Takers (2010)

Was ist eigentlich mit der Kunst geschehen, eine Verfolgungsjagd ordentlich zu inszenieren? Da gab es ja einstmals so revolutionäre Momente wie in The French Connection im Auto quer durch die Stadt einer Hochbahn hinterher – und jeden Moment der Jagd durchlebt man mit, stets weiß man aber auch, was passiert. Nach dem letzten Wochenende muß ich annehmen, dieses spezifische Inszenierungsvermögen sei wohl nach Europa ausgewandert, denn da konnte ich sehen, daß in À bout portant Fred Cavayé zeigt, wie man das macht – und in Takers bekommt man stattdessen den Eindruck, daß John Luessenhop seine Kameraleute gezielt hin- und hergeschubst hat, weil er verwackelte Bilder für spannungsfördernd hält. Örks.

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Dabei fängt es alles recht hübsch an. Eine Gruppe von gutaussehenden, wohlgekleideten Männern beschäftigt sich in ihrer Freizeit damit, perfekt durchgeplante Überfälle zu begehen – man kann sie dabei beobachten, wie sie eine Bank mitten in einem Wolkenkratzer ausnehmen, ohne daß jemand zu Schaden kommt, samt der elegantest eingefädelten Flucht der letzten Filmjahre. Am Abend drauf treffen sie sich wieder, man vertraut einander, ist freundlich zueinander und generell macht das viele Geld da keinen Unterschied, denn man kennt sich offenbar noch aus der Kindheit im Rinnstein.

Wer jetzt erwartet, daß da unter der Oberfläche etwas lauern könnte, wird tief enttäuscht werden. Die Figuren bleiben so blaß und wohlerzogen, wie es nur irgend geht – die etwas wichtigeren Personen (Idris Elba, Paul Walker, Tip „T.I.“ Harris) bekommen ein kleines persönliches Problem oder Charakteristikum aus der Grabbelkiste des Genres angepappt (hier eine alkoholkranke Schwester, dort eine hübsche Frau – Zoe Saldana ist als eye candy und trophy wife überqualifiziert und unterbeschäftigt), die sich dann prompt auch ganz den üblichen Erwartungen gemäß verhalten. Dann gibt es noch einen Cop (Matt Damon) mit kaputter Ehe, der keine rechte Beziehung zu seiner Tochter hinkriegt, weil er sich von seiner Arbeit auffressen läßt.

All das führt nie irgendwohin, sondern bleibt funktionales Beiwerk, das die essentielle Leere der Figurenzeichnung verdecken soll; wie zum Ausgleich sind die wahren Antagonisten dann auch aufs Peinlichste reduziert: Trinkende, im Geiste grobschlächtige Russen mit großen Gewehren. Richtung Ende, nachdem ein (das immerhin thematisiert der Film auch explizit) direkt aus The Italian Job geklauter Heist gnadenlos schief geht, wird es dann hektisch und nervös; es gibt jede Menge Schießereien und jede Menge Tote, aber an Komplexität nimmt der Film nicht mehr zu, und seine Nebenthemen versanden in einem pseudoversöhnlichen Schluß.

Foto: Sony Pictures

Kurz verlinkt, 25. November 2010

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (19. November 2010 bis 25. November 2010):

Armored (2009)

„No one is going to get hurt. Promise.“

Das ist so ein Satz, mit dem zumindest im Film die Katastrophe ex negativo praktisch immer schon angekündigt wird. Wer auf diese Weise in eine kleine oder auch größere Straftat hinein überredet wird, darf davon ausgehen, bald mit den Füßen knietief durch Blut waten zu müssen – und entweder die erwünschte Unschuld zu verlieren, oder sie mit womöglich nicht weniger Brutalität verteidigen zu müssen.

