Berlinale 2012: Tag 4

Ein Festivaltag, der wie ein Wirbelwind in der Mitte des Tages hereinbrach, um dann vorbeizuschießen wie nichts. Manchmal stimmen die eigenen Zeitwahrnehmungen ja nicht mit dem fragilen Gewebe „Realität“ überein. Es begann jedenfalls mit einer kleinen Verspätung. Die Macher von Kid-Thing, David und Nathan Zellner, hatten noch Q&A nach ihrer zweiten Berlinale-Vorführung und kamen deshalb etwas verspätet zum Interview. Erste Erkenntnis daraus: Susan Tyrrell hat sich, wenn ich sie da richtig verstanden habe, wirklich in dieses Erdloch gesetzt und von dort aus gesprochen. Oha. Viel schauspielerischer Einsatz für eine reine Sprechrolle.

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Danach zur politischen Prominenz geeilt: Herr Wichmann war natürlich da, aber auch der Ministerpräsident selbst. Andreas Dresen und sein Team sowieso. Herr Wichmann aus der dritten Reihe ist gewissermaßen das Follow-Up zu Herr Wichmann von der CDU und ist eher noch launiger, sicher aber: ziemlich, ziemlich gut. Das Publikum lachte viel, am Ende gab’s Topfpflanzen, und der Protagonist zeigte sich abgeklärt und völlig unzynisch. Grundsympathisch, auch wenn ich seine politischen Ansichten sehr, sehr oft nicht teile. (Update: ausführliche Kritik jetzt hier.)

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Bestiaire: Tiere sehen Dich an. Und wenn Du sie anguckst, blickst Du auf Dich zurück. Vielleicht. Jedenfalls ist das ein toller Dokumentarfilm, der fast nur Tiere zeigt, und dezidiert von ganz anderem handelt. Hochartifiziell, seine Künstlichkeit verbergend, aufregend. Vermutlich das einzige Mal in der Geschichte war er heute abend auf richtig großer – Imax – Leinwand zu sehen. Der Regisseur war schwerst glücklich.

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Whitney Houston ist verstorben, und wer’s noch nicht wußte, war vermutlich davon irritiert, als gegen elf Uhr abends in der „Lounge“ einer Berlinale-Sektion einige der Staff-Mitglieder lautstark „One Moment In Time“ mitsangen. Ich bin dann sicherheitshalber mal gegangen, bevor es noch schlimmer werden konnte. Draußen begann es dann zu schneien.

Berlinale 2012: Tag 3

Leicht magischer Moment des Tages: Als sich im Zeughauskino das Feuerwerk des Berlinale-Trailers in der spiegelnden Oberfläche des bereitstehenden Flügels doppelt. Licht und Ton und Abenteuer.

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Es ist kalt. Das ist kein so großes Problem, wenn man sich nur im engen Festivaldunstraum aufhält, wo man sich gegenseitig mit Ausdünstungen warmhält, am Potsdamer Platz also, da kann man schon mal, wie Joachim oder Shah Rukh Khan, auf die langen Unterhosen verzichten.

Ich übe solchen Verzicht nicht (wahnsinnig sexy, ich weiß), und wurde heute mit nur geringfügigen Erfrierungen belohnt, als ich mich auf den Weg zum Zeughauskino machte. Das ist zwar nur eine kurze Busfahrt weit entfernt, aber auf dem Rückweg muss man Unter den Linden an einer äußerst zugigen Bushaltestelle warten und blickt dabei auch noch auf die seltsame Humboldt-Box, die schon mal provisorisch den zukünftigen Schloßplatz verschandelt. Naja.

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Ich bin kein Partytier. Auch keine neue Erkenntnis.

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Lauter nette Kolleginnen und Kollegen. Hoffentlich sind wir alle an den letzten Festivaltagen so erschöpft, dass wir uns auch mal länger zusammensitzen als nur zwischen zwei Filmen im Kalten stehend, eine Zigarette lang. Und dann schlafen wir nebeneinander auf den Caféstühlen ein. Das wird schön!

