Mother’s Day

Schon dieser Trailer zeigt, daß Darren Lynn Bousman mit seinem Remake in eine ganz andere Richtung geht als Charles Kaufmans Mother’s Day von 1980 (meine Kritik). Daß mir das gefallen hat, könnt Ihr in meiner Filmkritik dazu vom Festival in Sitges nachlesen. Anfang April kommt der Film nun endlich wenigstens in die amerikanischen und britischen Kinos.

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(via)

Mother’s Day (1980)

[Natürlich spreche ich in diesem Text nur von der geschnittenen FSK16-Fassung des Films, die nicht wegen Gewaltverherrlichung verboten und beschlagnahmt wurde. Nur damit mir niemand unterstellen kann, ich würde derlei Darstellungen womöglich gutheißen oder gar bewerben wollen. Käme mir nie in den Sinn.]

Da ich vor wenigen Wochen während der Filmfestivals in Sitges (meine Berichterstattung) die Gelegenheit hatte, mir Darren Lynn Bousmans neuen Film Mother’s Day anzusehen (meine Kritik ist gerade bei blairwitch.de erschienen), habe ich mir vorher natürlich das „Original“ angesehen, das Charles Kaufman im Jahr 1980 inszeniert hat und das seither einigermaßen berüchtigt geworden ist für seine Gewaltdarstellungen – die man freilich in Deutschland nicht legal zu sehen bekommt, da der Film in seiner ungeschnittenen Fassung nach Paragraph 131 StGB aus dem Verkehr gezogen wurde.

Mother’s Day ist von seiner Grundanlage zuallererst – obwohl er das für eine Weile gut zu kaschieren weiß – ein klassischer Backwoods-Slasher, der Städterinnen gegen Landeier stellt. Hier steht, mehr noch als in ähnlichen gelagerten Filmen, die Familie sogar noch im Vordergrund, denn es ist die titelgebende Matriarchin, die das mörderische Treiben anstößt und vorantreibt. Ihre zwei Söhne hat sie zu mordenden Folterknechten herangezogen, die sich gleichwohl ordentlich zu benehmen haben, zumindest ihrer Mutter gegenüber. Gelegentlich fährt sie auch in die Stadt und bringt ihnen ein paar Mordopfer mit, die sie nur für eine harmlose alte Dame halten.

Die Opfer sind natürlich junge Leute, die vielleicht ein bißchen zu freizügig sind in ihrem Leben – schließlich sind die 1970er Jahre gerade erst vorbei, der neue Ernst der 80er, von der Gier der Finanzmärkte bis hin zu Ronald Reagan, hat noch nicht wirklich Einzug ins amerikanische Filmleben gehalten. Auch die drei jungen Frauen Abbey, Jackie und Trina, die dann – wieder so ein klassisches Motiv – am nahegelegenen See zelten wollen, sind natürlich selbstbewußt und frei genug, auch nackt ins Wasser zu springen, und ohne Männer kommen sie an dem Wochenende auch gut aus.

So richtig überzeugen konnte Mother’s Day mich zu keinem Zeitpunkt, dafür ist der Film – berüchtigt hin, Gewaltdarstellungen her – dramaturgisch und inhaltlich zu schwach und zu sehr Dutzendware; daß er sich selbst nie ernst nimmt, macht ihn immerhin sehr unterhaltsam. Die Bösen sind so richtig böse und degeneriert (und verwenden etwa Bier zum Zähneputzen), überall stehen Fernseher herum, als wolle der Film mit Nachdruck suggerieren (bzw. die Behauptung ad absurdum führen), Fernsehkonsum führe zu Gewalt. (Das Remake hätte, wollte es die gleiche Richtung einschlagen, überall ganz viele Computer und Spielekonsolen aufstellen müssen. Aber es hat einen gänzlich anderen, interessanteren Weg eingeschlagen.)

