Gérardmer 2010 – Die Dokumentarfilme

gerardmer_logoDie beiden Dokumentarfilme zum Horrorfilm, die in Gérardmer außerhalb des Wettbewerbs gezeigt werden, sind hier als Double Feature zu sehen, was einerseits gut ist, weil es eine direkte Gegenüberstellung ermöglicht und fördert, und andererseits für den amerikanischen Beitrag in diesem Doppel nicht so vorteilhaft ausfällt.

Nightmares in Red, White and Blue

Das ist nicht einmal der rein technischen Qualität in die Schuhe zu schieben, obwohl diese mir als erstes an Nightmares in Red, White and Blue negativ aufgefallen ist. Offensichtlich wurden vor allem viele der alten Filme digital und in denkbar schlechter Auflösung verarbeitet, so daß zum Teil vor lauter Schlieren kaum mehr erkennbar ist, was auf der Leinwand vor sich geht.

Der Film betreibt dann einen allzu schnellen Durchmarsch durch die Jahrzehnte, von den 1920er bis in die 2000er hinein und vertritt im Wesentlichen doch nur die Aussage: Der Horrorfilm ist stets ein Kind seiner Zeit, und außerdem traut er sich, Wahrheiten auszusprechen, die das Kino sonst nicht anfassen mag. Das ist so wahr wie inzwischen banal. Nightmares fügt dem nichts Neues hinzu, was nicht schon hunderte Male in Bezug auf die eine oder andere Epoche oder mit Verweis auf dieses und jenes Thema gesagt und geschrieben worden wäre.

Das Hauptproblem ist, daß diese Grundthese auch noch völlig uninteressant präsentiert wird. Die Namen von Filmen sirren vorüber, ebenso die blutigen Szenen, und dazwischen gibt es Talking Heads. Es sind zwar tolle Talking Heads, praktisch alle noch lebenden Größen unter den Horrorregisseuren, und sie haben auch was zu sagen, aber fesseln kann das nicht, dafür verweilt der Film zu wenig auf den Momentaufnahmen oder auf einzelnen Filmen. Wenn das doch einmal passiert, als z.B. George A. Romero voller Begeisterung von The Thing erzählt und auf bestimmte Details aufmerksam macht, dann spürt man umso schmerzlicher, wie wenig der Film das sonst betreibt. Und genau in diesem Moment verspielt der Film auch die Chance, die er sich selbst gibt, seine Grundbehauptung zu zeigen und zu belegen, anstatt sie nur zu behaupten.

Stattdessen werden alle Filmtitel und Traditionen angerissen, mehr um Vollständigkeit als um Bedeutung herzustellen, von Nosferatu (als Inspiration natürlich, da nicht genuin amerikanisch) bis hin zu Interview mit einem Vampir, von Hannibal Lecter bis Freddy Krueger, von Scream (in einer ultrakurzen Sequenz) bis hin zu It’s Alive (mit kein bißchen mehr Screentime). In einem solchen Druckkochtopf wird letztlich nicht von dem wirklich sichtbar, was der Film behauptet: gesellschaftliche Relevanz, innere Entwicklung, thematische Bedeutsamkeiten – das alles muß man entweder glauben oder anderswo nachlesen oder -sehen.

Mit größerer Sparsamkeit kommt man durchaus weiter, wie zum Beispiel zum Beispiel Going to Pieces gezeigt hat. Der spaziert zwar durch das Subgenre und die Zeit seit den 1970ern im Grunde nicht weniger rasch hindurch, gewinnt aber durch zeitliche wie thematische Konzentration an Konsistenz.

Viande d’origine française

Vielleicht ist es natürlich nur, daß ich mich im französischen Horrorkino noch nicht so gut auskenne; oder daß es den Bonus des leicht Randständigen hat, die Außenseiterzulage, die man zu wenig behandelten Themen gerne mal gibt.

Oberflächlich weicht Viande d’origine française in seiner Herangehensweise ans Thema von Nightmares nicht wirklich ab: Regisseure, Produzenten und eine Schauspielerin kommen zu Wort, stets mit mindestens zwei Kameras geführt, mitten im Satz wird, man weiß das nach einer Weile vorher schon, von der Nahaufnahme auf eine Halbtotale geschnitten – das ist ein bißchen verspielt, ein bißchen nervös, ein bißchen dynamisch. Dazwischen gibt es dann viele blutige Szenen aus den angesprochenen Filmen, und man darf den Eindruck bekommen, daß die Regisseure sich aus den achtzehn Horrorfilmen, die ihren Angaben nach seit 2000 in Frankreich entstanden sind (dessen Filmindustrie, ebenfalls nach den Zahlen aus Viande, einen jährlichen Ausstoß von 200 Streifen hat), die blutigsten Stellen herausgesucht haben.

Viande d’origine française hangelt sich vage an einer historischen Linie entlang, durchzieht diese aber mit einem weiteren roten Faden: die Bedeutung des französischen Horrorfilms im Inland und im Ausland. Der Strang hat zahlreiche Ausfaserungen nach rechts und links – gesellschaftliche Bedeutungen, filmwissenschaftliche Bewertung, Auteur-Theorie und all das, und wie es in Zusammenhang mit dem Genrefilm steht, sowie schließlich auch die „Ausbeutung“ junger europäischer Filmemacher durch die Großindustrie in Hollywood.

