A Nightmare on Elm Street (2010)

Ich muß an dieser Stelle ein eigentlich ziemlich peinliches Geständnis machen: Bisher hatte noch kein einziger der A Nightmare on Elm Street-Filme meine Netzhaut gestreift. Freddy-Krueger-Aficionados werden sich jetzt vermutlich enttäuscht von mir abwenden und auch meine Besserungsgelöbnisse nicht mehr vernehmen (wollen), aber warum sollte man ums Eingemachte herumreden, wenn es offen sichtbar im Raum steht? Ich kann nämlich deshalb auch in keiner Weise darüber Auskunft geben, ob A Nightmare on Elm Street von Samuel Bayer ein irgendwie brauchbares Remake Reboot von Wes Cravens Original ist – ich vermute und hoffe aber, daß dem nicht der Fall ist.

Denn dieser neue Film, der hier in Paris derzeit quer durch die Metro in einem Maße beplakatiert wird, daß man seine Kinder schier nicht mehr auf die Straße lassen möchte aus Sorge um ihre psychische Gesundheit, hat ein ganz entscheidendes Problem: Es ist nicht die größte Gefahr, daß eine_r der Protagonist_inn_en einschläft, sondern daß dies den Zuschauer_inne_n widerfährt.

Jackie Earle Haley ist als Freddy Krueger völlig unfürchterlich, was vermutlich weder so richtig an ihm liegt noch an der Maske, die allerdings seiner Mimik keine Chance läßt, ohne dem wirklich Schrecken hinzufügen zu können. Er entwickelt aber keinerlei wirkliches Schreckenspotential, keine Aura von Bedrohung oder tiefergehendem Bösen – er taucht auf, sagt Oneliner auf, die zwischen gewollt-schlüpfrig, halblustig und pseudobeängstigend changieren, klimpert ein bißchen mit den Fingerklingen und verschwindet dann entweder wieder um, hüstel, überraschend aus einer anderen Richtung wieder aufzutauchen; oder er mordet geschwind drauf los.

Über Standardsituationen des Slashergenres kommt das jedoch nie hinaus, und sieht man von der natürlich beibehaltenen Vermischung von Traumwelt und realer Welt einmal ab, ist hier wahrlich nichts Besonderes zu beobachten. Irgendwann wiederholt sich die Erschreckstruktur aufs Fadeste, während die Handlung über die Hintergrundgeschichte langsam offenbarende Träume mühsam ruckelnd vorwärts gekrochen kommt. Dazwischen gibt es viel zu viele Szenen mit Herrn Krueger; der Film gönnt sich nicht einmal die Zeit für ein paar ordentliche Fehlalarme, und wie lieblos das runtergenudelt ist, merkt man dann vor allem am Schluß, als (here be spoilers!) die überlebenden Protagonist_innen den Dämon vermeintlich tot liegen lassen – schon nach einem Schnitt hören wir eine Stimme, die konstatiert, man habe aber keine Leiche gefunden, und nur Sekunden später taucht der Bösewicht noch einmal mordend auf. Schnitt, Vorhang bzw. Abspann, Ende. Selten einen so hingerotzten Horrorfilm gesehen.

Der Film trieft zwar vor Anspielungen auf Sexuelles, aber das ist Schlüpfrigkeit ohne jede echte Transgression (wie der Streifen überhaupt die bravsten Identifikationsfiguren des jüngeren Horrorkinos vorschlagen dürfte – no sex, no drugs, noch nicht einmal rock’n’roll). Da wird der Sex zwar noch verbal aufgerufen und suggeriert, aber von einem Spiel zwischen Lust und Abgründigkeit, Bedrohung und Macht, und was man mit dem Sex im Horrorfilm noch so alles anstellen kann, ist hier keine Spur, keine Ahnung, kein Bewußtsein.

Im Grunde ist A Nightmare on Elm Street ein Paradebeispiel für jene Form des Remakes, der man vorwirft, nicht nur den Ausverkauf des Horrorfilms in der Gegenwart zu betreiben, sondern auch das historische Tafelsilber dafür zu verschleudern. Dazu bedient man sich der Klassiker, die zu ihrer Zeit eher randständiges Kino waren (aber sicher auch nicht alle), potentiell verstörend und grenzüberschreitend (aber sicher auch nicht alle), schleift die ästhetisch interessanten Ecken ab, sorgt für größtmögliche Ranwamse ans Zielpublikum und wirft das Ganze mit großem Marketingaufwand der Masse vor die Füße, die dann auf die Originale auch gerne verzichtet. Und das behaupte ich jetzt mal, ohne das Vorbild des hier vorliegenden Schiffbruchs zu kennen.

