Sitges 2010: die restlichen Filme

Zum Abschluß der Filmübersichten (einige ausführliche Kritiken folgen in den nächsten Tagen) noch eine Handvoll Filme, die ich am Festival auch gesehen habe, die hier aber aus unerfindlichen Gründen bisher unter den Tisch gefallen waren:

After.Life

Als sei sie in die Addams Family zurückgekehrt, so blaß und zombiehaft wirkt Christina Ricci hier, was ihre Schönheit vielleicht noch intensiver erscheinen läßt. Fast leuchtet sie von innen in After.Life, wären da nicht die dunklen Augenringe. Natürlich muß sie zugleich hinfällig aussehen, schließlich ist sie – darum geht es – tot, jedenfalls behauptet ihr Bestatter (ein gruseliger Liam Neeson) das, der ihren Körper langsam für die Beerdigung vorbereitet. Nur er könne mit den Toten sprechen, sagt er, und immer wehrten sie sich gegen das Unvermeidliche. So ganz glaubt die Tote ihm nicht, aber auch die Zuschauer_innen werden bis fast zum Schluß darüber im Unklaren gelassen, was hier eigentlich vor sich geht. Für einen richtig mitreißenden Thriller gerät das gleichwohl ein wenig dünn, für eine Meditation über Leben und Tod ist Agnieszka Wojtowicz-Vosloos erster Langfilm etwas zu unterkomplex. Dennoch ein sehenswerter Film für eine Gewitterherbstnacht.

Sharktopus

Dieses Direct-to-TV-Streifchen des amerikanischen SyFy-Kanals kann sich zwar mit dem Namen Roger Cormans als Produzenten schmücken, aber auch mit dem Titel für die schlechtesten Spezialeffekte des Festivals. Mit einigem Abstand. Außerdem mit dem Preis für das grauenhafteste Drehbuch, die dümmsten Dialoge und schmerzhaft talentfrei agierende Schauspieler. (Newsflash: Wie mir aus gut informiertem Munde zugetragen wurde, wurde bei der hiesigen Mitternachtsvorstellung von Sharktopus auch noch Birdemic gezeigt, der offenbar an dessen Stelle alle hier von mir verliehenen Preise verdient hätte.)

Wenn Sie jemals gegen einen riesenhaften, gentechnisch hergestellten Hai-Oktopus-Hybriden kämpfen müssen sollten, der minutenlang auch außerhalb des Wassers existieren kann und dort auf seinen Oktopus-Armen herumläuft, wäre es klug sicherzustellen, daß Ihr Granatwerfer nicht dauernd klemmt. Andererseits füllt man so Filmzeit, und die ist nicht nur für die Werbekunden wichtig, sondern kann ja z.B. auch dazu dienen, alle paar Minuten ein paar knapp bekleidete junge Damen durchs Bild laufen zu lassen. Schließlich sind wir am Strand in Mexiko.

Andererseits ist das natürlich alles – und dafür steht ja nun der Name Corman auch – beste Trash- und Exploitationtradition. Und wenn man mit ausreichend Bier oder ähnlichen Stimmungsaufhellern versorgt ist, kann Sharktopus sicher der Star jedes Filmabends werden.

Defendor

In Sitges kam Defendor, nur in einer einzigen Vorstellung gezeigt, ein bißchen wie der kleine, nicht so lustige Stiefbruder von James Gunns Super daher, und in der Tat ist der Erstling von Autor und Regisseur Peter Stebbings (der vorher vor allem als Darsteller gearbeitet hatte) ruhiger, ernsthafter als Super, zugleich aber moralisch wie ästhetisch weniger komplex. Woody Harrelsons Hauptfigur Arthur Poppington ist eine klar positiv akzentuierte Person, und sein Wunsch nach Gerechtigkeit wie die Wahl seiner Mittel – Superheldentum mit einfachen Mitteln – wird unter anderem auch dadurch geadelt, daß Arthur als geistig eher schlichtes Wesen gezeichnet wird. Sein Handeln sei dadurch eben nicht gefiltert durch die Strukturen von Recht und Gesetz, habe mit den Grauzonen von Rechtsprechung und Undercover-Ermittlungen wenig zu tun.

The Final

Die High School, noch so ein amerikanischer Filmtopos, ist die Hölle, bzw. dort natürlich die Anderen. In der geläufigsten Tradition der Schulfilme sind es am Ende die Underdogs, die Außenseiter und Geeks, die doch die Oberhand behalten – moralisch natürlich sowieso. The Final spielt einmal eine andere Phantasie einigermaßen konsequent durch: Die brutale, auslöschende Rache der Unterdrückten an ihren Peinigern, und zwar nicht ungeplant und in einer emotionalen Ausnahmesituation wie in, zum Beispiel, Carrie, sondern als kühl kalkulierte, wohlvorbereitete Abendveranstaltung. Alle coolen Leute werden zu einer Party eingeladen, und dort werden dann die Prom Queens und Jocks mit Zangen, Messern und ätzenden Substanzen traktiert. Die Schwäche von Joey Stewarts Film ist nun auch nicht, daß die Grundidee nicht bis zum Schluß tragen würde, sondern daß es zu viele Stränge gibt, die das Drehbuch zwar andeutet, der Film aber nie umsetzt. Denn natürlich gibt es Konflikte zwischen den mörderischen Außenseitern, aber die werden nie dazu genutzt, Spannung zu erzeugen; und die gefesselten Opfer sitzen die meiste Zeit nur passiv herum und sagen gar nichts. Das Problem daran ist nicht, daß der Film nicht alle Möglichkeit ausnutzen würde, sondern vielmehr, daß er an diesen Stellen unglaubwürdig wird, die Figuren zu Erfüllungsgehilfen seiner eigenen Racheidee macht, ohne ihnen ein komplexes Eigenleben zu schenken. So wird dann auch das sukzessive Quälen der Mitschüler zu einer in der Ikonographie offensichtlich an Saw und Hostel geschulten, aber leblosen Nummernrevue ohne emotionale Kraft.

Fotos: Sitges Film Festival