Pina (2011)

Als Dokumentarfilm über die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch eignet sich, das muß man als Warnung vor falschen Erwartungen vielleicht voranschicken, Wim Wenders neuer Film Pina überhaupt nicht. Da dem Film, der eigentlich mit Bausch zusammen gedreht werden sollte (und schon seit längerer Zeit in Planung war) nach ihrem plötzlichen Tod im Juni 2009 die Protagonistin abhanden gekommen war, hat Wenders stattdessen einen Film für Pina Bausch gemacht – weniger eine Dokumentation als eine Hommage, ein Film voll jener Bilder, für die man Pina Bausch – eine der herausragenden Gestalten des modernen Tanzes im 20. Jahrhundert – in Erinnerung behalten sollte.

[filminfo_box]

Bausch selbst taucht dabei zuweilen in Aufnahmen aus älteren Filmen auf, Bilder die im dreidimensional gedrehten neuen Filmmaterial fast schon museal wirken; körnige, verblasste, oft schwarzweiße Bilder, die aus der Klarheit und Schärfe von Wenders digitalen Bildern herausfallen und Pina Bausch eine historische Patina verleihen, die sie eigentlich noch nicht verdient hat: Die Frau ist ja noch nicht einmal zwei Jahre tot und hat bis zuletzt noch als Choreographin gearbeitet.

Man erfährt auch nicht viel darüber, was Bausch so besonders gemacht hat – es gibt keine Gespräche mit Weggefährten, keine einordnenden Bilder oder Kommentare. Auch die Art und Weise, wie sie mit den Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet hat, bleibt weitgehend im Dunkeln. Zwar reminiszieren sie hier in schön gestalteten Szenen (sitzen schweigend vor der Kamera, während aus dem Off ihre Stimme eine Handvoll erinnernde Sätze verlauten läßt), aber das, was man daraus über Bausch erfährt, geht über oberflächliche Sentenzen kaum hinaus. „Ich muß Angst vor Dir haben!“ – mit solchen Glückskekskurzen Anstupsern allein soll ein derart bemerkenswertes choreographisches Oeuvre entstanden sein?

Aber der Film soll das ja gar nicht so genau erklären. All das ist weniger systematische Dokumentation als persönliche Reminiszenz: Deshalb dürfen die Tänzer_innen des Tanztheaters zurückblicken und für die Kamera persönliche Statements tanzen; deshalb gibt es vor allem großartige Aufnahmen aus mehreren Stücken von Bausch zu sehen. Und hier spielt der Film sein größtes Pfund aus: Ganz und gar in 3D gehalten, wirken diese Szenen unglaublich lebendig und nah – die dritte Dimension wird in der Tiefe des Bühnenraumes, in den ausgreifenden Bewegungen so wichtig für die Kunstwerke, die Bausch mit ihren Tänzer_innen geschaffen hat, daß man sich eigentlich Tanzfilm nicht mehr anders vorstellen kann.

Daß Wenders dann historische Aufnahmen, die Bausch als Tänzerin in ihren eigenen Produktionen zeigt, mit seinen neuen verbindet, ist dann wieder völlig stimmig und bindet die ansonsten oft unsichtbare, nur durch ihr Werk vertretene Protagonistin des Films wieder in die Tiefe des Raumes ein. Pina ist zwar nicht (woran ich freundlicherweise erinnert wurde) der bislang erste 3D-Film, in dem die Technik nicht nur Gadget, sondern ästhetisch bedeutsames Element ist (das stimmt auf jeden Fall auch für Coraline, womöglich auch für Resident Evil: Afterlife und wohl auch für Cave of Forgotten Dreams, den ich aber noch nicht kenne), aber doch ein herausragendes Beispiel dafür, was man, all meinen Unkereien zum Trotz, mit dieser Technik Hervorragendes anstellen kann.

Foto: Neue Road Movies/NFP