Gérardmer 2011: La Casa Muda (2010)

Manchmal kann ein Film ja aus den durchaus falschen – oder zumindest: nicht den wichtigsten – Gründen zu Ruhm kommen. Auf La Casa Muda trifft das insofern zu, als der Film vor allem dadurch ein wenig Bekanntheit erlangt hat, weil er sich als der erste Streifen vermarktete, der mit einer handelsüblichen Fotokamera in einer einzigen, durchgehenden Einstellung gefilmt worden sei. Nun ist es für einen kleinen Film aus einem international nicht eben viel in Erscheinung tretenden Land wie Uruguay im Grunde egal, mit welchen Methoden er sich ins Rampenlicht befördert oder befördern lassen kann – und ganz gelogen ist es ja auch nicht.

Gérardmer 2011 - SchriftzugNur ist eben der Umstand, daß in diesem Film kein Schnitt wirklich zu sehen ist (und die Macher, wenn überhaupt, nur eine sehr kleine Handvoll in schwarzblendigen Momenten hätten unterbringen können), zwar vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal, aber nicht der Grund, warum man sich La Casa Muda (international: The Silent House – und als Silent House auch einem dem Vernehmen nach wohl recht ansehnlichen us-amerikanischen Remake unterzogen) ansehen sollte.

Womit der Erstling von Regisseur Gustavo Hernández allerdings sehr wohl wuchern kann, ist der Effekt der formalen Selbstbeschränkung: eine unheimlich (und unheimliche) dichte Atmosphäre, die der Film schon nach kurzer Zeit aufbaut und dann bis zum Schluß aufrechterhält – sie saugt die Zuschauer_innen in den Film hinein und sorgt für akute Herzinfarktgefährdung, wenn dann plötzlich diese Hand, scheinbar aus dem Nichts…

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Aber ich greife voraus. Die junge Laura (Florencia Colucci) und ihr Vater (Gustavo Alonso) sollen ein altes Haus samt seines Gartens ein wenig auf Vordermann bringen, da der Besitzer (Abel Tripaldi), der ein alter Freund des Vaters ist, es demnächst verkaufen möchte. Nur ins Obergeschoß sollen sie nicht gehen, weil dort der Fußboden schon recht morsch und beschädigt sei – doch genau von dort oben hört Laura seltsame Geräusche.

Der Rest ist von der Grundidee her Standardware des Horrorfilms, samt allerdings durchaus klug eingefädeltem Twist zum Schluß hin; und alles ist derartig clever und dicht inszeniert, daß man sich dem Film kaum entziehen kann. Das Team geht mit den (selbst auferlegten) Beschränkungen so kreativ und effektiv um, daß man immer wieder überrascht ist, wie viel Effekt sich mit wie wenig Ausrüstung offenbar erreichen läßt; die geringe Zahl der Einstellungen beweist zudem, mit wieviel akribischer Planung das Projekt angegangen worden sein muß.

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Gérardmer 2011: Quarantine 2: Terminal (2010)

Gérardmer 2011 - SchriftzugWer versteht, daß die Fortsetzung des Remakes von [REC] keineswegs das Remake der Fortsetzung von [REC] ist, kann sich schon mal ein, zwei Einzelstunden in formaler Logik sparen. Ein bißchen bizarr ist aber schon, daß man sich über so etwas überhaupt Gedanken machen muß, und spricht womöglich Bände darüber, daß es auch Filme gibt, die ihre Existenz auf originelleren Einfällen aufbauen.

Aber sei’s drum. Quarantine 2: Terminal nimmt also das renovierte Zombievirenmotiv wieder auf, daß Quarantine (meine Kritik) vor etwas mehr als zwei Jahren aus Spanien nach L.A. verpflanzt hatte. Das Remake blieb dabei dem Original bis in die Einstellungen hinein verpflichtet und ahmte also insbesondere dessen Found-Footage-Stil nach. Mit Quarantine 2: Terminal geht Debütant John Pogue insofern eigene Wege, als er sich gegen diesen dokumentarischen Kamerastil entschieden hat und stattdessen seine Geschichte in ganz traditioneller Form erzählt. Auch darin unterscheidet er sich von [REC] 2.

