Interview with Vincenzo Natali on ‚Splice‘

During this year’s Festival Internationnal du Film Fantastique de Gérardmer I had the opportunity to talk in some length with Vincenzo Natali, director of films such as Cube, Cypher, and most recently Splice (my different texts about that film are collected here, in German).

It was a very interesting conversation, ranging from nerd culture to posthumanist thoughts – Natali seems to think that genetic modification really is the next logical step in (human) evolution, and his film is as much a warning of its dangers as it is, actually, a celebration of its possibilities.

Before you listen to the interview, be well aware that it is uncut and unedited (you can read the edited and translated German version here at Telepolis) – it does contain some minor spoilers and at least one major one that gives away part of the ending.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

(Oh yeah, and sorry about the poor quality of the recording.)

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Fantasy Filmfest Nights 2010: Meine Kritiken

In einem Akt schamloser Selbstbepreisung möchte ich kurz darauf verweisen, daß von mir in den letzten Wochen zu vier Filmen, die auf den jetzt beginnenden Fantasy Filmfest Nights zu sehen sein werden, schon Kritiken erschienen sind.

Im Einzelnen sind das:

Über Rückmeldungen und Meinungsäußerungen zu den Texten – hier oder in den verlinkten Medien – freue ich mich stets.

Gérardmer 2010 – Tag 4: die Preisträger

gerardmer_logoDas Festival ist gestern abend zu Ende gegangen, ich habe mich schon am Nachmittag in einen Bus geschwungen, um heute morgen wieder vom Kind geweckt werden zu können. Den Schnee habe ich, scheint’s, mitgenommen, draußen ist gerade Landunterweiß.

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Vom Festivalgeschehen habe ich an diesem letzten Tag nicht mehr so viel mitbekommen; kurz vor meiner Abfahrt habe ich noch No-Do gesehen, einen spanischen Geistergruselfilm mit kirchenkritischen Obertönen und einigen Anklängen an Friedkins The Exorcist. Muß man aber, meiner bescheidenen Meinung nach, nicht unbedingt gesehen haben.

Vorher hatte ich die Gelegenheit, ein Interview mit Vincenzo Natali zu führen, der seinen Film Splice in Gérardmer außer Konkurrenz vorstellen konnte. Es wurde ein äußerst interessantes Gespräch über die Zukunft der Genetik, wie man Biohorror machen kann, ohne permanent David Cronenberg zu zitieren und die Frage, ob die Erwachsenen heute nicht erwachsen werden wollen.

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Am Abend wurden dann noch die Preise vergeben, nach und nach tröpfelten sie über Twitter ein, und da gab es dann doch gewisse Überraschungen. Daß Moon den Preis der Jury und den Kritiker-Preis gewann, war nicht mal besonders unerwartet. Der Publikumspreis ging allerdings nicht an den heißen Favoriten La Horde, sondern an den allerdings sehr sehenswerten Thriller 5150 rue des Ormes, und den Grand Prix des Festivals gewann der deutsche Beitrag Die Tür.

Hier die Auszeichnungen in der Übersicht:

  • Grand prix (Großer Preis):
    Die Tür von Anno Saul (Deutschland)
  • Prix du jury (Preis der Jury):
    Moon von Duncan Jones (Großbritannien)
  • Prix de la critique (Preis der Kritik):
    Moon von Duncan Jones (Großbritannien)
  • Mention spéciale du jury presse (Besondere Erwähnung der Pressejury):
    Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani (Belgien/Frankreich)
  • Prix du jury jeunes de la région lorraine (Preis der Jugendjury):
    Possessed von Lee Yong-Ju (Südkorea)
  • Prix du public (Publikumspreis):
    5150 rue des Ormes von Eric Tessier (Kanada)
  • Prix du jury sci fi (Preis der Syfy-Jury):
    La Horde von Yannick Dahan und Benjamin Rocher (Frankreich)
  • Grand prix du court métrage (Großer Preis für den besten Kurzfilm):
    La Morsure von Joyce A. Nashawati (Frankreich)
  • Prix du meilleur inédit vidéo (Preis für den besten Direct-to-Video-Film):
    From Within von Phedon Papamichael (USA)

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Vierzehn Fime habe ich in den letzten Tagen gesehen und viel zu wenig geschlafen. Jetzt werde ich ein paar unerledigte Dinge abarbeiten und mich dann den vielen noch ausstehenden Kritiken zuwenden.

