FFF 2011: meine Empfehlungen

Heute abend beginnt in Berlin das anschließend durch die Republik tourende Fantasy Filmfest in seinem 25. Jahr. Wie auch im vergangenen Jahr möchte ich vorab ein paar Empfehlungen und Warnungen aussprechen zu den Filmen im Programm des Festivals, die ich bereits vorab habe sehen und besprechen können. (Die Links führen jeweils zu meinen ausführlichen Kritiken.)

Meine dringendste (und wiederholte) Empfehlung gilt dabei Super von James Gunn, mit Rainn Wilson und Ellen Page, einer hochintelligenten, ungewöhnlichen und stellenweise sehr schwarzen Komödie über einen Real-Life-Superhelden.

David Mackenzies apokalyptisches Drama Perfect Sense (mit Eva Green und Ewan McGregor) ist ebenfalls ein Must-See – eine ruhige und überhaupt nicht sensationsheischende Parabel über die Conditio Humana, wenn die Menschheit schrittweise dem Untergang entgegengeht.

Für Freundinnen und Freunde des Thrillergenres empfehle ich vor allem zwei französische Produktionen: Point Blank (À bout portant) von Fred Cavayé und The Prey (La proie) von Eric Valette.

Stake Land ist ein ungewöhnlicher Vampirfilm, eher ein apokalyptisches Roadmovie, und damit (aber gekonnt) eine Parabel über die amerikanische Gesellschaft der nicht-apokalyptischen Gegenwart. Auf jeden Fall einen Blick wert.

Und dann sind da noch: Hideaways von Agnès Merlet, eine Fantasyromanze für ein eher jugendliches Publikum, Jérôme Salles zweites Largo-Winch-Actionabenteuer, Largo Winch II: The Burma Conspiracy (ausführliche Kritik erscheint in Bälde hier) sowie, für Fans der Reihe, das Prequel zu Cold Prey, Cold Prey 3 – The Beginning (Fritt Vilt III).

Eher abraten würde ich von dem Geiseldrama The Assault (L’assaut) von Julien Leclercq, von der IMHO völlig unkomischen „apokalyptischen Komödie“ Phase 7 (Fase 7) aus Argentinien sowie schließlich von dem franko-kanadischen Terrorstreifen Territories von Olivier Abbou.

Wie auch 2011 werde ich hier im Blog natürlich auch kurze oder längere Kritiken zu verschiedenen Filmen veröffentlichen, die ich im Laufe des Festivals sehe; unter anderem sind das voraussichtlich (in ungefähr alphabetischer Reihenfolge): Cat Run (Trailer) von John Stockwell, Xavier Gens‘ The Divide, der Eröffnungsfilm Don’t Be Afraid of the Dark, F von Johannes Roberts, Final Destination 5 (Trailer; hier meine Gedanken zum bisher letzten Film der Serie), The Innkeepers von Ti West, Norwegian Ninja, der israelische Horrorfilm Rabies (Kalevet), Saint von Dick Maas, Lucky McKees The Woman (der mit reichlich Vorschußlorbeeren aus Sundance kommt) sowie Yellow Sea von Hong-jin Na, dem wir bereits den durchaus hervorragenden Chaser verdanken.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: La proie (2011)

Thriller machen, das können sie in Frankreich. Mit À bout portant und La Proie sind dort in den letzten Monaten zwei wirklich sehr sehenswerte Jump-and-Run-Vertreter dieses Genres gestartet, die nun auch beide auf dem Fantasy Filmfest zu sehen sind – beide wären aber auch in der regulären Kinoauswertung wirklich gut aufgehoben.

[filminfo_box]

La proie ist ein rechter Verfolgungsthriller, in dem viel gerannt, gesprungen und gelegentlich geschossen wird. Das bleibt nicht vollständig im Bereich des Realistischen; Eric Valette hat hier einen Protagonisten in die Welt gesetzt, dessen Durchhaltewillen und -vermögen, psychischer wie physischer Natur, schon ins leicht Übermenschliche tendiert – aber man will ja im Kino auch gerne außergewöhnlichen Menschen dabei zusehen, wie sie außergewöhnliche Dinge tun.

