Fantasy Filmfest Nights 2011

Am kommenden Wochenende beginnen die Fantasy Filmfest Nights 2011, zunächst in Berlin und Hamburg, dann (25.-27. März) gastieren sie in Frankfurt, Köln und Nürnberg, bevor am Wochenende 2./3. April Vorstellungen in München und Stuttgart stattfinden.

Ich hatte vorab auf Festivals und über DVDs die Gelegenheit, acht der zehn gezeigten Filme schon zu sehen, und darf deshalb ein paar zwingende Empfehlungen und Anmerkungen aussprechen. Die Kurzfassung gibt es gleich als Erstes, etwas ausführlichere Anmerkungen kommen weiter unten. Die Links führen zu meinen ausführlichen Besprechungen hier und anderswo.

Dringend zur Sichtung empfehle ich I Saw The Devil, The Troll Hunter und Kidnapped (Secuestrados). Äußerst interessant sind auf jeden Fall auch I Spit On Your Grave und Mother’s Day, bei denen ich aber davon ausgehe, daß man deutlich kontroverse Meinungen haben kann, und 13 Assassins, der sich für Fans von Takashi Miike und/oder des japanischen Historienschlachtenfilms auf jeden Fall anbietet.

Die Filme im Einzelnen, alphabetisch und mit Trailern: Fantasy Filmfest Nights 2011 weiterlesen

The Hole (2009)

Es ist ja schon eine Weile her, daß Joe Dante als Hoffnung des familienfreundlichen Schreckenskino hat gelten dürfen; man muß im Grunde bis zu den Gremlins-Filmen (1984, 1990) und zu Small Soldiers (1998) zurückgehen, um überhaupt Filme benennen zu können, mit denen er als Regisseur überzeugen konnte; danach kamen auch praktisch nur noch kleinere Arbeiten fürs Fernsehen. Mit The Hole möchte er nun offenbar in genau dieses Segment wieder hineinstoßen, daß er sich seinerzeit eröffnet hatte, und man kann dazu zweierlei sagen: Dies gelingt ihm, der Film aber, der will ihm nicht gelingen.

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Die alleinerziehende Mutter Susan (Teri Polo) zieht mit ihren zwei Söhnen (ein großer Teenager und sein kleiner Bruder) in eine neue Stadt, ein wenig auf der Flucht vor irgendwas (der recht banale Hintergrund wird später aufgeklärt) und in der Hoffnung auf ein wenig Stabilität. Der große Dane (Chris Massoglia) mag sich nicht gewöhnen, vor allem nicht an die Kleinstadtsuburbia, nachdem sie gerade aus Brooklyn weggezogen sind, sein Bruder Lucas (Nathan Gamble) ist da weniger abgeneigt, oder vielleicht: nicht so fatalistisch. Oder einfach noch jünger. Nebenan wohnt dann glücklicherweise die hübsche Julie (Haley Bennett), die Dane aus seinem Grummeln herausreißt. Dann finden die beiden Jungs im Keller ihres gemieteten Hauses unter einer verschlossenen Falltür ein tiefes Loch, das anscheinend keinen Boden hat, und alsbald geschehen seltsame Dinge…

Das Hauptproblem von Mark L. Smiths Skript (eigentlich erstaunlich, der Mann hat auch Vacancy geschrieben) und Dantes Ausführung ist, daß das alles viel zu bekannt ist: Die Kleinfamilie, die Dynamik zwischen den beiden Brüdern, die hübsche Nachbarin. Sogar die auftretenden Erscheinungen lassen sich allzu schnell entschlüsseln, wenn man ein wenig aufpaßt. Ja, man weiß sogar schon in den ersten Szenen, daß das reinliche Suburbia, in dem die Familie ankommt, natürlich bald dunkle Seiten bekommt – das ist schließlich in unzähligen Horrorfilmen so gewesen, das ist auch hier nicht anders.

In Gremlins hat Dante dieses Kleinstadtidyll allerdings noch von subversiven Kräften zerlegen lassen, hier bekommt weder die Nachbarschaft noch die Stadt an sich Gesicht oder Bedeutung; die vier Protagonist_innen sind die einzigen Figuren, denen auch nur ein wenig Leben eingehaucht wird, und schon die Mutter Susan bleibt erschreckend blass.

Gleichwohl ist es nicht das Hauptproblem des Films, daß man mit seinen Figuren nicht mitfiebern würde (obgleich man das nicht tut), oder daß er eigentlich sein Publikum allenfalls im frühen Teenageralter finden wird – für Kinder ist er zu gruselig, für horroraffine Erwachsene wohl zu fad. Sein Hauptproblem ist, daß er flach beginnt und ohne jeden Kratzer auf dem Bauch bis zu Ende kriecht; daß das Coming-of-Age der Hauptfigur Dane hier auf die plattest denkbaren Bilder reduziert wird (sein Begehren für Julie zum Beispiel spielt darin überhaupt keine Rolle) und sich alle Konflikte ohne auch nur die Andeutung einer Narbe lösen lassen.