Aber vielleicht bin ich da auch zu zynisch?

Fotos: Warner Bros.

Texte zu Filmstarts (6. Mai 2010)

Ich weiß nicht, wie sehr sich meine Leser_innen hier dafür interessieren, was und wieviel ich anderswo publiziere (meist recht aktuell hier vermerkt) – das ist neben den lieben Kleinen der zweithäufigste Grund dafür, daß hier gelegentlich längeres Schweigen herrscht. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn Ihr mir in den Kommentaren hinterlaßt, ob ich dies hier zu einer regelmäßigen Einrichtung machen soll.

Nämlich: Jeweils kurz vor dem entsprechenden Filmstart noch einmal auf die Texte hinzuweisen, die ich (hier und vor allem) anderswo zu startenden Filmen hinterlegt habe. Für diese Woche, mit Start am 6. Mai 2010, wären das:

Falls Euch die Texte gefallen sollten (oder Ihr sonst gut findet, was ich hier und andernorts mache), freue ich mich auch darüber, geflattred zu werden. Gleich hier unter dem Text. ;-)

Legion (2010)

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Wenn Engel das Actionkino heimsuchen, nicht um dem gewaltsamem Treiben ein friedliches Ende zu bereiten, sondern um ihm noch kräftig Pfeffer zu geben, dann sträuben sich mir meist die theologischen Nackenhaaren. Nicht daß ich selbst in Glaubensfragen da sofort zimperlich würde, aber zumindest ist einigermaßen viel Aufwand und Intellekt nötig, um eine solche Konstellation aufrechtzuerhalten, ohne sich in eine weltanschaulich eher peinliche Ecke zu manövrieren. Constantine (meine Kritik) meisterte das seinerzeit leidlich gut, indem er, bei allen Schwächen, die der Film sonst so hat, seine Engelsfiguren mit einer Ambivalenz ausstattete, die dann doch viel schwingend offen ließ.

Ambivalenz ist allerdings kein Grundprinzip von Legion, weder in der Inszenierung noch im Drehbuch, solange man eine gewisse Unentschlossenheit in der Erzählstruktur nicht als positiv konnotierte Ambivalenz durchgehen lassen möchte. Stattdessen kracht es hier vor Eindeutigkeiten und, nein, das ist nicht immer eine gute Sache.

So geht’s los: Ein Engel landet (natürlich) in Los Angeles, durch ein Loch im Himmel scheint er herabzustürzen und muß erst einmal ein paar Wunden versorgen und sich einiger Menschen entlegen, die des Weges kommen. Ist er vielleicht doch ein Böser? Sorry, das war’s, wie angekündigt, schon mit der Ambivalenz. Der Mann ist Erzengel Michael (Paul Bettany), er ist vielleicht sogar ein bißchen besser als Gott (da fangen die theologischen Probleme an) und leider zieht er in der Tat sein T-Shirt nur einmal kurz aus.

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Eigentlicher Handlungsort ist aber das passend benamste Wüstennest Paradise Falls, an dem derweil, wie man im Englischen so schön sagt, das Exkrement mit dem Ventilator kollidiert. Ein eigenartiger Sturm zieht auf, während eine alte Dame fauchend die Wände hochkrabbelt und einem Kunden von Bob Hansons Diner schwere Bißwunden zufügt. Dann fallen Fernsehen und Radio aus, in Amerika immer ein sicheres Zeichen der nahenden Apokalypse, und kurz nachdem Michael mit einem Kofferraum voll konventioneller Schußwaffen die Szene betritt, sammeln sich offenbar von Dämonen bessessene, zu Mord und Totschlag bereite Menschen vor dem kleinen Lokal.

Ohne viele Fragen zu stellen oder gar seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, folgt die verstreute Schar – ein Paar mit Teenager-Tochter, ein Schwarzer auf dem Weg zu seiner Familie, der Koch, offenbar Kriegsveteran, der Wirt (Dennis Quaid) mit seinem Sohn und die hochschwangere Bedienung Charlie (Adrianne Palicki – den Anweisungen Michaels und, äh, metzelt die Neuankömmlinge nach bestem Wissen und Vermögen nieder. So, liebe Freunde, retten wir die Welt.

