Holiday – Sonne, Schmerz und Sinnlichkeit (2018)

Die Männer sind schon da, in der Villa im türkischen Bodrum, das Meer ist nur einen Steinwurf weit entfernt, im Hafen unten lagern die Yachten und Segelboote. Sascha (Victoria Carmen Sonne) ist nachgereist, ganz allein läuft sie durch die Gänge des Flughafens, als sei sie allein aus einem Privatjet ausgestiegen; dann aber reist sie mit einem gewöhnlichen Bus weiter, trifft schließlich ihren Freund (Lai Yde), für den sie offenbar Geld durch den Zoll gebracht hat – sie hat etwas abgezweigt, das wird zwar unter den Teppich gekehrt, aber nicht ohne Drohung: Noch einmal darf das nicht passieren.

Saschas Vergehen bleibt dann in Isabella Eklöfs Debütlangfilm wie ein Fremdkörper am Anfang stehen, es wird nicht mehr erwähnt und bleibt in der Tat folgenlos; das entspricht dem mäandernden Verlauf von Holiday, dessen deutsche Verleihergänzung Sonne, Schmerz und Sinnlichkeit nicht weiter von der Wahrheit sein könnte: Von Sinnlichkeit jedenfalls keine Spur. Und eigentlich auch nicht von einer Handlung, sie ist reduziert auf das Allerwenigste: Michael macht krumme Geschäfte (anscheinend mit Drogen, im Hintergrund sollen jedenfalls irgendwelche Treffen stattfinden, aber bitte nicht in seiner Villa), Sascha verbringt die Tage mit Einkaufen, Sonnenbaden, manchmal gehen alle zusammen essen. Aus ihrer Perspektive, der der Film konsequent folgt, bleibt weitgehend unklar, was die Kumpel von Michael, alles spürbar keine Profiverbrecher, eigentlich treiben.

Sascha spricht in einem Eiscafé den Niederländer Thomas (Thijs Romer) an, der auf seinem Segelboot wohnt, und trifft sich ab und an aus Langeweile mit ihm. Es ist eigentlich nichts Ernstes, aber sie ist jung, blond, sehr dünn und schön, vielleicht passiert ja doch mehr, als sie ihm dann zum gemeinsamen Ecstasy einlädt. Michael wird, ganz der maskuline Möchtegern-Drogenboss, natürlich eifersüchtig, aber es endet dann doch ganz anders, als man denkt.

Eklöf erzählt, oder genauer: zeigt hier Saschas Leben. Eingefangen mit ruhigen, nahezu statischen Kameraeinstellungen, die einerseits die leuchtend schönen, glitzernden, aber auch leblosen Hintergründe ausstellen: Läden, Restaurants, den Yachthafen. Davor agieren die Figuren, häufig im Zentrum der Einstellung, in einer, allen Sonnenstrahlen zum Trotz, kühlen Welt, in der sie alle voneinander getrennt wirken. Musik gibt es kaum, außer jener, zu der Sascha ab und an tanzt; auch da: nichts Gemeinames, kein Glück.

In all die Kühle brechen dann die gelegentlichen Ausbrüche von Gewalt einerseits überraschend, andererseits als zwingende Folge ein; besonders bestürzend ist dabei eine sehr explizite Vergewaltigungsszene in der Mitte des Films, ebenso distanziert gefilmt wie all der Rest und dadurch um so erschreckender. Für die Regisseurin war es „absolut notwendig“, diese Szene zu zeigen, wie sie in einem Interview sagte, „denn ich habe das noch nie aus der weiblichen Perspektive gezeigt bekommen“.

Die weibliche Perspektive bedeutet dann aber eben hier: Dass Sascha, wenn man das konsequent zu Ende denkt, ihr ganzes Leben aus einer so distanzierten Perspektive betrachtet, dass sie sich von ihrem eigenen Leben abgelöst hat. Und genau dies bekommt man auch zu sehen: Eine Existenz, die sich alle unmittelbaren, echten Gefühle erspart, um das Leben in diesen Rahmenbedingungen, in einem gewissen Luxus, in einer bestimmten Gruppe leben zu können.

Eklöf gelingt es, dies in unerbittliche, streng kadrierte Bilder einzufangen, ein absolut mitleidloser Blick auf ein Leben, dass sich alle Gefühle abtrainiert hat – bis diese dann doch, in einem kurzen, hoffnungslosen Moment, hervorbrechen. Damit es dann weitergehen kann wie bisher. Ich habe jetzt schon Angst vor Isabella Eklöf nächstem Film: Wenn sie schon vor solchem Szenario so genau Lebenslügen sezieren kann, was nimmt sie sich als nächstes vor?

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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