R.E.D. (2010)

Menschen haben ja unterschiedliche Methoden, mit dem Ruhestand umzugehen – die einen stürzen sich ganz in ihre Hobbies oder fixen Ideen, andere vereinsamen in leeren Wohnungen, weil sie ohne ihre Arbeit und die Kolleg_innen keinen Sinn im Leben finden können. Und dann wieder gibt es die praktisch-pragmatischen, die ihren Alltag mit den Tagesabläufen des bürgerlichen Wohlstands strukturieren – Silber polieren, Blumen schneiden, Kekse backen – und fürs seelische Gleichgewicht arbeiten sie ab und an mal als Freelancer doch noch ein bißchen. „I take the odd job on the side“ gesteht Victoria (Helen Mirren) so auch ihrem Ex-Kollegen Frank (Bruce Willis).

Frank hat ein recht spezielles Problem: Sein Arbeitgeber hat sich seiner erinnert und aus diesem Anlaß gleich eine ganze Todesschwadron auf ihn losgelassen. Denn Frank war früher bei der CIA und hatte einige der brisantesten Geheimaufträge und Ermordungen für den amerikanischen Geheimdienst erledigt; warum aber er seinerseits jetzt sterben soll, wüßte er doch zu gern.

R.E.D. (die Abkürzung steht laut Film ein bißchen bescheuert für „Retired. Extremely Dangerous“) ist an der Oberfläche erst einmal eine ziemlich bleihaltige Geheimdienstklamotte, in der sich ein kleiner Trupp von Ex-Superagent_innen gegen aktive CIA-Kader zur Wehr setzen muß. Darunter versteckt der Film eine clevere kleine Komödie zum Generationenkonflikt (natürlich nicht nur) für die Generation, die mit den James Bond-Filmen groß geworden ist und jetzt meist vergeblich nach Identifikationsfiguren im Agentenfilm sucht.

Die ruheständlerischen Alten, die es mit der Eleganz und Arroganz der größeren Erfahrung natürlich locker aus Hüfte und Handgelenk mit den frechen, jugendlichen Emporkömmlingen aufnehmen, haben jedenfalls alle die Gestalt bekannter Größen des Hollywoodkinos, und ihre Figuren erschließen sich nur vollständig, wenn man ihre vorherigen Rollen im Blick behält. So wird Hellen Mirrens Victoria, ehemalige Agentin des britischen Geheimdienstes, erst dann richtig rund, wenn man Mirrens Arbeit als Auftragskillerin in Shadowboxer oder ihre herausragende Polizistin aus Prime Suspect kennt – und natürlich die Titelrolle in The Queen. Dann wird die gelassene, freundliche und sehr britische Auskunft über ihre berufliche Tätigkeit, die sie Franks junger Freundin Sarah (Mary-Louise Parker) gibt, noch viel herzzerreißend komischer: „I kill people, dear.“

Im Generationenkonflikt kann das aber auch heißen: „Old man, my ass!“, wie es John Malkovich als Marvin Boggs formuliert, ein mit zuviel LSD in die Paranoia getriebener Einzelgänger; aber ist es noch Paranoia, wenn sie wirklich hinter dir her sind? Malkovich wirkt ja derzeit manchmal fast abonniert auf die Rolle der leicht bis schwer Wahnsinnigen (man denke an Burn After Reading oder gar Jonah Hexmeine Kritik), aber hier paßt das hervorragend ins Rentner_innenteam (komplettiert übrigens von Morgan Freeman).

Die Inszenierung von Robert Schwentke ist dann allerdings alles andere als rentenrüstig, sondern ziemlich flott. Wenn die CIA-Agenten angerannt kommen, folgt man ihren Waffen zuweilen wie in Ego-Shooter-Computerspielen, und die Bilder von Überwachungskameras und -satelliten setzen sich wie Comicpanels nebeneinander. Das mag auf die Sehgewohnheiten des jungen Publikums abzielen (die damit natürlich, schließlich sind es die Antagonisten, die wir dabei sehen, ironisch kommentiert werden) und nimmt zugleich darauf Bezug, daß die Geschichte aus dem Comic stammt, aus einer Graphic Novel von Warren Ellis und Cully Hamner.