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Iron Sky: Der Publikumsrenner des Festivals, bevor ihn auch nur irgendjemand gesehen hatte. Man darf die schlimmsten Befürchtungen schonmal zerstreuen: Er saugt keineswegs total. Ein großes Kunstwerk ist er wohl nicht, aber solide Trash-Unterhaltung aus der geballten Macht der Volksfinanzierung, gewissermaßen. Und zwischendrin sind einige Momente, die sind richtig groß: Für Begeisterung sorgten insbesondere der finnische und der nordkoreanische UN-Botschafter. Sollte man sich ansehen, jetzt kann ich sagen: nicht nur, weil es ein cooles Projekt ist. Freund_innen des Steampunk kommen eh nicht drum herum.

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Von Dictado bin ich jetzt, on second thought, etwas weniger angetan als zunächst. Zuallererst ist Antonio Chavarrías‘ Film (sein erster seit sechs Jahren) ein sehr solider Mysterythriller mit Horrorelementen, der motivisch an Orphan denken lässt und vielleicht noch stärker auf klassische Spannungsstrukturen zurückgreift – Hitchcock lässt grüßen.

Dann ist er aber eben doch ein bißchen zu ähnlich wie viele spanische Thriller, die ich (dank Sitges, wohin dieser Film perfekt gepaßt hätte) in den letzten Jahren gesehen habe. Solides Kino für starke Nerven ist das aber trotzdem immer noch.

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Die Animationskurzfilme in der Retrospektive: Sehr politisch, sehr Kinder ihrer Zeit. Vielleicht auch durch die Häufung in rasch aufeinanderfolgenden kurzen Filmen drückte der politische Bildungsauftrag noch deutlich stärker durch als in Aelita, und das wird dann doch recht bald anstrengend bzw. aus heutiger Sicht oft komisch. Interessanter ist als das Ästhetische; und die Einschränkungen, denen die Filmemacher unterlagen, und die zum Teil direkt in den Filmen sichtbar werden.

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Death for Sale: Das fängt am Anfang recht ausgelassen an, als einer von drei Freunden aus dem Gefängnis entlassen wird, aber schon darin deutet sich an, dass das wohl kein gutes Ende nehmen wird. Wie nebenbei werden Gesellschaft und Geschlechterverhältnisse in Marokko mit angedeutet und verhandelt; vor allem aber sinkt die Ausweglosigkeit als todtraurige Grundstimmung in alle Bilder ein, bevor am Ende so richtig deutlich wird, dass auch die engsten Beziehungen zwischen den Menschen zerstoßen sind. Ach, wie die letzten Minuten weh tun.

Berlinale 2012: Tag 2

Mein Tag 1 war ja aus Arbeits- und Familiengründen ausgefallen, und für Tag 2 habe ich jetzt auch nicht mehr wirklich viel Zeit: Das Bett ruft dringend. Deshalb kurz:

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Retter des Tages: @3jH. Der mir am späten Vormittag einen Schokoriegel in die Hand drückte, um mich vor einem fatalen Hungergefühl zu bewahren. Bis dahin war nur ein Kaffee drin gewesen.

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Auch Akkreditierte sollten sich mal in die Ticketschlange stellen, da gibt es nämlich Spannendes zu entdecken. Hatte dies heute für einen Kinobesuch am Montag getan und wurde dabei von einer Zufallsbekanntschaft mit der Idee beseelt, vielleicht morgen einfach mal alte russische Trickfilme in der Retrospektive anzusehen. Das fühlt sich sehr, sehr richtig an.

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Kid-Thing war der erste Feel-Bad-Film des Tages: ein von Menschlichkeit und Sorge entleertes Texas, durch das ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Paintgun zieht. Sehr depressierend.

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In the Land of Blood and Honey von Angelina Jolie: zweiter Feel-Bad-Film. Solide erste Regie-Arbeit mit vielen Schwächen, aber lange nicht so schlimm, wie angekündigt. Vor allem anstrengend durch die Botschaft, dass die Menschheit grausam, schrecklich und böse ist, und durch eine gewisse einseitige Parteilichkeit, die beim Umgang mit dem thematisierten Krieg ja eh ein Problem ist.

