluß hin durchbehauptet wird.

Und dann gibt es eine Sache, in der der Film auf einmal vielleicht mit gnadenloser Offenheit und Ehrlichkeit hantiert. Was der Film als eine Militärbasis ausgibt, die für die Handlung nicht ganz unwichtig ist, scheint in der Gesamtansicht real doch eher für andere Zwecke erbautes Areal zu sein. Ich mag mich täuschen, aber mir sah das sehr nach einer Kläranlage aus.

Tangled (2010)

Wir hatten viel Spaß in Disneys neuem Märchenfilm Tangled, dessen deutscher Verleihtitel präzise passend beginnt („Rapunzel“) und auf dem Niveau deutscher Fernsehcomedy verendet („Neu verföhnt“, WTF?). Denn der Film, wie auch in meiner ausführlichen Besprechung nachzulesen ist, ist flott, witzig, ein wenig schmalzig, wie es sich für Disney-Streifen zu Weihnachten gehört, also vor allem: erfolgreich unterhaltsam.

Daß die Geschlechterverhältnisse immer noch nicht wirklich als modern gelten dürfen, habe ich in meiner Kritik angedeutet, ausführlich und komplexer hat das Natalie Wilson bei Women & Hollywood diskutiert. Denn obwohl Rapunzel in der Disney-Version schon ganz schön frech, selbstbewußt und eigen ist, sie braucht doch immer noch den Mann, um errettet und befreit zu werden – sexuelle Untertöne (die Kinder werden sie übersehen, die Erwachsenen nicht übersehen können) eingeschlossen.

Aber der Abend war einfach vergnüglich (ein Sonntagabend ohne Kinder…) und das lag auch daran, daß wir bei der Vorpremiere im Grand Rex, das schon allein seines außergewöhnlichen Innenraums wegen einen Besuch wert ist (Größe und Dekor kann man auf den Fotos hier immerhin erahnen) nicht wußten, was uns erwarten würde. Das Kino war schon im Vorraum ganz auf den Film ausgerichtet (siehe Foto oben, meins), und als Vorprogramm war „La Féérie des Eaux“ angekündigt – wir Ahnungslose dachten an eine kleine Vorführung, eher noch einen Kurzfilm… weit gefehlt.

Das Grand Rex verfügt, weil es nicht nur Kino ist, über eine richtige Bühne, und diese läßt sich offenbar wasserfest machen, so daß für eine Show mit Springbrunnen, Laserstrahlen und Musik Platz und Möglichkeiten bereitstehen. Zumal in diesem Raum, der für 2650 Personen Platz bietet, eine fast surreale Erfahrung, die das ausschließlich erwachsene Publikum von vielleicht fünfzig Zuschauer_innen (es war die englischsprachige Abendvorstellung) mit großem Amüsemang aufsaugte.

Dieses Video (nicht meins) gibt einen Eindruck von dem „Spectacle“:

Und hier gibt es noch (via) einen Clip, der wohl einen frühen Entwurf des Rapunzel-Films widerspiegelt, wie ihn Glen Keane überlegt hatte:

Das wäre wohl ein gänzlich anderer Film geworden.

Scott Pilgrim vs. the World (2010)

Ich habe Scott Pilgrim vs. the World dank der freundlichen Unterstützung von geekculture.fr vorab sehen können – der Film läuft in Frankreich am 1. Dezember an.

Ich muß gestehen: Als ich vor einigen Monaten den ersten Trailer zu Scott Pilgrim vs. the World zu Gesicht bekam, war ich schon ziemlich irritiert und hatte vor allem das Gefühl, einer völlig überdrehten Bonbonproduktion beim Entstehen zuzusehen, die mir vermutlich nichts zu sagen haben würde.