Gérardmer 2010 – Tag 3

gerardmer_logoEs neigt sich auf der einen Seite schon alles sehr dem Ende zu; dafür ist dann auf der anderen Seite auch immerhin schon ein bißchen was fertig. Meine Besprechung von Dans ton sommeil, die bei blairwitch.de nachgelesen werden kann.

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Hatte ich schon erwähnt, daß es fortwährend schneit? Am Samstag kam jetzt immerhin für etwa eine Stunde knallig die Sonne durch. Dann begann es wieder dick zu flocken. Das alles hat neben der schönen Landschaft und dem winterlichen Rumgefühle auch ungewollte Folgen: So hat sich einer der Parkplätze am Hauptspielort des Festivals als gelegentliche Autofalle entpuppt, denn er wird offenbar nicht geräumt und liegt etwas unterhalb der Straße. Auf die ist schon das eine oder andere Auto nicht mehr aus eigener Kraft hochgekommen.

Gerüchte machten auch die Runde, die Busse nach Draußen kämen ob des Schnees nicht durch. Das Büro der Touristeninformation dementiert, aber weil morgen Sonntag ist, fahren eh nur drei Busse zu insgesamt zwei Zielen. Hoffentlich, denn meiner geht nach Fahrplan um halb sechs am Abend.

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Und natürlich ist seit heute morgen die ganze Stadt voll mit Menschen und Autos. Es ist Wochenende, und da sind viele zum Wintersporteln gekommen, aber auch die Fans, die sich unter der Woche nicht freimachen konnten oder wollten. So sind insbesondere die Schlangen für Splice und den neuen Romero extrem lang geraten.

Und mit dem Wochenende kommen auch die Pärchen; so ist der Dresscode unter den nicht akkreditierten Festivalbesucher_innen nicht mehr ganz so strikt schwarz oder grau zu schwarz.

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Schon von Anfang an da sind die zwei oder drei offenbar traditionell zu Filmbeginn laute Schreie oder irre Lacher ausstoßenden Besucher. Als der eine heute morgen zu Hierro fehlte, machte sich das sofort als mentales Loch bemerkbar.

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Anno Saul

Zu Die Tür war er wieder da; und Regisseur Anno Saul verhaspelte sich ein wenig vor Aufregung in seinem Englisch. Später meinte ein Kritiker, in dem Film besonders deutschen Geist gefunden zu haben; dem kann ich mich freilich nicht so ohne weiteres anschließen. Aber schön war es schon, das Kottbusser Tor mal wieder zu sehen; jedenfalls so auf der Leinwand und nur mal kurz.

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Sprachlich etwas leichter hatte es dann Vincenzo Natali, der bei seinem dritten Besuch in Gérardmer schon ein recht passables Französisch präsentierte, für das er sich dennoch ständig entschuldigte. Besonders freute er sich wohl darüber, daß auch Delphine Chanéac dabei war, die in Splice ein genetisch erschaffenes Kunstwesen spielt, und die Natali über alle Maßen pries – und versprach, man werde sie im Film nicht wiedererkennen. (Das stimmt nicht so ganz. Aber irgendwas hat sie mit ihren Haaren gemacht. Und ihren Beinen.)

