Wie Interviews geführt und dann bearbeitet werden

Drüben im Medienspiegel (via) wird gerade eine Diskussion dazu geführt, wie Interviews bzw. Gesprächsrunden mit Promis (in dem konkreten Fall ein Gespräch mit Usain Bolt) zustandekommen, geführt werden und schließlich erscheinen. Meiner Meinung nach schießt Martin Hitz dabei etwas übers Ziel hinaus, wenn man sich die Antwort einer Interviewers in den Kommentaren ansieht.

Wie sieht es denn aber in der Filmbranche aus, in welchen Gesprächssituationen fand ich mich bisher wieder?

Interviews sind immer auf irgendeine Weise Teil des PR-Zirkusses, und in diesem Zirkus sind Vieraugengespräche mit ein wenig Zeit eher selten; ich hatte zum Beispiel mal das Vergnügen, mich ausführlich mit Vincenzo Natali über seinen Film Splice unterhalten zu können (hier auch zum Anhören) – das waren über zwanzig Minuten in konzentrierter Zweisamkeit, und das Gespräch hatte Zeit und Raum sich zu entwickeln. Und für wenige Interviews hat man so ausführlich wie für jenes, das zwei Kollegen und ich in Sitges für die Deadline mit Hauptdarstellerin und Crew von The Woman (meine Kritik) führen konnten – über eine Stunde ging das, schlichtweg großartig.

Aber alle diese ausführlichen Interviews fanden im Rahmen von Festivals statt, auf denen immer wieder Möglichkeiten auftauchen, die sonst nicht bestehen. Denn wesentlich üblicher, gerade fürs Mainstreamkino, ist die „Junket„-Situation, in denen das Interview, das man selbst führt, Teil einer PR-Tour ist und Regisseur_in, Hauptdarsteller_in oder wer auch immer zu Gesprächen bereitsteht von einem Interview zum anderen weitergereicht werden, denn pro Stadt bzw. Land steht gerade mal ein Tag für solche Termine zur Verfügung.

Macht man das mit Video (sowas hier zum Beispiel), bekommt man einen Fünf-, vielleicht Siebenminutenslot – das wird strikt durchgehalten und durchgesetzt, der Tag ist klar getaktet und die Kolleg_innen warten -, und für Print oder renommiertes Online darf man sich fünfzehn bis zwanzig Minuten mit drei bis sieben anderen Journalist_innen an einen Tisch setzen und Fragen stellen.

Da kann es dann kollegial zugehen, man läßt sich gegenseitig das Wort und rundum werden interessante Fragen gestellt (so war es etwa erst Anfang der Woche bei den Tischgesprächen zu Die Wand), oder es wird ein Event voller Schnappatmung. Dann hecheln nämlich alle nach einer Pause im Gespräch, um schnell eine der Fragen loszuwerden, die sie auf ihrem Zettel stehen haben; und wenn man Glück hat, die Gruppe nicht zu groß ist und der Gesprächspartner nicht zu ausschweifend antwortet (obwohl das manchmal die interessantesten Anekdoten und Informationen abwirft), dann bekommt man sogar ein, zwei, ganz selten drei Fragen gestellt.

Aus den nur eigenen Fragen und den Antworten dazu wird natürlich so kein Interview, so wenig wie sich in den sieben Videominuten nur selten ein wirkliches Gespräch ergeben kann. Und deshalb ist es üblich, dass man eben nicht nur das selbst erfragte Material verwendet, sondern das ganze Roundtable-Gespräch zur Grundlage für das Interview nimmt. Das finde ich insbesondere auch dann in Ordnung, wenn die Kolleg_innen am Tisch im Grunde ähnliche Fragen hatten, wie man sie selbst sich auch noch notiert hatte, nicht unbedingt als die drängendsten (die stellt man möglichst selbst), aber furchtbar waren sie auch nicht.

Eine Auswahl treffe ich dennoch. Bei einem Round-Table-Gespräch vor einiger Zeit fragte etwa als allererstes ein Kollege die Schauspielerin, sie werde ja im kommenden Jahr vierzig, ob sie das denn körperlich schon merke? Jetzt mal ganz davon abgesehen, dass man so kein Interview eröffnet, dass die Frage mit ihrer Arbeit als Schauspielerin nichts zu tun hat und dass man das, schlußendlich (bitte mal den Knigge lesen) höflicherweise eine Dame nicht fragt, die zudem mindestens zehn Jahre jünger aussieht als ihre Geburtsurkunde ausweist – so eine Frage kommt mir nicht in Schriftform.

