Trash am Mittwoch: Mega Piranha (2010)

Menschenfressende Fische in außergewöhnlich großem Format – da man muß sich als Horrorproduzent doch an die Stirn klopfen und fragen: What could possibly go wrong? Offenbar eine ganze Menge. Mega Piranha, das mit wenig Eloquenz auf der enormen Bugwelle von Alexandre Ajas Piranha 3D (meine Kritik) mitreisen möchte, ist voller Momente, in denen man geneigt ist, die Augen zu verdrehen – teils aus Frustration ob des Gesehenen, teils um das Nachfolgende nicht sehen zu können bzw. nicht mit ansehen zu müssen.

Dabei bietet die Handlung ja genug Vorwände, um positiv besetzte Schauwerte in die Welt zu setzen: Tropische Gefilde, meist befindet man sich im oder am Wasser, und da es um gigantisch anwachsende Piranhas geht (der Name des Films verspricht da nicht zu viel), könnte man nicht nur halbnackte Körper, sondern auch reichlich Feuerkraft und Splatter im Film unterbringen. So man das denn wollte. Das ist schließlich genau die Mischung, mit der Roger Corman den von ihm produzierten und inhaltlich völlig abstrusen Sharktopus (meine Kritik) gefüllt hat, der als hirnbefreite, anspruchslose Trashunterhaltung durchaus seine Stärken hat.

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Immerhin kommt Mega Piranha schnell zur Sache: In der ersten Szene wird eine bikinitragende Schönheit nebst Begleiter gefressen. In der zweiten Szene werden gleich mehrere bikinitragende Schönheiten gefressen, ebenso wie der amerikanische Botschafter und der Außenminister von Venezuela, die sich kurz vorher noch über politischen Druck der USA auf den südamerikanischen Staat unterhalten hatten – wo ist eigentlich Wikileaks, wenn man es braucht? Dann wechselt die Szenerie zum Helden Jason Fitch (Special Forces! Oder so), der gerade knapp bekleidet in seinem Heldenbett erwacht, weil er zur Pflicht, also nach Venezuela gerufen wird.

So wird immerhin, auch wenn es nach den genannten Eingangsszenen praktisch keine knapp bekleideten Frauen mehr geben wird, der vom ewig heiser raspelnden Paul Hogan gegebene Held meist in engen T-Shirts und mehrmals mit freiem, wohlgeformtem Oberkörper gezeigt, da mag zumindest ein Teil des Publikums kurzzeitig angetan sein. (So lange er den Mund nicht aufmacht.) Erst kurz vor Schluß werden mit einer Schwimmerin und einer Nachrichtensprecherin wieder Frauen gefressen, ansonsten ist das weibliche Geschlecht fast ausschließlich durch Tiffany vertreten, die als Protagonistin gecastet wurde. Das wäre womöglich ein Marketinggag, wenn sich irgendjemand allein ihretwegen den Film ansehen würde – aber da sie leider zu keinem Zeitpunkt spontan in Gesang ausbricht, scheint mir auch dies kein unique selling point des Films zu sein.

Es stapeln sich dann Unglaubwürdigkeiten auf Planloses. Technisch allein schon ist der Film eine Katastrophe auf digital verstärktem Zelluloid: Die Effekte sind in der Tat so schlecht gemacht, wie sie im Trailer wirken, und sie werden auch dann nicht besser, als das Filmmilitär versucht, die Piranhas mit Maschinengewehren und Raketen zu erledigen. Vermutlich hat man sich dafür entschieden, um größeres Bumm zu zaubern, dem Auge bieten sich gleichwohl die schlechtesten Spezialeffekte diesseits von Sharktopus dar (gut, in Birdemic [Trailer] mögen sie noch schlechter sein, aber der darf wohl als Extremfall gelten).

Schlimmer noch: Daß die Piranhas beharrlich und „exponentiell“ wachsen, ist ja das eigentliche Feature des Films, aber trotz kontinuierlicher Beschwörungen der Figuren scheinen sich die dummen Biester nicht so recht daran zu halten. Im Gegenteil, sie ändern von Einstellung zu Einstellung die Größe – man sieht sie riesig groß heranfliegen, bevor sie auf Unterarmgröße reduziert zur Landung ansetzen; dann wieder springt ein Fisch von eher bescheidener Schiffsgröße aus dem Wasser, wird aber dann auf einem ungleich größeren Mast auf eine Weise aufgespießt, die suggeriert, daß er außerhalb des Wassers noch rasch einiges an Umfang und Masse zugenommen haben muß. Erst sieht man irgendwelche Riesenfische, die auf Hausdächer springen, später dann beteuern die Protagonisten: „Bald sind sie so groß wie Pferde!“, obwohl ich dieses Stadium für längst überstanden hielt.