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Insofern nimmt die Geschichte von Armored ihren gewissermaßen zwingenden Verlauf: Die Besatzungen zweier Geldtransporter verabreden sich, gemeinsam das Geld aus ihren Wagen verschwinden zu lassen und einen Überfall vorzutäuschen. Und daß Drahtzieher Mike (Matt Dillon) den Neuling Ty (Columbus Short) erst mühsam und in letzter Minute zur Teilnahme bringen kann, macht natürlich schon zu Beginn beispielhaft deutlich, daß die Motivation der Teilnehmer an diesem Raubzug womöglich recht unterschiedlich ist.

Mike und Ty sind eng verbunden: Tys Eltern waren Mikes Freunde und sind frisch verstorben; Ty, gerade aus der Armee entlassen, muß für sich und seinen kleinen Bruder sorgen, aber die Schulden wachsen ihm über den Kopf. Und gerade, als er sich entschieden hatte, Mike und seinen Kumpanen nicht zu helfen, steht natürlich die Frau von der Kinderfürsorge in seiner Küche und will Ty zu einer Pflegefamilie schicken.

Nimród Antal macht das hier wieder sehr dicht und sehr klassisch, wie er die Figuren aufstellt, Ty klar ins Zentrum der Erzählung rückt; alle anderen Beteiligten werden nur en passant charakterisiert, aber klar zueinander (und natürlich, später wird sich die Gruppe ja in Blut, Schweiß und Tränen auflösen: gegeneinander) positioniert.

So altmodisch-rustikal das eingefädelt und inszeniert ist, so kommen auch die Geldtransporter daher, fast sind sie schon aus der Zeit gefallen, so unwirklich wirkt das heutzutage: Noch ohne GPS, viel Metall und Stahl. Der Rost der alten Fabrik, die zum hauptsächlichen Schauplatz wird, spiegelt den Rost der Technik wieder. Altmodisches Suspense-Kino also, das sich am Anfang viel Zeit läßt und dann aber in wenigen Momenten vollständig kippt. Oder, wie Jochen Werner das für critic.de beschrieben hat:

Die Zeit, die Antal braucht, um vom scheinbar reibungslosen Ablauf zur vollständigen Eskalation zu gelangen und eine Frontlinie durch die Clique seiner Protagonisten zu ziehen, ist in Sekunden zu bemessen […].

Anschließend stapelt Antal Verzweiflung auf Verwicklung, während die Menschen aufeinander losgehen, in den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen gefangen, und natürlich muß das auf eine zwingende Katastrophe hinauslaufen, in der niemand ohne Verletzungen bleibt. Dies ist kein Gentlemen’s Meeting wie bei Danny Ocean, hier geht es sehr proletarisch mit Schweiß und Fluchen zur Sache.

Der Titel Armored beschreibt auch nicht nur das Auto, sondern geht darüber hinaus: Denn der Film bildet Schichten von Ausweglosigkeit und persönlicher Seelenpanzerung ab, aber eben auch jene alte Fabrik, in der es keinen Funkempfang gibt, sondern Stahlwände ringsum, komplette Abgrenzung nach außen, gar die Unmöglichkeit jeder Kontaktaufnahme.

Vacancy (2007)

Nachdem ich Predators gesehen hatte (Kritik), schien es mir dringend an der Zeit, endlich mal Nimród Antals andere Filme nachzuholen, die schon länger in meiner Warteschleife kursierten. Begonnen habe ich mit Vacancy, der in Deutschland als Motel vermarktet wurde, womit man sicher im Namen an die Hostel-Filme anknüpfen wollte.

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Die Geschichte ist ja relativ schlicht: Ein Paar (Luke Wilson und Kate Beckinsale), dessen Ehe nach dem Tod des gemeinsamen Kindes gerade zerbricht, verfährt sich auf dem Heimweg von einem Familientreffen im amerikanischen Hinterland. Sie stranden in einem einsamen Motel, und in der Honeymoon-Suite stellen sie bald fest, daß sie offenbar zu unfreiwilligen Hauptdarstellern eines Snuff-Movie werden sollen: Überall im Zimmer sind Kameras versteckt, und schon machen sich der Rezeptionist und zwei Handlanger daran, sie in Angst und Schrecken zu versetzen.