L'équipe du film 'Splice'

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Damit der Tag noch einen verqueren Abschluß bekommt, habe ich dann mein Handy im Presseraum liegen lassen, wo ich es zum Aufladen ans Stromnetz gehängt hatte. Aufgefallen ist mir das allerdings erst hier im Hotel wieder, und so bin ich die ganze Strecke wieder zurück gelaufen. Und weil dann Delphine Chanéac gerade, vom Klavier begleitet, ein paar Lieder sang, und ich eh die Nase voll hatte, bin ich noch einen Moment und zwei Bier lang in der Bar geblieben. Weshalb es für heute bei diesem kurzen Bericht bleibt. Gute Nacht.

Gérardmer 2010 – Amer

(Update: Vollständige Besprechung jetzt hier im Blog.)

gerardmer_logoAmer, so geht meine Vermutung, ist unter den Wettbewerbsfilmen in Gérardmer bislang vermutlich derjenige, der das Publikum am effektivsten spaltet, in voraussehbar drei Teile: Diejenigen, die das Ganze prätentios und ohne erzählerischen Mehrwert finden, diejenigen, die sich nach einer Weile langzuweilen beginnen, und schließlich diejenigen, die bis zum Schluß mitgerissen sind.

Ich gehöre, ich gestehe es gerne, zur letzten Gruppe, mit einigen Zweifeln an meiner Überzeugung in der Mitte. Will sagen: Das ist ein toller Film, intensiv, erotisch, gruselig; die Geschichte ist nicht besonders originell (um die geht es auch gar nicht) und der Gestus wirkt zunächst wie experimentelles Avantgardekino, ist aber doch eigentlich etwas anderes: will wohl etwas sein wie ein filmischer Stream-of-Consciousness.

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In drei Teile gliedert sich der Film, Kindheit, Adoleszenz und Erwachsensein, wir folgen Ana (gespielt nacheinander von Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud und Marie Bos) oder vielleicht eher: wir sehen, was sie sieht und fühlt, einen Wust von Fragmenten, Ultra-Close-Ups, rätselhaften Bildern in leuchtenden Farben, stellenweise überstrahlt, fast immer mit selektiv verstärktem Ton. Geräusche sind das: Das Kratzen eines Dorns auf Haut, das Knirschen von Leder, der Wind, der Anas Kleid anhebt. Das Drehen des Schlüssels im Schloß, eine zufallende Tür, knarzende Holzbohlen.

Drei kurze Ereignisse werden da in den Fragmenten berichtet, jedenfalls bastelt man sich das so zusammen, ganz sicher kann man nicht sein: Elliptisch und selektiv ist das Bild, aber daß es sich nicht von selbst zusammenfügt, uns keine leichte Erzählung anbietet, ist Pro- wie Psychogramm.

Ist das Erinnerung? Die Bilder aus der Kindheit sind am fremdartigsten, gruselig und stellenweise furchtbar, die Eltern seltsam fern, eine ganz in Schwarz gehüllte Haushälterin kümmert sich um den just verstorbenen Großvater. Dann Adoleszenz: hier ist alles andeutungsvoll, ein Ausflug mit der Mutter ins Dorf (wird sind wohl auf einem Landhaus in der französischen Provinz), da versteht der Film alles sexuell aufzuladen, mit Atemgeräuschen, dem Rascheln von Stoff auf Haut, Schweißtropfen. Und vielleicht führt der Schluß das sogar alles zusammen.

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Fertig bin ich mit Amer jedenfalls noch lange nicht, für eine einigermaßen konsistente Kritik brauche ich noch ein bißchen Bedenkzeit. Schön ist jedenfalls alleine schon der Vorspann, der in Musik, Schriftzügen und Splitscreens die 70er aufleben läßt – und doch schon den dem Film eigenen Ton zu etablieren versteht.

(Und über die möglichen Beziehungen zum Giallo auch ein andernmal.)