Und ganz einfach macht der Film es sich eben auch nicht. Da wird keine völlig stringente Geschichte erzählt, sondern durchaus in sich widersprüchliche Aussagen und Diskussionen einfach stehen gelassen. Natürlich ist es fürchterlich, wie schwer es in Frankreich ist, einen Horrorfilm finanzieren zu lassen; aber es ist eben doch viel angenehmer, als den einschränkenden Vorstellungen von Studiobossen und Marketingleuten ausgeliefert zu sein, selbst wenn man dafür ein großes Budget zur Verfügung hat. Wenn es nur nicht so wäre, daß man, wie die beiden Regisseure von La Horde klagen, froh sein kann, genug Geld für eine einigermaßen realistische Wirklichkeitsdarstellung zu bekommen. Was der Film mit zunächst Dreharbeiten von einem völligen Trashfilm kommentiert, bei dem eine Wassermelone als Kopfersatz zerschlagen wird, um dann als weiteren Kommentar Bilder zu zeigen, die Alexandro Aja beim entspannten Big-Budget-Dreh von Piranhas 3D zeigen.

So ganz ernst nehmen sich die ganzen Protagonist_innen des französischen Horrorkinos also jedenfalls wohl nicht, und Viande d’origine française macht sich diese Haltung zu eigen. Schließlich will das Publikum unterhalten und nicht bejammert werden.

Cloudy with a Chance of Meatballs (2009)

We got diem to carpe!

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Unter den (3D-)Animationsfilmen, die ich im vergangenen Jahr gesehen habe, ist Cloudy with a Chance of Meatballs zwar vielleicht nicht der beste, zarteste, emotionalste – diese Trophäe müßten sich die fantastischen Up und Coraline teilen, wenn man denn da eine Rangliste aufstellen will. Aber er ist jedenfalls die leichtfüßigste, eleganteste und witzigste Komödie, bei weitem unterhaltsamer etwa als der vergleichsweise holprige Monsters vs Aliens.

Cloudy with a Chance of Meatballs (Filmstart in Deutschland: 28. Januar 2010) nimmt die klassische Underdog-Coming-of-Age-Geschichte, mischt ein bißchen sympathischen Mad Scientist dazu und legt dann erst richtig los mit einem wüsten Crossover-Bezugsspiel durch die Filmgenres, daß die Postmoderne nur so mit den Ohren schlackert. Flint Lockwood wächst auf der kleinen und sehr, sehr fiktionalen Insel Swallow Falls auf, die irgendwo im Atlantik vor der amerikanischen Küste liegt, und träumt seit Kindesbeinen davon, ein großer Erfinder zu werden. Er erfindet tatsächlich, nur liegen seine Erfindungen immer jenen haarsträubenden Tick daneben, den es zu wahrer Erfindergröße zu überwinden gäbe. Bis Flint eine Maschine erfindet, die aus dem Wasser von Wolken Essen nach Wunsch produziert und aus der kleinen Insel ein potentielles Schlaraffenland macht – jedenfalls so lange, bis der „perfect food storm“ sich zusammenbraut.

Auf dem Weg zum Finale nimmt der Film von Phil Lord und Chris Miller mit, was mitzunehmen geht: die romantische Komödie für Teenager wird kurzerhand invertiert, indem nicht ein Nerdmädchen mit dicker Brille zur stromlinienförmigen Schönheit mutiert (She’s All That, anyone?), sondern sich die eher zufällig anwesende Wetterfee Sam Sparks als Flints Schwester im Geiste entpuppt, eine Vollblut-Meteorologin, die ihre wissenschaftliche Expertise vor der Welt versteckt, weil diese an klugen Frauen nicht interessiert ist – und die Medienwelt, in der sie arbeitet, schon mal gar nicht. (Flint natürlich schon; daß er im Übrigen der Held des Films bleibt, der Erfinder und Macher, zeigt dann eben doch, wie sehr auch Cloudy with a Chance of Meatballs nicht aus der Haut des Mainstreams herauskann. Und natürlich ist er der emotional unreifere der beiden – „You really thought having allergies would make you more attractive?“ muß sie ihn gar einmal fragen.)

Das alles ist angemessen cartoonhaft überzeichnet; in der Physiognomie der Menschen zeichnet sich immer schon auch ihr Wesen ab. Das kann der Trickfilm, warum sollte er es nicht machen? Die Charakterisierungen, die nicht nur Typen hervorbringen, funktionieren so gut, und zwischendurch darf es dann auch mal flott mit einem fliegenden Auto (Flints zweitem Versuch – „now with wings!“) à la Star Wars durch die Lüfte gehen. Das alles ist rasend schnell, Slapstick und Wortwitz auf Speed.

Vorher sahen wir übrigens schon, wie der Nahrungssturm die Welt in Atem hält. Ganz den Weltuntergangsszenarien à la 2012 (meine Kritik) und Armageddon verpflichtet, werden da London, Paris und andere bekannte Orte unter riesenhaft vergrößerten Speisen begraben. Dieser Sturm, berichtet Sam atemlos in ihre Kamera, verfolgt ein seltsames Muster: Er trifft zunächst nahezu zeitgleich und ausschließlich die weltweit bekanntesten Sehenswürdigkeiten!

Foto: Sony Pictures

Destruktionsporno!

(Spoiler voraus. Der größte Teil davon, wie beim Eisberg, unter der Oberfläche.)