Gemordet und gerächt wird mit allem, was so an Materialien und Werkzeugen im Haushalt herumsteht. (Und natürlich auch mit dem Fernseher, dem Teufelszeug.) Und ein ganz irritierender Moment ist, wenn die Überlebenden sich für ihren Rachefeldzug gegen die böse Kernfamilie rüsten – das ist in einer Montage inszeniert, die geradewegs aus Rambo: First Blood Part II stammen könnte: man legt sich ein Stirnband um, die Kette einer Verstorbenen wird umgehängt.
Das bedeutet womöglich, daß auch dieser Trashfilm in Sachen feministischer Gleichberechtigung des Rache- und Mordgedankens Hollywood nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte voraus war (schon die bösartige Frauenhauptrolle deutet das ja an); oder hat Rambo, immerhin erst fünf Jahre später entstanden, sich die Szene etwa abgeguckt?

Sitges 2010, Tag 9: die Filme

Die Filme vom Samstag – das Festival ging da schon spürbar seinem Ende entgegen.

Mother’s Day

Geschlechterkampf-Remake I: Darren Lynn Bousman hat aus dem (in Deutschland verbotenen) Film von Charles Kaufman aus dem Jahr 1980 nur die wesentliche Idee übernommen – die von der Matriarchin, die ihre Söhne (und neu: auch eine Tochter) zu Kriminellen erzogen hat, aber gleichzeitig auf gute Manieren und Einhaltung von Regeln besteht. Ein Ehepaar in emotionalen Schwierigkeiten wird gemeinsam mit ihren Partygästen von dieser Höllenfamilie heimgesucht, und es folgt ein grausames Spiel von Verantwortung, ethischen Dilemmata und offener Grausamkeit. Frauen sind der Frauen Wölfinnen, könnte das heißen, und der Männer sowieso. Ein ziemlich gemeiner Film mit einer beeindruckend kalten Rebecca De Mornay als titelgebende Mutter; mehr dazu bald.

Catfish

Ein durchaus umstrittener Dokumentarfilm, der in Sundance mit großem Erfolg gezeigt worden war: Ein New Yorker Fotograf beginnt eine Facebook-Freundschaft mit einem jungen Mädchen, die seine Fotos nachmalt – und schließlich eine erotisch aufgeladene Onlinebeziehung mit deren großer Schwester. Seine Filmemacherfreunde beginnen, diese Beziehung zu dokumentieren – bis sich schließlich herausstellt, daß die Figuren, mit denen er Kontakt hatte, die Erfindung einer einzelnen Frau waren. Der Film macht daraus aber weniger eine Betrachtung über Identität, Glaubwürdigkeit und Naivität im digitalen Zeitalter als vielmehr ein Portrait dieser Frau – mit durchaus problematischen Folgen in der realen Welt.

I Spit On Your Grave

Geschlechterkampf-Remake II: Das Remake des gleichnamigen Skandalfilms von Meir Zarchi – es geht nach wie vor um eine Autorin, die eine Waldhütte gemietet hat, um einen Roman zu schreiben, und von Männern aus einer benachbarten Siedlung mißhandelt und vergewaltigt wird – ist in seiner Darstellung der Rache exploitativer, brutaler als das Original. Hier gibt sich das Vergewaltigungsopfer jedoch nie den Anschein sexueller Verfügbarkeit, um an die Täter heranzukommen; kühl geplant zahlt sie jedem auf spezifische Weise die Gewalt zurück, die ihr angetan wurde. Eine genauere Betrachtung folgt demnächst auf blairwitch.de.

Isolation

Ein bißchen habe ich jetzt bei diesem letzten Film des Festivals die Nase voll von Streifen, in denen für das letzte Viertel oder Drittel offenbart wird, daß die Handlungsprämisse des vorher gesehenen gar nicht stimmten – auch wenn Isolation beträchtliche Energie darauf verwendet, schon vorher durchscheinen zu lassen, daß in der Isolationsstation, in der sich Amy Moore eines Tages wiederfindet, etwas nicht stimmen kann. Leider ist das so erkennbar die einzig interessante Information, die der Film zu verteilen hat, daß man sich so recht gar nicht dafür interessieren kann. Insgesamt: fad.

Fotos: Sitges Film Festival