‚Predator‘ hätte anders beginnen können

Auf einer Pressekonferenz gestern hat John McTiernan, der hier in Gérardmer Präsident der Jury ist, neben vielem anderen auch etwas über einen seinerzeit erwogenen, alternativen Beginn für seinen Film Predator mit Arnold Schwarzenegger erzählt.

Die schlechte Ton- und Bildqualität bitte ich zu entschuldigen. Irgendwann kaufe ich mir auch mal ein Stativ und eine richtige Videokamera.

Gérardmer 2010 – Tag 2

gerardmer_logoDer zweite Festivaltag ist für mich zu Ende gegangen, und inzwischen macht sich schon langsam das Gefühl von Erschöpfung breit; und dabei waren es heute „nur“ drei Filme. Immerhin habe ich jetzt schon etwas geschrieben und einige Notizen getippt. Wie macht das eigentlich Thomas während der Berlinale immer, so viel zu sehen, so viel zu schreiben und dennoch vermutlich auch noch zu essen und zu schlafen? Infusionen mit Koffein und Traubenzucker? Jedenfalls sollte ich gleich ins Bett gehen.

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Das Wetter ist hier natürlich ein großes Thema. Seit zwei Tagen schneit es jetzt fast ohne Unterlaß, und wie eine Zuschauerin gestern leicht angestrengt bemerkte, macht es das nicht eben leichter, von einem Festivalkino zum anderen zu kommen; die Zeiten zwischen den Filmen sind eh nicht besonders üppig bemessen. Seit dem Nachmittag sind jetzt immerhin schon die ersten Gehsteige geräumt, aber die einst freigemachten Straßen sind schon wieder unter einigen Zentimetern Schnee verschwunden.

Wenn man sich dann zum Hauptspielort, dem „Espace L.A.C.“ – er liegt, gute Güte, auch noch etwas außerhalb des Ortes, aber schön am See – vorgekämpft hat, wartet dort die nächste Hürde: Der Zugang für die Presse, geladene Gäste und „Professionals“ führt über eine kleine Treppe rauf, über eine rutschige Veranda und wieder eine Treppe hinab. Alles draußen, alles seit Beginn des Schneefalls so glatt wie vermutlich der zugefrorene See. Auf der Veranda liegt jetzt immerhin ein Teppich, der die Rutschgefahr erfolgreich mindert.

Gefühlt war der ganze Schnee trotz kalter Füße, Schwiegeromas Wollsocken verhinderten bislang das Schlimmste, dennoch um Meilen besser als der Regen und der eisige Wind, von denen die Berlinale stets begleitet wird. Nun hat sich allerdings am späten Nachmittag zum Schneetreiben ein eisiger Wind hinzugesellt, der den Pulverschnee von Dächern, Bäumen und vom See aufwirbelt und uns in Augen und Gesicht treibt. Ich bin mir nicht mehr ganz so sicher.

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Aber die Stimmung ist dennoch gut. Vor der Vorstellung von 5150, rue des Ormes warteten alle sehr lange auf Einlaß, und irgendwann entspann sich zwischen zwei Gruppen in der Journalist_innenschlange und der Schlange für Menschen mit „normalen“ Tickets eine kleine Schneeballschlacht.

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Und für die, die nicht genug kriegen können, gibt es von einem der Sponsoren des Festivals vor jeder Vorstellung ein Eis.

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Les réalisateurs du film 'Amer'

Die Regisseure von Amer, Hélène Cattet und Bruno Forzani, waren von ihrem Auftritt vor Publikum so überwältigt (oder so schlecht auf sie vorbereitet), das sie nur zwei Halbsätze stammeln konnten. Eric Tessier hingegen, gutgelaunter Kanadier, stellte seinen Film 5150, rue des Ormes nicht nur mit vielen, langen Sätzen vor, sondern gab dem frankophonen Publikum gleich noch eine kleine Unterweisung in die Besonderheiten des in Québec gesprochenen Französisch‘ (Video).