Und Franck Adrien (Albert Dupontel) ist genau das: Er ist auf jeden Fall kein gewöhnlicher Held, keine leichte Identifikationsfigur. Er ist nicht unbedingt klassisch gut aussehend, und der Film bemüht sich anfangs sehr darum, zu Dupontels harten Gesichtszügen durch Kleidung und Frisur noch abschreckende Merkmale hinzuzufügen. Der Mann sitzt gerade ein, und offenbar nicht unschuldig – aber er müht sich um ordentliches Verhalten, denn er möchte heim zu Frau und Tochter. Weil er sich aber einmischt, wenn im Gefängnis andere geschlagen werden, gerät er in Konflikt mit den Gangs dort und den Wärtern – und dann wird er schon einmal rasch sehr gewalttätig.

Dann bekommt er einen neuen Zellengenossen: Jean-Louis Maurel (Stéphane Debac), der immerzu seine Unschuld beteuert. Eine eher schwächliche Gestalt ist er, Franck schützt ihn vor einem Übergriffen, und als Jean-Louis tatsächlich entlassen wird, gibt ihm Franck einen Brief für seine Frau mit. Natürlich ist Jean-Louis, dieser Saubermann und Leisetreter, in Wirklichkeit etwas ganz anderes: Ein Psychopath und Serienmörder, viel gefährlicher als das Rauhbein Franck – und als er das erfährt und befürchten muß, daß seine Frau und seine Tochter in Gefahr sind, nutzt er die erste Gelegenheit zur ziemlich gewaltsamen Flucht.

Für die Polizei ist aber dennoch Franck natürlich der gefährliche, flüchtige Gewalttäter, und die junge Polizistin Claire Linné (Alice Taglioni) heftet sich an seine Fersen. Es beginnt dann ein ziemlich aufregendes Hund-und-Katz-und-Maus-Spiel, das Valette, der hierzulande vor allem durch One Missed Call (und ein wenig vielleicht auch durch seinen Politthriller Une affaire d’état) bekannt geworden ist (über seinen gräßlichen Film Hybrid wollen wir mal lieber den Mantel des Schweigens legen), über die ganze Dauer des Films auf ziemlich hohem Tempo zu halten weiß.

Man möchte mehr davon sehen.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: L’assaut (2010)

L’assaut von Julien Leclercq (Chrysalis) versucht sich an einer dramatischen Rekonstruktion eines Ereignisses, das seinerzeit für Frankreich eine recht traumatische Erfahrung war: Die Entführung des Air-France-Flugs 8969 am 24. Dezember 1994 durch ein Kommando der Groupe islamique armé (GIA) und die Anstrengungen bis zur gewaltsamen Beendigung der Geiselnahme zwei Tage später auf dem Flughafen von Marseille.

[filminfo_box]

Der Film konzentriert sich im Wesentlichen auf drei Personen: den Anführer der Terroristen (Aymen Saïdi), ein Mitglied der Spezialeinheit Groupe d’intervention de la Gendarmerie nationale (GIGN) (Vincent Elbaz) und eine aufstrebende Mitarbeiterin (Mélanie Bernier) der an der Befreiung beteiligten französischen Ministerien.

Die drei stehen in keiner persönlichen Beziehung zueinander, und das macht womöglich schon ein dramaturgisches Problem des Filmes aus: Daß nämlich für Persönliches, für subjektive Motivationen und Interessen, kaum Platz bleibt. Stattdessen gibt es, außerhalb der durchaus spannenden Actionsequenzen und anderen Standardmomenten, die das Entführungs-/Terrorismusgenre so bringt, vor allem fast schon stereotype Handlungsmuster zu sehen.

Die Terroristen sind von ihrer Sache überzeugt (auch wenn nie so recht klar wird, was diese Sache genau ist), die Passagiere sind ängstlich, die Polizisten mutig (und haben natürlich Familie). Der Film ist fast durchgehend in blauschwarzen Tönen gehalten – eine Wahl, die für die mechanistischen Momente des Ablaufs sehr passend erscheint – also die Vorbereitungen der Spezialeinheit, die Spielereien der Politik -, aber immer dann stört, wenn der Film versucht, doch so etwas wie Emotionen zu beschwören.

