Science of Horror (2008)

Science Of Horror – If the chainsaw is a penis (Homepage) ist ein kluger kleiner Dokumentarfilm, der sich ausführlich, aber nicht ausschließlich mit feministisch orientierten Untersuchungen zum Horrorfilm beschäftigt.

Mittels vieler Interviewausschnitte aus Gesprächen mit etwa Carol Clover, Judith Halberstam, Barbara Creed und Linda Williams einerseits, zum Beispiel Wes Craven, John Carpenter, Brian Yuzna, Tom Savini und Rachel Talalay andererseits zeigt der Film, in welch vielfältiger Hinsicht Sex, Sexualität, Geschlecht und Schrecken zueinander finden – einige davon kann man im Gespräch erahnen, das Cristina Nord für die taz mit der Regisseurin Katharina Klewinghaus geführt hat. Das reicht von der Frage, inwieweit Zensur produktiv wird – frei nach Michel Foucault als produktive Macht beschrieben -, die zur Herausbildung spezifischer Codes und Verstehensformen führen kann, bis hin zum deessentialisierenden gender-bending in Bride of Chucky und Seed of Chucky. Das zeigt schon, daß der Film weit über die im Untertitel verwendete Parallelisierung von Kettensäge und Penis (was sich natürlich insbesondere auf The Texas Chainsaw Massacre 2 bezieht) hinausweist.

Wem das Neuland ist, wird Science of Horror sicher mit Gewinn ansehen; wenn man sich mit solchen Fragen schon etwas eingehender beschäftigt hat, bietet der Film zwar womöglich keine besonders aufregenden neuen Erkenntnisse, aber neben der einen oder anderen womöglich neuen Perspektive auf jeden Fall die Möglichkeit des Films, das Gesagte sofort durch bewegte Bilder zu illustrieren und zu unterfüttern. (Im Wesentlichen wechseln sich hier Filmausschnitte und Talking Heads ab.)

Das Problem ist dabei allenfalls, daß dies nicht konsequent genug dazu genutzt wird, um die Themen wirklich argumentativ zu entwickeln – am Ende bleibt dann zu viel nebeneinander stehen, das sich ohne eine weitergehende Auseinandersetzung kaum verbinden läßt. Das liegt natürlich auch ein bißchen an Form und Länge des Dokumentarfilms: Eine Überfrachtung ist schließlich, wie das thematisch verwandte Beispiel Nightmares in Red, White and Blue zeigt, auch keineswegs wünschenswert.

Jennifer’s Body (2009)

Update 13.11.2009: Dieses sehr lesenswerte Portrait von Megan Fox, das zugleich eingehende Analyse ihrer star persona ist (und ihrer eigenen Rolle in der Herstellung derselben) läßt meine letzten paar Absätze unten durchaus noch ein bißchen weiter ausgreifend schillern. Unbedingt empfehlenswert.

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Ich habe mich schon einigermaßen ausführlich auf critic.de zu Jennifer’s Body geäußert, für den ich nach wie vor und auch nach längerem Nachdenken sehr gemischte Gefühle hege.

Ein paar Gedanken und Anmerkungen habe ich, vor allem aus Gründen der Textökonomie, für den Text weggelassen, darauf möchte ich hier noch kurz eingehen. (In der Kritik stehen alle Basisinformationen, auf die ich mich z.T. beziehen werde, die eine oder der andere wird die also vorher lesen wollen… ;-) )

Ein Nebenaspekt, der mir ganz gut gefallen hat, ist die Auseinandersetzung mit dem Post-9/11-Gedenkkitsch, die hier zunächst frontal thematisiert wird und später in der Art und Weise aufgeht, mit der die Menschen von Devil’s Kettle (den gleichnamigen Wasserfall, der im Film eine Rolle spielt, gibt es übrigens tatsächlich) das Gedenken an die Toten des Feuers in der Bar und an die ermordeten jungen Männer praktizieren.

Es beginnt mit einem 9/11-Cocktail, den Jennifer den Bandmitgliedern von „Low Shoulder“ anbietet – in den amerikanischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot, aber man muß schnell trinken, bevor sich die Farben zu einer braunen Suppe vermischen. Das geht dann weiter damit, daß das Gedenken an das Leiden anderer explizit zur Gemeinschaftsbildung dienen soll – inklusive „inoffizieller Hymne“, natürlich von „Low Shoulder“.