Vacancy ist alles andere als ein blutiger Slasher, im Gegenteil, es passiert im Grunde lange Zeit nichts, die Bedrohung findet primär in den Köpfen der Opfer (und der Zuschauer_innen) statt – das ist näher an einem Psychothriller wie The Strangers (meine Kritik) dran als an Hostel, auf den er sich zu beziehen scheint.

Gleichwohl schreibt sich der Film – auf dem Umweg über den Mythos der „Snuff Movies“ – in die Diskussion um die im angeblichen „torture porn“ gezeigten Grausamkeiten ein; allerdings nutzt der Film, wie Maurice in seiner Kritik richtig feststellt, die medialen Ebenen, die er durch die vielen Kameras und Videobänder aufbaut, praktisch nicht dazu aus, um eine ernsthafte Reflektion des Mediums und seiner Produktions- und Rezeptionsbedingungen anzutreiben. Antal beschränkt sich hier darauf, im Augenblick des Todes die Gesichter der Sterbenden einzufangen; für eine ernsthafte Spiegelung des Snuff-Voyeurismus auf das (Horror-)Kinopublikum geht das nicht weit genug.

Was dem Regisseur – und da trifft sich Vacancy mit seiner Arbeit in Predators – allerdings hervorragend gelingt ist die sauerstoffreiche Beatmung von fast schon stereotypen Genreelementen, bis diese sich tatsächlich zu einem gekonnt verknappten (85 Minuten) und reduzierten Spannungsbogen fügen, der sich gewaschen hat. Antal ist old school: Spannung entsteht durch Musik, geweitete Augen und vor allem gekonnte Kadrierung, Ausschnitte, Bewegungen im Hintergrund. Gelegentlich hat das die Eleganz eines Holzhammers – wenn etwa Mann und Frau, anfangs im Auto, fast nie nebeneinander, sondern nur in Einzelaufnahmen zu sehen sind, mit viel dunklem Raum neben sich, dann muß man dem Paar gar nicht zuhören, wie sie sich angiften, die Entfremdung kriegt man auch visuell wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht geworfen. Wirkungsvoll ist das allemal.

Was Antal da macht, ist eine Rückbesinnung auf traditionelle Qualitäten – aktualisiert und angepaßt an Sehgewohnheiten und -erfahrungen seines aktuellen Publikums. Er verweist im Film sehr deutlich darauf – nicht nur im sehr klassisch anmutenden Vorspann, und darin, daß das Motel insgesamt aus den 1970er, 1980er Jahren stammen könnte (was die dem Backwoods-Slasher ähnelnde geographische Ausgangslage unterstreicht); er tut es vor allem durch die Ästhetik der Videofilme, die das Ehepaar in ihrem Zimmer finden: Technologisch und mit ihren verwaschenen Farben sind sie Relikte einer vergehenden Zeit, aber auch die Menschen, die in den Snuffstreifen zu sehen sind, wirken in Frisuren und vor allem mit ihrer Kleidung, als seien sie aus der Zeit gefallen.

Amer (2009)

(Dieser Text ist zuerst im März 2010 in der Splatting Image Nr. 81 erschienen.)

Von Anfang an sind die Augen da, im Vorspann mit Splitscreen gar drei Paar gleichzeitig – da kündigt der Film seine eigene Struktur schon an, nur merkt man es noch nicht. Kratziges Filmmaterial bieten die Opening Credits, und mit der eingesetzten Type, der geteilten Leinwand und der Musik wird man flugs in die Filmwelt der 1970er Jahre versetzt, und das ist Absicht, und das ist erst der Anfang.