Wäre er noch ein ganzes Stück schlechter, müßte man also schreiben: Der einzig bodenlose Abgrund dieses Films ist The Hole selbst. Aber damit täte man Joe Dante dann eben doch unrecht.

Fotos: Ascot Elite

Burke and Hare (2010)

Werden heutzutage eigentlich noch Gräber ausgeraubt? Die Wikipedia beschäftigt sich unter “Grabraub” vor allem mit dem antiken Ägypten, und da geht es vor allem um den Diebstahl wertvoller Grabbeigaben; dabei gab (und gibt?) es natürlich auch Diebstähle, deren Ziel der Kadavererwerb ist. (Man findet sie unter “Leichendieb”.) Das ist nicht nur ist ein Horrorfreunden aus allen medialen Erscheinungsformen des Frankenstein-Mythos bekanntes Motiv, es war ja auch tatsächlich zum Beispiel für Mediziner und präziser Anatomen lange Zeit nahezu unmöglich, an ausreichend menschliche Körper zu kommen, um ihre Studien des menschlichen Körpers fortsetzen zu können.

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In der Geschichte der Anatomie ist das tatsächlich eine bedeutsame Auseinandersetzung, die schon im 15., 16. Jahrhundert, im Übergang zur Neuzeit also, in den Konflikten zwischen Wissenschaft und Religion eine Rolle spielte. Das Problem der Anatomen ist der Aufhänger für John Landis’ neuen Film Burke and Hare, der auf einer realen Geschichte beruht: Ende der 1820er Jahre wurden in Edinburgh eine Reihe von Morden begangen, die den beiden Iren Brendan Burke and William Hare zugeschrieben werden – offenbar ging es dabei um die Beschaffung von (möglichst frischen) Leichnamen für den Anatomen Robert Knox. Landis macht aus dem durchaus ernsthaften Stoff eine schwarze Komödie, die sich schon im Vorspann ankündigt (“This is a true story. Except for the parts that are not.”).

Bei Landis stoßen die beiden sympathischen, aber etwas unbeholfenen Ganoven Burke (Simon Pegg) und Hare (Andy Serkis) eher zufällig auf ihre Geschäftsidee, als sie einen in der von Hare und seiner Frau an Altersschwäche verstorbenen Mieter unauffällig entsorgen wollen, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. In einem Tresengespräch erzählt ihm ein Grabräuber, was man mit Leichen neuerdings verdienen könne (ein anatomischer Wettbewerb zwischen den beiden medizinischen Unterrichtsstätten der Stadt heizt den Preis zusätzlich an), und so lassen sich die beiden auf einen Deal mit Knox (Tom Wilkinson) ein.

Ist der erste Tote noch eines natürlichen Todes gestorben, so wird beim zweiten schon ein wenig nachgeholfen, und so rutschen die beiden nur halb widerwillig in eine Mordserie hinein, die ihnen reichlich Geld bringt, aber auch bald die Aufmerksamkeit der lokalen Mafia erregt… Landis macht aus dieser Geschichte ein ziemlich unterhaltsames Kostüm- und Ausstattungsabenteuer, in den blau-braun ausgeleuchteten engen Straßen und Behausungen der schottischen Stadt, noch spürbar präindustriell. Das ist schwärzlich angemalt, aber insgesamt eher unblutig. Dafür kombiniert Landis Versatzstücke der Gaunerkomödien (eine unfähige Polizei, hier: Militia, romantische Verstrickungen und sympathische Helden) elegant und durchaus unterhaltsam neu, aber das ganz aufregende Kinoabenteuer wird es dann eben doch nicht, den hübschen Gastauftritten von Tim Curry als Knox’ Widersacher Monro und von Christopher Lee zum Trotz.

Gut unterhalten wird man dennoch, und der Humor ist nicht so schenkelklopfend krachledern, wie (nicht von Landis, aber vom Sujet) zu befürchten wäre, sondern erlaubt sich kleine historische Spielchen, wenn er Burke, Hare und ihren Spießgesellen nicht nur die Erfindung des Begriffs “Fotografie”, sondern auch noch des Konzepts von Bestattungsunternehmen unterjubelt – was sogar im Rahmen der historische Epoche ungefähr hinkommt. Burke und Hare sind in diesem Kontext Archetypen ihrer Zeit: Hare als (prä-)kapitalistischer Unternehmer, der in der Beziehungsdynamik mit seiner Frau die Maximierung von Profit als Grundprinzip seines Handelns entwickelt. Burke hingegen ist fast schon ein “Renaissance man”, der sein Einkommen nützt, um die schönen Künste zu fördern, d.h. vor allem die schöne Ginny Hawkins (Isla Fisher), eine Schauspielerin, die schon als Prostituierte und Tänzerin gearbeitet hat und die erste nur mit Frauen besetzte Hamlet-Aufführung auf die Bühne bringen möchte – und in seiner nicht exklusiven Gewinnorientierung für die kommende Zeit des 19. Jahrhunderts eigentlich schon obsolet.

Fotos: Ascot Elite