Sleep Dealer (2008)

Ursprünglich erschienen in Deadline #28, Juli 2011

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„Ich arbeite jetzt als Hilfskellner in New York. – Es sieht aus wie New York. Vielleicht auch Los Angeles.“ Das ist einer der ersten, noch etwas subtileren Hinweise darauf, dass die Welt in Sleep Dealer nicht ganz so ist, wie die unsere: vielleicht weiß man nur vage, wo man eigentlich arbeitet. Memo (Luis Fernando Peña) wächst in Santa Ana del Rio auf, einem Kaff im mexikanischen Hinterland, wo nichts mehr wächst, seit die Wasservorräte privatisiert und teuer sind. Durch Memos Elektronikbasteleien und ein Missverständnis wird sein Elternhaus vom Militär als potentielles Versteck von Terroristen zerstört und Memos Vater getötet. Memo geht nach Tijuana und verdingt sich als virtueller Arbeiter: an Elektroden angeschlossen, steuert er einen Schweißroboter auf einer Baustelle in San Diego.

Sleep Dealer von Alex Rivera bringt einen ganzen Schwung spannender Themen zusammen: Die USA entledigen sich ihrer mexikanischen Einwanderer dadurch, dass sie sie von jenseits der Grenze arbeiten lassen, die Privatisierung von Wasser, die dauernde Furcht vor Terrorismus. Aus der totalen, auch geographischen, Entfremdung der Arbeitswelt zieht der Film dann aber leider nur begrenzt Kapital und steuert stattdessen auf eine recht gewöhnliche Geschichte von Liebe und Sozialkritik zu. Es fehlt also ein wenig an thematischer Tiefe, eine abrupt wirkende Dramaturgie sowie gelegentlich holzschnittartige Dialoge lassen den Film ungelenker erscheinen, als er unbedingt sein müsste.

Die Spezialeffekte sind gelegentlich sichtlich preiswert gestaltet im Look schon untergegangener Videospiele, dafür findet der Film aber ganz andere starke Bilder: Die vertrockneten, trostlos braunstichigen Landschaften Mexikos stellt er gegen die wohlhabenden Vereinigten Staaten, und die Leiharbeiter hängen an blau leuchtenden Fäden wie Marionetten; ihre Augen wirken durch Kontaktlinsen, als seien sie trübe geworden – fremdgesteuerte, blinde Opfer eines militanten, militarisierten Kapitalismus.

RIP Cinematical… and thanks for all the fish!

Es läßt sich gar nicht so richtig in Worte fassen, was für ein seltsames Loch das de-facto-Ende von Cinematical für mich und für den massentauglichen amerikanischen Filmjournalismus bedeutet – Stephen Salto hat in seinem „Nachruf“ bei IFC nicht zu Unrecht vom Ende einer Ära gesprochen.

Cinematical begann Mitte der Nuller Jahre als unabhängiges, kleines Blog, das dann schließlich von AOL geschluckt wurde – aber offenbar konnte man in der Redaktion immer noch der vollständigen Übernahme unter das Moviefone-Dach Widerstand leisten. Erst mit der frischen Übernahme dieses ehemaligen Giganten durch die Huffington Post scheint das nicht mehr zu funktionieren.

Mittlerweile sind fast alle großen Namen ausgestiegen – zuletzt Editor-in-Chief Erik Davies -, die Empörung schien sich zuletzt an einer dreisten E-Mail zu entfachen, in der den Freelance-Autor_innen angekündigt wird, man werde die Arbeit jetzt ganz auf ein Team festangestellter Schreiberlinge konzentrieren. Natürlich stehe allen frei, sich auf solche Posten zu bewerben, und ansonsten seien sie herzlich eingeladen, auch für lau weiter mitzuarbeiten.

Dieser letzte Teil ist natürlich ein Affront gegen die Autor_innen – wenn auch das Ganze womöglich symptomatisch ist für die Probleme des Filmjournalismus überall: Geschriebenes möchte man schon, allein, das Geld ist knapp – oder jedenfalls niemand willens, wirkich vernünftige Beträge zu zahlen.

HuffPo rudert inzwischen zurück, ganz so sei das ja nicht gemeint gewesen; neue Texte der ehemaligen Autor_innen von Cinematical wird man sich jetzt jedenfalls an verschiedenen anderen Stellen zusammensuchen müssen. Schade, schön war’s.

Kurz verlinkt, 2. März 2011

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Tagen (16. Februar 2011 bis 2. März 2011):

Atlas Shrugged Part I

Ich kenne Atlas Shrugged, den wohl in jeder Hinsicht monumentalen Roman von Ayn Rand, noch nicht durch eigene Lektüre, sondern vor allem durch den hervorragenden Sewer, Gas & Electric meines Lieblingsautors Matt Ruff, in dem Rand nicht nur selbst auftritt, sondern auch ihr Buch gehörig durch den Kakao gezogen und weltanschaulich hinterfragt wird.

Rands Schinken galt lange Zeit als unverfilmbar, und nachdem um eine angebliche Verfilmung lange Zeit großes Schweigen herrschte, ist offenbar ein wenig Bewegung in das Ganze gekommen, denn nun gibt es für Atlas Shrugged Part I – offenbar wird das einen Mehrteiler geben – einen ersten Trailer. Regie führt Paul Johansson, bisher vor allem als Schauspieler und Fernsehregisseur in Erscheinung getreten, der auch in einer Hauptrolle zu sehen sein wird.

(via)

Eine kurze Geschichte des Product Placements

[Nachdem das Bildblog das Video vorhin verlinkt hat, wirkt dieser Beitrag sehr abgeschrieben. Dabei hatte ich ihn schon gestern abend vorbereitet, mir aber für den Morgen aufgespart. Wer zuletzt bloggt, den bestraft halt das Leben o.s.ä. ;-) ]

Nicht nur in deutschen Fernsehanstalten wird gerne mal ein Produkt für eine Gegenleistung in den Kamerafokus gerückt, Hollywood kennt das Problem natürlich schon länger und ausführlicher. Oliver Noble von Filmdrunk hat für die Website einen Überblick über Product Placement von Fatty Arbuckle bis Michael Bay zusammengestellt.

Kurz verlinkt, 19. November 2010 (2)

Lesens- und Sehenswertes aus den vergangenen Stunden:

Kauft mich!

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Ein kleiner Hinweis in eigener Sache: In den letzten Wochen sind in diesen drei schönen Zeitschriften Texte von mir erschienen; alle drei seien herzlich zum Kauf empfohlen.

Im aktuellen Missy-Magazine finden sich kurze Besprechungen von Whip It! und La Domination Masculine, für die neue Deadline (#20) habe ich einen ausführlichen Bericht vom Festival in Gérardmer beigesteuert, und in Splatting Image Nr. 81 bespreche ich, wie ich hoffe, hinreichend ausführlich und hingerissen Amer, zu dem ich hier bereits ein paar Worte verloren hatte.