Amer ist der erste Langfilm von Hélène Cattet und Bruno Forzani, die schon mit ihren Kurzfilmen La fin de notre amour (2004) und Santos Palace (2006) auf sich aufmerksam gemacht hatten. Ihr neuestes Projekt, vom französischen Verleih gerne als „Neo-Giallo“ angekündigt, lässt mit jedem Atemzug der Protagonistin die Begeisterung der zwei Regisseure für den Giallo erkennen; Amer ist keine Hommage, er ist eine Liebeserklärung.

Was in dem Film geschieht, ist gar nicht so bedeutsam – wie wir es erleben, ist ungleich wichtiger. Wir sehen und hören, was Ana geschieht, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups (dabei immer wieder Augen, Schlüssellöcher, Spiegel), rätselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise überstrahlt, fast immer mit selektiv verstärktem Ton. Geräusche: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schlüssels im Schloss, eine zufallende Tür, knarzende Holzbohlen. Man sollte diesen Film in einem guten Kino sehen, wo das Sounddesign sich entfalten kann.

Die Handlung besteht nur aus drei Momentaufnahmen aus dem Leben der jungen Ana. Als Kind lebt Ana mit ihren Eltern in einem alten Landhaus; die Großmutter bewohnt das Zimmer nebenan, sie ist ganz in schwarz gehüllt, gesichtslos, unheimlich; Anas Großvater ist just gestorben und liegt in einem verschlossenen Zimmer aufgebahrt.

Man sieht dann die jugendliche Ana beim Einkauf mit ihrer Mutter im benachbarten Dorf (wir sind wohl in der französischen Provinz), alles ist andeutungsvoll, sexuell aufgeladen: Atemgeräusche, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schweißtropfen. Als Erwachsene kehrt sie schließlich zu dem nun verlassen stehenden Haus zurück, in dem sie als Kind gewohnt hat. Kindheit, Jugend und Erwachsenendasein korrespondieren in diesen Bildern mit dem Unheimlichen (und unseren Ängsten davor, den Schatten im Haus, den Blicken der Toten), dem Begehren (in dem alles sich aufs Sexuelle beziehen kann) und schließlich: vielleicht einer Verbindung von beidem zu etwas Drittem.

Es wird wenig gesprochen in Amer; es geht hier nicht um echte Kontaktaufnahme zur Außenwelt, alles ist Innensicht und Wahrnehmung, in der sich Phantasie, Begehren, Furcht und Realität nicht voneinander abgrenzen lassen. (Wie sehr man darin versinkt, merkt man eigentlich nur, als einmal mit einem abrupten Klaps die Außenwelt ihr Recht einfordert.) Das heißt aber auch: Der Film verlässt sich ganz auf seine Hauptdarstellerinnen (nacheinander: Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud und Marie Bos), die hier all das transportieren und verbinden müssen, was Farbe, Bildausschnitte und Ton nicht zu leisten vermögen.

Das Fragmentarische, Elliptische und Selektive ist ganz und gar Pro- wie Psychogramm. Zwar ist die Ästhetik kein Selbstzweck und weist in ihrer Bedeutung auch über den Film selbst hinaus. Zunächst aber dient sie ihm: Was da in den ersten Minuten irritierend wie zerrissenes, experimentelles Avantgardekino daherkommt, will und kann doch etwas ganz anderes. (Aber es wird Buñuel und Dalí ehrfürchtig und schrecklich Reverenz erwiesen; Genrefans können beruhigt sein: Blut fließt.)

Amer ist intensiv, dicht, erotisch und gruselig; wenn man sich einmal in diese filmische Entsprechung eines Stream-of-Consciousness, oder vielleicht besser: Stream-of-Sensations eingefunden hat; entwickelt sie einen ungeheuren Sog. Ein Triptychon von Furcht und Begehren öffnet sich da vor unseren Augen (wobei beides hier, in der Haut der Protagonistin, stets weiblich gedacht bzw. inszeniert wird – letztendlich liegt das aber in der Reduktion des Films auf eine einzelne Figur, nicht an irgendeiner Form von aufs Geschlecht bezogenen Essentialismen).