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Schließlich Aelita in der Retrospektive: Toll, aber laaaangsam (nur die russischen Zwischentitel waren immer viel zu schnell wieder weg), was um die Zeit dann etwas anstrengend war. Die Dame rechts von mir schnarchte zeitweilig ein wenig, und Herr F. links von mir gab später auch zu, kurz eingenickt zu sein. Keine Schande. Aber toll ist die Story schon irgendwie, am Schluß wird die Union der Sowjetrepubliken vom Mars ausgerufen – ich möchte das gerne im Double Feature mit dem Disney’schen John Carter-Film im Sommer sehen – wenn die irgendwie in der Nähe der trashigen Buchvorlagen liegen, ist das alles andere als kommunistisch.

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Noch ein paar Lesetipps anderswo: Bei critic.de gibt es natürlich das bewährte Berlinale-Special, Kollegin Ines macht auf film-zeit.de ihren Pressespiegel zum Festival. Lukas, Thomas et al. bloggen für den Perlentaucher, Joachim und andere schreiben sich auf kino-zeit.de die Festivallast von der Seele, Sophie bei sich selbst und im Berlinale-Tagebuch bei meinem Arbeitgeber moviepilot.

Berlinale 2012: Tag 0

Die Berlinale 2012 – meine erste mit Presseakkreditierung – beginnt gleich ein wenig unwirklich: ich muss in keiner Schlange stehen. Womöglich sind Journalisten das ja sogar gewohnt bei diesem Festival (man wird sehen), aber die übliche Perspektive der letzten Jahre war natürlich immer die aus der ewigen Ticketschlange in den Arkaden am Potsdamer Platz, in der man schon mal locker die Länge eines Films lang warten konnte, um ein paar Tickets zu erstehen. Und dennoch ließ man da schnell einen unanständig hohen Betrag, weil da war ja dieser interessante Film … und der da, hast Du schon gehört?

Wird das jetzt alles entwertet, wenn ich nicht nur mit der professionellen Abgeklärtheit *hüstel* des Kritikers in den Vorstellungen sitze, sondern auch nicht Zeit und Geld investieren mußte, um die Filme zu sehen? Oder wird das durch die Zeit wieder aufgewogen, die man nachher mit dem Verfassen eines Textes verbringt?

Zehn Minuten habe ich jedenfalls gebraucht, bis ich meine Akkreditierung in Händen hielt; eine Kollegin verriet dann auch noch, wo man die Berlinale-Tasche und vor allem den dicken Katalog erhält, und so bin ich jetzt reichlich mit Material versorgt. Wer soll das denn alles wann lesen?

Allerdings fällt Tag 1 (Donnerstag, der 9.) der Berlinale für mich aus verschiedenen Gründen völlig aus, so dass ich mich am Abend wahrscheinlich mit dem dicken Ding aufs Sofa zurückziehen werde.

Wenn da nicht noch diese anderen Texte fertigzustellen wären, die gar nichts mit dem Festival zu tun haben…

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Abends schon der erste Film, Werner Herzogs Death Row. Herzog möchte mit seinen Portraits von Todeskandidaten aus amerikanischen Gefängnissen gerne die öffentliche Meinung beeinflussen – das Projekt ist sein Statement gegen die Todesstrafe. Ob es funktioniert, scheint mir aber mindestens fraglich; auf jeden Fall ist Herzog selbst der größte Störfaktor, wenn er seine Gesprächspartner unterbricht oder durch suggestive Fragen offensichtlich in eine – seine – bestimmte Richtung zu bewegen versucht. Vollends eigenartig wird es dann, wenn es in einem der Portraits vor allem um die (in der Tat aufregende) Geschichte des Gefängnisausbruchs der beiden Häftlinge geht, die spannend wie eine Thrillerhandlung ist, aber die Sache mit der Todesstrafe ziemlich in den Hintergrund schiebt.

Gewiss, Herzog macht Menschen aus seinen Gesprächspartnern, und diese Menschlichkeit ist vielleicht mehr, als ihnen anderswo zugesprochen wird. Aber manchmal ist doch irritierend, wie sehr sie ihm anscheinend doch Mittel zum ehrenhaften Zweck zu sein scheinen.

Und dass er selbst das Voiceover spricht, mag authentisch sein; aber sein Akzent im Englischen ist wahrlich nur schwer erträglich.