Aber irgendjemand in diesem wunderbaren Ding Internet empfahl mir (oder empfahl vielleicht eher generell der Welt, und mich streifte das eben auch) die Lektüre der Comics (Amazon-Link zum Set-in-a-Box), und nachdem ich mich erst vorsichtig mit den ersten beiden Bänden angeschlichen hatte, konnte ich dann kaum erwarten, daß endlich, endlich in den USA der siebte und letzte Band auch noch erscheinen möge. Denn die Comics gehören zu den witzigsten und flottesten Bestandsaufnahmen der (meiner) Jugendkultur, die ich kenne – sie lassen sich wie im Rausch lesen, sie sind extrem schnell (und selbst schon fast filmisch), offenbar vom japanischen Manga und der westlichen Graphic Novel geschult.

Vor allem aber habe ich nach Lektüre der Comics verstanden, warum Edgar Wright den Film so anlegen mußte, wie es der Trailer andeutete, warum der Film so schnell und blinkend beschaffen sein muß, um als Adaption seiner zugleich völlig anderen Vorlage treu zu bleiben.

Denn natürlich sind die Akteur_innen im Film – vor allem Michael Cera und Mary Elizabeth Winstead – keine Mangafiguren, und Wright hat sie auch nicht ihren Comicvorbildern durch Computertechnik angeglichen. Stattdessen hat er sich entschieden, das Element der Computerspiele stärker zu betonen und ansonsten über visuelle Tricks und Übertreibungen den Zustand des comic-haften herzustellen. Dazu gehören nicht zuletzt Momente, in denen Ton und Geräusche als Schrift im Film sichtbar werden – allein das Thema Typographie in Scott Pilgrim wird Stoff für einige Magistraarbeiten abwerfen. An einigen Stellen gibt es zudem, vor allem in Rückblicken auf Scotts Vergangenheit, noch ein paar gezeichnete Szenen zu sehen, die dem Ursprungsmedium Reverenz erweisen.

[filminfo_box]

Scott Pilgrim ist natürlich, vor allem anderen, eine verspätet einsetzende Coming-of-Age-Geschichte in einem ob des Alters der Twen-Protagonist_innen weitgehend von Eltern befreiten Universum, in dem Slacker, Student_innen und Rumjobbende nebeneinander her existieren – eine Welt, die so sehr der westlichen weißen Mainstream-Mittelklasse entstammt wie all die Referenzen, die Wrights Film übereinander häuft, ineinander verdreht und verschwurbelt: Wenn Scott Pilgrim der Film einer Generation geworden ist, wie frühe Kritiken ihn enthusiasmiert feierten, so ist da allenfalls von dieser Teilgruppe die Rede. (Und daß Scott Pilgrim für seine Beziehung mit der asiatischstämmigen und allerdings auch viel zu jungen Knives Chau (Ellen Wong) Anerkennung von den Männern seiner Peergroup erhält, hat natürlich auch genau damit zu tun.)

Und auch das ist der Film: Ein 8-Bit-Nerdfest, eine retro-nostalgische Feier der Computerspiel- und Popkultur, und schließlich, und das ist das wirklich Sympathische daran: Eine Suche nach unseren Ängsten und Emotionen in den Bildern, die sich auf den Bildschirmen unserer Jugend abspielten.

Dafür macht Wright, machte schon der Comic die Kämpfe und Konflikte des Erwachsenwerdens zu wörtlich verstandenen Bildern, die Geister und Eifersüchte der Vergangenheit, die eine frische Beziehung heimsuchen können, zu de-facto Kämpfen mit den „Seven Evil Ex-es“ von Ramona, die Scott begehrt: Daß diese in einer Form von Realität stattfinden, die offenbar mit „unseren“ physikalischen Weltgesetzen wenig zu tun haben will, nehmen schon die diegetischen Zuschauer_innen im Film klaglos hin; warum sollten wir es anders halten?

Bei diesen Kämpfen zeigt sich schon, was Wright mit dem filmischen Raum anstellt: ihn nämlich aufreißen, öffnen, ständig verändern. Auffallend häufig brechen sich in den Kämpfen den Weg in die Tiefe der Leinwand hinein, durch Mauern und Decken, lassen keine normalen Begrenzungen gelten. Das setzt der Film konsequent auch über die Kämpfe hinaus fort, in der Wüste, die gelegentlich zu sehen ist, den Türen, durch die Ramona verschwindet, und im Wechsel des Bildformats, das ab und an zum extremen Breitbild wird.