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Bei einer Pressekonferenz am Nachmittag, zu der auch ein als Predator verkleideter Fan erschien, wollte Jury-Präsident John McTiernan allererst und vor allem einen Kaffee. Den bekam er dann leider erst kurz vor Ende der Veranstaltung, dankbar war er aber doch.

Da wirkte er noch, wie schon bei der Eröffnungsveranstaltung, sehr ruppig, unwillig und unwirsch. Sobald aber die ersten Fragen kamen, kamen auch die Antworten ausführlich und mit Begeisterung. Und als ihm ein Vertreter der Cinématheque Française eine ausführliche Laudatio hält, das Publikum ihm stehend applaudiert, da ist auch er sichtlich gerührt.

Hommage à John McTiernan

Gérardmer 2010 – Die Dokumentarfilme

gerardmer_logoDie beiden Dokumentarfilme zum Horrorfilm, die in Gérardmer außerhalb des Wettbewerbs gezeigt werden, sind hier als Double Feature zu sehen, was einerseits gut ist, weil es eine direkte Gegenüberstellung ermöglicht und fördert, und andererseits für den amerikanischen Beitrag in diesem Doppel nicht so vorteilhaft ausfällt.

Nightmares in Red, White and Blue

Das ist nicht einmal der rein technischen Qualität in die Schuhe zu schieben, obwohl diese mir als erstes an Nightmares in Red, White and Blue negativ aufgefallen ist. Offensichtlich wurden vor allem viele der alten Filme digital und in denkbar schlechter Auflösung verarbeitet, so daß zum Teil vor lauter Schlieren kaum mehr erkennbar ist, was auf der Leinwand vor sich geht.

Der Film betreibt dann einen allzu schnellen Durchmarsch durch die Jahrzehnte, von den 1920er bis in die 2000er hinein und vertritt im Wesentlichen doch nur die Aussage: Der Horrorfilm ist stets ein Kind seiner Zeit, und außerdem traut er sich, Wahrheiten auszusprechen, die das Kino sonst nicht anfassen mag. Das ist so wahr wie inzwischen banal. Nightmares fügt dem nichts Neues hinzu, was nicht schon hunderte Male in Bezug auf die eine oder andere Epoche oder mit Verweis auf dieses und jenes Thema gesagt und geschrieben worden wäre.

Das Hauptproblem ist, daß diese Grundthese auch noch völlig uninteressant präsentiert wird. Die Namen von Filmen sirren vorüber, ebenso die blutigen Szenen, und dazwischen gibt es Talking Heads. Es sind zwar tolle Talking Heads, praktisch alle noch lebenden Größen unter den Horrorregisseuren, und sie haben auch was zu sagen, aber fesseln kann das nicht, dafür verweilt der Film zu wenig auf den Momentaufnahmen oder auf einzelnen Filmen. Wenn das doch einmal passiert, als z.B. George A. Romero voller Begeisterung von The Thing erzählt und auf bestimmte Details aufmerksam macht, dann spürt man umso schmerzlicher, wie wenig der Film das sonst betreibt. Und genau in diesem Moment verspielt der Film auch die Chance, die er sich selbst gibt, seine Grundbehauptung zu zeigen und zu belegen, anstatt sie nur zu behaupten.

Stattdessen werden alle Filmtitel und Traditionen angerissen, mehr um Vollständigkeit als um Bedeutung herzustellen, von Nosferatu (als Inspiration natürlich, da nicht genuin amerikanisch) bis hin zu Interview mit einem Vampir, von Hannibal Lecter bis Freddy Krueger, von Scream (in einer ultrakurzen Sequenz) bis hin zu It’s Alive (mit kein bißchen mehr Screentime). In einem solchen Druckkochtopf wird letztlich nicht von dem wirklich sichtbar, was der Film behauptet: gesellschaftliche Relevanz, innere Entwicklung, thematische Bedeutsamkeiten – das alles muß man entweder glauben oder anderswo nachlesen oder -sehen.