Die zahlreichen Szenen- und Ortswechsel quer durch Amerika – eine inhaltlich meist leere Geste des Agentenfilms – kippt Schwentke ins Komische, indem er sie durch Bilder animierter Urlaubspostkarten einleitet, und wenn es zu Feuergefechten kommt, dann wird geklotzt und nicht gekleckert – so daß man sich nach 45 Minuten, wenn die fast zwei Stunden Laufzeit des Films noch lange nicht vorbei sind, tatsächlich zu fragen beginnt, was denn jetzt noch alles folgen soll. Und da haben die Protagonist_innen das Komplott, dessen Opfer sie sind, noch gar nicht so richtig verstanden.

Und auch wenn die Verschwörung, um die es hier geht, am Ende ein wenig schlaff in sich zusammensackt – R.E.D. ist ein erfrischender, beschwingter und sehr actionlastiger Beitrag zum Generationenkonflikt. (Und der kalte Krieg, der wird hier sympathischerweise ganz still und leise, aber sehr elegant und romantisch als schon zu seinen Lebzeiten unbrauchbar verabschiedet. Die größere Gefahr liegt eben doch tief im Landesinneren.)

Foto: Concorde Film

Geschichten vom Altern

Wie es ein bißchen der Zufall, mehr aber noch die deutschen Kinotermine so wollen, starten in den nächsten zehn Tagen gleich drei Filme, die ich für critic.de besprochen habe, und die sich auf ihre spezifische Art und Weise mit dem Altern und den Folgen für Liebe und Sexualität auseinandersetzen; zwei tun das in der Form romantischer Komödien, eine indirekter und im Rahmen eines Actionfilms.

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Foto: Walt Disney Pictures

Damit meine ich natürlich Surrogates (meine Kritik), ein Bruce-Willis-Vehikel, das sich IMHO unter Wert verkauft und viel mehr hätte sein können, als letztlich im Kino zu sehen ist – zum Beispiel eine wirklich spannende Fernsehserie. Aber das ist nur meine erstmal isolierte Meinung. Neben der vordergründigen Mordgeschichte geht es in Surrogates vor allem um die Frage, ob es wünschenswert ist, daß wir unsere so vergänglichen und immerzu vergehenden Körper für den Alltag durch technische Surrogate (Real-Life-Avatare, wenn man so will) ersetzen; und exemplifiziert wird das eben an der von Willis verkörperten Hauptfigur, dessen Ehefrau sich ihres realen Körpers schon so sehr schämt, daß sie damit ihrem Mann nicht mehr gegenübertreten mag.

itscomplicated
Foto: Universal Pictures

So weit würden die Figuren von Meryl Streep und Alec Baldwin in It’s Complicated (meine Kritik) wohl keinesfalls gehen. Denn obwohl sie beide wahrlich nicht mehr jung sind, haben beide zu einem spielerischen und selbstironischen Umgang mit dieser Unvollkommenheit des menschlichen Daseins gefunden. Wobei Streep und Baldwin natürlich, trotz Speck und Falten, beide immer noch unverschämt gut aussehen. Funken schlägt der Film dennoch auch aus dem Alterungsprozeß, auch wenn die Beziehung zwischen Jake und Jane (so heißen, seriously, die beiden Hauptfiguren) Quelle noch weitaus größerer Komik ist. Aber in welcher Komödie führt ein versuchter Liebesakt schonmal zu einem Hausbesuch eines Arztes?

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Foto: Movienet

Für Ariane und Hugo steht das jedenfalls noch nicht an, dafür sind sie noch zu jung. Aber das Ehepaar in De l’autre côté du lit (meine Kritik) ist jedenfalls auch nicht mehr jung und nicht mehr so verliebt wie früher, woran auch die zwei Kinder mitschuldig sein könnten, und so gibt es dann allerhand Händel und Auseinandersetzungen. Und zwischen den von Sophie Marceau und Dany Boon gespielten Protagonisten ist das Alter nur insofern ein Thema, als es für weitere Spitzen im häuslichen Kampf herhalten kann. Aber Teenagerprobleme haben die beiden nicht mehr, sondern einigermaßen erwachsene – das Genre der Romantischen Komödie wird doch nicht etwa einen Reifungsprozeß erfahren?