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Unter Weltzerstörung, zumindest drohender, macht Roland Emmerich es ja scheinbar nicht mehr. Das stimmt natürlich nur für die sichtbarsten seiner Filme, The Day After Tomorrow, Godzilla und natürlich Independence Day, und wahrscheinlich ist es gut, daß er für seine Blockbuster so viel Aufwand betreibt: Es dauert immer eine Weile, bis der nächste Destruktionsporno fertig ist, sonst ginge die Welt noch öfter unter.

Das endgültige Finale steht uns nun also angeblich für 2012 bevor, und auch wenn am Schluß scheinbar alles nicht so schlimm war – Dude, die Erdkruste mag sich zwar lösen und verschieben, aber schon nach einem Monat Weltuntergang ist auch das wieder vorbei, der Himmel ist blau und die See ruhig -, ist 2012 vielleicht doch der furchtbarste Zerstörungs-Emmerich bisher, vor allem ist er auf bisher kaum im Kino sichtbare Art eines: anmaßend.

Denn natürlich spielt jeder Filmemacher, jede Filmemacherin immer damit, eine Welt neu zu erschaffen, aber nur wenige gehen dabei so kālī-mäßig allzerstörend und neufassend vor wie Roland mit dem schwer durchdringenden deutschen Akzent. (Immerhin ist er ironisch genug, einen Schwarzenegger kaum ähnlich sehenden kalifornischen Gouverneur im Film nicht weniger hart österreichisch klingen zu lassen.) Destruktionsporno! weiterlesen

Jennifer’s Body (2009)

Update 13.11.2009: Dieses sehr lesenswerte Portrait von Megan Fox, das zugleich eingehende Analyse ihrer star persona ist (und ihrer eigenen Rolle in der Herstellung derselben) läßt meine letzten paar Absätze unten durchaus noch ein bißchen weiter ausgreifend schillern. Unbedingt empfehlenswert.

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Ich habe mich schon einigermaßen ausführlich auf critic.de zu Jennifer’s Body geäußert, für den ich nach wie vor und auch nach längerem Nachdenken sehr gemischte Gefühle hege.

Ein paar Gedanken und Anmerkungen habe ich, vor allem aus Gründen der Textökonomie, für den Text weggelassen, darauf möchte ich hier noch kurz eingehen. (In der Kritik stehen alle Basisinformationen, auf die ich mich z.T. beziehen werde, die eine oder der andere wird die also vorher lesen wollen… ;-) )

Ein Nebenaspekt, der mir ganz gut gefallen hat, ist die Auseinandersetzung mit dem Post-9/11-Gedenkkitsch, die hier zunächst frontal thematisiert wird und später in der Art und Weise aufgeht, mit der die Menschen von Devil’s Kettle (den gleichnamigen Wasserfall, der im Film eine Rolle spielt, gibt es übrigens tatsächlich) das Gedenken an die Toten des Feuers in der Bar und an die ermordeten jungen Männer praktizieren.

Es beginnt mit einem 9/11-Cocktail, den Jennifer den Bandmitgliedern von „Low Shoulder“ anbietet – in den amerikanischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot, aber man muß schnell trinken, bevor sich die Farben zu einer braunen Suppe vermischen. Das geht dann weiter damit, daß das Gedenken an das Leiden anderer explizit zur Gemeinschaftsbildung dienen soll – inklusive „inoffizieller Hymne“, natürlich von „Low Shoulder“.

Die Art und Weise, wie der Cocktail präsentiert wird, manifestiert die distanzierte Haltung des Films zu solchen Mechanismen, und die Fortsetzung dieses Themenstrangs durch den ganzen Film ist deshalb sicher kein Zufall. Möglicherweise habe ich dabei noch einige Stellen übersehen, an der sich der Film kritisch auf Konzepte wie Nation oder Gemeinschaft bezieht – für entsprechende Hinweise wäre ich sehr dankbar.

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Genevieve/ScarletScribe hat ausführlich argumentiert, warum sie Jennifer’s Body für einen feministischen Film hält; ich bin allerdings noch nicht vollständig von den Argumenten überzeugt.

Natürlich trifft es zu, daß es hier zwei weibliche Hauptpersonen gibt, die nicht nur ausführlich miteinander reden, sondern die auch Interessen haben und miteinander Teilen, die nichts mit Männern zu tun haben – der Film erfüllt also in doppelter Hinsicht den Bechdel-Test, einen möglichen Indikator für Sexismus im Film. (Daß die beiden dennoch an Männern interessiert sind, wenn auch mit unterschiedlichen Motiven – Liebe, Nahrungsaufnahme – spielt dabei keine Rolle.)

Aber genügt es schon, daß ein Film nicht sexistisch ist, um ihn feministisch zu nennen? Es gibt wahrlich nicht genug Filme, die starke Frauen so in den Vordergrund rücken und bei denen auch noch Regie und Drehbuch in Frauenhand liegen, alles heftige Desiderata, aber eine explizit oder implizit politische Position des Films erscheint mir für eine solche Einordnung doch wichtig. Oder sind wir feministisch schon so ausgehungert, daß ein nicht-sexistischer Film gleich als politisches Statement gelten muß?

Oder versteckt sich hier ein politischer Film, und ich habe es nur nicht so genau bemerkt? Ich lasse mich da gerne auf Details oder große Linien aufmerksam machen.