Die Art und Weise, wie der Cocktail präsentiert wird, manifestiert die distanzierte Haltung des Films zu solchen Mechanismen, und die Fortsetzung dieses Themenstrangs durch den ganzen Film ist deshalb sicher kein Zufall. Möglicherweise habe ich dabei noch einige Stellen übersehen, an der sich der Film kritisch auf Konzepte wie Nation oder Gemeinschaft bezieht – für entsprechende Hinweise wäre ich sehr dankbar.

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Genevieve/ScarletScribe hat ausführlich argumentiert, warum sie Jennifer’s Body für einen feministischen Film hält; ich bin allerdings noch nicht vollständig von den Argumenten überzeugt.

Natürlich trifft es zu, daß es hier zwei weibliche Hauptpersonen gibt, die nicht nur ausführlich miteinander reden, sondern die auch Interessen haben und miteinander Teilen, die nichts mit Männern zu tun haben – der Film erfüllt also in doppelter Hinsicht den Bechdel-Test, einen möglichen Indikator für Sexismus im Film. (Daß die beiden dennoch an Männern interessiert sind, wenn auch mit unterschiedlichen Motiven – Liebe, Nahrungsaufnahme – spielt dabei keine Rolle.)

Aber genügt es schon, daß ein Film nicht sexistisch ist, um ihn feministisch zu nennen? Es gibt wahrlich nicht genug Filme, die starke Frauen so in den Vordergrund rücken und bei denen auch noch Regie und Drehbuch in Frauenhand liegen, alles heftige Desiderata, aber eine explizit oder implizit politische Position des Films erscheint mir für eine solche Einordnung doch wichtig. Oder sind wir feministisch schon so ausgehungert, daß ein nicht-sexistischer Film gleich als politisches Statement gelten muß?

Oder versteckt sich hier ein politischer Film, und ich habe es nur nicht so genau bemerkt? Ich lasse mich da gerne auf Details oder große Linien aufmerksam machen.

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Stark finde ich an Jennifer’s Body die Art und Weise, wie der Film und Megan Fox mit Fox‘ star persona spielen, denn natürlich ist sie für diese Rolle nahezu perfekt besetzt, gilt sie doch als „Sexbombe“ mit großer Klappe und wenig Hirnschmalz. (Daß sie ihre Rolle nicht mit etwas mehr Tiefe auszustatten weiß und vielleicht wirklich keine besonders talentierte Schauspielerin ist, ist eine andere Sache.)

Hier liegt, glaube ich, auch ein Punkt in dem sich Genevieve in ihrem oben verlinkten Text irrt: Denn natürlich kann man Fox‘ Jennifer dafür kritisieren, daß sie sich selbst als Sexualobjekt wahrnimmt und so wahrgenommen werden will. Allerdings ist sich Jennifer zugleich sehr darüber bewußt, daß sie aus der Umsetzung dieser Haltung heraus etwas erlangt, was man wohl, mit etwas begrifflicher Toleranz, als agency bezeichnen könnte: Aus der Rolle als Sexualobjekt gewinnt sie (schließlich auch noch verstärkt durch ihre Dämonenkräfte) eine Machtposition, die sie zu eigenem Handeln ermächtigt. Ihr Körper ist dabei das Mittel ihrer Wahl.

Daß sie sich dabei gleichzeitig in Abhängigkeit von Anderen, von gesellschaftlichen Schönheitskonventionen etc. begibt und nur innerhalb dieser Kontexte existieren kann, ist davon unbenommen; so einfach sind diese Machtzuweisungen nicht, daß man ohne solches auskäme.

Der Film fällt im übrigen nicht in die Falle, Jennifer nur aus diesen Machtstrukturen heraus ernst zu nehmen; dem entzieht er sich, indem er vor allem Needys Perspektive einnimmt.

