Ghost Rider: Spirit of Vengeance

Ursprünglich erschienen in Deadline #31, Januar 2012.

[filminfo_box]

Eigentlich hat man gar nicht mehr daran geglaubt, dass im von Sequels durchsetzten Reich der Comicverfilmungen doch noch ein zweiter Teil von Ghost Rider herandonnern würde, aber jetzt hat sich Nicolas Cage ein zweites Mal auf den Motorradsitz geworfen, um als verdammter Stuntfahrer Johnny Blaze auf die Jagd nach bösen Seelen zu gehen und sich gelegentlich unter viel Geschrei in ein brennendes Skelett in Lederkluft zu verwandeln.

Den Regiestuhl teilten sich diesmal Mark Neveldine und Brian Taylor, was immerhin zu einigen Hoffnungen berechtigt: denn als Neveldine/Taylor hat das Duo mit den beiden Crank-Filmen und Gamer drei hochgradig flirrende, hyperkinetische Beispiele für ein Actionkino abgeliefert, in dem sich Kamera wie Handlung schlicht nicht mehr an die üblichen Konventionen halten wollten. Dass das nicht allen gefiel, versteht sich fast von selbst.

Und so drehen sie auch in Ghost Rider: Spirit of Vengeance erst einmal kräftig auf und durch, bringen die Zeit zum Schwingen, entfesseln die Bilder und rücken ihren Figuren nah auf die Pelle. Nic Cage schmeißt sich mit Verve und Overacting in seine Rolle, aber in den Momenten, in denen seine Figur zwischen Besessenheit und Wahnsinn flottiert, fügt sich das mit der Herangehensweise der zwei Filmemacher nicht nur über die Spezialeffekte aufs Allerfeinste.

Das geht gut, so lange der Film seine Figuren hochtourig vor sich her treibt; aber in der zweiten Hälfte des Films ist davon fast nichts mehr zu spüren. Dem Finale geht eine lange, fade Phase von Ruhe voraus, mit der die hyperaktiven Regisseure keinen Umgang finden, und in der man viel zu viel Zeit dafür bekommt, über die abgedroschenen Figuren und Handlungselemente nachzudenken; dass das Drehbuch nun zudem ins vollständig Vorhersehbare kippt, hilft da leider überhaupt nicht. Vom Cast werfen sich immerhin außer Cage noch Idris Elba und Ciarán Hinds (als Antichrist auf Erden) so richtig ins Zeug.

Über die ersten dreißig, vierzig Minuten aber ist das ein Höllentrip.

Hyperaktiv, hyperkinetisch und dann poff

Drive Angry 3D (2011)

Dieser Film über einen nicht totzukriegenden Mann, der an einem Satanisten den brutalen Mord an seiner Tochter rächen und den an seinem Enkelkind verhindern will, ist im Grunde eine ehrlichere Hommage ans Exploitationkino als der in dieser Hinsicht wesentlich bemühtere Hobo With a Shotgun, der primär Versatzstücke des Trashkinos aneinanderfügt, die vorher auf besonders großen Skandalwert hin übersteigert wurden. Das Problem dabei ist, daß Jason Eiseners Hobo sich nie zu einem wirklich überzeugenden Ganzen fügen will; es gibt keine hinreichend krasse Motivation für den Protagonisten, das zu tun, was er tut. Alle sind irgendwie outrageously brutal und rücksichtslos, aber all das findet als reine Show statt, für die es keinen Impetus zu geben scheint.

[filminfo_box]

Das ist in Drive Angry anders: Hier sind Figuren wie Darstellung nicht weniger brutal, aber die Motivation für alle beteiligten ist klar ausgebreitet. Das sind nicht weniger typische Trashmomente, einer halbgaren Pseudomythologie entliehen, in der die Weltordnung mit Himmel und Hölle wirklich rein funktionales Showelement ist; aber es wird hier so positioniert, daß damit die Figuren in einer Geschichte mit klaren Gut- und Böse-Pfeilern zu allem bereit und willens sind.

Dazu die Ausstattung – das Auto, die Sonnenbrille, Cages Frisur – und die platten, Gedanken aber immerhin simulierenden Namen (John Milton, natürlich, und „The Accountant“), das hemmungslose Rumgeballer und Blutvergießen, dessen Inszenierung ganz dem größtmöglichen Effekt für die 3D-Kinos unterworfen ist. Alle naselang fliegen Gegenstände, Kugeln oder Körperteile in Richtung der Kamera – ehrlicher kann man Big-Budget-Exploitationskino eigentlich nicht machen. (Regisseur Patrick Lussier hatte das bei My Bloody Valentinemeine Kritik – schon erfolgreich erprobt, dort allerdings mit einem Drehbuch und generell Filmkonzept, daß d’r Sau graust.)