International Comedy Film Festival: ab heute

Heute abend beginnt hier in Berlin das International Comedy Film Festival, das bis zum 14. Dezember 2011 im Berliner Filmtheater am Friedrichshain ganz großartige und vor allem auf jeden Fall: intelligente Komödien zeigt. Leider ist, Arbeit, kranke Kinder und meine Schusseligkeit sind’s schuld, mein Plan nicht aufgegangen, hier schon vorab ein wenig mehr über die Filme zu schreiben, die ich bereits habe sehen können, aber das hoffe ich in den nächsten Tagen noch ein wenig nachholen zu können. Meine Texte zum Festival gibt es dann gesammelt hier.

Bis dahin jedenfalls: Hingehen! (So sieht es auch die tagesschau.) Von den Filmen kann ich RONAL BARBAREN auf jeden Fall für junggebliebene Metalfans empfehlen, deren eine Herzkammer für Arnold Schwarzenegger, die andere für J.B.O. schlägt. Der polnische Animationsfilm JEŻ JERZY ist noch wesentlich freizügiger und bissiger, direkter und, ja doch, obszöner. (Igel können so pervers sein.) THE GREATEST MOVIE EVER SOLD schließlich ist Morgan Spurlocks neuester Streich, eine Reise durch die kapitalistische Basis der Unterhaltungsindustrie, die im Grunde ein in wie bei M.C. Escher sich selbst geschachtelter Dokumentarfilm darüber ist, wie er selbst entsteht (und finanziert wird). Mind-boggling, wenn man so darüber nachdenkt.

Sehr positiver Buzz begleitete vorab SEPTIEN von Michael Tully, den australischen Metaslasher THE KILLAGE und die chinesische Sozialsatire CRISIS MANAGEMENT; was daran stimmt, wird sich sicherlich zeigen.

Ich selbst werde ab Freitag immer wieder da sein; wen meiner geschätzten Leser_innen kann ich dort vielleicht treffen?

(Full Disclosure: Ich bin befreundet mit einigen der tollen Menschen, die das Festival organisieren, und mein Arbeitgeber moviepilot ist Medienpartner des ICoFF.)

FFF 2011: meine Empfehlungen

Heute abend beginnt in Berlin das anschließend durch die Republik tourende Fantasy Filmfest in seinem 25. Jahr. Wie auch im vergangenen Jahr möchte ich vorab ein paar Empfehlungen und Warnungen aussprechen zu den Filmen im Programm des Festivals, die ich bereits vorab habe sehen und besprechen können. (Die Links führen jeweils zu meinen ausführlichen Kritiken.)

Meine dringendste (und wiederholte) Empfehlung gilt dabei Super von James Gunn, mit Rainn Wilson und Ellen Page, einer hochintelligenten, ungewöhnlichen und stellenweise sehr schwarzen Komödie über einen Real-Life-Superhelden.

David Mackenzies apokalyptisches Drama Perfect Sense (mit Eva Green und Ewan McGregor) ist ebenfalls ein Must-See – eine ruhige und überhaupt nicht sensationsheischende Parabel über die Conditio Humana, wenn die Menschheit schrittweise dem Untergang entgegengeht.

Für Freundinnen und Freunde des Thrillergenres empfehle ich vor allem zwei französische Produktionen: Point Blank (À bout portant) von Fred Cavayé und The Prey (La proie) von Eric Valette.

Stake Land ist ein ungewöhnlicher Vampirfilm, eher ein apokalyptisches Roadmovie, und damit (aber gekonnt) eine Parabel über die amerikanische Gesellschaft der nicht-apokalyptischen Gegenwart. Auf jeden Fall einen Blick wert.

Und dann sind da noch: Hideaways von Agnès Merlet, eine Fantasyromanze für ein eher jugendliches Publikum, Jérôme Salles zweites Largo-Winch-Actionabenteuer, Largo Winch II: The Burma Conspiracy (ausführliche Kritik erscheint in Bälde hier) sowie, für Fans der Reihe, das Prequel zu Cold Prey, Cold Prey 3 – The Beginning (Fritt Vilt III).

Eher abraten würde ich von dem Geiseldrama The Assault (L’assaut) von Julien Leclercq, von der IMHO völlig unkomischen „apokalyptischen Komödie“ Phase 7 (Fase 7) aus Argentinien sowie schließlich von dem franko-kanadischen Terrorstreifen Territories von Olivier Abbou.