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Das Virus aus dem Mietshaus ist nun irgendwie an Bord eines Flugzeugs gelangt, das auf dem Weg von L.A. nach Westen ist; als ein Passagier mit den gewohnt unangenehmen Begleiterscheinungen (todesähnlicher Zustand, Gewaltausbrüche, Schaum vor dem Mund) erkrankt, wird ein kleiner Flughafen in der Provinz (anscheinend Las Vegas) angesteuert, wo sich Passagiere und Besatzung alsbald im angeschlossenen Terminal eingeschlossen, isoliert und quaratiniert wiederfinden – während sich unter ihnen natürlich die Infektion langsam ausbreitet.

Was dann folgt, ist allenfalls in der gewählten Lokalität ein wenig originell, weniger im Ablauf und in den zu erwartenden Todesfällen. Pogue gelingt es durchaus, aus Raum und Zwang die notwendigen klaustrophobischen und viszeralen Schrecken zu destillieren; und selten wirkte das Gepäckverteilungssystem eines Flughafens so labyrinthen wie hier. Nur ist auch all das in letzter Konsequenz weder neu noch hinreichend, und wer mehr als ein bißchen Unterhaltung sucht, die nur über die Todesreihenfolge letztlich egaler Figuren vermittelt wird, sollte sich vermutlich anderswo umsehen.

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Gérardmer 2011: I Saw The Devil (2010)

Daß die Jagd auf das Böse die Menschen nicht unberührt zurückläßt, daß der Versuch der psychologischen Annäherung als polizeiliche Ermittlungstaktik auch den Detektiv in Richtung des Bösen verschiebt: All das sind durchaus bekannte Motive aus dem Kriminalfilm, dem Psychothriller, all diesen Genres, in deren Wurmfortsätzen sich Moral und Ethik in ihre kleinsten Einheiten zermörsern lassen müssen, und auf der anderen Seite kommen die Heldinnen und Helden als geläutert, vernichtet oder beides heraus.

Gérardmer 2011 - SchriftzugWas wird also aus dem Jäger, wenn er das Böse mit dessen eigenen Mitteln jagt? Akmareul boatda, international als I Saw The Devil vermarktet, fragt danach mit großer Konsequenz und war dafür in Gérardmer der große Gewinner des Festivals, auch wenn der Hauptpreis für einen anderen südkoreanischen Film, Bedevilled, überreicht wurde. Man sieht hier einem Rachedrama von Shakespeare’schen Ausmaßen und Abgründen bei der Entfaltung zu, und dann wird es allerdings noch deutlich blutiger als selbst in ‚Tis Pity She’s a Whore von Shakespeares Zeitgenosse John Ford.

Ein Serienmörder (Min-sik Choi aus Oldboy) bringt die Verlobte eines Spezialagenten (Byung-hun Lee) der Regierung um, und der nutzt seine zwei Wochen Zwangsurlaub nach dieser Tragödie dazu, den Täter zur Strecke zu bringen. I Saw The Devil erledigt allerdings die unvermeidlichen Bestandteile dieser Konstruktion (Motivation, Suche nach dem Täter, erste Konfrontation) in der ersten Stunde des 140-Minuten-Films und nutzt den reichlichen Rest der Zeit dafür, das Aufeinanderkrachen des selbstgerechten Rachewillens mit dem absolut Bösen zu dokumentieren – und deren Annäherung in den Extremen.

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Der Täter Kyung-Chul ist nämlich nach beschämend kurzer Suche gefunden und eindeutig identifiziert (dem Publikum ist er eh schon seit den ersten Minuten bekannt; die Polizei spielt praktisch keine Rolle und ist also mindestens unauffällig und untätig), dann aber läßt der Agent ihn wieder frei, nur um ihm alsbald aufs Neue nachzustellen und ihm immer wieder neue Verletzungen, neue Schmerzen zuzufügen. Mit anderen Worten: I Saw The Devil packt in seine erste Stunde, was anderen Filmen für ihre ganze Laufzeit gereicht hätte, und legt dann Schweiß, Blut und Tränen erst so richtig obendrauf. Und da Kyung-Chul natürlich bald begreift, wohin der Hase läuft – und als Verkörperung eines uneingeschränkt und hemmungslos bösartigen Geistes versteht er zudem, worauf sich der Protagonist eingelassen hat, bevor dieser es selbst begreift – stehen sich die beiden Antagonisten bald auf Augenhöhe gegenüber.