Amer greift Themen und Mittel des Giallo auf und konzentriert sie auf ihre direkten filmischen Ausdrucksformen: Was übrig bleibt, sind die ästhetischen Konventionen des Giallo (aber nicht nur sie) in nahezu reiner Gestalt. Hier unterwirft sich nicht die Form unter eine Handlung, die Handlung entsteht erst aus der kunstvollen Anwendung der Mittel – und erst in unserem Kopf. Amer macht den Zuschauer, Auge und Ohr, bewusst und explizit zum Mittäter, der die Ereignisse erst konstruieren muss, um dem Film konventionelle Handlungsstringenz abpressen zu können.

Diese Konzentration auf die Form erlaubt eine ästhetische Spurensuche, eine Archäologie des Genres, bei der aus dem Blick auf einzelne Elemente zutage tritt, welchen Traditionen der Giallo entstammt: dem Gruselfilm, dem erotischen Kino, natürlich dem Thriller. Amer ist deshalb kein „Neo-Giallo“ im eigentlichen Sinne, er betreibt keine Neufassung oder Wiederbelebung des Genres; man könnte ihn allenfalls einen Meta-Giallo nennen, wenn das nicht viel zu theoretisch und abstrakt klänge für diesen Film, der vor allem eines ist: konkret, im Moment.

Die leuchtenden Farben – strahlend rot sind Blut und manche Gegenstände, manche Einstellungen sind fast monochromatisch lila oder grün – sind so nicht nur Verweis, sie betonen auch die Dichte des einzelnen Moments. Amer greift zwar Bestehendes auf, entwickelt daraus jedoch seine eigene Ästhetik. Und bleibt doch Hommage: Die Musik ist Filmen wie La coda dello scorpione (1971) und La tarantola dal ventre nero (1971) entliehen, und Anas altes Landhaus scheint, wie vieles andere in diesem Film, unmittelbar Argentos Profondo rosso (1975) entsprungen zu sein, für den Cattet und Forzani in Interviews große Zuneigung bekundet haben.

Hier lieben zwei Menschen das Kino sehr und aus ihrer Liebe einen zarten Diamanten geschliffen. Es ist ein Glück, dass wir solche Filme haben.


Hier der Trailer:

Hier noch ein Clip aus dem Film:

Fotos: amer-film.com

Echelon Conspiracy (2009)

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Achtung, diese Besprechung enthält so einige Spoiler. Nur als Warnung.

Es hat Echelon Conspiracy (bei Koch Media) nicht besonders geholfen, daß es im Windschatten von Eagle Eye (meine Kritik) auf den Markt kam – natürlich liegt das Thema Überwachung und Kontrolle im Zusammenhang mit den Möglichkeiten moderner Computertechnik nicht nur auf der Hand, sondern buchstäblich auf der Straße und auf jedem Schreibtisch. Die Spatzen pfeifen es ja von den Dächern, was zombiefizierte Computer, allgegenwärtige Handys etc. alles so an Überwachungsmöglichkeiten bieten können, die noch gar nicht ausgelotet und (hoffentlich) nicht genutzt sind.

Aber wie die Dinge stehen, kann Greg Marcks‘ dritter Film (zuletzt hatte er 2003 den gar nicht so schlecht rezpierten 11:14 gemacht) natürlich nur als kleiner Bruder des großen Shia-LaBeouf-Vehikels wahrgenommen werden, der Vergleich liegt nahe und sieht erst einmal nicht gut aus. Überall scheint das kleinere Budget durch: die Schauspieler sind nicht so bekannt (und nicht so teuer), die Verfolungsjagden nicht so lang und vor allem nicht so crashlastig, die Handlung spielt größtenteils nicht in westlichen Großstädten, sondern in osteuropäischen Metropolen.