Natürlich fehlt dem Film die selbstironische Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern, die etwa Machete zu seinem amüsanten Abenteuer macht. Aber gerade im Vergleich mit dem permanent auf das Augenzwinkern schielenden Versuch wie Hobo With a Shotgun überzeugt die ehrliche Schrottigkeit der Erzählung, der ungeschminkte Wink mit den Splattereffekten. Nicolas Cage kann hier natürlich erneut zeigen, daß es derzeit kaum eine bessere Besetzung als ihn für großkotzig gedachten Trash gibt, und William Fichtner wie Amber Heard lassen sich so richtig gerne in ihre Rollen hineinfallen. Jemand sollte Heard jedenfalls mal eine Actionhauptrolle geben.

Texte zu Filmstarts (17. und 24. März 2011)

Heute startet mit Potiche aka Das Schmuckstück eine sehr komische und wunderbare Komödie aus französischen Landen, in der François Ozon uns mal so richtig zeigt, wie man seine Grandes Dames des Kinos wirklich feiern kann (in diesem Fall: Catherine Deneuve). Details dazu bei critic.de.

Ebenfalls ab heute in den Kinos: Der neue Film mit Nicolas Cage, ein Streifen den wohl niemand wirklich ernst nimmt bzw. ernsthaft anzusehen gewillt sein sollte. Meine Auseinandersetzung mit Season of the Witch/Der letzte Tempelritter kann man bei filmstarts.de nachlesen.

Schon seit vergangener Woche kann man The Rite ansehen, den ich fürs horrorblog.org besprochen habe, und anscheinend war ich der einzige unter den deutschen Kolleginnen und Kollegen, der den Film einigermaßen ansehbar fand. Das kann passieren.

Foto: Concorde

The Sorcerer’s Apprentice (2010)

Man durfte kaum erwarten, daß dieser Film sich auch nur ein Fünkchen mehr als die Harry Potter-Filme für „das Magische“ im Filmischen interessieren könnte, so sehr auch vorgeblich Magie sein Thema ist – The Sorcerer’s Apprentice ist ein von Jerry Bruckheimer produzierter Film, in dem wieder einmal Jon Turteltaub und Nicolas Cage kooperieren. Da erwartet man nach den National Treasure-Streifen (siehe etwa meine Kritik zu National Treasure: Book of Secrets) wenig mehr als ein bißchen mythisch aufgebauschtes Actionkino, und das bekommt man jetzt auch, vielleicht noch mit dem Zusatz: Wirklich für die ganze Familie.

Die Geschichte um den amerikanischen Physikstudenten Dave, der eigentlich der „Prime Merlinian“ ist, direkter Nachfolger Merlins und größter Magier seiner Zeit (wenn er diese Rolle denn akzeptieren könnte und zudem lernen, seine Kräfte richtig zu gebrauchen) ist insofern ein sehr amerikanischer Dreh auf Harry Potter, als er massentauglich knapp konstruiert ist (mögliche Fortsetzungen nicht ausgeschlossen), das College-Setting breitere Identifikation zuläßt als die britische Boarding School – und zugleich geht es hier eben um keine Schule, sondern nur und ausschließlich um das auserwählte Individuum. (Darin und auch sonst in vielem ist der Film Percy Jackson & the Olympians: The Lightning Thief sehr ähnlich, der das Schulsetting zwar einführt, aber sofort desinteressiert zugunsten einer individualistischen Quest-Geschichte links liegen läßt.)

In The Sorcerer’s Apprentice geht es auch nicht um persönliche Reifung und Entwicklung, der Film ist stattdessen vielleicht noch am ehesten nach den Regeln des Sportlerdramas konstruiert (auch ein sehr amerikanisches Genre), samt Trainings-Montage, Selbstzweifeln und finaler Überwindung derselben. Dabei stets behilflich: die neue Freundin, die auch schon Sehnsuchtsobjekt zu Grundschulzeiten war. Mitsamt den unerfreulich faden und minder schröcklichen Bösewichtern ergibt das äußerst unaufregende Familienunterhaltung, die einen mit Gags und Rumwirbeleien und Cages hier sehr passend überdrehtem Spiel unfallfrei über die Filmdauer trägt, und danach kann man sich getrost wieder anderen Dingen zuwenden.

Zwei Dinge sind mir wirklich positiv in Erinnerung geblieben: Zum einen, wie sich der Film – nie explizit auf das dritte Clarkesche Gesetz („Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“) verweisend – konsequent an der Integration von Naturwissenschaft und Magie abarbeitet, auch wenn das alles am Schluß keine große Rolle mehr spielt.

Und zum anderen, wie auch das dann zur nerdigsten Liebeserklärung beiträgt, die ich seit „I brought you flours“ im Kino gesehen habe (die allerdings leider das geschlechtlich klar konnotierte Gefüge zwischen Wissenschaft und Kunst nicht wackeln läßt. Aber man kann ja nicht alles haben).

Foto: Disney