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Stark finde ich an Jennifer’s Body die Art und Weise, wie der Film und Megan Fox mit Fox‘ star persona spielen, denn natürlich ist sie für diese Rolle nahezu perfekt besetzt, gilt sie doch als „Sexbombe“ mit großer Klappe und wenig Hirnschmalz. (Daß sie ihre Rolle nicht mit etwas mehr Tiefe auszustatten weiß und vielleicht wirklich keine besonders talentierte Schauspielerin ist, ist eine andere Sache.)

Hier liegt, glaube ich, auch ein Punkt in dem sich Genevieve in ihrem oben verlinkten Text irrt: Denn natürlich kann man Fox‘ Jennifer dafür kritisieren, daß sie sich selbst als Sexualobjekt wahrnimmt und so wahrgenommen werden will. Allerdings ist sich Jennifer zugleich sehr darüber bewußt, daß sie aus der Umsetzung dieser Haltung heraus etwas erlangt, was man wohl, mit etwas begrifflicher Toleranz, als agency bezeichnen könnte: Aus der Rolle als Sexualobjekt gewinnt sie (schließlich auch noch verstärkt durch ihre Dämonenkräfte) eine Machtposition, die sie zu eigenem Handeln ermächtigt. Ihr Körper ist dabei das Mittel ihrer Wahl.

Daß sie sich dabei gleichzeitig in Abhängigkeit von Anderen, von gesellschaftlichen Schönheitskonventionen etc. begibt und nur innerhalb dieser Kontexte existieren kann, ist davon unbenommen; so einfach sind diese Machtzuweisungen nicht, daß man ohne solches auskäme.

Der Film fällt im übrigen nicht in die Falle, Jennifer nur aus diesen Machtstrukturen heraus ernst zu nehmen; dem entzieht er sich, indem er vor allem Needys Perspektive einnimmt.

Nicht zuletzt deshalb richtet sich der Film womöglich wirklich zunächst an Frauen; bzw. an Menschen, die an Freundschaften zwischen Frauen interessiert sind. Insofern liegt das Marketing für den Film, wie mir scheint, weltweit völlig daneben, wenn es sich immerzu auf Jennifer in sexuell anzüglichen Posen konzentriert; selbst das Werbematerial des deutschen Verleihs gibt kaum Bilder her, in dem Jennifer und Needy gemeinsam zu sehen sind.

Fotos: 20th Century Fox

Doghouse (2009)

Weitere Beiträge zu Filmen, die auf dem Fantasy Filmfest 2009 zu sehen waren, unter dem Tag FFF2009

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Daß Doghouse und Lesbian Vampire Killers nicht nur in ihrer Story gewisse Ähnlichkeiten haben, muß nicht weiter verwundern; beide dürften sich an ein ähnliches Publikum richten, man darf sie getrost lad movies nennen. Es sind Filme, die mann sich bevorzugt mit seinen bevorzugt heterosexuellen Kumpels ansehen wird, um sich Szenen des Geschlechterkampfs anzusehen, ins Horrorgenre transferiert und angeblich ironisch unterfüttert. Die Frauen kommen dabei nicht unbedingt besonders gut weg.

Die Sache mit der Ironie funktioniert in Doghouse leider nicht besonders gut, das glückte bei den Lesbian Vampire Killers besser, deren Frauenbild so offenbar übertrieben war, daß es, nicht zuletzt durch die patente zentrale weibliche Figur, nie als besonders ernst gemeint ‚rüberkam. (Feministisch ist das aber noch lange nicht.)

Was sich in Doghouse als solche Lust am Spiel mit den Bedeutungen ausgibt, ist aber nur altes Männergeplapper, das zu modernisieren allein mit leichtem Augenzwickern (alles nur Spaß, wink, wink, nudge, nudge) schon erledigt sein soll, und das geht natürlich, wie stets, grandios in die Binsen.

Dabei mag ich mich keineswegs über die Grundprämisse der Geschichte aufregen, da wäre ja durchaus Potential. Eine Handvoll mehr oder minder junger Männer macht sich in ein verschlafenes Dorf auf, einer von ihnen ist frisch geschieden und seine Kumpel wollen mit ihm so richtig saufen und männlich sein, um ihn aus seiner Trübsal zu erretten. Das Dorf aber entpuppt sich, da verrate ich nicht zuviel, als Stätte eines militärischen Experiments mit biologischen Kampfmitteln: Ein Virus, das nur Frauen befällt, hat diese sämtlich in menschenfressende, äußerlich an Zombies gemahnende Furien verwandelt; die Männer sind alle verspeist.

Das läßt schonmal reichlich Raum für reichlich Splatter, aber da ist der Film so halbherzig wie sonst auch; in der ersten Filmhälfte kommen die Fanboys auf ihre Kosten, danach geht es eher einfallslos zu – in Sachen Splatter wie in Sachen Handlung. Die Hauptpersonen sind nicht besonders einfallsreich konstruierte Typen, ein Schwuler ist für die Quote auch dabei, und natürlich gibt es ein paar Anspielungen auf Day of the Dead etwa, aber all das führt nirgends hin und will es wohl auch nicht.