Nicht zuletzt deshalb richtet sich der Film womöglich wirklich zunächst an Frauen; bzw. an Menschen, die an Freundschaften zwischen Frauen interessiert sind. Insofern liegt das Marketing für den Film, wie mir scheint, weltweit völlig daneben, wenn es sich immerzu auf Jennifer in sexuell anzüglichen Posen konzentriert; selbst das Werbematerial des deutschen Verleihs gibt kaum Bilder her, in dem Jennifer und Needy gemeinsam zu sehen sind.

Fotos: 20th Century Fox

Transporter 3 (2008)

Unter den bislang drei Transporter-Filmen (und, mal ehrlich, das reicht dann jetzt auch) ist Transporter 3 der womöglich am wenigsten aufregende und spektakuläre. Der erste Film brachte 2002 seinen Hauptdarsteller Jason Statham endlich ins Bewußtsein eines breiten Publikums, inzwischen hat es der Mann zum ungekrönten König des B-Actionkinos (viel Geld, viel Wums, aber eher nicht ganz so viel Anspruch) gebracht; gerne möchte man ihn mal Seite an Seite mit der Königin Milla Jovovich Sachen kaputtmachen und Tritte austeilen sehen.

Alle drei Filme stellen ihren Star aber immer schon in den Mittelpunkt des Geschehens, in Transporter 3 wird der Erzählung von Frank Martin/Jason Statham als Spektakel und Sehenswürdigkeit aber ein Aspekt besonders betont, der meiner Erinnerung nach in den anderen beiden Filmen keine solche Rolle spielt: Der weibliche Blick.

Die Älteren unter uns werden sich an eine der klassischen Positionen der feministischen Filmwissenschaft erinnern, die, mehr oder minder frei nach Laura Mulvey („Visuelle Lust und narratives Kino“; Originaltext als PDF) und arg reduziert, den Blick als männlich beschreibt; Aufgabe der Frau ist es, angesehen zu werden.

Daß die Verhältnisse etwas komplizierter sind, hat auch Mulvey selbst inzwischen beschrieben; insbesondere der männliche Körper im Actionkino muß auch unter dem Aspekt betrachtet werden, daß er als Spektakel ausgestellt wird; so sehr der Mann Agens sein mag, er ist immer auch das Objekt des (unseres) Blicks.

Transporter 3 präsentiert ihn aber zusätzlich noch als Objekt des weiblichen Blicks. Hier etwa bei Frank Martins ausgedehntem Kampf während eines Zwischenstops auf dem Weg nach Budapest. Valentina (Natalya Rudakova) blickt zunächst amüsiert zu.

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Als Martin sich dann im Verlauf des Kampfes seines Hemdes entledigt (um es sogleich als Waffe einzusetzen, versteht sich), wirkt sie deutlich interessierter.

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Viel später kommt sie in den Besitz des Autoschlüssels und zeigt ihr vorher gewecktes sexuelles Interesse dadurch, daß sie ihn strippen läßt, wovon er nicht besonders begeistert ist.

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Bemerkenswert ist hier übrigens, daß hinter Martin immer sein Auto noch zu sehen ist, trotz einer wilden Verfolgungsjagd durch Wald und Gebüsch so makellos wie der Mann, der es fährt. Fetisch, anyone?

Transporter 3 inszeniert sehr explizit die Umkehrung der Blickrichtung zur Perspektive der (natürlich heterosexuell gedachten) Frau und spart sich dankenswerterweise auch, die eh knapp bekleidete Protagonistin ihrerseits entkleidet zu zeigen.

Man sollte diesen Perspektivwechsel allerdings keineswegs damit verwechseln, daß sie etwa zur aktiv handelnden Figur im Geschehen würde; das Gegenteil ist der Fall. Valentina ist stets nur passives Objekt; sie ist „the package“, im Grunde der MacGuffin des Films. Ihr Beitrag zur eigentlichen Handlung ist praktisch Null, sieht man einmal davon ab, daß ihre sexuelle Initiative dem Protagonisten eine Sexszene ermöglicht, ohne daß dieser von sich aus (evtl. gar aggressiv) aktiv werden müßte. Das dient natürlich auch der (ethischen) Positionierung der Figur als edlem, keuschem Ritter; zugleich aber betont es nur noch einmal, wie sehr der Film ganz und gar Spektakel ist.

Fotos: Screenshots von der DVD/Universum Film