Das Material, das nach Streichung solcher Fragen noch übrig bleibt, wird natürlich noch bearbeitet – die „Ähs“ und Dopplungen im Satz, die Ellipsen und Verhaspler werden natürlich bereinigt, aber gerade für Print können die Änderungen auch etwas ausführlicher sein – wenn der Platz begrenzt ist, wird gekürzt und auch mal der Gesprächsverlauf etwas umstrukturiert, um ein Thema konzentriert zu fassen, das an unterschiedlichen Stellen des Gesprächs auftauchte.

Wird damit etwas vorgetäuscht, was nicht stattgefunden hat? Muss man die Situation in jedem Einzelfall aufklären?

Es ist ja völlig absurd, ein Interview immer präzise so im Text abbilden zu wollen, wie es stattgefunden hat, eine Bearbeitung findet immer statt. Wie weit also haben die Journalist_innen, die das Gespräch führten, das Vertrauen ihres Publikums? Und wie ausführlich sollte darüber informiert werden, welche Gesprächssituation dem Text zugrunde liegt?

Zwei Cent zu Filmkritik im Internet

Die freundlichen Menschen von NEGATIV – Magazin für Film und Medienkultur haben anläßlich des ersten „Geburtstags“ ihres Magazins verschiedene Filmkritiker_innen und -publizist_innen zum Thema Filmkritik und Internet befragt – und ich bin beglückt, dafür neben so großartigen Menschen wie Ekkehard Knörer, Steven Shaviro, Lida Bach, Jonathan Rosenbaum und Georg Seeßlen ebenfalls angesprochen worden zu sein.

Aus ganz persönlicher Perspektive also von mir hier ein paar Sätze zur Bedeutung des Internet für die Filmkritik und meine Arbeit als Kritiker.

Ergänzt wird die Reihe übrigens durch Beiträge des Magazins selbst, so von Dennis Vetter zu „Der Autor ist tot. Lang lebe der Diskurs„, und auch Ciprian David macht sich Gedanken zur Filmkritik im Internet.

Und natürlich greift das auf ältere Diskussionen zurück – etwa die Debatte um Josef Schnelles Polemik gegen Filmkritik in Blogs im August 2008 oder die verschiedenen Beiträge zum Symposium „Im Netz der Möglichkeiten – Filmkritik in Zeiten des Internet“ im November des gleichen Jahres (hier der Beitrag von Sascha Keilholz mit Links, hier bei Thomas Groh  ein Überblick über die Diskussionen).

Kurz verlinkt, 16. Februar 2011

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (29. Januar 2011 bis 16. Februar 2011):

  • Loving the Bad – An Interview with Frankie Latina and Sasha Grey on Modus Operandi
    "Any director who shoots a grindhouse film without exquisite, triumphant, dangerous, and naked women is doing a disservice to the genre and should move into a different field."
    by Matthew Sorrento
  • The Best Sex in Contemporary Hollywood – Utopia, Ecstasy, and the (Classical) Musical Number in The 40-Year-Old Virgin
    by Kelli Marshall
  • Something That Festers – The Silence of the Lambs, The Texas Chainsaw Massacre, and the Visual Pleasures of Horror
    "We're drawn to and fascinated by horror because the genre reminds us that we have both outsides and insides, skin and guts, eyes and gray matter, ideas and appetites."
    by Jesse Stommel
  • The Cinematic Islands of Dr. Moreau – Beasts, Monsters, and Mad Scientists
    Why the doctor endures
    by Richard A. Voeltz
  • Interview mit Denis Villeneuve – Regisseur von 'Incendies'
  • Girls on Film: Redefining Date Movies – The dating world is a hideous business. We're taught that to woo, to romance, to love; the man must cover his beloved in all manner of monetary adoration and personal torment. He must buy overpriced roses, grandoise gifts and wallet-burning meals every Valentine's Day. He must take his beloved, or hope-to-be-beloved, to romantic comedies and five-tissue romances. On the flip side, the woman is expected to groom, to woo (though all bets are off when the fish is caught) and to offer up sexual spoils to show her appreciation (though not required). If she's super-swell, she might give the guy a day off now and then to partake in his burly deeds and see his manly friends, but ultimately, she just has to keep him marginally entertained … and rule him with an iron fist of feminity.
    And it all starts with the "date movie."
  • 15 movie sex and bedroom scenes that might just put you off sex and bedrooms – The movies have some valuable lessons to teach us about bedroom shenanigans. For here are 15 films that might just put you off sex altogether…
  • Heteronormativitätskritische Filmbildung – Plädoyer für queere Perspektiven in der Medienpädagogik – Medienpädagogische Filmbildung hat es bislang gänzlich versäumt queer-theoretische Ansätze in der Filmbildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufzugreifen. Darum schlage ich ein Konzept heteronormativitätskritischer Filmbildung vor, mit dem medienpädagogische Ansätze innerhalb der Filmbildungsarbeit für queer geöffnet werden, das sich insbesondere für subjektbezogene Konzepte von Filmbildung dringend empfiehlt. Heteronormativitätskritische Filmbildung stellt eine veränderte Möglichkeit der Herangehensweise an das Medium Film dar: Filmische Repräsentation wird als Ort der Reproduktion heteronormativer Strukturen fokussiert und gleichzeitig der Frage nachgegangen, inwiefern Interventionen in die symbolische Ordnung durch filmisch vermittelte Formen des Widerstandes aussehen können. (Feministisches Institut Hamburg / von Julia Bader)
  • Wieland Speck über Kinofestivals – Nachdem Wieland Speck in den siebziger Jahren für das Berliner TALI Kino verantwortlich war und als Darsteller unter anderem für Marlene Dietrich, Ulrike Ottinger und Robert van Ackereren vor der Kamera stand, wurde er im Jahr 1982 Assistent von Manfred Salzgeber bei der Berlinale. Gemeinsam mit ihm gründete er den schwulen Filmpreis TEDDY AWARD, der seit 1987 auf der Berlinale verliehen wird. Seit 1992 ist Wieland Speck Programmleiter der Sektion PANORAMA. Mit uns hat Speck darüber gesprochen, warum das Kino in Festivals zu Hause ist.