Der Film kulminiert so zur moralischen wie ästhetischen Grenzerfahrung, in dem sich Gut und Böse in einer Orgie von Gewalt und Blut einander annähern.

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Gérardmer 2011: The Hunters (2011)

Gérardmer 2011 - SchriftzugMit The Hunters war in Gérardmer außer Konkurrenz und als Abschlußfilm ein weiterer Erstling zu sehen: der französische Hauptdarsteller und Regisseur Chris Briant ging das Projekt aber gleich mit internationaler Ausrichtung und Besetzung an und drehte seinen Streifen in englischer Sprache. Die französische Produktion entstand zum Teil in der Region Lorraine und fand sicher auch deshalb ein warmes Plätzchen im Programm des Festivals.

Der Film beginnt mit einem einigermaßen undeutlich gehaltenen Setting – eine Stadt im möglicherweise nordamerikanischen Irgendwo. Die Zeiteinteilungen in Zwischentiteln („The last week“, „The last day“) suggerieren einen Countdown, von dem die Protagonisten aber offenbar noch nichts wissen: Eine Handvoll frustrierter Männer (v.a. Steven Waddington und Tony Becker), die zunächst recht sympathisch und freundlich wirken und dann immer seltsamere Verhaltensweisen zeigen, eine junge Frau (Dianna Agron) sowie der Le Saint (Briant), nach traumatischen Erfahrungen in Afghanistan frisch in den Polizeidienst eingetreten und schon von seinem Chef (Terence Knox) herzlich genervt.

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Le Saint soll einen wichtigen Kronzeugen treffen und in Sicherheit bringen und wird schon in der Wahl des Treffpunktes von oben gemaßregelt. Schließlich kommt es beim Ortstermin zum fatalen Zusammentreffen aller Protagonisten, bei dem sich die Motive und Handlungen aller Beteiligten offenbaren…

The Hunters läßt sich fast die Hälfte seiner Laufzeit bis zu dieser Offenlegung, und bis dahin gelingt es ihm auch einigermaßen clever, das Kommende zu verbergen – jedenfalls für Menschen wie mich, die den Film nach weniger als sechs Stunden Schlaf bei einer frühmorgendlichen Pressevorführung zu Gesicht bekamen. Etwas wachere Zuschauer werden sich vermutlich schon allein aufgrund des Filmtitels so ihre Gedanken machen darüber, was sie wohl im letzten Drittel noch erwarten wird.

Leider legt der Film dann aber auch den Schleier des Rätselhaften ab, und es wird nur allzu deutlich, daß Briant ein filmisch allenfalls durchschnittliches Verwirrtheater inszeniert hat, dessen anfängliche Geheimniskrämerei im Nachhinein recht aufgesetzt wirkt – und der sich am Schluß dann auch deutlich zu lange hinzieht. Gerade im Blick auf das Gesamtensemble wird zudem überdeutlich, daß Briant mit seiner Rolle als Le Saint völlig überfordert ist bzw. es ihm nicht gelingt, dessen eh schon papierdünne Persönlichkeit mit mehr als behauptetem Leben zu versehen.

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Gérardmer 2011: Hybrid (2010)

Gérardmer 2011 - SchriftzugWann eigentlich kommt der Zeitpunkt, an dem an Filmschulen wirklich gelehrt wird, daß man nur mit einigermaßen interessanten Figuren Spannung zu erzeugen vermag? Die schalen Abziehbilder menschlicher Existenz, die sich in der städtischen Autowerkstatt versammeln, die der Schauplatz für die Ereignisse in Hybrid ist, eignen sich jedenfalls nicht dazu. Es gibt genau eine Figur, der man ein bißchen Sympathie, und eine, der man dezidiert Antipathie entgegenbringt – aber beide sind gleichwohl immer noch so flach, daß man das kaum als emotionale Verbindung benennen will; es ist wohl eher eine im Stammhirn anzusiedelnde Reaktion auf dumpfeste Dialogreize.

Wobei man „Dialog“ hier nicht als etwas mißverstehen sollte, in dem zwei Menschen miteinander sprechen und vielleicht auf das von der anderen gesagte etwas zu erwidern hätten; in Hybrid ist fast immer ziellose Konfrontation in den Gesprächen angelegt, so es nicht um Anweisungen, ausbuchstabierte Exposition oder die Verlautbarung des eh‘ offensichtlichen geht.