Beschleunigung, aber auch Emotionen übersetzt der Film in Raum, der sich dehnt oder staucht, zugleich wirkt der filmische Raum oft wie konzentriert auf die Protagonist_innen auch dadurch, daß er von allen Nebeneinflüssen gereinigt wird. Natürlich gibt es Partys, Konzerte, die Szenen in Coffeeshops und in der Bibliothek; aber immer wieder dazwischen Bilder, oft dem Comic fast 1:1 entliehen (und dem realen Toronto zudem), in dem niemand zu sehen ist außer Scott und Ramona, in dem die Hintergründe aller überflüssiger Elemente und Informationen ledig sind.

Zwei große Probleme schleppt der Film gleichwohl mit sich herum, die eng miteinander verwoben sind. Das eine ist, daß man sich nicht so recht vorstellen kann, was Scott und Ramona aneinander finden. Scott wirkt hier schon in den einleitenden Szenen – mehr noch als in der Vorlage – wie ein egozentrischer Langweiler, bei dem man sich fragen muß, was das „demon hipster chick“ Envy Adams jemals an ihm fand, von Ramona zu schweigen. Die Dialoge des ersten Dates schließlich, die Ramonas Zuneigung einigermaßen erklären könnten, sind im Film nur noch in Bruchstücken vorhanden, und wenn Scott so ganz Michael-Cera-haft dorky neben der coolen, schicken Frau aus New York herläuft, dann nimmt man ihr ihre Zuneigung einfach nicht ab. Denn nur Mitleid kann es auch nicht sein.

Daß Scott sich dann später als persistent Liebender erweist, ist natürlich die Handlung des Films – und diese Hartnäckigkeit, nebst Selbstwertgefühl und derlei, zu erwerben, gehört zu den Lektionen, die die Geschichte ihm aufbürdet. Aber das ist später: Gründe für diese Liebe sehen wir nie.

Das andere Problem von Scott Pilgrim ist, daß der Film in seiner zweiten Hälfte einen Kampf an den anderen reiht; schließlich sind die sieben Ex-es zu besiegen, und die Konventionen des Kinos verlangen, daß nicht der dritte Kampf langweiliger und kürzer als der zweite wird. Leider sperrt sich da Wright nicht gegen das Gewohnte, sondern läßt sich zu sehr ins Actiongenre ziehen. Die Kämpfe bekommen damit ein unverhältnismäßiges Gewicht, obwohl sie in den Büchern meist auf wenigen Seiten, in wenigen Panels abgehakt sind; auf diese Weise werden sie aber rasch eintönig und redundant.

Der Film verliert dadurch seinen anfangs gut etablierten Rhythmus – am Ende wünscht man sich nichts sehnlicher als etwas mehr Figurenentwicklung, etwas mehr Auseinandersetzung jenseits der computerspielartigen Fights. Denn auch diese kann der Film offenbar, sogar ziemlich gut, nicht zuletzt wegen seiner Schauspieler_innen. Die starke Betonung der Kämpfe aber läßt – siehe oben – charakterlich Essentielles unter den Tisch fallen und sorgt für eine Unwucht in der Dramaturgie des ganzen Films.

Das ist umso bedauerlicher, als man eigentlich enorm viel Spaß hat bei diesem Film. Er ist vor allem nämlich eine Freude für Aug‘ und Ohr‘.

(Update: Dank @_peekaboo wurde ich daran erinnert, daß ich eigentlich noch aus Thorstens schöner Kritik hatte zitieren wollen: Dramaturgisch und geschlechterpolitisch ist Scott Pilgrim […] auf dem Niveau von „Donkey Kong“. Aber er mochte den Film dennoch sehr. Ich fühle mich verstanden.)

Fotos: Universal