Aber das heißt eben auch: die Verfolgungsjagden sind nicht so tumb, laut und langatmig, die ganze Handlung spielt sich auf einem Niveau ab, daß deutlich geerdeter wirkt als in Eagle Eye, und hat tatsächlich ein bißchen Zeit dafür, die Dynamik zwischen den Figuren ein bißchen in Bewegung zu bringen. Echelon Conspiracy (2009) weiterlesen

Loft (2008)

loft_dvdDas ist ein hübscher kleiner Thriller, fast ein Kammerspiel auch in seiner räumlichen Beschränkung: ein Loft, ganz oben in einem schicken neuen Haus, vom Architekten des Gebäudes für sich selbst und vier seiner Freunde eingerichtet. Hier spielt sich das Geschehen hauptsächlich ab, und hier hat auch der Mord stattgefunden, der uns kurz nach Beginn präsentiert wird: Eine Frauenleiche, mit einer Hand am Bettgestell festgekettet, liegt da, Blut durchtränkt das Laken und irgendwo liegt auch noch ein Messer herum.

Mit der Aufklärung dieses Verbrechens schlagen sich die Freunde dann herum, denn das Loft ist ein pikanter Ort: Rückzugsraum für die fünf Freunde, die allesamt verheiratet sind, um sich mit Prostituierten und Geliebten zu treffen. Und zugleich ist klar, daß die Polizei irgendwann, obwohl die Freunde darüber streiten, ob und wie sie sie heraushalten können, auch vorbeikommen wird, denn parallel dazu sehen wir immer schon die Verhöre, die Fragen, die Anlaß geben für Rückblenden, Erinnerungen – Loft springt, 118 Minuten lang, fröhlich durch die Zeitebenen, und nach und nach wird eine mögliche Spur, ein Verdacht nach dem anderen gelegt. Das macht der Film höchst effektiv: Die Männer, die er zunächst gründlich als sehr unterschiedlich sympathisch einführt, haben alle auf irgendeine Art und Weise Dreck am Stecken, neben den Frauen sind vielleicht auch noch andere Leute von ihnen verletzt worden, oder ist die Freundschaft zwichen ihnen womöglich doch nicht so eng?

Klammheimlich ist der Film, mit dem Architekten als Patriarch unter angeblich Gleichen, natürlich auch ein Architekturfilm: Immer wieder sehen wir die Protagonisten in modern-kühlen Räumen, seien es Bars, ein Hotelschwimmbad oder schließlich das Loft: moralfreie Räume für Männer mit Geld. Wer das Geld hat, hat den Raum; wer den Raum hat, nimmt sich die Freiheit. Was man brauche, prahlt einer der Männer einmal, um ein Verhältnis effektiv zu führen? Einen Rückzugsraum, das allein mache es aus.

Im Laufe des Films wechseln die Konstellationen von Macht und Zusammenhalt ständig, während nach und nach mehr und mehr Umstände offengelegt werden; und für den Schluß hebt sich Loft trotzdem noch einige schöne Wendungen auf. Und auch wenn es bis zum Schluß spannend bleibt, hat man am Ende dennoch das Gefühl, daß eine Kürzung um vielleicht zwanzig Minuten dem Film gut getan hätte.

(Der Film ist von Koch Media auf DVD veröffentlicht worden und z.B. bei amazon.de wohlfeil erhältlich.) Loft (2008) weiterlesen

Webthriller: Girl Number 9

Ach, die Briten. Immer wieder kommen sie mit hübschen Neuauflagen eigentlich ziemlich klassischer Genrekonstruktionen. James Moran, der das Drehbuch für Severance (2006) geschrieben hat und sonst viel fürs Fernsehen arbeitet, hat jetzt eine Entführungsstory entlang ähnlicher Linien wie Untraceable (2008) geschrieben und mit Dan Turner inszeniert – in sechs kurzen, meist unter fünf Minuten dauernden Episoden fürs Netz.