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Eine Handvoll Ausnahmen von dieser Regel gibt es, und sie beschreiben die Momente, in denen der Film vergißt, daß er eigentlich ein irgendwie ernstzunehmender Film über ein besessenes, vielleicht auch außerirdisch oder sonstwie fremdartiges, jedenfalls: menschenfressendes Auto ist. Ja, die Grundidee kennt man natürlich womöglich aus Christine. Oder eben auch nicht: Aber die Grundidee dahinter könnte eigentlich so überzogen-verrückt sein, daß dies den Film retten würde. Wäre Hybrid nur ganz bei sich, bereitwillig Trash, in dem Sätze so jenseits von Logik und Verstand fallen, daß sie das Ganze schon wieder unterhaltsam machen.

Denn der mühsame Aufhänger, der löchrige Plot und die stereotypen Figuren (meine Güte, Oded Fehrs Rolle ist ja noch eindimensionaler als sein Auftritt bei Resident Evil!) sind es natürlich nicht, die aus diesem Streifen interessante Abendunterhaltung zu machen vermöchten, auch der Hinweis auf die geradezu aristotelische Einheit des Erzählten (Raum, Zeit, etc.) hilft da nicht – es könnte eigentlich nur die Hingabe ans Schrottige – in Blech wie in Zelluloid – hier zu Größe verhelfen. Indem er aber nicht sein will, was er ist, läßt sich Hybrid nur selten ertragen.

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Gérardmer 2011 – Tag 4 & Auszeichnungen

Gérardmer 2011 - SchriftzugAm letzten Tag macht sich der Raubbau der vergangenen Nächte deutlich bemerkbar: Der Husten sitzt trocken und fest im Hals, so daß der letzte Film des Festivals einen deutlichen Unterton in Menthol bekommt – Apotheken haben in der Vogesen-Provinz natürlich sonntags nicht geöffnet, die Hustenbonbons aus dem Supermarkt (9-12 Uhr) müssen reichen. Später wird sich zum Husten noch ein dumpfer, wenngleich noch leichter Kopfschmerz hinzugesellen, der die Aussichten für die nächsten Tage nicht rosig macht. Ob das die Nachtsitzungen mit Argento und Hybrid wohl wert war? Im Falle von Hybrid kann ich klar sagen: Nein.

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Letzter Film des Wettbewerbs und für mich des ganzen Festivals ist Bedevilled, mehr schonungslose Sozial- und Persönlichkeitsstudie als Horrorfilm, auch wenn die letzte halbe Stunde blutgetränkt ist, Menschenfleisch abgebissen und Köpfe abgetrennt werden. Nach I Saw The Devil ist das der zweite Hinweis darauf, daß das asiatische (hier speziell: das koreanische) Kino auch locker zwei bis zweieinhalb Stunden mit Dramatik füllen kann.

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Fünfzehn Filme in vier Tagen: Kein Wunder, daß ich ziemlich angegriffen bin. Ich hatte mir ja eigentlich vorgenommen, es diesmal nicht zu übertreiben, aber es ist wohl doch wieder passiert. Glücklicherweise waren insgesamt nur wenige richtig schlechte Filme darunter (hatte ich Hybrid schon erwähnt?), aber doch einiges an Mittelmaß. Das ist vermutlich das Leid der Festivalbesucher_innen: Daß das Menü nicht immer in allen Einzelheiten wirklich bekömmlich und beglückend ist, mögen die einzelnen Gänge noch so bezaubernd schmecken.

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Das Interview mit der Hauptdarstellerin von La Casa Muda, Florencia Colucci kommt leider nicht mehr zustande, so daß ich einige Fragen zum Film wohl bei irgendeiner anderen Gelegenheit loswerden muß. In der französischen Filmlandschaft ist für La Casa Muda sogar ein Kinostart vorstellbar, während man für Deutschland befürchten muß, daß das amerikanische Remake zwar auf die Leinwände kommen wird, das Original aus Uruguay allerdings nicht. Und auch wenn die ersten Kritiken zum Remake vom Sundance Festival durchaus positiv waren, eine Schande wäre das doch.