Daß die Piranhas mal zu schrumpfen und mal zu wachsen schienen, bestätigte meinen Eindruck, es in Mega Piranha mit einem beschädigten Raum-Zeit-Kontinuum zu tun zu haben. Besonders deutlich wurde das in den Telefonaten zwischen Fitch und seinem Vorgesetzten in Washington: Je nach Telefonat befanden sich die beiden offenbar (das Sonnenlicht verrät’s) mal in etwa der gleichen Zeitzone (so müßte es in der realen Welt sein), mal an entgegengesetzten Enden der Welt.

Eric Forsberg, der z.B. schon bei Snakes on a Train für das Skript verantwortlich zeichnete, hat sich hier außer mit der Regie vor allem mit dem Drehbuch verausgabt – offenbar war keine Zeit mehr, den ersten Rohentwurf zu überarbeiten. So hat man es hier mit offensichtlich beknackten Szenarien zu tun, mit unterentwickelten Figuren, die nichts tun, was irgendwie anders motiviert wäre als durch die Notwendigkeit, irgendwann ans Ende des Films zu gelangen.

Tiffany gibt die Biologin Sarah Monroe, aus deren Labor die mörderische Spezies entwischt, aber nie macht ihr jemand Vorwürfe (oder sie sich selbst), und Held Fitch findet es völlig normal, erstmal wieder ins Wasser zu steigen, nachdem er die Existenz der menschenfressenden Superfische entdeckt hat.

Die Idiotie der Ereignisse wird von den Fähigkeiten der Schauspieler wie der Crew gespiegelt. Als ein Kollege von Monroe dabei zusehen muß, wie Soldaten aufgefressen werden, und seinerseits daran gehindert wird, ihnen helfend hinterherzuspringen, drückt der Schauspieler seinen Rettungswillen durch – subjektiv: minutenlanges – planloses Herumzappeln aus. Tiffany vermag es, selbst einen Satz wie „I just wanna kill them all!“ ohne emotionale Beteiligung auszusprechen, und von Logans komplexer Darstellung will ich gar nicht erst anzufangen.

Der Hauptdarsteller war zugleich für die Choreographie der Kampf- und Unterwasserszenen zuständig; mein Lieblingsmoment ist der, in dem er liegend mit den Füßen Piranhas wegtritt, die nachgerade rhythmisch auf ihn zugeflogen kommen (die Szene ist im Trailer auch kurz zu sehen). Die Inszenierung versucht gelegentlich, Geschwindigkeit durch Unschärfe zu simulieren, Dringlichkeit wird über Kameraschwenksreißen und immer die gleichen drängenden Töne vermittelt, was innerhalb von ca. zwanzig Sekunden massiv auf die Nerven beginnt, nicht zuletzt aus dem Grund, daß Dringlichkeit solcher Natur von den ersten Filmszenen an bis zum Schluß hin durchbehauptet wird.

Und dann gibt es eine Sache, in der der Film auf einmal vielleicht mit gnadenloser Offenheit und Ehrlichkeit hantiert. Was der Film als eine Militärbasis ausgibt, die für die Handlung nicht ganz unwichtig ist, scheint in der Gesamtansicht real doch eher für andere Zwecke erbautes Areal zu sein. Ich mag mich täuschen, aber mir sah das sehr nach einer Kläranlage aus.

Texte zu Filmstarts (14. Oktober 2010)

Morgen startet in den deutschen Kinos die französische Filmbiographie Gainsbourg, dessen Titel im deutschen Verleih mit „Der Mann, der die Frauen liebte“ ergänzt wurde – was ich zumindest mit Blick auf den Film für etwas danebengreifend halte. Joann Sfar hat einen Film mit viel Qualm und Selbstverzehrung gedreht, der sich zwar nur um seinen Protagonisten Serge Gainsbourg dreht, diesem aber eigentlich nie wirklich nahekommt – und deshalb zu einer allzu archetypischen Rockstargeschichte gerät. Habe ich jedenfalls für critic.de so aufgeschrieben.

Ein gänzlich anderer Film ist Piranha 3D, ein blutiges Spektakel, exploitativ und stolz darauf. Für Fans fleischfressender Fische.

Foto: Prokino

Piranha 3D (2010)

Ich habe gewisse Zweifel daran, ob Piranha 3D wirklich jener Streifen ist, der in der Filmgeschichte den bisher höchsten Kunstblutverbrauch beanspruchen kann – schließlich habe ich Mutant Girls Squad gesehen und einige verschwisterte Filme, deren minutenlange, ausufernde Blutfontänen nur mit Mühe zu toppen sein dürften.