Girl Number 9 ist inszenatorisch recht gut ans Medium Webvideo angepaßt – die zentralen Figuren und Objekte werden groß ins Bild gerückt, so daß man die passend kurzen Episoden wahrscheinlich auch auf dem Handy noch ganz gut ansehen kann. Allenfalls wird das Bild gelegentlich etwas dunkel, wenn das sonst gelungene Spiel mit Licht und Schatten etwas zu sehr in Richtung düsterer, schlecht beleuchteter Szenen changiert – Saw dürfte da Pate gestanden haben.

Und ohne daß Details zu sehen sind, geht es auch hier unterschwellig brutal zu. Das passiert zwar Offscreen (nicht auszuschließen, daß die geplante DVD hier mehr zeigen will), ist aber durch die angedeutete Gewalt schon erschreckend genug. Die dritte Episode hält für die Mitte einen fiesen Twist parat, der Spannungsbogen ist mehr als überzeugend. Das Ganze passiert zudem annähernd in realer Zeit – das ist zwar nicht so konsequent umgesetzt wie etwa in 24, wird aber durch die Kürze der Serie, insgesamt nicht einmal eine halbe Stunde, auf die Spitze getrieben.

Girl Number 9 ist in allen sechs Teilen, mit Gareth David-Lloyd und Tracy-Ann Oberman als Polizisten sowie Joe Absolom als Entführer, noch bis Ende November auf der Website canyousaveher.com zu sehen. (via)

Hier gibt es den Trailer:

Und hier schon einmal die erste Episode: Webthriller: Girl Number 9 weiterlesen

In Kürze: Whiteout, The Tournament, Get Smart

Ich habe ja auch nicht immer Zeit, Gelegenheit oder Interesse, etwas Längeres zu schreiben…

Whiteout (2009)

Diese Comicverfilmung ist insgesamt wenig aufregend, mitreißend oder auch nur bemerkenswert, obwohl man vielleicht aus der Idee – der erste Mordfall in der Antarktis! – noch etwas mehr hätte machen können. Wirklich schön ist eine Kampfszene mitten in einem winterlichen Antarktisschneesturm. Ohne allzu großes Aufhebens wurde vorher eingeführt, daß man sich auf der Forschungsstation bei schlechtem Wetter nur von einem Gebäude zum anderen fortbewegen darf, wenn man sich vorher an einer der über das Gelände gespannten Sicherheitsleinen eingeklinkt hat, weil man sonst bei Sturm schnell vom Weg abkommt, wo man („Whiteout„) außer Schnee nichts mehr sieht.

Für einen Kampf mit Pistolen und dann schließlich Fäusten, Füßen und Eispickeln führt das zu inszenatorisch durchaus interessanten Einschränkungen, auch wenn Dominic Sena daraus womöglich noch mehr hätte machen können. Warum sich Ms Beckinsale zu Anfang des Films allerdings fast ganz ausziehen muß, ist mir allerdings nicht so ganz klar. (Natürlich, eine warme Dusche hat man immer gern in der Antarktis, und ihre Verletzlichkeit und so – aber ehrlich, das ist nur Schaulustbefriedigungswillen. Oder sagen wir: Sexismus?)

The Tournament (2009)

Schon die Handlungsprämisse von The Tournament hat mehr Löcher in ihrer logischen Struktur als ein durchschnittliches Opfer des titelgebenden Wettbewerbs in seinem Körper, aber ohne suspension of disbelief kommt man durch diesen Film sowieso nur kopfschüttelnd hindurch, oder man mag ihn gar nicht erst ansehen. Warum sollten sich dreißig hochbezahlte Auftragsmörder schon auf einen Wettbewerb einlassen, bei dem sie von ihresgleichen gejagt werden, und nur der Sieger überlebt und bekommt mickrige zehn Millionen Dollar? Nunja.

