Mother’s Day (1980)

[Natürlich spreche ich in diesem Text nur von der geschnittenen FSK16-Fassung des Films, die nicht wegen Gewaltverherrlichung verboten und beschlagnahmt wurde. Nur damit mir niemand unterstellen kann, ich würde derlei Darstellungen womöglich gutheißen oder gar bewerben wollen. Käme mir nie in den Sinn.]

Da ich vor wenigen Wochen während der Filmfestivals in Sitges (meine Berichterstattung) die Gelegenheit hatte, mir Darren Lynn Bousmans neuen Film Mother’s Day anzusehen (meine Kritik ist gerade bei blairwitch.de erschienen), habe ich mir vorher natürlich das „Original“ angesehen, das Charles Kaufman im Jahr 1980 inszeniert hat und das seither einigermaßen berüchtigt geworden ist für seine Gewaltdarstellungen – die man freilich in Deutschland nicht legal zu sehen bekommt, da der Film in seiner ungeschnittenen Fassung nach Paragraph 131 StGB aus dem Verkehr gezogen wurde.

Mother’s Day ist von seiner Grundanlage zuallererst – obwohl er das für eine Weile gut zu kaschieren weiß – ein klassischer Backwoods-Slasher, der Städterinnen gegen Landeier stellt. Hier steht, mehr noch als in ähnlichen gelagerten Filmen, die Familie sogar noch im Vordergrund, denn es ist die titelgebende Matriarchin, die das mörderische Treiben anstößt und vorantreibt. Ihre zwei Söhne hat sie zu mordenden Folterknechten herangezogen, die sich gleichwohl ordentlich zu benehmen haben, zumindest ihrer Mutter gegenüber. Gelegentlich fährt sie auch in die Stadt und bringt ihnen ein paar Mordopfer mit, die sie nur für eine harmlose alte Dame halten.

Die Opfer sind natürlich junge Leute, die vielleicht ein bißchen zu freizügig sind in ihrem Leben – schließlich sind die 1970er Jahre gerade erst vorbei, der neue Ernst der 80er, von der Gier der Finanzmärkte bis hin zu Ronald Reagan, hat noch nicht wirklich Einzug ins amerikanische Filmleben gehalten. Auch die drei jungen Frauen Abbey, Jackie und Trina, die dann – wieder so ein klassisches Motiv – am nahegelegenen See zelten wollen, sind natürlich selbstbewußt und frei genug, auch nackt ins Wasser zu springen, und ohne Männer kommen sie an dem Wochenende auch gut aus.

So richtig überzeugen konnte Mother’s Day mich zu keinem Zeitpunkt, dafür ist der Film – berüchtigt hin, Gewaltdarstellungen her – dramaturgisch und inhaltlich zu schwach und zu sehr Dutzendware; daß er sich selbst nie ernst nimmt, macht ihn immerhin sehr unterhaltsam. Die Bösen sind so richtig böse und degeneriert (und verwenden etwa Bier zum Zähneputzen), überall stehen Fernseher herum, als wolle der Film mit Nachdruck suggerieren (bzw. die Behauptung ad absurdum führen), Fernsehkonsum führe zu Gewalt. (Das Remake hätte, wollte es die gleiche Richtung einschlagen, überall ganz viele Computer und Spielekonsolen aufstellen müssen. Aber es hat einen gänzlich anderen, interessanteren Weg eingeschlagen.)

Gemordet und gerächt wird mit allem, was so an Materialien und Werkzeugen im Haushalt herumsteht. (Und natürlich auch mit dem Fernseher, dem Teufelszeug.) Und ein ganz irritierender Moment ist, wenn die Überlebenden sich für ihren Rachefeldzug gegen die böse Kernfamilie rüsten – das ist in einer Montage inszeniert, die geradewegs aus Rambo: First Blood Part II stammen könnte: man legt sich ein Stirnband um, die Kette einer Verstorbenen wird umgehängt.
Das bedeutet womöglich, daß auch dieser Trashfilm in Sachen feministischer Gleichberechtigung des Rache- und Mordgedankens Hollywood nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte voraus war (schon die bösartige Frauenhauptrolle deutet das ja an); oder hat Rambo, immerhin erst fünf Jahre später entstanden, sich die Szene etwa abgeguckt?

Sitges 2010, Tag 1: die Filme

Am ersten Tag hat es mit Anreise und Orientierung „nur“ für drei Filme gereicht; irgendwann um halb vier muß der Mensch dann ja auch mal schlafen gehen.

Confessions

Tetsuya Nakashima, dessen Kamikaze Girls ich erst jüngst herzlich genossen habe (ein sehr amüsant überdrehter, inhaltlich etwas zu leicht geratener Film), hat hier ein intensives Rachedrama zusammengeschichtet, das vor allem durch seine formale Verfaßtheit ein aufregendes Seherlebnis ist. Die ausführliche Kritik gibt es bei kino-zeit.de.

Agnosia

Der hier in der Region angesiedelte (und wohl auch gedrehte) spanische Agnosia wurde gestern abend schon vor der Vorstellung mit viel Applaus bedacht. Eine im Grunde relativ schlichte Spionagestory wird hier in eine stets unterschwellig zwischen Esoterik und Steampunk schwankende Geschichte eingebunden und bekommt so mystische Schlagseite. Mehr dazu demnächst bei blairwitch.de.