Kurz verlinkt, 16. Dezember 2010

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (25. November 2010 bis 16. Dezember 2010):

Kurz verlinkt, 25. November 2010

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (19. November 2010 bis 25. November 2010):

Kurz verlinkt, 19. November 2010 (2)

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Stunden:

Kurz verlinkt, 16. November 2010

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen:

Filmkritik aus „Zweiter Hand“?

Der ExBerliner, die nicht ganz so kleine englischsprachige Zeitschrift in und für Berlin, hat Ende Juni eine kurze Besprechung zu Christopher Nolans neuem Film Inception (meine Kritik) veröffentlicht – noch bevor auch nur die ersten Pressevorführungen in den USA begonnen hatten. Shane Danielsen von indiewire war das aufgefallen; bei einem zufälligen Treffen während einer Pressevorführung hat er die Autorin (und zuständige Redakteurin) Änne Troester (Homepage) getroffen und auf ihren Text angesprochen.

Nach Danielsens Darstellung (aufgeschrieben aus der Erinnerung) zeigte Troester bei dem Gespräch keine Reue und gar Unverständnis für seine Kritik daran, daß sie den Film besprochen hatte, ohne ihn vorher gesehen zu haben. Jenseits der gerade durch die Rezeption von Inception entstandenen Debatte über Filmkritik, Fanboys und Hypes sieht Danielsen darin Grundsätzliches aufscheinen – für ihn ist das symptomatisch, und er ist vor allem erzürnt, daß viele Freund_innen und Bekannte, die Filmkritiker_innen seien, in letzter Zeit ihre Jobs verloren hätten, während „hacks“ weiter Arbeit hätten.

Wer die Filmberichterstattung auch jenseits der Fachpresse und -blogs verfolgt, ist von seiner Fundamentalkritik gleichwohl nicht besonders überrascht. Viele Medien schaffen es gerade so mit Müh und Not, die Pressetexte der Verleiher als „Besprechungen“ oder „Filmtipps“ wiederzugeben – oft genug samt fehlerhafter Inhaltsangaben und ähnlichen Schwächen.

Man kann allerdings weder Troester noch dem Exberliner vorwerfen, dies systematisch und konsequent zu tun. Auch den Text, der Ende Juni im Heft erschien, hat sie sicher selbst verfaßt; und wenn man ihm etwas vorwerfen kann dann wohl am ehesten, daß er zu allgemein und vage ist, um als Filmkritik wirklich Aussagekraft zu besitzen. Er (online am 19. Juli erschienen) lautet, zu Dokumentationszwecken sei er hier kurz eingebunden, wie folgt:

There’s isn’t anything that Nolan has done that hasn’t been superb. Inception combines everything he’s revered for by film freaks: his fascination for how the mind works – its incredible potential and its fragility; his interest in illusion and surprising plot twists; his commitment to visual brilliance – although here he’s not as original as he can be – and the way he brings out pitch-perfect performances from an ensemble cast of first-rate actors at the top of their game.