In der französischen Presse ist der Film öfters mit United 93 von Paul Greengrass verglichen worden – allerdings meist nicht unbedingt zugunsten von L’assaut.

http://www.youtube.com/watch?v=wGhUfK688MI

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: Hideaways (2011)

James Furlong (Harry Treadaway) kommt aus einer Familie mit seltsamen Eigenschaften: Sein Großvater erblindete für einige Minuten, wann immer er an Sex dachte, und sein Vater setzt in Momenten der Furcht sämtliche Elektronik um ihn herum außer Gefecht. Bei James, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, zeigt sich seine besondere Eigenschaft erst recht spät – und bestürzend: Wenn er verletzt ist oder Todesangst hat, stirbt alles um ihn herum, Gras, Kühe, Menschen.

[filminfo_box]

Es ist also vielleicht kein Wunder, daß er sich, nach dem Tod seines Vaters und seiner Großmutter sowie einer Katastrophe im Waisenhaus, in das er anschließend gebracht wurde, im Wald verkriecht, fern von anderen Menschen. In seine Hütte stolpert dann aber eines Tages, da ist er schon fast erwachsen, die gleichaltrige Mae-West O’Mara (Rachel Hurd-Wood) – sie hat gerade erfahren, daß sie von ihrem Darmkrebs – ebenfalls ein Familienerbstück – nicht mehr genesen wird und ist erstmal in den Wald geflohen, um aus der Reichweite ihrer Mutter und der Ärzte zu sein.

Der übersinnliche Todesbringer und die Todgeweihte – natürlich ergeben die beiden ein hübsches Paar, und natürlich wird Mae-West (benannt nach dem Filmstar – alle Menschen hier sind etwas seltsam, etwas un-realistisch, etwas fantastisch) den scheuen James becircen, und er sie. Dazu gibt es schöne Naturbilder (vergehend, sterbend und wieder werdend) und einen leicht skurril gehaltenen Off-Kommentar, der sich dann für große Teile des Films einfach stillschweigend verabschiedet.

Das alles ist ein wenig schmalzig, aber schön, und in seiner Auflösung sehr, sehr bald vorhersehbar und angenehm jugendtauglich-fantasyhaft. Oder, wie es Kollege Thomas so treffend formulierte:

Könnte aber was für all die Teenies sein, die gerade über Twilight hinaus wachsen und abgeholt werden wollen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Foto: Fantasy Filmfest

FFF 2011: Territories (2010)

Ein ziemlich politisches Thema hat sich Olivier Abbou da für seinen ersten Langfilm ausgesucht – und der trägt dann seine Botschaft doch ein wenig allzu deutlich vor sich her. Eine Gruppe junger Leute ist in Territories auf dem Weg von einer Hochzeit in Kanada zurück in die USA; weil es bequem ist und vielleicht auch, weil einer ein kleines Päckchen weicher Drogen dabei hat, nehmen sie eine kleine Nebenstraße – und geraten natürlich doch prompt in eine Grenzkontrolle.

[filminfo_box]

Allerdings sind die Grenzbeamten doch etwas seltsam und recht aggressiv – und nach einer sehr unangenehmen Überprüfung findet sich die Gruppe auf einmal mitten im Wald wieder, in viel zu kleinen Käfigen eingesperrt und in orangen Overalls.

Die Paralleleln zur Behandlung der Gefangenen in Guantánamo sind hier schon überdeutlich (spätestens die Overalls drücken die Bilderpolitik des Films mit Wucht auf die Netzhaut), aber sie tun dem Film in dieser Offensichtlichkeit nicht besonders gut. Die ersten zwanzig, dreißig Minuten des Films sind unglaublich dicht: Da werden in der Kontrolle alle möglichen Formen von Vorurteilen, Rassismen und Psychospielchen durchdekliniert, wandelt sich die mehr oder minder harmlose Situation zu einem Moment intensiven Psychoterrors, der sich erst zu physischen Demütigungen steigert und schließlich in einer ersten Katastrophe kulminiert.

Danach aber geht dieser wohlstrukturierte Schrecken verloren, verliert der Film an Konzentration und Eigenständigkeit – da vertraut er zu sehr auf die bekannten Bilder, mit Befragungscontainern, den Overalls und Käfigen. Weder gelingt ihm ein komplexeres Bild der Opfer noch eine wirklich befriedigende Auseinandersetzung mit den Tätern. Im letzten Drittel des Films schließlich verliert der Film scheinbar alles aus den Augen, was er vorher aufgebaut hat – als ob Abbou und seinem Mitautor Thibault Lang Willar nichts rechtes mehr eingefallen sei, weshalb sie noch schnell einen drogensüchtigen Privatdetektiv erfunden haben, um den Film auf dann letztlich viel zu lange 110 Minuten zu bekommen.