Das könnte man dann schon wieder als entspannte lad-Haltung pro Fun-Splatter durchgehen lassen, wenn zugleich die Geschlechterkampf-Thematik nicht derart mit dem Holzhammer eingeführt und fortgeschrieben würde. Natürlich haben alle Streit mit ihren Partnerinnen bzw. dem (als effiminiert gezeigten) Partner, natürlich stellen sie sich die Selbstdiagnose einer „social gender anxiety“, und natürlich flucht gegen Ende einer der Überlebenden über die „pissed-off, man-hating, feminist cannibals“, mit denen sie es zu tun haben. („Now“, wird dann auch noch betont, „is not the time to stop objectifying women.“)

Wenn man es dennoch wirklich komisch findet, wie sich drei der Männer in einer Referenz sowohl an Some Like It Hot als auch an Shaun of the Dead als Frauen verkleiden und so eine Weile lang unbehelligt an den durch das Virus offenbar auf Minimalinstinkte reduzierten, männermordenden Frauen vorbeikommen, dann wird einem Doghouse vielleicht wirklich gefallen. Immerhin muß man dem Film zugute halten, daß er keine glatt polierte Filmästhetik vor sich her trägt und vor allem darauf verzichtet, die Frauen, wie Lesbian Vampire Killers das problematischerweise durchaus macht (oder auch Zombie Strippers [meine Kritik], um ein allerdings ganz anders gelagertes Beispiel zu nennen), ausschließlich als Geschlechtsobjekte in Szene zu setzen.

Foto: Fantasy Filmfest

Pandorum (2009)

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Ich kann das ruhig gleich zu Anfang sagen: Man muß Pandorum nicht unbedingt gesehen haben, man kann unter Umständen auch gar nicht so einfach – hier in Paris läuft er in seiner zweiten Woche nur noch in zwei Kinos, in einem in Originalversion. Und Paris ist glücklicherweise keine an Kinos arme Stadt. (Es folgen gelegentlich ein paar Spoiler.)

Gleichwohl gibt es sicherlich schlechteren Schrott als diesen in Babelsberg und mit viel deutschen Steuergeldern gedrehten Science-Fiction-Schocker, der alle möglichen Versatzstücke des Genres durcheinandermischt: Dunkle Gänge und Schleimspuren etwa aus Alien und seinen Nachfolgern, anderes dann aus Event Horizon (das ist nicht zufällig – produziert wurde Pandorum unter anderem von Paul W.S. Anderson, der bei Event Horizon Regie führte und auch bei Resident Evil, was man dem Film ebenfalls ansieht) und was an finsteren Endzeitgeschichten im All noch so herumfliegt. Nur die Komödien wurden ganz ausgelassen, Pandorum leistet sich nicht einmal einen ganz kleinen Comic Relief.

Ernsthaft ist das also, sehr klaustrophobisch – die Enge der Räume drückt bis auf die Leinwand durch. Aber ein guter Film eben leider doch nicht. Das liegt zum einen daran, daß der Film den Zuschauer_innen die Hintergrundstory gleich am Anfang präsentiert, während die Protagonist_innen eine ganze Weile brauchen, um sich diese aus den dunklen Stellen ihrer Hyperschlaf-induzierten Amnesie herauszukramen. Der Film wäre so noch düsterer geworden, aber das wollte man wohl wirklich nicht, wie auch das Ende zeigt: Da scheint der Film einen Moment lang den Mut aufzubringen zu großer, totaler, endloser Verzweiflung. Dann dreht er sich aber aus dem Geschehenen doch noch eine – immerhin einigermaßen originelle – Schleife zu einem knallkitschige inszenierten Happy-End hin.

Mit Tausenden von Menschen, so will es die Vorgeschichte, ist das Schiff „Elysium“ unterwegs von der überbevölkerten Erde zu einem möglicherweise für Menschen bewohnbaren Planeten; als zwei Mitglieder der Crew aus tiefem Hyperschlaf erwachen, ist jedoch das Schiff lahmgelegt, ohne daß sie herausfinden können, was geschehen ist. Nach und nach und mit Hilfe anderer an Bord herumlaufender Überlebender verstehen sie, was geschehen ist und woher die menschenfressenden Monster kommen, von denen sie durch die dunklen Gänge des Schiffes gejagt werden.

Für Pandorum haben Regisseur Christian Alvart und Drehbuchautor Travis Milloy zwei separate Grundhandlungen miteinander verknüpft – das funktioniert leider nur begrenzt gut, weil sich die beiden nur lose berühren und die an diesen Punkten hervorgerufene Spannung doch sehr bemüht wird. Zu guter Letzt wird auch noch das Fortbestehen der Menschheit an sich in die Wagschale geworfen, als ob das blanke Überleben nicht schon Motivation und Aufreger genug wäre.

Zwischendurch gerät Pandorum recht actionlastig, was aber nicht gut funktioniert; die hektischen, wild geschnittenen Kämpfe erwecken eher den Eindruck, daß für den Film kein guter Choreograph engagiert wurde, als daß durch die raschen Schnitte so etwas wie Geschwindigkeit und Aufregung transportiert würde. Ansonsten hat man es in der filmischen Umsetzung immerhin mit solidem Kunsthandwerk zu tun.