The Legend of Beaver Dam (Kurzfilm)

Eine kleine dreckige Studie zum Pfadfinderdasein und Lagerfeuergruselgeschichten. Paßte gut zum dann folgenden Tucker & Dale vs. Evil, das Ende war aber schon nach wenigen Filmmomenten absehbar. Die Crowd war trotzdem gepleaset.

Tucker & Dale vs. Evil

Zu dieser reizenden Horrorkomödie ist schon viel Lob geschrieben, und ich schließe mich dem gerne in aller Kürze an: Der Film dreht das reichlich bekannte und oft verwurstete Backwoods-Szenario einmal komplett um und läßt eine Gruppe „College-Kids!“ (dies einer der im Film meistgeäußerten Ausdrücke, stets mit ziemlich genervtem Unterton), die zu viele schlechte Backwoods-Slasher gesehen habe, auf zwei ziemlich freundliche, nur oberflächlich wild aussehende Hillbillies stoßen, die Alan Tudyk und Tyler Labine mit großer Hingabe spielen. Als sie ein Mädchen der Gruppe vor dem Ertrinken retten, sehen die anderen darin einen Mordversuch – und bringen sich beim Versuch, Allison (Katrina Bowden) aus der Hütte von Tucker und Dale zu „befreien“ auf höchst dämliche und kreative Weise selbst um. Der Film zitiert dabei in Szenen wie in seinen ikonographischen Mustern ganz lässig das Horrorgenre rauf und runter und gerät dabei natürlich auch reichlich blutig; aber komisch ist das, sieht man von dem etwas mühsam zotig-witzigen Anfang ab, stets sehr und auf oft überraschend subtile Weise.

Foto: Sitges Film Festival

FFF 2010: Reykjavik Whale Watching Massacre (2009)

Alle Beiträge zu Filmen, die auf dem Fantasy Filmfest (FFF) 2010 zu sehen sein werden, finden sich unter dem Schlagwort FFF2010

„I call this an emergency.“

Daß Reykjavik Whale Watching Massacre, international auch als Harpoon im Vertrieb (obwohl eine Harpune wirklich nur kurz, dann aber blutig, eine Rolle spielt), als Texas Chainsaw Massacre auf dem Wasser vermarktet werden soll, sieht man ja dem Titel schon an, und die Bezüge gehen noch weiter. Nicht nur, daß man hier einer Familie von arbeitslos gewordenen, degenerierten Walfänger_innen bei der blutigen Mordsarbeit zusehen darf (damals war es der Schlachthof, der geschlossen wurde, nun sind es die Abkommen zum Walfang, die die Menschen arbeitslos gemacht haben), deren Mitglieder immer wieder in allen möglichen Kontexten auftauchen, Regisseur Júlíus Kemp konnte auch noch Gunnar Hansen engagieren, den Mann also, der seinerzeit Leatherface spielte.

Für einen isländischen Horrorfilm ist das alles nicht übel, und in der Tat ist Reykjavik Whale Watching Massacre ein recht unterhaltsames Exemplar des Slasher-Terrorfilms. Eine Gruppe von Touristen aus der ganzen Welt (Deutschland, Japan, USA, Frankreich…) findet sich im Hafen von Reykjavik ein, um auf der „Poseidon“ aufs Meer zu fahren, Wale gucken.

Dann gibt es einen bizarren Unfall, bei dem der Kapitän (Hansen in also nur einer kleinen und rasch beendeten Rolle) einen recht blutigen Tod stirbt, sein Gehilfe, der gerade noch versuchte, eine deutsche Touristin zu vergewaltigen, macht sich ohne großes Aufheben davon (und ward nie mehr gesehen). Die restlichen Whale Watchers, die das Schiff weder starten noch steuern können, werden dann von den arbeitslosen Walfängern auf ihrem Schiff mitgenommen – und dann geht es umstandslos ans blutige Geschäft des Mordens. Natürlich, sonst wäre der Film doch recht langweilig, geht das nicht so glatt vor sich wie von den Tätern gedacht, und so geht es hin und her übers Schiff, durch enge Gänge und Kabinen, mit Signalpistolen, Beilen und Messern.

Das ist ganz unterhaltsam, aber deutlich untermotiviert und folgt im Wesentlichen den Topoi des Genres, wie man es kennt – der Schauplatz ist halt ein anderer, ein Leuchtturm wird auch noch eine Rolle spielen: am Schluß gibt es noch eine Konfrontation im Wasser, die recht deutlich konstruiert wirkt, um noch eine weitere Figur aus dem Film zu schubsen, nachdem schon zu viele in vorhersehbarer Manier gehen mußten. Das wiederum wirkt etwas lieblos, sind es doch gerade die verschiedenen Touristen, die hier mit deutlich mehr Leben und Komplexität ausgestattet sind, als das von einem solchen Film üblicherweise erwartet werden kann – mit Bösartigkeit gar, unerwarteten Reaktionen, Schwächen und Stärken.

Selbstlosigkeit und gegenseitige Unterstützung muß man jedenfalls von denen, die in Reykjavik Whale Watching Massacre um ihr Leben kämpfen, nicht erwarten. Übrigens gelten die Japaner den meisten Menschen ja als die noch rücksichts- und gewissenloseren Waljäger. Der Film scheint mit seinem Finale dieser These Nahrung geben zu wollen.

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