Mit größerer Sparsamkeit kommt man durchaus weiter, wie zum Beispiel zum Beispiel Going to Pieces gezeigt hat. Der spaziert zwar durch das Subgenre und die Zeit seit den 1970ern im Grunde nicht weniger rasch hindurch, gewinnt aber durch zeitliche wie thematische Konzentration an Konsistenz.

Viande d’origine française

Vielleicht ist es natürlich nur, daß ich mich im französischen Horrorkino noch nicht so gut auskenne; oder daß es den Bonus des leicht Randständigen hat, die Außenseiterzulage, die man zu wenig behandelten Themen gerne mal gibt.

Oberflächlich weicht Viande d’origine française in seiner Herangehensweise ans Thema von Nightmares nicht wirklich ab: Regisseure, Produzenten und eine Schauspielerin kommen zu Wort, stets mit mindestens zwei Kameras geführt, mitten im Satz wird, man weiß das nach einer Weile vorher schon, von der Nahaufnahme auf eine Halbtotale geschnitten – das ist ein bißchen verspielt, ein bißchen nervös, ein bißchen dynamisch. Dazwischen gibt es dann viele blutige Szenen aus den angesprochenen Filmen, und man darf den Eindruck bekommen, daß die Regisseure sich aus den achtzehn Horrorfilmen, die ihren Angaben nach seit 2000 in Frankreich entstanden sind (dessen Filmindustrie, ebenfalls nach den Zahlen aus Viande, einen jährlichen Ausstoß von 200 Streifen hat), die blutigsten Stellen herausgesucht haben.

Viande d’origine française hangelt sich vage an einer historischen Linie entlang, durchzieht diese aber mit einem weiteren roten Faden: die Bedeutung des französischen Horrorfilms im Inland und im Ausland. Der Strang hat zahlreiche Ausfaserungen nach rechts und links – gesellschaftliche Bedeutungen, filmwissenschaftliche Bewertung, Auteur-Theorie und all das, und wie es in Zusammenhang mit dem Genrefilm steht, sowie schließlich auch die „Ausbeutung“ junger europäischer Filmemacher durch die Großindustrie in Hollywood.

Und ganz einfach macht der Film es sich eben auch nicht. Da wird keine völlig stringente Geschichte erzählt, sondern durchaus in sich widersprüchliche Aussagen und Diskussionen einfach stehen gelassen. Natürlich ist es fürchterlich, wie schwer es in Frankreich ist, einen Horrorfilm finanzieren zu lassen; aber es ist eben doch viel angenehmer, als den einschränkenden Vorstellungen von Studiobossen und Marketingleuten ausgeliefert zu sein, selbst wenn man dafür ein großes Budget zur Verfügung hat. Wenn es nur nicht so wäre, daß man, wie die beiden Regisseure von La Horde klagen, froh sein kann, genug Geld für eine einigermaßen realistische Wirklichkeitsdarstellung zu bekommen. Was der Film mit zunächst Dreharbeiten von einem völligen Trashfilm kommentiert, bei dem eine Wassermelone als Kopfersatz zerschlagen wird, um dann als weiteren Kommentar Bilder zu zeigen, die Alexandro Aja beim entspannten Big-Budget-Dreh von Piranhas 3D zeigen.

So ganz ernst nehmen sich die ganzen Protagonist_innen des französischen Horrorkinos also jedenfalls wohl nicht, und Viande d’origine française macht sich diese Haltung zu eigen. Schließlich will das Publikum unterhalten und nicht bejammert werden.