Aber natürlich ist nichts so einfach, wie es erscheint. Ich habe die Chefredakteurin des ExBerliner, Nadja Vancauwenberghe, und Änne Troester (die Danielsen „Anne Troester“ nennt) um Stellungnahmen zu Danielsens Vorwürfen gebeten. Vancauwenberghe betonte vor allem, wie sehr sie Troesters Einschätzungen vertraue und ihre professionelle Arbeit schätze; darüber hinaus erschienen Texte über Filme im ExBerliner nur dann, wenn die Autor_innen ausreichende Kenntnisse über den Film hätten.

Änne Troester ging in ihrer ausführlichen E-Mail auch auf das Gespräch ein, das sie mit Danielsen geführt hatte, und das sie – obgleich es im Wesentlichen so verlaufen sei wie von ihm wiedergegeben – etwas anders in Erinnerung behalten habe. Er sei sehr aggressiv aufgetreten und habe ihr wenig Gelegenheit gegeben, auf seine Fragen auch zu antworten.

Zum einen war es weniger eine Unterhaltung sondern mehr ein Monolog von Herrn Danielsen, der ganz eindeutig kein Interesse daran hatte, sich über die Qualität von Filmkritiken auszutauschen. Zum anderen zitiert er mich an gleich mehreren Stellen falsch. […] Auch lässt er in seinem Blog die Schimpfwörter aus, mit denen er mich bedachte, und die mich auch dazu bewogen, die Unterhaltung abzubrechen.

(Dazu ist auch Kommentar Nummer 7 von „Jefferson“ zu Danielsens Blogeintrag nicht uninteressant.) Man versuche beim ExBerliner, möglichst alle Filme auch zu sehen, über die man schreibe.

Es kommt selten vor, dass es vor unserer Deadline keine Screener oder Pressevorführungen gibt. Dann greifen wir auf ein mittlerweile sehr umfangreiches Netzwerk an Quellen zurück, das uns zur Verfügung steht. […] Einen Film selbst sehen ist eine Sache, die ich sehr wichtig nehme – die andere ist, über Fachwissen, Hintergrund und Verbindungen zu verfügen, die mein Urteil lesenswert machen. […] Sollten wir einmal einen Film nicht gesehen haben und auch nicht über die entsprechenden Quellen verfügen, die uns ein Urteil erlauben könnten, fällen wir auch keins und machen das dann auch kenntlich. Die Tatsache, dass „Inception“ nur eine Kurzkritik bekam, entspricht dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film; ansonsten hätte ich ihm sicher in meiner langen Kritik gerechter werden können.

Ich finde die Formulierung am Schluß, daß die Länge des Textes „dem Umfang meiner Kenntnisse über dem Film“ entsprochen habe, hier besonders interessant; zum einen dementiert Troester nicht, daß sie Inception nicht gesehen hatte, bevor sie die Kritik schrieb. Zum anderen liegt darin meines Erachtens eine entscheidende Frage versteckt. Denn natürlich ist es gerade im Printjournalismus nicht immer möglich, Filme vor dem Redaktionsschluß zu sehen und zu bewerten. Troester und auch Vancauwenberghe haben daher auf Troesters Kontakte in der Filmindustrie verwiesen, die ihr eine Bewertung und Beschreibung des Films erlaubten.

Persönlich bin ich zwar der Meinung, daß es dennoch nötig gewesen wäre, in der Kritik (denn darum handelt es sich bei dem kurzen Text von Troester, der im Heft in der Tat noch mit drei Herzchen versehen ist und sich in seiner Gestaltung nicht von den anderen Kurzkritiken unterscheidet) kenntlich zu machen, daß die Autorin den Film nicht selbst gesehen hat. Aber läßt sich dieser Mangel in einem kurzen Text auch durch andere Kenntnisse kompensieren? Genügt also eine Kenntnis des Films aus „Zweiter Hand“, vom allerdings berufenen und kompetenten Hörensagen, um wenigstens eine solche kurze Bewertung abzugeben?

Mich interessiert diese Frage tatsächlich sehr, weil sie auf ein ethisches Problem an der Grenze zwischen journalistischem Anspruch und journalistischer Praxis verweist, das man im Onlinejournalismus mit seinen verringerten Verzögerungszeiten normalerweise nicht hat. Und Troesters Rechtfertigung scheint mir immer noch himmelweit von jener unkritischen oder käuflichen Filmkritik entfernt zu sein, die die Verlautbarungen der Verleihfirmen weiterverbreitet oder für Werbeschaltungen auch freundliche Besprechungen liefert.

Was meint Ihr dazu? Läßt sich eine kurze Filmkritik aus in dieser Form vermitteltem Fachwissen rechtfertigen? Falls Ihr selbst Filmkritiken publiziert, wie ist da die redaktionelle Praxis bei den Medien, für die Ihr arbeitet?

(Bleibt sachlich, bitte.)