Wie auch 2011 werde ich hier im Blog natürlich auch kurze oder längere Kritiken zu verschiedenen Filmen veröffentlichen, die ich im Laufe des Festivals sehe; unter anderem sind das voraussichtlich (in ungefähr alphabetischer Reihenfolge): Cat Run (Trailer) von John Stockwell, Xavier Gens‘ The Divide, der Eröffnungsfilm Don’t Be Afraid of the Dark, F von Johannes Roberts, Final Destination 5 (Trailer; hier meine Gedanken zum bisher letzten Film der Serie), The Innkeepers von Ti West, Norwegian Ninja, der israelische Horrorfilm Rabies (Kalevet), Saint von Dick Maas, Lucky McKees The Woman (der mit reichlich Vorschußlorbeeren aus Sundance kommt) sowie Yellow Sea von Hong-jin Na, dem wir bereits den durchaus hervorragenden Chaser verdanken.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: La proie (2011)

Thriller machen, das können sie in Frankreich. Mit À bout portant und La Proie sind dort in den letzten Monaten zwei wirklich sehr sehenswerte Jump-and-Run-Vertreter dieses Genres gestartet, die nun auch beide auf dem Fantasy Filmfest zu sehen sind – beide wären aber auch in der regulären Kinoauswertung wirklich gut aufgehoben.

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La proie ist ein rechter Verfolgungsthriller, in dem viel gerannt, gesprungen und gelegentlich geschossen wird. Das bleibt nicht vollständig im Bereich des Realistischen; Eric Valette hat hier einen Protagonisten in die Welt gesetzt, dessen Durchhaltewillen und -vermögen, psychischer wie physischer Natur, schon ins leicht Übermenschliche tendiert – aber man will ja im Kino auch gerne außergewöhnlichen Menschen dabei zusehen, wie sie außergewöhnliche Dinge tun.

Und Franck Adrien (Albert Dupontel) ist genau das: Er ist auf jeden Fall kein gewöhnlicher Held, keine leichte Identifikationsfigur. Er ist nicht unbedingt klassisch gut aussehend, und der Film bemüht sich anfangs sehr darum, zu Dupontels harten Gesichtszügen durch Kleidung und Frisur noch abschreckende Merkmale hinzuzufügen. Der Mann sitzt gerade ein, und offenbar nicht unschuldig – aber er müht sich um ordentliches Verhalten, denn er möchte heim zu Frau und Tochter. Weil er sich aber einmischt, wenn im Gefängnis andere geschlagen werden, gerät er in Konflikt mit den Gangs dort und den Wärtern – und dann wird er schon einmal rasch sehr gewalttätig.

Dann bekommt er einen neuen Zellengenossen: Jean-Louis Maurel (Stéphane Debac), der immerzu seine Unschuld beteuert. Eine eher schwächliche Gestalt ist er, Franck schützt ihn vor einem Übergriffen, und als Jean-Louis tatsächlich entlassen wird, gibt ihm Franck einen Brief für seine Frau mit. Natürlich ist Jean-Louis, dieser Saubermann und Leisetreter, in Wirklichkeit etwas ganz anderes: Ein Psychopath und Serienmörder, viel gefährlicher als das Rauhbein Franck – und als er das erfährt und befürchten muß, daß seine Frau und seine Tochter in Gefahr sind, nutzt er die erste Gelegenheit zur ziemlich gewaltsamen Flucht.

Für die Polizei ist aber dennoch Franck natürlich der gefährliche, flüchtige Gewalttäter, und die junge Polizistin Claire Linné (Alice Taglioni) heftet sich an seine Fersen. Es beginnt dann ein ziemlich aufregendes Hund-und-Katz-und-Maus-Spiel, das Valette, der hierzulande vor allem durch One Missed Call (und ein wenig vielleicht auch durch seinen Politthriller Une affaire d’état) bekannt geworden ist (über seinen gräßlichen Film Hybrid wollen wir mal lieber den Mantel des Schweigens legen), über die ganze Dauer des Films auf ziemlich hohem Tempo zu halten weiß.

Man möchte mehr davon sehen.