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Sonntags fahren aus Gérardmer genau zwei öffentliche Busse in den Bahnhof, von dem aus ich nach Paris zurückkomme – und dummerweise versäumt es die Onlineauskunft der regionalen Verkehrsbetriebe, den zweiten Bus am späten Nachmittag auch in ihrer Datenbank zu führen. Jedenfalls komme ich mit reichlich Herzklopfen und den Telefonnummern zweier Taxianbieter versorgt an der Bushaltestelle an, wo aber nicht nur ich auf die Angaben vertraue, die das Fremdenverkehrsamt auf seiner Website macht. Und siehe da, in der Tat fährt der Bus, zügig und ohne große Verzögerungen, pünktlich mit uns allen ab. In Èpinal bleibt dann immerhin noch Zeit für ein gut gefülltes Baguette und reichlich Tee gegen den Husten. In der Brasserie, die zur Bahnhofshalle offen ist, fühlen sich auch zwei Tauben sehr wohl, die unbehelligt zwischen den Tischen hin- und herspazieren und ab und zu ein kleines Geschenk für das Putzpersonal fallen lassen.

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Während ich schon im Regionalzug durch die Vogesen nach Nancy sitze, von wo es dann mit dem TGV nach Paris weitergeht, beginnt in Gérardmer die Preisverleihung – und die Ergebnisse sind durchaus interessant. Bedevilled gewinnt zwar den Hauptpreis, und The Loved Ones (das außerdem den Prix SyFy zuerkannt bekommt) sowie Sonos lo que hay teilen sich den Jurypreis, aber I Saw The Devil geht mit drei Auszeichnungen (Preise der Kritik und der Jugendjury sowie dem Publikumspreis) doch als recht eindeutiger Sieger aus dem Festival hervor. Alles verdiente Sieger, auch wenn ich andere gewählt hätte; und daß schließlich Triangle als Sieger aus der Videosektion hervorging, kann schließlich niemanden wirklich überrascht haben.

Hier noch einmal die Preise im Überblick:

  • Grand Prix (Meilleur Film): Bedevilled
  • Grand Prix du Jury: ex-aequo an The Loved Ones und Sonos lo que hay
  • Grand Prix de la Critique: I Saw The Devil
  • Prix du public: I Saw The Devil
  • Prix SyFy: The Loved Ones
  • Prix du Jury jeune: I Saw The Devil
  • Prix de l’inédit vidéo Mad Movies: Triangle

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Meine Berichterstattung aus Gérardmer ist damit noch nicht ganz am Ende, weil hier jetzt noch die kurzen und längeren Kritiken erscheinen werden, die ich in den letzten Tagen oft nicht habe ganz fertig- oder onlinestellen können.

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Gérardmer 2011: Cold Prey 3 (2010)

Gérardmer 2011 - SchriftzugDer dritte Film der schwedischen Horrorserie ist kein Sequel zum zweiten Film – der mit dem womöglich endgültigen Tod des Bösewichtes endete –, sondern vielmehr ein Prequel, der zumindest Teile der Vorgeschichte beleuchtet, die in den ersten beiden Filmen ja doch etwas weniger detailliert zur Sprache kam.

Das Wesentliche wird in den Anfangsszenen abgehandelt: Wie nämlich aus dem von seinem Vater mißhandelten und abgelehnten Jungen ein Mörder wird, der seine Eltern, Halloween läßt grüßen, kurzerhand dahinmeuchelt. Um dann zwölf Jahre später mit einer Gruppe von sechs jungen Leuten konfrontiert zu werden, die sich aus Jux für eine Nacht im früher von seinen Eltern betriebenen Hotel einnisten wollen.

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Das klingt bekannt? Natürlich ist das wie ein Echo des ersten Cold Prey-Films von Roar Uthaug, auch wenn da der Ausflug im Winter stattfand und das Hotel nur unfreiwillig besucht wurde. Aber die Handlungseffekte sind die gleichen: Böser Junge jagt junge Leute. Wobei der Jagdcharakter dieser Veranstaltung hier deutlicher noch als in den Vorgängerfilmen betont wird (zumal die Handlung fast durchweg im Wald spielt und reichlich klassische Jagdwaffen zum Einsatz kommen).

