Heißer Verdacht – Staffeln 1-6

Die erste Folge beginnt mit einer falschen Fährte: der Detective, der da aus dem Auto steigt und die Ermittlungen übernimmt, wird nicht wirklich der Star der Serie sein, er stirbt in der ersten halben Stunde an einem Herzinfarkt. Jane Tennison sieht man zuerst auf der Damentoilette, und der Fokus verschiebt sich immer mehr auf sie – die erste weibliche DCI in der Mordkommission von Scotland Yard, und sie muss richtig betteln, um endlich einen Fall leiten zu dürfen.

Von den ersten Minuten an spielt also in Heißer Verdacht (Prime Suspect) die Position der Protagonistin als Frau am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle (der Sexismus gegen sie ist nicht gerade ein Subplot), und das wird sich über alle sieben Staffeln der Serie, von denen jetzt immerhin die ersten sechs in einer schönen Box in Deutschland erschienen sind, fortsetzen – mit veränderten Vorzeichen. Die britische Serie ist keine klassische Krimiserie, bei der es nur um die Aufklärung eines Verbrechens geht. Heißer Verdacht ist stets auch ein Gesellschaftsporträt, in dem britische Großstädte nicht eben als angenehme Orte erscheinen, mehr noch aber ein genauer Blick auf das, was nebenher und hinter den Kulissen bei der Polizeiarbeit geschieht. Vor allem aber fokussiert die Serie ihren Blick in späteren Folgen immer mehr auf ihre Protagonistin, aus der Helen Mirren eine atemberaubend komplexe Person macht: widersprüchlich, arrogant, aufbrausend, eine rechte Nervensäge, aber eben auch lernfähig, professionell und fair: Eine Frau, die vor allem ihren Job gut machen will und sich gegen Männer und andere Hindernisse durchsetzen muss, um genau dies tun zu können.

Heißer Verdacht hat ein ungewöhnliches Format: die Staffeln in dieser Box wurden zwischen 1991 und 2003 ausgestrahlt (mit einer langen Pause nach der fünften) und bestanden meist aus zwei Folgen von jeweils etwa 100 Minuten Dauer – extrem verdichtetes, komplexes Kriminalkino ist das, wie es eben nur fürs Fernsehen geht, und eine der besten Krimiserien, die in Europa je produziert wurden.

Die Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.
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Wenn When Harry Met Sally eine Fortsetzung bekäme

Funny Or Die hat mit Billy Crystal und Helen Mirren einen netten kleinen Fake-Trailer zu einer eventuellen Fortsetzung von When Harry Met Sally gemacht. Nach kurzer Zeit wird das Ganze etwas, ähm, seltsam.

Und Mike Tyson, auch hier kurz zu sehen, scheint ja derzeit die Runde zu machen mit Kleinstrollen in seltsamen Humorfilmchen.

(via)

R.E.D. (2010)

Menschen haben ja unterschiedliche Methoden, mit dem Ruhestand umzugehen – die einen stürzen sich ganz in ihre Hobbies oder fixen Ideen, andere vereinsamen in leeren Wohnungen, weil sie ohne ihre Arbeit und die Kolleg_innen keinen Sinn im Leben finden können. Und dann wieder gibt es die praktisch-pragmatischen, die ihren Alltag mit den Tagesabläufen des bürgerlichen Wohlstands strukturieren – Silber polieren, Blumen schneiden, Kekse backen – und fürs seelische Gleichgewicht arbeiten sie ab und an mal als Freelancer doch noch ein bißchen. „I take the odd job on the side“ gesteht Victoria (Helen Mirren) so auch ihrem Ex-Kollegen Frank (Bruce Willis).

Frank hat ein recht spezielles Problem: Sein Arbeitgeber hat sich seiner erinnert und aus diesem Anlaß gleich eine ganze Todesschwadron auf ihn losgelassen. Denn Frank war früher bei der CIA und hatte einige der brisantesten Geheimaufträge und Ermordungen für den amerikanischen Geheimdienst erledigt; warum aber er seinerseits jetzt sterben soll, wüßte er doch zu gern.

