Big Game (2014)

Ob Air Force One oder das Weiße Haus: Die Rückzugsräume des amerikanischen Präsidenten sind unsicher geworden in den letzten Jahren, jedenfalls wenn man dem Actionkino glauben darf. In Wolfgang Petersens Air Force One ist es dann der Präsident selbst, der den Terroristen zeigt, wo im großen Flieger der Hammer hängt; sein Kollege Roland Emmerich legte dann in White House Down Hand an den Amtssitz in Washington, quasi zeitgleich mit Olympus Has Fallen. In beiden Filmen braucht der Präsident ein wenig Hilfe durch richtig starke Männer, und so ist es dann auch in Big Game – nur dass der starke Mann eben ein kleiner Junge ist, der zu seinem dreizehnten Geburtstag eine Nacht allein in den Wäldern Lapplands verbringen muss – ein traditioneller Initiationsritus der Männer dort.

Jalmari Helander hat vor fünf Jahren der Welt mit Rare Exports gezeigt, was für großartig seltsame Filme noch so aus Finnland kommen können. Der Streifen, lose auf zwei Kurzfilmen basierend, die Helander in den Jahren davor gedreht hatte, gibt der Legende vom Weihnachtsmann einen ganz neuen, wenig familientauglichen Dreh. Das war seltsam, sehr schräg und sorgte offenbar auch in den richtigen Kreisen für gehobene Augenbrauen.

Denn jetzt durfte der Mann einen richtig großen Film drehen, mit Samuel L. Jackson in der Hauptrolle als (natürlich gelegentlich derbe fluchender) amerikanischer Präsident, dessen Flugzeug über Finnland abgeschossen wird. Seine Rettungskapsel landet irgendwo in den Wäldern, und sowohl böse Buben als auch amerikanische Spezialeinheiten machen sich alsbald auf den Weg, ihn aufzusammeln. Gefunden wird er allerdings eben von Oskari (Onni Tommila), der dem fremden Mann seine Geschichte nicht so recht abnehmen will. Außerdem muss er ja noch mit seinem Bogen ein Tier erlegen, wie es die Tradition verlangt, und so lange können sie natürlich noch nicht zurück in die Zivilisation…

Tommila war, aufmerksame Beobachter werden Gesicht oder Namen sofort wiedererkennen, auch schon Helanders kindliche Hauptfigur in RARE EXPORTS, und das unterstreicht nur noch einmal mehr, wie sehr der Finne hier (er hat ja auch das Drehbuch geschrieben) das große Hollywood mit dem kleinen Finnland zusammenbringt, wie sehr er seiner Herkunft treu bleibt – und es trotzdem, dem Budget gemäß, richtig krachen lässt, mit Flugzeugabsturz, wilden Schießereien, absurden Verfolgungsjagden und – wenn sich der Präsident und Oskari in einer Tiefkühltruhe auf einen ziemlich gefährlichen Reiseabschnitt begeben – einer recht amüsierten Referenz an Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels.

Mit anderen Worten: Dieser Film nimmt sich zu keinem Zeitpunkt besonders ernst; aber in Albernheiten bricht er auch nicht aus. Das ist der wahrscheinlich gelassenste, entspannteste Actionfilm des Jahres. Mit Mehmet Kurtuluş und Ray Stevenson hat er zwei formidable Bösewichter, die ihr „Großwild“ (daher der Titel) durch die finnische Wildnis jagen – und mit Tommilas Oskari einen nicht weniger formidablen Helden (Jackson gibt hier eher den Sidekick).

Man sieht an der Besetzung auch: Big Game ist ein Männerfilm, es geht ja um Initiationsriten, um Vater-Sohn-Beziehungen und um Leute mit erheblich zu viel Testosteron und Machtwillen. Das nimmt Helander immer dann ernst, wenn es um Oskari geht (selten wurde eine kindliche Actionfigur mit so viel Zuneigung und Verständnis gezeichnet) – und sobald der Film sich den erwachsenen Männern zuwendet, macht er das nur noch (gelegentlich unsanfter) Ironie. Das ist die entscheidende Stärke des Films: Dass er als Coming-of-Age-Film sein Subjekt völlig ernst nehmen kann, während alles andere – und das schließt natürlich auch das Geballer, die Explosionen und das Männergehabe angeht – solche Ernsthaftigkeit nicht verdient.

Von Helander darf man jedenfalls in der Zukunft mit allem Recht noch interessante Filme erwarten – und es würde mich nicht wundern, wenn er für seinen jungen Schützling Onni Tommila noch die eine oder andere schöne Rolle findet.

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Diese Kritik ist zuerst in der Deadline erschienen.