Wesentlich Neues hat Cold Prey 3 dabei nicht zu bieten. Das ist, von den Figuren bis zur Umsetzung, handwerklich solide, aber meist nicht besonders einfallsreich. Der Film geht verhältnismäßig sparsam mit seinem Personal um und hebt sich einige der Protagonist_innen wirklich bis kurz vor Schluß auf, was man aus vergleichbaren Abzählreimstreifen auch schon anders kennt. Zwischendrin gibt es einen Moment, in dem man befürchten muß, Regisseur Mikkel Brænne Sandemose wolle die Spannung zugunsten der Goremomente vernachlässigen, aber das legt sich rasch wieder.

Das Hauptproblem dieses dritten Films ist natürlich, dass man im Grunde schon wissen kann, wie es ausgehen muß, damit dann – in der diegetischen Chronologie – die Ereignisse des ersten Films möglich sein werden; ein Grundproblem aller nachgereichten Vorgeschichten, dass hier immerhin in seinen knapp wirkenden 95 Minuten einigermaßen stilvoll ignoriert wird.

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Gérardmer 2011 – Tag 3

Gérardmer 2011 - Schriftzug[Wieder verspätet dank des anfälligen Internets im Hotel. Gnarf.] Und mit der Crowd kommen die Schlangen. Am Wochenende ist es ja bei allen Publikumsfestivals immer besonders voll, und Gérardmer macht da keine Ausnahme. Deshalb gibt es hier eben nach Cold Prey 3 auch noch (SCNR) Cold Feet 3, nach dem großen Erfolg der ersten beiden Teile vor den Filmen zuvor. Für die Nuit Giallo läßt man uns bis wortwörtlich bis fünf vor zwölf in der Eiseskälte stehen, denn natürlich ist es jetzt auch noch einmal deutlich kälter geworden. Dafür war es in der Mitternachtsvorstellung nicht so voll wie im hervorragenden La Casa Muda, für den ich trotz meiner Akkreditierungsprivilegien gerade noch so als einer der letzten Sieben in den Saal gelassen wurde. Für I Saw The Devil kurz darauf habe ich mich dann sicherheitshalber fast eine Stunde lang angestellt.

Besonders schade ist nach solchen Erlebnissen übrigens, daß es dieses Jahr nicht mehr, wie im vergangenen, von einem Sponsoren für jede Zuschauer_in vor jeder Vorstellung ein kleines Eis gibt. Das war zwar 2010 angesichts der geringen Auswahl von drei einander sehr ähnlichen Sorten am Ende des Festivals schon nicht mehr der totale Genuß, aber wenigstens war die Grundversorgung mit Zucker und Fett gewährleistet. Da das Hauptkino ja leider etwas außerhalb des Ortes liegt, gibt es dort sonst nur kleinere Snacks zu kaufen.

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Talal Selhami (Mirages)Beim Interview mit Talal Selhami passiert mir dann der größte anzunehmende Anfängerfehler: Nach 25 Minuten interessantem Gespräch über die Wüste, die sich verändernde Gesellschaft in Marokko und kartesianische Zuschauer stelle ich fest, daß das Mikrofon nicht eingeschaltet war. Stillschweigend beiße ich mir in einen Finger, bis sicher ist, daß immerhin mein – Semiprofi-Routine – als Backup mitlaufendes Diktiergerät wohl das meiste aufgenommen hat. Die Transkription und Übersetzung wird vermutlich trotzdem die Hölle – das war mein erstes Interview, das ich komplett auf Französisch gehalten habe.

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Bei der doch arg frühen Pressevorführung von The Hunters morgens um halb neun – der Film wird heute abend das Festival beschließen – entschuldigt sich das Personal im Casino wortreich dafür, daß sie uns keinen Kaffee anbieten können. Dafür bekomme ich dann später ein sehr nettes Mittagessen dank der Restaurantwahl von @jcdrf3, einem sehr charmanten Journalisten, der beim Lokalableger des Fernsehsender France 3 für den Internetauftritt verantwortlich ist.

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Florencia Colucci (La Casa Muda)Die Hauptdarstellerin von La Casa Muda ist da, um ihren Film vorzustellen – man erkennt sie, auch wenn man den Film gesehen und nicht nur Standbilder gesehen hat, praktisch nicht wieder. Eine Transformation, die aber vielleicht so erstaunlich auch nicht ist, immerhin ist das ihr Beruf. Sie freut sich, jetzt in Frankreich die endgültige Fassung des Filmes vorstellen zu können, bei der nach dem Abspann noch eine Szene angefügt ist. Ich würde sie gerne fragen, ob diese auch nachträglich entstanden sind, und einiges mehr.