Die Löcher in Plot, Logik und Drehbuch sind allerdings so groß, daß man wohl Crew, Besatzung und „Elysium“ problemlos darin unterbringen könnte. So laufen, nur als Beispiel, die Überlebenden (Antje Traue und Cung Le, die wenig Sinnvolles zu tun haben und ihre Zeit dafür ganz ordentlich nutzen) mit in seltsamen Tribalstilen gehaltenen Messern und Schwertern durch die Gegend – was diese wenig an Praxistauglichkeit orientiert hergestellten Waffen an Bord eines Kolonisationsschiffes suchen, versucht erst gar niemand zu erklären. Dafür ist ja auch gar keine Zeit mehr, weil man sich dauernd der namenlosen Monster erwehren bzw. das Schiff retten muß. So ein Glück! Die sind angeblich aus einigen Mitreisenden durch evolutionsbeschleunigende Enzyme in der Nährlösung entstanden – die sich durch die lange Dauer der Reise allerdings nicht an den Zielplaneten, sondern, und das vermutet eine Figur wörtlich, an den Lebensraum des Schiffes angepaßt hätten.

Da hat wohl jemand seinen Biologie-Grundkurs geschwänzt.

(Oder fandet Ihr Pandorum viel besser? Ich bin ja mal gespannt.)

Foto: Constantin

The Zombie Diaries (2006)

Daß die Handkameras, deren Träger damals im Blair Witch Project ein so schweres Schicksal traf, auch rasch in andere Horrorsubgenres Einzug halten würden, war ja nur eine Frage der Zeit. Neue Technologien schreien nach neuen Formaten, und im Horrorgenre (pun intended) lechzte man ja schon immer dem letzten Schrei hinterher.

Noch vor dem Monsterfilm Cloverfield (2008; meine Kritik) und Altmeister Romeros very own Zombievariation Diary of the Dead (2007) hatten die Briten sich an den lebenden Toten versucht. The Zombie Diaries erzählt von den Ereignissen, die auf einen wohl durch Viren verursachten Zombieausbruch (weltweit, dann auch in Großbritannien) folgen. Das Virus wird dabei anfangs in Verbindung mit dem Vogelgrippevirus gebracht; das war eben, bevor man stattdessen die Schweinegrippe fürchtete.

In seiner Perspektive bleibt The Zombie Diaries frelich nicht ganz konsequent und verheimlicht das auch zu keinem Zeitpunkt. Anders als Cloverfield oder auch [REC]/Quarantine (meine Kritik), dessen Fiktion es will, daß wir das kontinuierlich aufgenommene, ungeschnittene Material einer Kamera zu sehen bekommen, sind es hier offenbar Aufnahmen mehrerer Kameras, die in ihrer zeitlichen Abfolge verändert (und markiert durch Überschriften und Zeitangaben) in Episoden zusammengefaßt wurden. Gelegentlich ist auch offenbar nachträglich eingefügte Musik zu hören; die Grundhaltung des Films ist damit zwar nicht vollends flöten, es entsteht aber doch die Frage, wessen Film, wessen Werk das zu Sehende nun ist. (Romero hat für Diary of the Dead sein Problem etwas eleganter gelöst, indem er seinem Film eine zusätzliche Fiktion seiner eigenen Genese unterschob.)

Wie bei den anderen genannten Filmen auch bleibt dabei stets das Problem, daß der Film zwar größtmögliche Authentizität vorgibt, diese aber im Rahmen der Handlung schwer vermittelbar ist: Wer im Angesicht solcher Ereignisse immer noch die Kamera nicht nur mitlaufen läßt, sondern eben auch insbesondere weiter trägt (und so weniger handlungsfähig wird), kann nicht so normal und menschlich sein, wie er von den anderen Figuren behandelt wird. Zumal der Kameramann (hier sind es augenscheinlich nur Männer) anscheinend über wenig ausgeprägte Überlebensinstinkte verfügt.

Andererseits fungiert hier die Kameralampe oft genug als einzige Lichtquelle – und das macht dann auch den Reiz der Perspektive aus: Nicht nur ist sie eh‘ schon auf das Bild der Kamera begrenzt, die zuweilen wild herumgeschwenkt wird und so für reichliche Desorientierung sorgt (ein durchaus beabsichtiger Effekt), in den Nachtaufnahmen, zum Teil mit Kameralampe, zum Teil als Infrarotbilder gefilmt, verengt und verschlechtert sich dieses Bild auch noch – einem Horrorfilm kommt das nur gelegen. Die gelegentlich vorkommenden unscharfen Bilder verstärken das Ungewisse der Bilder noch zusätzlich.

Wie sich das für einen ordentlichen Zombiefilm gehört, ist The Zombie Diaries ein bißchen selbstreflexiv und letztlich vor allem daran interessiert, was mit den Menschen passiert, die einem solchen Ereignis ausgesetzt sind und es (vorerst) überleben. Eine spannende Geschichte haben Michael Bartlett und Kevin Gates, die gemeinsam für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnen, allerdings nicht zu erzählen. Die Szenen sind alle stereotype Momente des Zombiefilms, die Auseinandersetzungen zunächst wenig dramatisch und vor allem deshalb egal, weil man sich für die Figuren nicht wirklich erwärmen kann. Erst im letzten Kapitel des Films geschehen dann wirklich aufregende, furchtbare Dinge, die aber dann so eng zusammengedrängt und so schludrig miteinander verbunden werden, daß sich das bislang fehlende emotionale Engagement zumindest bei mir auch nicht mehr einstellen wollte.

Genrefanboys werden da womöglich schon abgeschaltet haben, denn an Zombiesplatter ist hier nicht viel zu sehen: In letzter Konsequenz geht es in The Zombie Diaries nicht besonders und vor allem: nicht besonders oft blutig zugeht. Die alte Weisheit, daß der Mensch des Menschen Wolf sei und es dazu keiner Zombies bedürfe, haben wir schon unterhaltsamer und auch eindringlicher präsentiert bekommen.

