Pans Labyrinth (2006)

„Die Welt ist ein grausamer Ort.“ Eine letzte Warnung, eine letzte Mahnung; kurz darauf ist Ofélias Mutter tot, gestorben unter der Geburt des kleinen Bruders, dem das elfjährige Mädchen schon im Bauch der Mutter Märchen erzählt hat. Nicht die Geschichten in Disney’schen Pastellfarben, sondern dunkle Mythen von Schmerz, Unsterblichkeit und schweren Prüfungen. Ofélias Welt ist bevölkert von Monstren, Wesen voller Ambivalenz und Abgründigkeit: Menschenfresser, Feen mit scharfen Zähnen, ein riesiger Faun.

Der Magie steht in Pans Labyrinth eine mechanistische Logik gegenüber: Für Ofélias Stiefvater, Capitan Vidal, zählt das starre Funktionieren der Welt in patriarchaler Ordnung. Sein Weltbild spiegelt sich in der Taschenuhr, die sein Vater ihm hinterlassen hat, der sie, so erzählt man sich, im Angesicht seines Todes zu Boden warf, damit sein Sohn erfahren könne, wann sein Vater gestorben sei – und wie ein ehrenhafter Tod zu sterben sei.

Guillermo del Toros Meisterwerk ist voll von solchen Paarungen: Leben und Tod, Frauen und Männer, starre Mechanik und sich wandelnde Lebewesen. Trennscharfe Gegensätze gibt es allerdings nicht, mit einer Ausnahme: Der Faschismus, das starr-unmenschlich Mechanische, sie sind des Teufels. Damit nimmt Pans Labyrinth Motive auf, die sich auch schon in del Toros Hellboy wiederfanden, mit jenem mitleidslosen Mörder Karl Ruprecht Kroenen, dessen Herz nur noch ein Uhrwerk ist.

Die Monstren, der Faschismus: Zu diesen Themen kehrt del Toro immer wieder zurück, mal mehr, mal weniger spezifisch. Schon in The Devil’s Backbone hatte er sich mit dem Spanien der Franco-Zeit beschäftigt (und dies natürlich in eine Geistergeschichte geflochten, die noch viele andere Ebenen hatte), und selbst seine (zusammen mit Chuck Hogan erstellte) Roman-Trilogie und Fernsehserie The Strain verwebt die Geschichte monströser Vampire mit den Nazis, der Judenverfolgung.

Das Besondere an Pans Labyrinth ist freilich, wie organisch Weltgeschichte und Fantasie miteinander verwoben werden; anders als in Hellboy ist das Fantastische nicht selbstverständlicher Teil der realen Welt, sondern schwebt von Anfang an in einem Status des Möglichen, irgendwo zwischen Realität und Traumwelt. Ist die ganze Geschichte von der Prinzessin, die in unserer Welt gefangen ist und sich befreien kann, nur eine Erzählung, die sich die in der ersten Einstellung schon oder noch sterbende Ofélia selbst erzählt? Oder legt sie die Wahrheit hinter der eigentlichen Geschichte frei?

Die Monster dort sind jedenfalls kaum grausiger als die Menschen hier. Der kinderfressende bleiche Mann mag furchterregend aussehen, der Haufen verlassener Kinderschuhe in seinem Versteck allerdings verweist nur auf die größeren Schuhberge in den deutschen Vernichtungslagern des Dritten Reiches; und so grausam der Faun sich auch geben mag – niemand hier ist kaltherziger und an menschlichem Leben desinteressierter als Capitan Vidal.

Pans Labyrinth brennt sich nicht nur als Geschichte, sondern auch mit Bildern und Musik in Netzhaut und Trommelfelle ein. Del Toro schafft mit seinem langjährigen Kameramann Guillermo Navarro eine Welt, in der Farben, Schatten und Lichter oft wortlos weitererzählen. Und dann betritt Doug Jones, der sowohl den Faun als auch den bleichen Mann spielt, die Szene, und wir tauchen vollends in die Fantasie ein. Jones‘ dritte Zusammenarbeit mit dem Regisseur (nach Mimic – Angriff der Killerinsekten und Hellboy) ist womöglich sein größter Film; ein unfassbar schönes, grausames Meisterwerk.

Die jetzt erschienene Ultimate Edition präsentiert del Toros chef-d’œuvre in würdigem Umfang: Die Blu-ray basiert auf der für die Criterion Edition angefertigten und vom Regisseur selbst übersehenen neuen 2K-Abtastung, es gibt mehrere Stunden Extras und Interviews sowie als Bonus die Dokumentation Creature Designers: The Frankenstein Complex und die Aufnahme einer Masterclass mit del Toro; ein Booklet von Deadline-Autor Prof. Dr. Marcus Stiglegger rundet die Ausgabe ab.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen; siehe auch meine alte Kritik seinerzeit zum Kinostart.