Denn, wie Michael den Anwesenden dann erklärt, Gott hat so richtig die Nase voll von der Menschheit, und wo er einst die Sintflut schickte, macht er ihr jetzt mittels einer Armee von Engeln und offenbar besessenen Menschen den Garaus. Aus Gründen, die nicht weiter erklärt werden, hängt allerdings das Schicksal der gesamten Menschheit daran, ob Charlies Kind geboren wird oder nicht. Michael ist wild entschlossen, die werdende Mutter und ihr Kind zu schützen, weil er seinerseits den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren hat, auch wenn er sich damit dem direkten Willen des Allmächtigen widersetzt. Erzengel Gabriel (Kevin Durand) hingegen beabsichtigt, Gottes Wille zu tun und also Mutter und Kind dahinzuschlachten. Warum das alles jetzt ausgerechnet in Paradise Falls sein muß, wird aber leider nicht verraten.

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Ich möchte auf der Handlung eigentlich gar nicht weiter herumreiten, aber es wird in zweierlei Hinsicht noch wirklich furchtbar. Denn zum einen hat der Film ein Strukturproblem: Nach dem ersten Ansturm der Dämonen/von Engeln Besessenen/Whatever gibt es eine lange, lange, lange Phase der Ruhe (vor dem nächsten Sturm, natürlich), in der die Figuren sich über ihr Schicksal unterhalten, ihre Motivationen etc.pp. Das soll tiefsinnig sein, kommt aber über die üblichen Platitüden keinen Schritt hinaus – vor allem spielt jedoch das Gesagte und Benickte für den weiteren Verlauf des Films überhaupt keine Rolle. Als retardierendes Moment funktioniert diese Phase natürlich schon – allerdings ist sie so ungeschickt in den Gesamtfilm eingepreßt, daß sie eher langweilt als daß sie Spannung aufbauen würde.

Zum anderen aber ist der Film in seiner Ikonographie wie Pseudotheologie eine wirkliche Zumutung. Aus Gott und seinen Heerscharen wird hier ein streitsüchtiger Haufen, dem griechischen Pantheon nicht unähnlich, samt Meinungsverschiedenheiten und Eifersüchteleien. Und Engel sind offenbar auch nur sterbliche Wesen, wenn auch mit kugelsicheren Flügeln und Superkräften, die mit je einer Wumme rechts und links in den bewaffneten Kampf streben, wenn sie nicht auf einem schwarzmetallenen Luftschiff über die Sündhaftigkeit des Menschengeschlechts parlieren. Man weiß gar nicht, wo die Blasphemie beginnt und wo der schlichte Irrsinn endet.

Es geht mir dabei, wie gesagt, gar nicht um Purismus in theologischen Fragen, aber wenn man schon mit fundamentalen Positionen des Christentums herumspielt, erwarte ich doch etwas mehr als nur oberflächliches Gebrabbel und wildes Effektgewitter (das Regisseur Scott Stewart als altgedienter Spezialeffektler allerdings gut im Griff hat). Dafür sind die Statements, die sich Paul Bettanys Engel abringt, doch zu allgemeiner, und nur vage religiöser Natur.

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Legion versucht verzweifelt (und vergeblich) eine Erzählung ähnlich der von den Terminator-Filmen geschaffene Mythologie um John Connor (die Anspielung auf den Sohn Gottes in den Initialien dürften die meisten Leser_innen hier wohl schon kennen) und seine Geburt bzw. den Kampf um dessen Verhinderung zu stiften – nur daß dieser Versuch hier schon allein deshalb scheitern muß, weil sich Peter Schink und Scott Stewart, die das Drehbuch gemeinsam verfaßt haben, hier viel zu eng an die, wenn man das so sagen darf, ursprüngliche religiöse Vorlage halten und dadurch nur verlieren können. Herrjemine, das Kind soll auch noch an Weihnachten zur Welt kommen!

Und dabei habe ich jetzt noch nicht einmal damit angefangen, mich über die Geschlechterrollen aufzurollen: Denn die arme Charlie soll vor allem das Kind zur Welt bringen und ansonsten bloß nicht kämpfen; ihr männlicher Begleiter hingegen soll den Weg weisen, sie beschützen und so weiter und so altbacken fort. Dieses durchaus vielversprechende Poster hat mit dem Film also schlichtweg gar nichts zu tun.

Fotos: Sony Pictures