Berlinale 2012: Tag 0

Die Berlinale 2012 – meine erste mit Presseakkreditierung – beginnt gleich ein wenig unwirklich: ich muss in keiner Schlange stehen. Womöglich sind Journalisten das ja sogar gewohnt bei diesem Festival (man wird sehen), aber die übliche Perspektive der letzten Jahre war natürlich immer die aus der ewigen Ticketschlange in den Arkaden am Potsdamer Platz, in der man schon mal locker die Länge eines Films lang warten konnte, um ein paar Tickets zu erstehen. Und dennoch ließ man da schnell einen unanständig hohen Betrag, weil da war ja dieser interessante Film … und der da, hast Du schon gehört?

Wird das jetzt alles entwertet, wenn ich nicht nur mit der professionellen Abgeklärtheit *hüstel* des Kritikers in den Vorstellungen sitze, sondern auch nicht Zeit und Geld investieren mußte, um die Filme zu sehen? Oder wird das durch die Zeit wieder aufgewogen, die man nachher mit dem Verfassen eines Textes verbringt?

Zehn Minuten habe ich jedenfalls gebraucht, bis ich meine Akkreditierung in Händen hielt; eine Kollegin verriet dann auch noch, wo man die Berlinale-Tasche und vor allem den dicken Katalog erhält, und so bin ich jetzt reichlich mit Material versorgt. Wer soll das denn alles wann lesen?

Allerdings fällt Tag 1 (Donnerstag, der 9.) der Berlinale für mich aus verschiedenen Gründen völlig aus, so dass ich mich am Abend wahrscheinlich mit dem dicken Ding aufs Sofa zurückziehen werde.

Wenn da nicht noch diese anderen Texte fertigzustellen wären, die gar nichts mit dem Festival zu tun haben…

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Abends schon der erste Film, Werner Herzogs Death Row. Herzog möchte mit seinen Portraits von Todeskandidaten aus amerikanischen Gefängnissen gerne die öffentliche Meinung beeinflussen – das Projekt ist sein Statement gegen die Todesstrafe. Ob es funktioniert, scheint mir aber mindestens fraglich; auf jeden Fall ist Herzog selbst der größte Störfaktor, wenn er seine Gesprächspartner unterbricht oder durch suggestive Fragen offensichtlich in eine – seine – bestimmte Richtung zu bewegen versucht. Vollends eigenartig wird es dann, wenn es in einem der Portraits vor allem um die (in der Tat aufregende) Geschichte des Gefängnisausbruchs der beiden Häftlinge geht, die spannend wie eine Thrillerhandlung ist, aber die Sache mit der Todesstrafe ziemlich in den Hintergrund schiebt.

Gewiss, Herzog macht Menschen aus seinen Gesprächspartnern, und diese Menschlichkeit ist vielleicht mehr, als ihnen anderswo zugesprochen wird. Aber manchmal ist doch irritierend, wie sehr sie ihm anscheinend doch Mittel zum ehrenhaften Zweck zu sein scheinen.

Und dass er selbst das Voiceover spricht, mag authentisch sein; aber sein Akzent im Englischen ist wahrlich nur schwer erträglich.