Gérardmer 2010 – Tag 1

gerardmer_logoVielleicht war es einfach die Unruhe, die mich gestern umtrieb, und die inzwischen etwas nachgelassen hat; vielleicht ist es der Schnee, der letzte Nacht gefallen ist und nun wieder fällt, der die ganze Welt in und um Gérardmer in weißen Schleier hüllt, See und Luft und Stadt: Jedenfalls muß ich konstatieren, daß ich die Stadt gestern womöglich negativer beschrieben habe, als sie es verdient. Denn eines ist man hier: freundlich (sieht man vom Kellner in der Brasserie vorhin ab, aber da gehört das zum Berufsbild, denke ich). Und die Innenstadt ist in der Tat zwar vielleicht kein Kleinod, aber ein Sammelsurium lebendiger Straßen, offenbar am Tourismus ausgerichtet, aber nichtsdestoweniger nicht aufgesetzt-künstlich, sondern kleinstädtisch-nett.

An der furchtbaren Lage des Friedhofs ändert sich dadurch leider nichts.

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Von den bisher gesehenen Filmen, Dans ton sommeil und Possessed, später mehr. Bei kino-zeit.de ist inzwischen mein ausführlicher Vorabbericht zum Festival erschienen (allerdings in einer eigentlich schon veralteten Version, in der ich noch versehentlich von einem deutschen Kinostart für Halloween 2 faselte – doch, doch, das Internet läßt alle unsere Schwächen zum Vorschein kommen. Und ich leuchte sie noch aus. Halloween 2 erscheint Mitte März direkt auf DVD).

Und Fotos gibt es jetzt nach und nach in meinem Flickr-Account.

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John McTiernan kam, als die anderen Mitglieder der Jury schon auf der Bühne standen, eher angeschlurft als dynamisch geeilt; ging zum Pult und erklärte, ohne weitere Einleitung und Abfederung, sehr schnodderig das Festival für eröffnet. Das (nur mit schriftlicher Einladung eingelassene) Publikum war davon so überrascht, daß der Applaus nur sehr halbherzig ausfiel. Als dann heute morgen der erste Film des Wettbewerbs gezeigt wurde, offenbar für viele Zuschauer der inoffizielle Eröffnungsfilm, wurde der Festivaltrailer hingegen mit großer Begeisterung und ausdauernd bejubelt.

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L'Equipe du film 'Dans ton sommeil'

Anne Parillaud, eine hauchdünne Erscheinung in Schwarz, lobte vor der Vorführung des Eröffnungsfilms Dans ton sommeil dessen Direktheit, die rauen Wahrheiten, die ein Erstlingsfilm noch transportiere. Ob Arthur Dupont, neben Parillaud Hauptdarsteller des Films, gegen solchen Charme des Anfangs den Gestus der gelangweilten Routine setzen wollte, ist nicht überliefert. Jedenfalls war sein kurzes, eher belangloses Statement zum Film (es hat ihm viel Spaß gemacht), unter seinem Kaugummikauen fast nicht zu verstehen. Aber vielleicht liegt das auch an meinem Französisch.

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Lee Yong-Ju, réalisateur de 'Possessed/Bulshin Jiok'

Lee Yong-Ju (so die französische Umschrift des Namens) hatte zur Vorstellung seines Films Possessed eine Dolmetscherin mitgebracht. Daß sein Französisch womöglich noch schlechter ist als meines, ist für einen Südkoreaner (hier ist er noch einmal einzeln im Bild) ja sicher eine läßliche Sünde. Er hielt dann, offenbar mit dem Ziel, Verständnis für das Thema seines Films im Kontext südkoreanischer Verhältnisse zu wecken, nach einigen einleitenden Worten einen nicht ganz kurzen, pausenfreien Vortrag über Religion in Korea und im koreanischen Film.

Die Dolmetscherin, die sichtbar zögerte, als er endlich fertig war, bekam spontanen Szenenapplaus, und nach erfolgter Übersetzung ganz persönlichen Jubel vom Publikum.

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Weiter geht es für mich heute noch mit Cargo, La Horde sowie schließlich dem Dokumentarfilm-Double-Feature Viande d’origine française und Nightmares in Red, White and Blue.