R.E.D. (die Abkürzung steht laut Film ein bißchen bescheuert für „Retired. Extremely Dangerous“) ist an der Oberfläche erst einmal eine ziemlich bleihaltige Geheimdienstklamotte, in der sich ein kleiner Trupp von Ex-Superagent_innen gegen aktive CIA-Kader zur Wehr setzen muß. Darunter versteckt der Film eine clevere kleine Komödie zum Generationenkonflikt (natürlich nicht nur) für die Generation, die mit den James Bond-Filmen groß geworden ist und jetzt meist vergeblich nach Identifikationsfiguren im Agentenfilm sucht.

Die ruheständlerischen Alten, die es mit der Eleganz und Arroganz der größeren Erfahrung natürlich locker aus Hüfte und Handgelenk mit den frechen, jugendlichen Emporkömmlingen aufnehmen, haben jedenfalls alle die Gestalt bekannter Größen des Hollywoodkinos, und ihre Figuren erschließen sich nur vollständig, wenn man ihre vorherigen Rollen im Blick behält. So wird Hellen Mirrens Victoria, ehemalige Agentin des britischen Geheimdienstes, erst dann richtig rund, wenn man Mirrens Arbeit als Auftragskillerin in Shadowboxer oder ihre herausragende Polizistin aus Prime Suspect kennt – und natürlich die Titelrolle in The Queen. Dann wird die gelassene, freundliche und sehr britische Auskunft über ihre berufliche Tätigkeit, die sie Franks junger Freundin Sarah (Mary-Louise Parker) gibt, noch viel herzzerreißend komischer: „I kill people, dear.“

Im Generationenkonflikt kann das aber auch heißen: „Old man, my ass!“, wie es John Malkovich als Marvin Boggs formuliert, ein mit zuviel LSD in die Paranoia getriebener Einzelgänger; aber ist es noch Paranoia, wenn sie wirklich hinter dir her sind? Malkovich wirkt ja derzeit manchmal fast abonniert auf die Rolle der leicht bis schwer Wahnsinnigen (man denke an Burn After Reading oder gar Jonah Hexmeine Kritik), aber hier paßt das hervorragend ins Rentner_innenteam (komplettiert übrigens von Morgan Freeman).

Die Inszenierung von Robert Schwentke ist dann allerdings alles andere als rentenrüstig, sondern ziemlich flott. Wenn die CIA-Agenten angerannt kommen, folgt man ihren Waffen zuweilen wie in Ego-Shooter-Computerspielen, und die Bilder von Überwachungskameras und -satelliten setzen sich wie Comicpanels nebeneinander. Das mag auf die Sehgewohnheiten des jungen Publikums abzielen (die damit natürlich, schließlich sind es die Antagonisten, die wir dabei sehen, ironisch kommentiert werden) und nimmt zugleich darauf Bezug, daß die Geschichte aus dem Comic stammt, aus einer Graphic Novel von Warren Ellis und Cully Hamner.

Die zahlreichen Szenen- und Ortswechsel quer durch Amerika – eine inhaltlich meist leere Geste des Agentenfilms – kippt Schwentke ins Komische, indem er sie durch Bilder animierter Urlaubspostkarten einleitet, und wenn es zu Feuergefechten kommt, dann wird geklotzt und nicht gekleckert – so daß man sich nach 45 Minuten, wenn die fast zwei Stunden Laufzeit des Films noch lange nicht vorbei sind, tatsächlich zu fragen beginnt, was denn jetzt noch alles folgen soll. Und da haben die Protagonist_innen das Komplott, dessen Opfer sie sind, noch gar nicht so richtig verstanden.

Und auch wenn die Verschwörung, um die es hier geht, am Ende ein wenig schlaff in sich zusammensackt – R.E.D. ist ein erfrischender, beschwingter und sehr actionlastiger Beitrag zum Generationenkonflikt. (Und der kalte Krieg, der wird hier sympathischerweise ganz still und leise, aber sehr elegant und romantisch als schon zu seinen Lebzeiten unbrauchbar verabschiedet. Die größere Gefahr liegt eben doch tief im Landesinneren.)

Foto: Concorde Film