Aber sei’s drum: Piranha ist unter diesen Filmen natürlich derjenige mit dem größeren Budget und den größeren Schauwerten. Damit ist nicht mal das 3D-Gimmick gemeint, auch wenn das hier einmal (fast möchte ich sagen: ausnahmsweise) gut funktioniert und nicht übermäßig für billige Effekte über die Netzhaut der Zuschauer_innen geschleift wird.

Die Schauwerte sind stattdessen natürlich jene, mit denen das Publikum von Plakaten und Anzeigen herab ins Kino gelockt wird: „Sea, Sex, and Blood“. Und auch wenn der Geschlechtsakt in Piranha nicht on screen vollzogen wird, so wirkt der Film doch ein wenig wie ein Testlauf, um mal auszuprobieren, wie gut sich wohl das Pornographische fürs dreidimensionale Kino eignet. Dazu werden alle Schlüsselreize aufgerufen und dann auch in Interviews schön verbreitet (nicht selten unter willfährigem Fragen der Journalisten): full frontal underwater nudity, und auch auf den abgebissenen Penis werden die Fanboys sicher voll Begeisterung warten.

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Das Team um Alexandre Aja weiß also, wie man die Massen anlockt, im Grunde funktioniert das ja wie bei den Piranhas selbst auch: Der erste Biß läßt Blut fleßen, und dann kommen die Massen angeschossen, zur heißen Schlacht am kalten Buffet.

Das soll nicht heißen, daß Piranha ein mißratener Film sei, keineswegs. Für den Maßstab seiner eigenen Nische – massentaugliches, glattgebürstetes Exploitationkino – ist der Film nahezu perfekt gelungen, und er schämt sich keine Sekunde dafür, das zu sein, was er ist. Es gibt nur halt außer den Fischen selbst in diesem Film nichts, daß Biß oder gar Widerhaken hätte, keine Kanten, an denen der Geist wirklich Anstoß nehmen könnte.

Das Szenario für den Film, der eigentlich ein Remake von Piranha (1978) von Joe Dante ist, ist in weiten Teilen direkt Jaws/Der weiße Hai entliehen, von dem sich seinerzeit Roger Corman et al. zu Piranha inspirieren ließen. Statt des Wochenendes zum amerikanischen Unabhängigkeitstag beginnt hier halt „Spring Break“, was natürlich auch erheblich mehr Gelegenheit zu nackter Haut gibt – das Zögern der Stadtoberen ob der finanziell wichtigen Tage für den Tourismus bleibt verwandt, wenn auch in Ajas Fassung fast bedeutungslos gegenüber der Weigerung der von Hormonen und Bier benebelten jungen Menschen, das Wasser zu verlassen.

Daß Richard Dreyfus am Anfang des Films in seinem Outfit aus Jaws in einem kleinen Boot sitzt und fischt, ist eine nette Reminiszenz – und auch „we need a bigger boat“ kommt später einmal vor. Ansonsten versteckt der Film ein paar Anspielungen auf die Alien-Filme, vertraut auf den klassischen Gruseleffekt von Unterwasseraufnahmen, läßt Ving Rhames mit einem Außenbordmotor auf Fischjagd gehen und denkt sich einige extrem eklige Splattereffekte aus.

Die zentrale Sequenz des Films, in der Hunderte von Menschen von den Piranhas angegriffen werden, ist übrigens nicht nur für ihre inventiven Widerlichkeiten bemerkenswert, sondern auch für den auffallend ernsthaften Tonfall, auf die Betonung des Schreckens gegenüber dem Grotesken. In einem Film, der sich vorher stets und durchgehend als augenzwinkerndes Spektakel präsentiert hatte, ist das in der Tat (und Christopher Campbell hatte darauf schon früh hingewiesen) ein irritierendes Moment (und vielleicht der einzige Bestandteil des Films, der ihn doch noch bemerkenswert machen könnte), das die Zuschauer gewissermaßen im freien Lachanfall mit einem Eimer Schweineblut begießt.

Und dann ist alles schneller vorbei, als man dachte; das clever abgekürzte Ende bewahrt den Film vor peinlichen Lösungsversuchen (einer wird halbherzig eingeführt; er scheint, wie viele Ideen des Drehbuchs, aus dem Piranha-Nachäffer Killer Fish (1979) mit Lee Majors zu stammen) und läßt die Schleusen für ein Sequel weit, weit offen.

(Entertainment Weekly hat übrigens einen dreiteiligen Artikel von Clark Collis veröffentlicht, der die Entstehungsgeschichte aller Piranha-Filme schön und sehr unterhaltsam ausbreitet. Am schönsten finde ich dabei die Details über das ursprüngliche Piranha-Drehbuch, in dem immer neue Gründe erfunden wurden, warum die Protagonist_innen wieder ins Wasser mußten: erst wurden sie von einem Bär gejagt, dann von einem Waldbrand getrieben…)

Fotos: Kinowelt