9 (2009)

Weil heute der 09.09.09 ist, startet natürlich in vielen Ländern Shane Ackers Film 9 – außer z.B. in Frankreich, wo er schon seit Wochen läuft, oder in Deutschland, wo es bizarrerweise noch keinen Starttermin gibt (Moviepilot nennt allerdings aktuell den 28. Januar 2010 als Termin). Und den Zahlen gemäß bietet es sich an, heute auch etwas über 9 zu schreiben – natürlich könnte man auch über District 9 schreiben oder irgendeinen der verwirrend vielen Filme mit Neunen im Titel.

9 basiert auf Ackers Kurzfilm gleichen Namens, der 2006 für einen Kurzfilm-Oscar nominiert wurde; produziert wurde der Langfilm nun u.a. (darauf hebt die Werbekampagne ab) von Tim Burton, den man vermutlich nicht vorstellen muß, und Timur Bekmambetow, der sich im Westen vor allem als Regisseur von Wächter der Nacht (meine Kritik), Wächter des Tages (meine Kritik) und zuletzt vor allem Wanted (meine Kritik) einen Namen gemacht hat.

Die Handschrift dieser beiden Produzenten sieht man dem Film zwar an, allerdings nicht in dem Maße, wie man hoffen oder befürchten sollte. Vergleicht man ihn mit dem Kurzfilm, so scheint noch am ehesten Bekmambetows Einfluß sich auszuwirken: Die Atmosphäre ist insgesamt etwas glatter, gefälliger, die Handlung wird nun nicht mehr so sehr in zarten Andeutungen fortgeschrieben, sondern vor allem von den Actionszenen. Von denen sind mittlerweile schon so viele im Netz aufgetaucht, daß Peter kürzlich schrieb:

Allerdings muss man langsam aufpassen, daß man bei einer Laufzeit von 79 Minuten durch die ganzen Vorabvideos nicht schon den gesamten Film kennt.

(Er selbst hat bislang nur einige der Clips versammelt.)

9 spielt in einem wahrhaft postapokalyptischen Setting: Die Menschheit ist völlig ausgelöscht (ob sie das selbst erledigt hat oder wie es anders geschah, läßt der Film zunächst offen), und neun kleine, ausgestopfte und mirakulöserweise belebte Puppen aus grobem Stoff bemühen sich in dieser rauhen Welt ums Überleben – gejagt werden sie von dem „Beast“, einer hundeartigen Maschinenkreatur mit roten Augen und wenig Freundlichkeit.

Die neunte Puppe, wegen der Zahl auf seinem Rücken wohl der letzte und einfach „9“ genannt (auch seine Genoss_innen heißen wie ihre Zahlen), kommt erst dann zu sich oder auf die Welt, als die anderen sich schon eine Weile eingerichtet haben, und bringt sofort Bewegung in deren vermeintlichen Alltag, der aber offenbar nicht spannungsfrei ist. Bald wird einer von 9s neuen Freunden entführt, und als 9 versucht, ihn zu befreien, kommen die Ereignisse erst so richtig in Bewegung.

9 ist technisch sehr ansehnlich, den groben Gesichtszügen der Puppen entlocken die Animator_innen einiges an Ausdruckskraft und Emotionen. Dabei hat mich nicht einmal so sehr gestört, daß viele der Ideen – insbesondere die belebten Maschinenwesen – doch sehr aus anderen Filmen abgekupfert wirken. Terminator & Co. lassen freundlich grüßen.

Daß ich nicht vollends von dem Film überzeugt bin, liegt eher in der nur bedingt mitreißenden und vor allem lückenhaften Erzählung. Denn einerseits wird im Langfilm 9 nun viel ausgesprochen und ausbuchstabiert, was der Kurzfilm 9 noch im Schweigen seiner Figuren rätselhaft lassen konnte – die Puppen haben nun Stimmen, und zwei, drei andere sprachliche Informationsquellen gibt es auch noch. (Ein Langfilm ganz ohne Sprache, das wäre noch was gewesen! Aber selbst Wall-E hat sich das nicht ganz getraut.)

Andererseits offenbart aber genau dies die Löcher im Drehbuch; als 9 losstürzt, um seinen neugefundenen Kameraden zu finden, scheint er schon besser über die Umstände seiner Welt zu sein, als es der Fall ist; und auch seine starke Motivation für die Rettungsaktion wirkt aufgesetzt. Im frenetischen Geschehen, bei dem über weite Strecken erzählte Zeit und Erzählzeit zusammenfallen – für einen Film von nicht ganz achtzig Minuten keine Kleinigkeit – ist für die behauptete emotionale Annäherung zwischen den Figuren eigentlich nicht genug Platz, möchte man meinen.

Aber sei’s drum. Letztlich gelingt Shane Acker, wenn auch mit Mängeln, ein düsteres Märchen aus einer apokalyptischen Traumwelt, eine Schlechte-Nacht-Geschichte gewissermaßen. Fragt sich nur, für wen sie gedacht ist: Für manchen Erwachsene ist die Geschichte in ihrer Auflösung wahrscheinlich doch zu schlicht, für Kinder hingegen ist sie nicht nur zu actiongeladen, sondern vor allem zu pessimistisch.