Andererseits aber könnte das auch der allerdings eher mißlungene Versuch sein, eine fast schon zu elaborierte Parabel darüber zu erzählen, wie Amerika seine völkerrechtswidrig Gefangenen aus den Augen verliert und sich stattdessen in Drogenrausch und eigenen Problemen verliert, während die eigentlich Verantwortlichen weiter machen wie bisher.

http://www.youtube.com/watch?v=W9k2TGJCHuw

Foto: Fantasy Filmfest

The Woman

[filminfo_box]

Der neue Film von Regisseur Lucky McKee, der in Horrorfankreisen wohl vor allem durch seinen May bekannt ist. Eine Familie sperrt eine „Wild Woman“, eine Art weiblichen Kaspar Hauser, die sie im Wald angetroffen haben, in ihre Scheune. Es folgt ein Rape-Revenge-Szenario der wohl etwas eigenen Art. Wird auf dem Fantasy Filmfest 2011 zu sehen sein.

(via)

Fantasy Filmfest 2011: erste Filme bekanntgegeben

In der vergangenen Woche wurden die ersten Filme für das diesjährige (fünfundzwanzigste) Fantasy Filmfest vorgestellt – und wenn sich das qualitativ so fortsetzt, dann verspricht es ein schönes Festival zu werden.

Schon gesetzt sind für das Festival die beiden französischen Thriller À bout portant (meine Kritik, Trailer) aka Point Blank von Fred Cavayé sowie La proie (The Prey; Trailer) von Eric Valette – beides sind hervorragende Vertreter des Man-on-the-run-Subgenres, Valettes Film etwas ausgreifender und unwahrscheinlicher vielleicht als der sehr dichte und urbane À bout portant.

Mit Stake Land (meine Kritik; Trailer) und Super (meine Kritik; Trailer) sind zwei großartige Exemplare des phantastischen amerikanischen Kinos aus dem vergangenen Jahr dabei, die ich schon in Sitges habe sehen können; Fase 7 aus Argentinien hingegen ist meiner Meinung nach einen Besuch nicht wert (meine Kritik).

Gespannt bin ich selbst vor allem auf Kalevet (Rabies) von Ahron Keshales und Navot Papushado aus Israel, auf den deutschen Film Urban Explorer von Andy Fetcher sowie auf Guan Yun Chang aka The Lost Bladesman von Felix Chong und Alan Mak.

Hier noch die Trailer der letztgenannten drei Filme (für die anderen jeweils unter den angegebenen Links):

Kalevet:

Urban Explorer:

Guan Yun Chang:

Fantasy Filmfest Nights 2011

Am kommenden Wochenende beginnen die Fantasy Filmfest Nights 2011, zunächst in Berlin und Hamburg, dann (25.-27. März) gastieren sie in Frankfurt, Köln und Nürnberg, bevor am Wochenende 2./3. April Vorstellungen in München und Stuttgart stattfinden.

Ich hatte vorab auf Festivals und über DVDs die Gelegenheit, acht der zehn gezeigten Filme schon zu sehen, und darf deshalb ein paar zwingende Empfehlungen und Anmerkungen aussprechen. Die Kurzfassung gibt es gleich als Erstes, etwas ausführlichere Anmerkungen kommen weiter unten. Die Links führen zu meinen ausführlichen Besprechungen hier und anderswo.

Dringend zur Sichtung empfehle ich I Saw The Devil, The Troll Hunter und Kidnapped (Secuestrados). Äußerst interessant sind auf jeden Fall auch I Spit On Your Grave und Mother’s Day, bei denen ich aber davon ausgehe, daß man deutlich kontroverse Meinungen haben kann, und 13 Assassins, der sich für Fans von Takashi Miike und/oder des japanischen Historienschlachtenfilms auf jeden Fall anbietet.

