Kid-Thing (Berlinale 2012: Forum)

Womöglich täuscht der Eindruck, aber er drängt sich doch auf: Dass im amerikanischen Independent-Kino der vergangenen Jahre vor allem das Leben in den Südstaaten immer wieder als einsames, menschenfeindliches Dasein beschrieben wird, dessen Trost- und Ausweglosigkeit selbst den aus der sicheren Entfernung des Kinosessel zuschauenden Europäer in die Depression reißen möchte.

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So ist denn auch die Welt in Kid-Thing von David Zellner, der im Forum der Berlinale seine Europapremiere erfährt, öd und voll. Der Himmel mag weit sein, die Wolken ziehen da zügig vorbei, aber das verbirgt nur mühsam wie ausweglos und gleichförmig selbst die Natur zu sein scheint, die immergleichen Straßen, Geschäfte und Weiden. Mittendrin liegt jede Menge Wohlstandsmüll herum, die Menschen kümmern sich hier nicht um die Dinge, die sie in die Gegend stellen.

Mittendrin die zehnjährige Annie (Sydney Aguirre), um die sich auch niemand recht kümmern will. Sie scheint gelegentlich reifer, wenigstens nachdenklich als ihr Vater Marvin (Nathan Zellner, Bruder des Regisseurs und auch für die Kameraführung verantwortlich); aber schon dieses Kind weiß nichts rechtes mit der Welt, den Dingen und Menschen darin anfangen zu können: In einem Schuppen wirft sie Bücher und altes Spielzeug zu Boden, sie zerreißt einen morschen Baumstamm, knipst einem Busch mit einer Zange die Dornen ab und zerschlägt schließlich einem anderen Kind die Geburtstagstorte.

All das findet fast ohne Gespräche statt: Im ländlichen Texas von Annies Welt sind die Gespräche verstummt oder fast bedeutungslos, die Menschen körperlich oder geistig versehrt. Die Abstumpfung ist total, und Zellner rückt dafür nicht, wie es ja populär wäre, Medienkonsum oder ähnliches in den Vordergrund, im Gegenteil: Die Menschen wissen schlichtweg nichts miteinander anzufangen. Annies Tage vergehen in ziellosem Herumwandern durch die Umgebung – die Schule, behauptet sie, ist wegen eines Lecks in einer Gasleitung geschlossen.

Bei einer ihrer Wanderungen stößt Annie schließlich mitten im Wald auf ein Loch im Boden, aus dem eine Frau um Hilfe ruft – Esther (Susan Tyrrell) ist dort hineingestürzt und nun auf Annies Hilfe angewiesen. Das Mädchen aber will oder kann ihr zunächst nicht helfen, bringt dann aber Sandwiches, Getränke und Funksprechgeräte. Esther wird schließlich zu ihrer wichtigsten Gesprächspartnerin im Film – sie weiß nicht einmal, wie sie ihrem Vater davon erzählen sollte, was ihr da im Wald widerfahren ist.

Die freudige Überraschung des Films ist natürlich die junge Aguirre, die ihrer Annie ein leeres Gesicht und gelegentlich wohldosierte Andeutungen von Emotion verleiht und somit die Grundstimmung des Filmes effektiv unterfüttert. Zugleich wirken die stellenweise etwas erratisch wirkende Musik und die doch etwas zu stark verlangsamte Erzählweise dem wieder deutlich entgegen.

Aber vielleicht gehört die Ausweglosigkeit und Trägheit der Erzählung genau dazu, dass Zellner hier wirklich keine Hoffnung mehr sieht: Das Loch, aus dem Esther spricht, in der Annie abwechselnd teuflische Versuchung und Freundin sieht, das ist natürlich längst ein Loch in ihrer Seele, das nicht mehr verschwinden wird, im Gegenteil: Es wird sie vertilgen, und mit ihr die ganze Welt, aus der sie kommt.

Berlinale 2012: Tag 2

Mein Tag 1 war ja aus Arbeits- und Familiengründen ausgefallen, und für Tag 2 habe ich jetzt auch nicht mehr wirklich viel Zeit: Das Bett ruft dringend. Deshalb kurz:

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Retter des Tages: @3jH. Der mir am späten Vormittag einen Schokoriegel in die Hand drückte, um mich vor einem fatalen Hungergefühl zu bewahren. Bis dahin war nur ein Kaffee drin gewesen.

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Auch Akkreditierte sollten sich mal in die Ticketschlange stellen, da gibt es nämlich Spannendes zu entdecken. Hatte dies heute für einen Kinobesuch am Montag getan und wurde dabei von einer Zufallsbekanntschaft mit der Idee beseelt, vielleicht morgen einfach mal alte russische Trickfilme in der Retrospektive anzusehen. Das fühlt sich sehr, sehr richtig an.

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Kid-Thing war der erste Feel-Bad-Film des Tages: ein von Menschlichkeit und Sorge entleertes Texas, durch das ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Paintgun zieht. Sehr depressierend.

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In the Land of Blood and Honey von Angelina Jolie: zweiter Feel-Bad-Film. Solide erste Regie-Arbeit mit vielen Schwächen, aber lange nicht so schlimm, wie angekündigt. Vor allem anstrengend durch die Botschaft, dass die Menschheit grausam, schrecklich und böse ist, und durch eine gewisse einseitige Parteilichkeit, die beim Umgang mit dem thematisierten Krieg ja eh ein Problem ist.

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Schließlich Aelita in der Retrospektive: Toll, aber laaaangsam (nur die russischen Zwischentitel waren immer viel zu schnell wieder weg), was um die Zeit dann etwas anstrengend war. Die Dame rechts von mir schnarchte zeitweilig ein wenig, und Herr F. links von mir gab später auch zu, kurz eingenickt zu sein. Keine Schande. Aber toll ist die Story schon irgendwie, am Schluß wird die Union der Sowjetrepubliken vom Mars ausgerufen – ich möchte das gerne im Double Feature mit dem Disney’schen John Carter-Film im Sommer sehen – wenn die irgendwie in der Nähe der trashigen Buchvorlagen liegen, ist das alles andere als kommunistisch.

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Noch ein paar Lesetipps anderswo: Bei critic.de gibt es natürlich das bewährte Berlinale-Special, Kollegin Ines macht auf film-zeit.de ihren Pressespiegel zum Festival. Lukas, Thomas et al. bloggen für den Perlentaucher, Joachim und andere schreiben sich auf kino-zeit.de die Festivallast von der Seele, Sophie bei sich selbst und im Berlinale-Tagebuch bei meinem Arbeitgeber moviepilot.