The Long Kiss Goodnight (1996)

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Natürlich ist The Long Kiss Goodnight, dem deutschen Verleihtitel Tödliche Weihnachten zum Trotz, kein Weihnachtsfilm im eigentlichen oder auch nur übertragenen Sinne, aber er ist einer meiner liebsten mit Weihnachtsdekor. Darüber hinaus ist er aus mehr als einem Grund einer meiner liebsten Actionfilme und womöglich der Höhepunkt von Renny Harlins Karriere – was er vielleicht aber auch der Zusammenarbeit mit dem Autor Shane Black verdankt, der zum Beispiel auch das Drehbuch für den ganz großartigen Kiss Kiss Bang Bang (meine Kritik) geschrieben hat.

Geena Davis spielt hier Samantha Caine, Grundschullehrerin und Mutter mit Gedächtnisverlust, die eines Tages unsanft daran erinnert wird, daß sie früher einmal Charlene Elizabeth Baltimore war, genannt Charlie, Auftragskillerin der CIA. And thus, the shooting begins…

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Es ist schon bemerkenswert, daß es Harlin hier über fast zwei Stunden Filmlaufzeit gelingt, den Film kontinuierlich, flott und actionreich am Laufen zu halten. Da wird die zentrale Halle eines Provinzbahnhofs in Schutt und Asche gelegt, es gibt Explosionen und Shoot-Outs galore und schließlich auch noch einen Ausbruchsversuch mit Babypuppenpipi. Echt jetzt!

Die minimalen Längen, die der Film aufweist, verdanken sich eher den Momenten, in denen er und Black sich tatsächlich ein wenig um die Figuren kümmern und so vor allem, aber nicht nur der Hauptfigur auch einiges an Entwicklungspotential einschreiben – das ist mehr, als normale Actionfilme je auf die Reihe bekommen.

Davis‘ Samantha/Charlie ist eines der grundlegenden „Butt-kicking Babes“ der Filmgeschichte, und eine der überzeugendsten dazu – selten hat sich später ein Film getraut, eine Frau derart kompromißlos als Agentin zu positionieren und dies auch durchzuziehen (erst 2010: Angelina Jolies Salt fällt mir noch ein). Sie ist, als sie ihr Gedächtnis wiedererlangt hat, eine völlig rücksichtslose Killerin – „Kill ‚em for me, bitch. What are you good for?“, fragt ihr Sidekick Mitch (Samuel L. Jackson) sie einmal -, die ihren Auftrag (den sie sich hier gleichwohl selbst gewählt hat, eine Verschwörung im Hintergrund gibt es nämlich auch noch) ohne Zögern ausführt.

In Form einer Persönlichkeitsspaltung qua Amnesie agiert diese Figur dabei zugleich die zwei Extreme aus, zwischen denen die Frauenbilder des Hollywoodfilms (bzw. westlicher kultureller Produktion überhaupt; Klaus Theweleit läßt grüßen) üblicherweise changieren: Als Samantha ist sie zwar nicht jungfräuliche Heilige, aber eben doch brave Lehrerin und Mutter; als Charlie ist sie promisk, schminkt sich, schneidet sich die Haare ab und negiert die Beziehung zu ihrer Tochter. (Eine Art gewollte, bewußt herbeigeführte Amnesie, wenn man so will.)

Die beiden Extreme schließen sich zunächst filmisch völlig aus: In Träumen sieht Samantha ihr Alter Ego im Spiegel, und Charlie schneidet ihr aus dem Spiegelbild heraus die Kehle durch.

Das eigentlich Bemerkenswerte an The Long Kiss Goodnight ist nun, daß Black und Harlin diese Differenz der Persönlichkeiten nicht aus dem Weg schaffen wollen: weder bekehren sie Charlie zu Mutterschaft à la Samantha bekehren noch lösen sie das Problem durch den Tod der Mutter. Stattdessen bleibt am Schluß eine facettenreiche Frau zurück, die zwar friedlich Lehrerin, Partnerin und Mutter bleiben will, aber die Regierung auch mit Vergnügen um einen Koffer voll Geld betrügt und Messer immer noch beängstigend präzise werfen kann. Wer weiß schon, was auf die Frau noch für ein Leben wartet.

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(Bizarres Randmoment ist übrigens, das ich die Neusichtung von The Long Kiss Goodnight zufällig am gleichen Tag machen konnte wie die Erstsichtung von Mother & Child (Kritik folgt) – in beiden, wirklich sehr, sehr unterschiedlichen Filmen spielen Samuel L. Jackson und David Morse mit. Sehr eigenartig war diese Zusammenschau.)