Die Filme im Einzelnen, alphabetisch und mit Trailern:

weiterlesen

The Hole (2009)

Es ist ja schon eine Weile her, daß Joe Dante als Hoffnung des familienfreundlichen Schreckenskino hat gelten dürfen; man muß im Grunde bis zu den Gremlins-Filmen (1984, 1990) und zu Small Soldiers (1998) zurückgehen, um überhaupt Filme benennen zu können, mit denen er als Regisseur überzeugen konnte; danach kamen auch praktisch nur noch kleinere Arbeiten fürs Fernsehen. Mit The Hole möchte er nun offenbar in genau dieses Segment wieder hineinstoßen, daß er sich seinerzeit eröffnet hatte, und man kann dazu zweierlei sagen: Dies gelingt ihm, der Film aber, der will ihm nicht gelingen.

[filminfo_box]

Die alleinerziehende Mutter Susan (Teri Polo) zieht mit ihren zwei Söhnen (ein großer Teenager und sein kleiner Bruder) in eine neue Stadt, ein wenig auf der Flucht vor irgendwas (der recht banale Hintergrund wird später aufgeklärt) und in der Hoffnung auf ein wenig Stabilität. Der große Dane (Chris Massoglia) mag sich nicht gewöhnen, vor allem nicht an die Kleinstadtsuburbia, nachdem sie gerade aus Brooklyn weggezogen sind, sein Bruder Lucas (Nathan Gamble) ist da weniger abgeneigt, oder vielleicht: nicht so fatalistisch. Oder einfach noch jünger. Nebenan wohnt dann glücklicherweise die hübsche Julie (Haley Bennett), die Dane aus seinem Grummeln herausreißt. Dann finden die beiden Jungs im Keller ihres gemieteten Hauses unter einer verschlossenen Falltür ein tiefes Loch, das anscheinend keinen Boden hat, und alsbald geschehen seltsame Dinge…

Das Hauptproblem von Mark L. Smiths Skript (eigentlich erstaunlich, der Mann hat auch Vacancy geschrieben) und Dantes Ausführung ist, daß das alles viel zu bekannt ist: Die Kleinfamilie, die Dynamik zwischen den beiden Brüdern, die hübsche Nachbarin. Sogar die auftretenden Erscheinungen lassen sich allzu schnell entschlüsseln, wenn man ein wenig aufpaßt. Ja, man weiß sogar schon in den ersten Szenen, daß das reinliche Suburbia, in dem die Familie ankommt, natürlich bald dunkle Seiten bekommt – das ist schließlich in unzähligen Horrorfilmen so gewesen, das ist auch hier nicht anders.

In Gremlins hat Dante dieses Kleinstadtidyll allerdings noch von subversiven Kräften zerlegen lassen, hier bekommt weder die Nachbarschaft noch die Stadt an sich Gesicht oder Bedeutung; die vier Protagonist_innen sind die einzigen Figuren, denen auch nur ein wenig Leben eingehaucht wird, und schon die Mutter Susan bleibt erschreckend blass.

Gleichwohl ist es nicht das Hauptproblem des Films, daß man mit seinen Figuren nicht mitfiebern würde (obgleich man das nicht tut), oder daß er eigentlich sein Publikum allenfalls im frühen Teenageralter finden wird – für Kinder ist er zu gruselig, für horroraffine Erwachsene wohl zu fad. Sein Hauptproblem ist, daß er flach beginnt und ohne jeden Kratzer auf dem Bauch bis zu Ende kriecht; daß das Coming-of-Age der Hauptfigur Dane hier auf die plattest denkbaren Bilder reduziert wird (sein Begehren für Julie zum Beispiel spielt darin überhaupt keine Rolle) und sich alle Konflikte ohne auch nur die Andeutung einer Narbe lösen lassen.

Wäre er noch ein ganzes Stück schlechter, müßte man also schreiben: Der einzig bodenlose Abgrund dieses Films ist The Hole selbst. Aber damit täte man Joe Dante dann eben doch unrecht.

Fotos: Ascot Elite

Burke and Hare (2010)

Werden heutzutage eigentlich noch Gräber ausgeraubt? Die Wikipedia beschäftigt sich unter “Grabraub” vor allem mit dem antiken Ägypten, und da geht es vor allem um den Diebstahl wertvoller Grabbeigaben; dabei gab (und gibt?) es natürlich auch Diebstähle, deren Ziel der Kadavererwerb ist. (Man findet sie unter “Leichendieb”.) Das ist nicht nur ist ein Horrorfreunden aus allen medialen Erscheinungsformen des Frankenstein-Mythos bekanntes Motiv, es war ja auch tatsächlich zum Beispiel für Mediziner und präziser Anatomen lange Zeit nahezu unmöglich, an ausreichend menschliche Körper zu kommen, um ihre Studien des menschlichen Körpers fortsetzen zu können.