La Proie (Eric Valette) - Bande Annonce
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Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: L’assaut (2010)

L’assaut von Julien Leclercq (Chrysalis) versucht sich an einer dramatischen Rekonstruktion eines Ereignisses, das seinerzeit für Frankreich eine recht traumatische Erfahrung war: Die Entführung des Air-France-Flugs 8969 am 24. Dezember 1994 durch ein Kommando der Groupe islamique armé (GIA) und die Anstrengungen bis zur gewaltsamen Beendigung der Geiselnahme zwei Tage später auf dem Flughafen von Marseille.

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Der Film konzentriert sich im Wesentlichen auf drei Personen: den Anführer der Terroristen (Aymen Saïdi), ein Mitglied der Spezialeinheit Groupe d’intervention de la Gendarmerie nationale (GIGN) (Vincent Elbaz) und eine aufstrebende Mitarbeiterin (Mélanie Bernier) der an der Befreiung beteiligten französischen Ministerien.

Die drei stehen in keiner persönlichen Beziehung zueinander, und das macht womöglich schon ein dramaturgisches Problem des Filmes aus: Daß nämlich für Persönliches, für subjektive Motivationen und Interessen, kaum Platz bleibt. Stattdessen gibt es, außerhalb der durchaus spannenden Actionsequenzen und anderen Standardmomenten, die das Entführungs-/Terrorismusgenre so bringt, vor allem fast schon stereotype Handlungsmuster zu sehen.

Die Terroristen sind von ihrer Sache überzeugt (auch wenn nie so recht klar wird, was diese Sache genau ist), die Passagiere sind ängstlich, die Polizisten mutig (und haben natürlich Familie). Der Film ist fast durchgehend in blauschwarzen Tönen gehalten – eine Wahl, die für die mechanistischen Momente des Ablaufs sehr passend erscheint – also die Vorbereitungen der Spezialeinheit, die Spielereien der Politik -, aber immer dann stört, wenn der Film versucht, doch so etwas wie Emotionen zu beschwören.

In der französischen Presse ist der Film öfters mit United 93 von Paul Greengrass verglichen worden – allerdings meist nicht unbedingt zugunsten von L’assaut.

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Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: Hideaways (2011)

James Furlong (Harry Treadaway) kommt aus einer Familie mit seltsamen Eigenschaften: Sein Großvater erblindete für einige Minuten, wann immer er an Sex dachte, und sein Vater setzt in Momenten der Furcht sämtliche Elektronik um ihn herum außer Gefecht. Bei James, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, zeigt sich seine besondere Eigenschaft erst recht spät – und bestürzend: Wenn er verletzt ist oder Todesangst hat, stirbt alles um ihn herum, Gras, Kühe, Menschen.

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Es ist also vielleicht kein Wunder, daß er sich, nach dem Tod seines Vaters und seiner Großmutter sowie einer Katastrophe im Waisenhaus, in das er anschließend gebracht wurde, im Wald verkriecht, fern von anderen Menschen. In seine Hütte stolpert dann aber eines Tages, da ist er schon fast erwachsen, die gleichaltrige Mae-West O’Mara (Rachel Hurd-Wood) – sie hat gerade erfahren, daß sie von ihrem Darmkrebs – ebenfalls ein Familienerbstück – nicht mehr genesen wird und ist erstmal in den Wald geflohen, um aus der Reichweite ihrer Mutter und der Ärzte zu sein.

Der übersinnliche Todesbringer und die Todgeweihte – natürlich ergeben die beiden ein hübsches Paar, und natürlich wird Mae-West (benannt nach dem Filmstar – alle Menschen hier sind etwas seltsam, etwas un-realistisch, etwas fantastisch) den scheuen James becircen, und er sie. Dazu gibt es schöne Naturbilder (vergehend, sterbend und wieder werdend) und einen leicht skurril gehaltenen Off-Kommentar, der sich dann für große Teile des Films einfach stillschweigend verabschiedet.

Das alles ist ein wenig schmalzig, aber schön, und in seiner Auflösung sehr, sehr bald vorhersehbar und angenehm jugendtauglich-fantasyhaft. Oder, wie es Kollege Thomas so treffend formulierte:

Könnte aber was für all die Teenies sein, die gerade über Twilight hinaus wachsen und abgeholt werden wollen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Foto: Fantasy Filmfest