— Hier gibt’s nun noch den Original-Kurzfilm von 2005 sowie den Trailer zu 9: 9 (2009) weiterlesen

Langtexthinweise

Auf critic.de stehen schon seit einiger Zeit zwei Filmkritiken von mir, auf die ich anläßlich des anstehenden Kinostarts beider besprochener Filme noch einmal hinweisen möchte; beide sind auf ihre je eigene Weise eigenartig.

Das wäre zunächst einmal Fighting mit Channing Tatum, von dem man eigentlich nichts erwartet als ein plumpes Sport-/Kämpferdrama, der dann aber Qualitäten entwickelt, auch wenn er sich nie zu ganz großer Klasse aufschwingen mag.

Und natürlich der nach Cannes heiß und lang erwartete Antichrist von Lars von Trier, den zu sehen ich zumindest Menschen mit einigermaßen widerstandsfähigem Magen sehr ans Herz legen würde. Nicht unbedingt, weil ich ihn für ein Meisterwerk hielte, davon bin ich selbst nach zwei Sichtungen noch nicht hinreichend überzeugt. Aber ein viszeraleres Erlebnis von Abstoßung und Hingabe vom und zum Film muß man lange suchen, und Diskussionsstoff hat man sicherlich für Stunden; wer mag kann sich mit Elfriede Jelineks Text in der druckfrischen Cargo (bitte kaufen & abonnieren!) ja schon einmal ein bißchen aufwärmen.

Weiteres zu Antichrist in aktueller, minimaler Auswahl:

FFF 2009: Final Destination 4 (2009)

Alle Beiträge zum Fantasy Filmfest 2009 unter dem Tag FFF2009

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Zur Final Destination-Reihe wollte ich mich in den nächsten Tagen, wenn’s meine Zeit erlaubt, noch einmal anders äußern; zum vierten Teil speziell ist letztlich nicht so viel zu sagen. Die Idee, das ist nicht ungewöhnlich, hat sich inzwischen ein wenig abgenutzt; immerhin wurde diesmal darauf verzichtet, allzu komplexe Todesszenarien zu spinnen, allerdings geht das ein wenig auf Kosten der Spannung – Teil 3 hatte durch übertriebenes und gerne mal fehlleitendes Foreshadowing auch Spannung erzeugt. Gleichwohl gerät auch der neue Film zum Lehrvideo zur Vermeidung von Unfällen am Arbeitsplatz und im Haushalt.

Dem Einsatz der 3D-Technik verdanken wir in diesem Film den häufigen Tod durch (Richtung Kamera) herumfliegende Gegenstände, es fliegen Körperteile, Organe und Blutspritzer. Insgesamt ist das zumindest effektvoll und wirkt beileibe nicht so künstlich wie bei My Bloody Valentine (2009; meine Kritik), bei dem mich das 3D-Getrickse eher genervt hatte.

Tatsächlich interessiert sich der Film kaum für seine Figuren und für die Art und Weise, wie sie sich mit ihrem drohenden Tod auseinandersetzen, und auch nicht einmal im Ansatz für die metaphysischen Fragestellungen, die dahinter verborgen liegen; die Final Destination-Reihe arbeitet sich jetzt fast nur noch an der Mechanik des Todes ab, die hier eine Mechanik des Verschleißes, der mangelhaften Technik ist. (Ganz im Gegensatz zu den Saw-Filmen, bei denen es die unerbittlich funktionierende Technik ist, die Schrecken und Tod verbreitet.)

Zum Ende hin leistet sich der Film dann eine geradezu ironische Auseinandersetzung mit seinen eigenen Vermarktungs- und Rezeptionsbedingungen. Zwei der Protagonistinnen sitzen im Kino, es läuft ein Film in 3D, und die beiden tragen Brillen von weitaus geringerer Klobigkeit als der Ziegelstein, der mir schon nach einer Stunde Schmerzen auf der Nasenwurzel bereitete. Das Publikum im Saal ist vom Geschehen auf der Leinwand nicht nur gebannt, sondern wird vor Schreck vor den heranfliegenden Illusionen dramatisch in die Sitze zurückgeworfen. Das wirkt doch arg aufgesetzt und wie aus einem Werbespot für die 3D-Technik, wenn man zeitgleich die insgesamt etwas verhalteneren Reaktionen eines realen Publikums (dem man selbst mit angehört) verfolgen kann.

Der Held derweil versucht die beiden jungen Damen zu finden, weil das Kino alsbald Ort des nächsten Unglücks zu werden droht – Final Destination 4 nutzt das übrigens nur minimal dazu aus, die/den Zuschauer_in an seine eigene Position als Kinogänger_in zu erinnern -, aber er kann sie lange nicht finden, weil der Film nicht nur in einem Kino gezeigt wird, sondern in fünf oder sechs Sälen des Multiplexes gleichzeitig.

Das scheint mehr Gag und retardierendes Mittel als irgendetwas anderes zu sein, aber viel direkter kann man eigentlich kaum thematisieren, mit wieviel Marktmacht die 3D-Technik in immer neuen Spektakeln derzeit in die Kinos gedrückt wird, ohne daß dabei wirklich immer besonders Aufregendes zu sehen wäre.

— Sehr hörenswert und inspirativ ist übrigens der F.LM-Podcast zu Final Destination 4.

Foto: Fantasy Filmfest

(Ergänzt am 7. September 2009)