[filminfo_box]

In der Geschichte der Anatomie ist das tatsächlich eine bedeutsame Auseinandersetzung, die schon im 15., 16. Jahrhundert, im Übergang zur Neuzeit also, in den Konflikten zwischen Wissenschaft und Religion eine Rolle spielte. Das Problem der Anatomen ist der Aufhänger für John Landis’ neuen Film Burke and Hare, der auf einer realen Geschichte beruht: Ende der 1820er Jahre wurden in Edinburgh eine Reihe von Morden begangen, die den beiden Iren Brendan Burke and William Hare zugeschrieben werden – offenbar ging es dabei um die Beschaffung von (möglichst frischen) Leichnamen für den Anatomen Robert Knox. Landis macht aus dem durchaus ernsthaften Stoff eine schwarze Komödie, die sich schon im Vorspann ankündigt (“This is a true story. Except for the parts that are not.”).

Bei Landis stoßen die beiden sympathischen, aber etwas unbeholfenen Ganoven Burke (Simon Pegg) und Hare (Andy Serkis) eher zufällig auf ihre Geschäftsidee, als sie einen in der von Hare und seiner Frau an Altersschwäche verstorbenen Mieter unauffällig entsorgen wollen, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. In einem Tresengespräch erzählt ihm ein Grabräuber, was man mit Leichen neuerdings verdienen könne (ein anatomischer Wettbewerb zwischen den beiden medizinischen Unterrichtsstätten der Stadt heizt den Preis zusätzlich an), und so lassen sich die beiden auf einen Deal mit Knox (Tom Wilkinson) ein.

Ist der erste Tote noch eines natürlichen Todes gestorben, so wird beim zweiten schon ein wenig nachgeholfen, und so rutschen die beiden nur halb widerwillig in eine Mordserie hinein, die ihnen reichlich Geld bringt, aber auch bald die Aufmerksamkeit der lokalen Mafia erregt… Landis macht aus dieser Geschichte ein ziemlich unterhaltsames Kostüm- und Ausstattungsabenteuer, in den blau-braun ausgeleuchteten engen Straßen und Behausungen der schottischen Stadt, noch spürbar präindustriell. Das ist schwärzlich angemalt, aber insgesamt eher unblutig. Dafür kombiniert Landis Versatzstücke der Gaunerkomödien (eine unfähige Polizei, hier: Militia, romantische Verstrickungen und sympathische Helden) elegant und durchaus unterhaltsam neu, aber das ganz aufregende Kinoabenteuer wird es dann eben doch nicht, den hübschen Gastauftritten von Tim Curry als Knox’ Widersacher Monro und von Christopher Lee zum Trotz.

Gut unterhalten wird man dennoch, und der Humor ist nicht so schenkelklopfend krachledern, wie (nicht von Landis, aber vom Sujet) zu befürchten wäre, sondern erlaubt sich kleine historische Spielchen, wenn er Burke, Hare und ihren Spießgesellen nicht nur die Erfindung des Begriffs “Fotografie”, sondern auch noch des Konzepts von Bestattungsunternehmen unterjubelt – was sogar im Rahmen der historische Epoche ungefähr hinkommt. Burke und Hare sind in diesem Kontext Archetypen ihrer Zeit: Hare als (prä-)kapitalistischer Unternehmer, der in der Beziehungsdynamik mit seiner Frau die Maximierung von Profit als Grundprinzip seines Handelns entwickelt. Burke hingegen ist fast schon ein “Renaissance man”, der sein Einkommen nützt, um die schönen Künste zu fördern, d.h. vor allem die schöne Ginny Hawkins (Isla Fisher), eine Schauspielerin, die schon als Prostituierte und Tänzerin gearbeitet hat und die erste nur mit Frauen besetzte Hamlet-Aufführung auf die Bühne bringen möchte – und in seiner nicht exklusiven Gewinnorientierung für die kommende Zeit des 19. Jahrhunderts eigentlich schon obsolet.

Fotos: Ascot Elite