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@SebastianSelig berichtet von einem Gespräch mit französischen Journalisten, für die Dream Home und I Saw The Devil die Favoriten im Wettbewerb seien. Meine persönlichen Highlights waren bisher stattdessen La Casa Muda und The Troll Hunter, aber beides sind eher leise Filme mit wenig sozialpolitischen Untertönen, während die asiatischen Filme soziale bzw. moralische Fragen mit viel Blut unterfüttern. Womöglich ist die entscheidende Frage, was diese spezielle Jury besonders interessiert, und, wer weiß, vielleicht waren die französischen Journalisten da ganz gut informiert.

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Vor der Giallo-Nacht machen sie ein bißchen minimale Show auf der Bühne, um das Publikum auf die kommenden Attraktionen einzustimmen.

Ich habe dann trotzdem nach dem ersten Film die Segel gestrichen. Schließlich steht heute mit Bedevilled noch ein letzter Wettbewerbsfilm auf dem Programm, bevor es mit Bus und Bahn wieder zurück nach Paris geht.

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Gérardmer 2011: The Troll Hunter (2010)

The Troll Hunter (Trolljegeren) beginnt, wie so viele Found-Footage-Filmchen der letzten Jahre, mit der Behauptung von Authentizität: Das Filmmaterial sei anonym eingegangen, und natürlich habe man es geprüft und für authentisch befunden, aber man möge doch bitte selbst entscheiden. Was dann folgt, erinnert schon sehr an Cloverfield (oder auch Diary of the Dead): Ein kleines Filmteam von Studenten einer norwegischen Provinzhochschule will einen kleinen Dokumentarfilm darüber machen, wer ohne Genehmigung in ihrer Gegend Bären tötet.

Gérardmer 2011 - SchriftzugSie stoßen alsbald auf den verschlossenen Jäger Hans (Otto Jespersen), der aber gar nicht hinter Bären her zu sein scheint – und werden von ihm, nachdem er sie vergeblich abzuweisen versucht hat, schließlich leicht entnervt auf die Jagd mitgenommen, weil er möchte, daß die Welt verstehe, unter welchen katastrophalen Arbeitsbedingungen er seinen Pflichten nachkomme. Und die Norweger_innen davor beschütze, von wild umherstreifenden Trollen aufgefressen zu werden.

The Troll Hunter bleibt konsequent in der Perspektive der studentischen Filmkamera – und geht damit deutlich weiter als die genannten Vorbilder –, will aber gar nicht unbedingt ein Monsterfilm im klassischen Sinne sein. Denn was den kleinen (vielleicht einen Hauch zu langen) Streifen im Wesentlichen auszeichnet ist der Wille, hier ein magisch angehauchtes, unheimliches Paralleluniversum zu schaffen, das sich nur an den Rändern von unserem unterscheidet, aber von Hans‘ Erzählungen und durch die Erfahrungen der Student_innen immer weiter ausgeformt und präzisiert wird. Regisseur André Øvredal hat sich in seinem Drehbuch viel Mühe gegeben, eine stimmige, konsequente neue Welt vorzubereiten. Dadurch sieht man dann die ganz gewöhnliche (unsrige) Welt auf einmal mit anderen Augen, Hochspannungsleitungen, ausgewilderte Tiere, das alles bekommt neue Bedeutung, neue Zwecke.

[filminfo_box]

Mich erinnert das ein wenig an das Verfahren, das Philip Pullman in der His Dark Materials-Trilogie verwendet hat, in dem sich die Verschiebungen zu unserer realen Welt nur ganz unterschwellig einschleichen. Hier kommen sie zwar vergleichsweise deutlich dahergetrampelt (in Form riesenhafter, hungriger Trolle), aber die Methode ist nicht weniger bezaubernd. Da vergißt man gerne, daß die Figuren ein wenig blaß bleiben, weil sie zum Beispiel nicht allzu viele Konflikte untereinander auszutragen haben – stattdessen rückt eben hier die seltsame neue Welt in den Vordergrund.

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