Auch sonst darf man nicht allzu großes Interesse an Logik und Sinn mitbringen, dafür ist The Tournament nicht so bemüht-komisch (und damit unwitzig) wie Smokin‘ Aces (meine Kritik), mit dem der Film sonst eine ganze Menge gemein hat – etwa die Ansammlung schlechtgelaunter Auftragskiller-Typen. Eher ist es selbstbewußtes, mit ernster Miene Schrott versprühendes Trashkino à la Doomsday (meine Kritik), und das ist ja zunächst gar nicht unbedingt etwas Schlechtes.

Get Smart (2008)

Eine ganz unterhaltsame James-Bond- und Agenten-Parodie ist das, sicherlich nicht brillant, aber allemal witziger als der gerade-so-okaye Johnny English. Ich kenne freilich die Originalserie nicht, die, wie mir zuverlässige Quellen berichten, noch um Längen besser sei.

Gut gefallen hat mir dabei vor allem natürlich die Tanzszene (bemerkenswert dazu die Position in Alas, a blog), die jeden Tanz in allen James-Bond-Filmen aufs präziseste persifliert, und der Wettstreit zwischen Maxwell und Agent 99 darum, wer die besseren Gadgets mitgebracht hat. Beides ist allerschönster Agenten-Schwanzvergleich.

FFF 2009: Kurzkritiken (3)

Alle Beiträge zum Fantasy Filmfest 2009 unter dem Tag FFF2009

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Pontypool: Bruce McDonalds im Anschluß an den ambitionierten The Tracey Fragments (meine Kritik) gedrehter Horrorfilm wird meist als Zombiefilm angekündigt, so recht will diese Beschreibung und Zuschreibung aber nicht passen, zu unklar bleibt das Geschehen, zu wenig wird es visuell wahrnehmbar oder gar ausgewalzt.

Pontypool ist vor allem eins: Talk Cinema. Ein Radiomoderator spricht, und wir sehen ihm dabei zu, sehen noch sein Umfeld und seine Kolleginnen, aber es ist vor allem seine Stimme, also die von Stephen McHattie, die die Wahrnehmung bestimmt. Im Keller einer Kirche hat sich die kleine Radiostation des kanadischen Pontypool eingerichtet, und der neue Moderator hat seinen ersten Tag, während es draußen offenbar zu seltsamen Ereignissen und Unruhen kommt.

Sprache ist das Thema dieses Films, und während das im Filmverlauf zu einigen fürs gewöhnliche Horrorkino zu bizarren Wendungen führt, hat sich hier jemand Gedanken gemacht über die Kraft, die in Wörtern, in Schrift und vor allem in Sprache steckt. Unbedingt sehenswert.

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The Killing Room: Eine junge Militärpsychologin muß an ihrem ersten Tag an ihrer neuen Top-Secret-Arbeitsstelle in hochgradig illegales Menschenexperiment beaufsichtigen, dessen Ziel ihr zunächst immerhin ein bißchen weniger unklar ist als den Proband_innen. The Killing Room hat im Grunde ein typisches Reality-Show-Szenario (in dieser Hinsicht Prime Time nicht unähnlich): Einer wird rausgewählt. Freilich sind hier die Methoden wenig zimperlich.

Trotz allem kann der Film weder so recht Spannung oder Betroffenheit aufkommen lassen, noch bewegt er sich ästhetisch auf aufregendem Terrain; es gibt Wechsel zwischen Beobachtungsposten, Überwachungskameras und dicht an den Personen geführten Handkameraeinstellungen, das hat man alles schon einmal gesehen. Leider enttäuschte auch der Auftritt einer meiner Lieblingsschauspielerinnen, Clea DuVall, was aber nicht an DuVall liegt, sondern an ihrer Rolle. Das näher zu erläutern hieße schon viel von der Handlung zu verraten.

Fotos: Fantasy Filmfest